Reisebericht Teil 2: Auf nach Hargeisa!

Am Donnerstag Morgen, den 19.7. war es endlich soweit: wir traten tatsächlich die langersehnte Reise an! Die erste Etappe sollte uns von Garowe (Hauptstadt Puntlands) nach Hargeisa (Hauptstadt Somalilands) führen, was ungefähr 12 Stunden in Anspruch nehmen würde.

Nachdem wir seit 1 Monat eigentlich schon startklar waren, nahmen die letzten Details doch noch unsere ganze Zeit und Energie in Anspruch. Aber nun war selbst für eine Person gesorgt, die für unser Haus mitsamt den Haustieren und Bodyguards nebenan sorgen würde, alhamduliLlah. Nun konnte es also wirklich losgehen.

Reisefieber

Ich war so extrem aufgeregt, dass ich am Reiseabend einfach nicht einschlafen konnte. Mit nur 40 Minuten Schlaf musste ich um kurz nach 3 jedoch schon wieder aus den Federn. Aber wenn es ums Reisen geht, nimmt man das gerne auf sich!

Eigentlich sollte es um 4 Uhr los gehen, doch wie konnte es anders sein- der Busfahrer hatte verschlafen! Eine Stunde später stiegen wir dann jedoch in unseren Reisebus ein, dessen Qualität mich wirklich überraschte: ein ganzer Omnibus für uns allein- und das auch noch in passabler Qualität! Ich hatte eher einen Kleinbus erwartet, in dem wir zusammengequetscht auf den 2 Hinterbänken sitzen würden, übertönt vom ungefilterten Fahrgeräusch. Aber nichts dergleichen war der Fall: Für uns 12 Leute standen immerhin 14 Sitze zur Verfügung, sogar mit Mittelgang und teils abgedunkelten Fenstern. Ein Stein viel mir vom Herzen. So würde es sich angenehm die Tagesreise nach Hargeisa reisen lassen!

Über die Grenzen hinweg

Mein Herz hüpfte förmlich vor Freude und Aufregung und unseren Kindern ging es nicht anders, als es endlich los ging. Der Busfahrer trug eine fette Lederjacke und saß auf einem künstlichen Schafsfell, auf dem ich an seiner Stelle sicher eingeschlafen wäre, jedoch machte er einen guten Job und fuhr uns rasant aber sicher über die einzige geteerte Landstraße.

Je weiter wir Garowe verließen, machte sich bei uns auch schon die Spannung breit: würden wir sicher die nur 80 km weit entfernte Staatsgrenze zwischen Puntland und Somaliland überqueren? Je näher wir an die Grenze kamen, desto aufgeregter wurden wir und desto mehr Bitgebete sprach wohl jeder für sich. Die Stadt Tukaraq, welche kürzlich von den Somaliländern eingenommen wurde, war unsere Hauptsorge. Auf dem Weg dorthin sahen wir immer wieder auffällig viele Militärfahrzeuge am Straßenrand, kampfbereit bei der nächstbesten Provokation.

An dieser Stelle ist wohl etwas Hintergrundinformation unumgänglich, damit ihr versteht, wieso dort überhaupt gekämpft wird: Somalia war früher von 3 Kolonien besetzt: 1. Von Italien (Vom Süden bis hin nach Garowe), 2. von England (dem heutigen Somaliland) und 3. von Frankreich (dem heutigen Djibouti). Diese Staatsmächte sorgten dafür, dass jeder etwas vom „Kuchen Somalia’s“ abbekommen würde, indem sie mit dem Lineal die jeweiligen Grenzen kennzeichneten. Nachdem sie Somalia den Rücken kehrten, wurde Djibouti als unabhängiges Land ernannt und Somaliland wollte das Gleiche, auch wenn es bedeuten würde, dass Somalia an sich immer schwächer werden würde, je kleiner es man zerstückelt.

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Somalia früher (alles gelb Gekennzeichnete) und heute.

Die Grenze zwischen Puntland und Somaliland variiert immer wieder, da sie ab und zu heiß umkämpft wird. Schließlich gibt es direkt hinter Garowe ein wertvolles Ölvorkommen, welches beide Bundesstaaten für sich deklarieren wollen. Zurzeit gehört es noch zu Puntland, jedoch rücken die Somaliländer immer weiter vor- so hissten sie vor kurzem ihre Fahne in der Stadt Tukaraq und nahmen sie nach einigen Kämpfen ein.

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Konflikt zw. Puntland und Somaliland (Foto by RAOnline).

Zu unserer großen Erleichterung konnten wir die Stadt Tukaraq jedoch ohne jegliche Komplikationen durchqueren. Wir wurden zwar angehalten und ein Soldat schaute grimmig in unseren Bus, jedoch wird das beinahe an jedem Dorf auf dieser Strecke gemacht, war also nichts Ungewöhnliches daran.

Das Witzigste aber war, das diese viel berüchtigte „Stadt“ bloß ein kleines, unscheinbares Dorf war, in dem zwar die Hälfte der Bevölkerung bereits geflohen war, jedoch was wirklich nichtig erschien im Vergleich zu der „Stadt“ in unserem Kopfkino! Was auch noch witzig (oder doch traurig?) war: der Busfahrer wechselte an der Grenze zu Somaliland sein Nummernschild: von einem Puntland-Schild zu einem Somaliland-Schild! Das war wohl so gang und gebe, wenn nicht sogar ein indirekter Gruppenzwang zwecks eigener Sicherheit.

Ungeplanter Zwischenstopp

Bald nachdem wir in Somaliland waren, wurden wir doch noch an einer der Straßensperren gründicher untersucht: der Soldat öffnete unsere Schiebetür und entdeckte meine graugrünen Augen. „Wer ist DAS denn? Raus mit dir!!“ Ich weckte meinen auf der Rückbank ruhenden Ehegatten auf und folgte ihm nach draußen. Dort musste er erstmal einige Fragen über sich ergehen lassen, bis unser (übrigens Somali-ländischer) Busfahrer dem Soldaten erklärte, dass er da mit dem Sultan spricht. Welcher Sultan? Mein Mann sagte etwas gereizt, dass das keine Rolle spielen würde und wir alle Muslime seien, egal welche Rangordnung wir hätten. Der Soldat ließ jedoch nicht locker und bekam dann vom Busfahrer die Information, die er haben wollte.

Nach diesen angespannten und beinahe bedrohlichen Minuten schickte mein Mann mich zum Bus zurück. Weitere Minuten später kamen sie lachend wieder. Ich erfuhr auf unserer Weiterfahrt, dass sie das Thema gewechselt hätten und mein Mann sie sogar mit unanfechtbarer Logik und einer Portion Humor von dem Unsinn der Land-Spalterei überzeugen konnte. Zumindest solange, bis sie ihr Gehirn mit der nächsten Fuhre an Khat-Blättern betäuben würden.

Auch die Speisung darf auf Reisen nicht zu kurz kommen

Nach den kurzen Atem-aussetzer-Momenten konnten wir entspannt ein Frühstück auf einem der Dächer in Las `Anood einnehmen. Dort war es so frisch und extrem windig, dass man sich kaum die Hände waschen konnte!

Nach einer gemütlich entspannten Weiterfahrt kamen wir an eine Art Somali (-ländische) Raststätte, an der wohl alle Reisenden des Tages ihr Mittagsmahl zu sich nahmen. Auch wenn wir noch nicht sooo hungrig waren, bestand unser Fahrer auf einer Mittagspause. Die dortigen Sanitäranlagen unter freiem Himmel hatten etwas für sich. Am liebsten hätte ich da einen Stuhl hingestellt und mich etwas gesonnt. Aber in einem Plumpsklo geht das widerum schlecht! Also gingen wir ersteinmal beten und nahmen unser Mittagessen ein.

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Unser Bus: nur einer von Vielen.
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Freiluft-Toilette
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A Guete! Bon Appetito! Guten Appetit!
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Familienbild

Besondere Belohnung für die ganzen Strapazen: Das Shaikh Gebirge!

Am Nachmittag erreichten wir den wortwörtlichen Klimax unserer Tagesreise: auf Terpentinen a la Schweiz fuhren wir durch das größte Gebirge Somalia’s- das Shaikh-Gebirge. Wir konnten es nicht unterlassen, auf einer Plattform anzuhalten, welche von Bergen umgeben und einem Abgrund begrenzt etwas filmreifes an sich hatte. Gleichzeitig war diese atemberaubende Schönheit so schwer zu filmen, dass ich kaum wackelfreie Fotos machen konnte!

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Erstes Etappenziel erreicht!

Nach dem Shaikh-Gebirge führte unser Weg an der Hafenstadt Berbera vorbei, an der wir allzu gerne einen Stopp am Meer eingeführt hätten. Die Zeit jedoch drängte uns- wir wollten noch vor Sonnenuntergang in Hargeisa ankommen!

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Zementgebirge bei Berbera
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Ehemalige Zement-Raffinerie

In der Tat erreichten wir genau zur Zeit des Sonnenuntergangs die Hauptstadt Somalilands. Wir merkten sofort einige Unterschiede, denn Hargeisa ist eine wahre riesen Metropole im Vergleich zu Garowe! Die ganzen Hochhäuser am Straßenrand wiesen darauf hin.

Schließlich standen wir vor unserem hochmodernen Hotel. Wir hatten unsere erste Etappe tatsächlich geschafft!

Erste Entdeckungen

Während wir mit der Zimmerverteilung zugange war, entdeckten unsere insgesamt 9 Kinder zum ersten Mal einen Lift. Welch eine Aufregung und Freude!

Erste Ernüchterung

Zugleich erfuhren wir, dass der Äthiopisch-Somalische Freund meines Mannes, welcher extra aus Mogadischu kam, um uns bei der Weiterreise zu helfen, unseren Plan der schnellen Weiterreise apprupt ändern wollte: Wir könnten auf keinen Fall vor Sonntag weiter reisen! Das würde bedeuten, wir müssten die nächsten 3 Nächte mit unseren 9 Kindern in diesem teuren Hotel die Insassen schlaflos machen (halte mal 9 Kinder ruhig, die es gewohnt sind, 3/4 des Tages herum zu rennen!) und würden unnötige Zeit und Geld verschwenden. Na toll! Ich verdrängte mein grausames Kopfkino und fiel erstmal totmüde auf die Matratze am Boden, die wir uns zusätzlich haben bringen lassen.


Tut mir Leid liebe Leute, ich habe schon wieder so viel geschrieben! Wenn ich jedoch die Details weglassen würde, könnte ich direkt schreiben: „Am ersten Tag fuhren wir mit dem Bus nach Hargeisa, Punkt.“ Aber ich denke, gerade die Details machen diesen Reisebericht aus und sind hoffentlich interessant für euch!

Um es allerdings nicht zu ermüdend werden zu lassen (für uns alle), werde ich erst morgen weiter schreiben, in shaa Allah.

Bis dann,

Eure Khalisa

Gedanken Fieber

Diesmal geht es mal wieder etwas persönlicher zu, denn all meine Gedanken überrollen mich geradezu und bringen nichts als eine schlaflose Nacht. Ich weiß noch nicht, ob ich diesen Artikel überhaupt veröffentlichen werde, jedoch schreibe ich einfach mal drauf los. Vielleicht haben sich meine Gedanken von selber wieder gesammelt, bis der Adhan zum Morgengebet ertönt und ich spätestens nach Verrichtung desselben in die schönsten Träume verfallen werde.

Dabei meinte ich vorhin noch zu meinen Mitmenschen, ich sei sowas von knocked out. Was ist also der Grund für diese schlaflose Nacht?

Grund mag das rasante Tempo sein, in dem sich in letzter Zeit Dinge in meinem Leben begeben. Der Start dieses Blogs war erst der Anfang einer neuen Ära, eines neuen Lebensabschnittes für mich. Kurz darauf kam ich auch durch Fügung auf mein Coaching und die Frage, was will ich wirklich in meinem Leben, was kann ich und was ist meine Passion? Dadurch wurde nicht nur ein Stein, sondern gleich eine ganze Lawine ins Rollen gebracht!!!

Doch das Ergebnis ist noch zu zart, als dass ich darüber öffentlich schreiben möchte- wie eine junge Pflanze, die noch gehegt und gepflegt werden muss, um zu seiner vollen Blüte gelangen zu können, sobald die Zeit dafür reif ist (in shaa Allah). Nur soviel schon mal: ihr dürft gespannt sein auf einige tolle Projekte!

Ein weiterer Grund mag meine bevorstehende Reise nach Deutschland sein. Wenn es doch möglich wäre, einfach ins Flugzeug zu steigen und in Frankfurt wieder raus! Aber nein, wir leben ja nicht umsonst in Afrika. Wo bleibt denn da das Adventure bitte!? Also muss es noch spannend bis zur letzten Sekunde bleiben, wann, wie und ob man überhaupt in den nächsten drei/dreizehn/dreißig Tagen verreisen wird! Auf jedenfall sollte man innerlich auf ALLES gefasst sein!

Zugegeben, es ist nicht einfach, eine Reise für 15 Personen zu planen. Ja, 15, da wir erst einmal zusammen die gleiche Destination haben: Äthiopien. Der Weg dorthin ist auch nicht ganz ohne- es wird sogar gemunkelt, dass die Grenze zwischen Puntland und Somaliland innerhalb der nächsten Woche gesperrt wird. Selbst der ohnehin überteuerte Flugweg wäre dann geschlossen, da es hier um Krieg geht. Krieg zwischen Soldaten gleicher Herkunft. Oder besser gesagt,Krieg zwischen Marionetten von Öl- gierigen Politikern. Sorry, das musste jetzt mal gesagt werden!

Wenn es dann plötzlich heißt, „übermorgen geht´s los!“ kann das alles heißen. Es kann heißen, das man sich total abstreßt um noch alles Notwendige zu packen und zu erledigen. Es kann aber auch heißen, dass doch irgendetwas dazwischen kommt, und man langsam wieder anfängt, auszupacken. Alles so ein Hin und Her. Wie schön ist doch manchmal der Deutsche Planungs-Drang/Zwang, welchen einen eine Reise spätestens ein halbes Jahr vorher planen lässt, und die Koffer beinahe die gleiche Zeit für einen bereit stehen!! Das, worüber ich mich gestern noch lustig machte, vermisse ich doch gerade erheblich!

 

Dann gibt es noch die letzten Dinge, an die man denken muss: wer wird die kranke Nachbarin zu ihrer Therapie bringen? Wird die Zwischenmieterin auch Sorge um die Haustiere tragen? Wohin mit den ganzen Sachen, die ich nicht mitnehmen werde? Wohin mit dem nötigen Geld- bar oder auf welche Bank? Was ist jetzt wirklich noch wichtig, eben schnell schneidern zu lassen bzw.einzukaufen? Eine To-Do Liste muss schleunigst her!

Gleichzeitig schwingt auch die Vorfreude innerlich schon mit. Vorfreude auf meine Eltern, auf meine Freunde, auf die leckeren Sachen und die vielseitigen Dinge, die ich mit meinen Kindern vorhabe zu tun. Wann geht es also endlich los?

Geduld war noch nie so meine Stärke, wenn es darum geht, Sachen zu verschieben. Andererseits ist alles, was kommt, schon von unserem Schöpfer vorbestimmt und aufgeschrieben worden. Warum sich also unnötig verrückt machen?!?

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Tatsächlich ertönt soeben der Adhan. Gott sei Dank werde ich wenigstens das Morgengebet nicht verpassen. Schließt uns einfach in eurer Bittgebete ein und hoffen wir mal auf das Beste!

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P.S.: Eine Frage, die ich mir gerade auch stellte ist, wie es mit dem Blog hier weitergehen soll. Soll euch weiterhin berichten, obwohl wir ein paar Monate in Deutschland verbringen werden? Kaum geschrieben, schon schießen mir die ersten Beitragsideen in den Kopf. Ich denke, ohne diesen Blog geht nichts mehr 😀

 

Seid lieb gegrüßt,

Eure Khalisa

Von Bern (Schweiz) nach Garowe (Somalia)

As salaamu alaikum wa Rahmatullahi wa Barakatuh und Hallo allesamt,

Heute habe ich die Ehre, euch unseren ersten Gastbeitragvon der lieben Fartun vorzustellen. Sie ist zwar keine „Germali“, aber so jemand ähnliches: denn sie ist Somalischen Ursprungs, jedoch in der Schweiz aufgewachsen. Also quasi eine „Swissmali“!

Im Sommer 2016 habe ich sie kennengelernt, als wir meinen Eltern die Solarenergie-Anlage Garowes zeigten. Da ihr Mann Teilhaber dieser ist, führte er uns herum, Fartun war ebenfalls dabei. Sofort auf den ersten Blick oder eher gesagt „Small Talk“ war das Eis geschmolzen, denn meine Mutter ist ebenfalls aus der Schweiz! Okay, jetzt wird es etwas gemixt mit den verschiedenen Nationalitäten– aber so ist halt die Welt heutzutage: multikulturell (alhamduliLlah)!

Daraufhin folgten einige Treffen, sogar mit ihrer Mutter (ebenfalls eine Swissmali) und meinen Eltern, die wir sehr genossen, da wir als „halbe Ausländer“ bzw. von außen kommend, auf einer Wellenlänge waren. Leider verließ sie im Herbst das Land, doch sie wird ja wiederkommen (in shaa Allah). Es ist mir eine riesige Freude, euch einen Ausschnitt aus ihrer Geschichte zu zeigen. Möge Allah sie reichlich belohnen! Nun macht euch selbst einen Eindruck davon, wie sie ihre eigentliche Heimat wahrnahm!

Bismilahi Rahmani- Rahim.

Meine große Reise mit dem längsten Aufenthalt in Somalia, begann im Juni 2016. In mir brodelte es, ich war glücklich, zu meinen Wurzeln zurück zu kehren, aber hatte auch Respekt davor.

Es ging also los, mein Ziel war Garowe in Puntland. Mein Mann erwartete mich in Hargeisa, dann fuhren wir mit dem Auto weiter nach Garowe.

Die ersten Tage waren sehr intensiv. Alles war neu für mich, dass erste was ich machte war Einkaufen auf dem Markt/Inji. Das war eine Sache für sich. Die Frauen dort wirkten für mich so stark und lebendig. Ihr Blick war direkt, stolz und auch einschüchternd.

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Haweenka ku ganacsada Suuqa hilibka iyo qudaarta magaalada Garowe ee loo yaqaan Inji. Die Frauen vom Fleisch und Gemüse Markt Inji in Garowe.

Auf dem Markt merkte ich, dass ich mit Freundlichkeit und Höflichkeit nicht weit kommen werde. Im Gegenteil, wenn man zu nett ist, wird es ausgenutzt und als Schwäche angesehen. Das musste ich lernen, denn als Somali Schweizerin war ich in dieser Hinsicht mehr die neutrale liebe Schweizerin. Aber in mir war auch die Somalierin, ich musste sie nur suchen und finden.

Nach ein paar Wochen habe ich mich gut eingelebt. Da mein Mann tagsüber Arbeiten war, ging ich oft zu Verwandten und verbrachte Zeit mit meinen Cousins. Um die Zeit alleine zu überbrücken, bekam ich ein lebendiges Geschenk von meinem Mann. Tiere sind etwas wunderbares, Subhanallah! Dieser kleine Kater war eine grosse Stütze, Al Hamdulilah.

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Kater Sucdi

Was mir auch sehr viel Freude machte, war die endlose Weite, die man in Somalia hat. Das war sehr eindrücklich. Da ich einen kleinen „grünen Daumen“ habe, gingen wir die Felder für Gemüse Bepflanzungen anschauen. Da konnte ich auch gleich als Ackerbau Assistentin mit helfen.

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Masha Allah
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Ich und der Acker
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Masha Allah: eine somalische Limone

Die Gastfreundschaft von meinen Landsleuten war unglaublich, ich fühlte mich sehr willkommen. Es gab natürlich auch Situationen, in denen ich aufgefallen bin, sogar durch meinen Gang / wie ich lief, was eher schnell ist. Da musste ich mehrere Gänge runterschalten und versuchen, alles etwas langsamer und gelassener zu machen. Das war auch ein Lernprozess.

 Da mein Mann eine Kamelfarm hat, konnte ich meistens Freitags einen schönen Ausflug machen und frische Kamelmilch trinken, aber zuerst musste ich sie selber melken.

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Mmmh Lecker!
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Masha Allah

Wir waren auch einmal eingeladen im Badiyo / Dorf auswärts von der Stadt. Das Leben, dass sie führen, ist so gesund, aber auch nicht einfach: sie leben von dem, was sie pflanzen. Sie begrüßten uns herzlich mit Shah/Tee und später mit einer frisch erlegten Ziege. So zeigten sie uns Ihre Gastfreundschaft. Masha Allah dass sind wunderbare Menschen. Möge Allah sie reichlich belohnen. Amin

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Masha Allah

Ich habe mich erst in meiner Jugend mit meiner Herkunft beschäftigt. Als Kind war das einzige, was ich damals mit Somalia verband, waren die Familienangehörigen, die sich regelmäßig bei meinen Eltern meldeten. Damals waren die Telefonverbindungen ziemlich schlecht: sobald mein Vater wie am Spieß am Telefon schrie, war es Somalia.

Man kann sagen, dass ich nichts über Somalia wusste. Dies sollte sich aber Gott sei Dank ändern.

Insha Allah werde ich dieses Jahr wieder zurück kehren nach Garowe.

In dieser Zeit hat sich auch mein Deen stark verändert: ich spürte eine Zufriedenheit in mir. Den täglichen Adhan zu hören, war für mich sehr bereichernd und tat meiner Seele gut. Als junge Person mit zwei Kulturen hat man vielleicht Identitätsprobleme- für mich war es oft schwierig zu wissen, wo ich hin gehöre. Ich war oft in der Mitte, da ich beide Lebensweisen in mir trage. Al Hamdulilah es ist auch positiv mit beiden Kulturen auf zu wachsen.
Liebe Leser, Ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick von meiner Zeit in Garowe geben. Jazak Allah Khairan euch allen,

Fartun.

*(Anmerkung: inzwischen gehoert sie zu unserem Team, maa shaa Allah!)

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