Wohltätigkeit verpackt in Würde

Soeben bin ich in Facebook auf eine Geschichte gestoßen, die mich sehr berührte. Es geht zum einen um das Verhältnis, wofür wir unser Geld ausgeben, und zum anderen geht es darum, wie man spendet, ohne die Person zu entwürdigen.

Ein sehr passendes Thema für diesen Blog also- schließlich ist Somalia (zu Recht) bekannt für seine Armut.

Nun lest selbst einmal die Geschichte, dessen Autor mir unbekannt ist:


Sie fragte ihn: „Für wieviel verkaufst du die Eier?“
Der alte Verkäufer antwortete: „Ein Ei kostet 0.25 Doller, Madame.“
Sie sagte zu ihm: „Ich werde 6 Eier für 1,25 Dollar nehmen oder ich werde gehen.“
Der alte Verkäufer antwortete: „Komm, nimm sie zum gewünschten Preis. Vielleicht ist das ein guter Anfang, weil ich heute noch kein einziges Ei verkaufen konnte. „

Sie nahm die Eier und ging davon, mit dem Gefühl, dass sie gewonnen hat. Sie stieg in ihr schickes Auto und ging mit ihrer Freundin in ein schickes Restaurant. Dort bestellten sie und ihre Freundin, was immer sie wollten. Sie assen ein wenig und liessen viel von dem, was sie bestellt hatten stehen. Dann verlangtens ei nach der Rechnung. Das Essen kostete sie 45,00 Dollar. Sie gab 50,00 Dollar und sagte dem Besitzer des Restaurants, er soll das Rückgeld behalten.

Dies mag für den Besitzer ziemlich normal gewesen sein, aber sehr schmerzhaft für den armen Eierverkäufer.

Der Punkt ist, warum zeigen wir immer, dass wir die Macht haben, wenn wir von den Bedürftigen kaufen?
Und warum werden wir grosszügig bei denen, die unsere Grosszügigkeit nicht brauchen?

Ich habe mal irgendwo gelesen:
»Mein Vater hat von armen Leuten einfache Waren zu hohen Preisen gekauft, obwohl er sie nicht brauchte. Manchmal bezahlte er sogar extra dafür. Ich war von dieser Tat betroffen und fragte ihn, warum er das mache? Dann antwortete mein Vater: „Es ist Wohltätigkeit verpackt in Würde mein Kind“

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In dieser Geschichte wird uns klargemacht, wie leicht es für uns doch ist, Geld für teilweise banale, überflüssige Dinge auszugeben. Nicht, dass Essen banal wäre. Doch auch da muss man ja mit der Masse nicht übertreiben, so dass die Hälfte weggeschmissen wird. Und dann noch jemandem großzügiges Trinkgeld geben, der es nicht sooo sehr braucht, wie jemand, der fast von nichts lebt. Was sind schon 3 Euro mehr oder weniger?! Außerdem steht man dann gut dar- in den Augen der Freunde und des Lieblingsrestaurants.

Andererseits wird dann beim armen Eiermann sehr darauf geachtet, dass man jaaa nicht zuviel ausgibt: man stellt sich zwar großzügig dar, indem man ihm die Eier für einen Euro mehr ausgibt, jedoch ist dieser eine Euro nichts im Vergleich zu den 3 Euro Trinkgeld, über die man kaum nachgedacht hat.

Zuletzt möchte ich noch etwas ansprechen, was mir hier in Somalia auch schon häufig aufgefallen ist: Wie in obiger Geschichte erwähnt wird, achtet ein Vater besonders auf die Würde der armen Person, indem Dinge kauft, die er eigentlich gar nicht benötigt, und das noch zu gutem Preis- anstatt einfach so Geld hinzustrecken. Somit fühlt die Person sich nicht erniedrigt und abgestempelt- nein, sie konnte ja auch etwas zurück geben! Wer mag es schon, bloß seine Hand auszustrecken und bemitleidet zu werden?

Wie auch im Islam überliefert wurde, ist es besser, seine Kräfte einzusetzen, als dass man sich vor anderen demütigt und bettelt:

Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Daß einer von euch sein Seil nimmt, damit ein Bündel Brennholz auf seinem Rücken herbeibringt und es verkauft, und Allah dadurch sein Antlitz (vor der Demütigung) bewahrt, ist besser für ihn, als wenn er die Menschen anbettelt, die ihm entweder etwas geben oder nichts geben!

[Sahih al-Buchari, Kapitel 24/Nr. 1471]

Dazu fällt mir direkt eine Begebenheit ein, die ich letztens in der Stadt erlebte: Ich sah einen Jungen, der nicht schlecht gekleidet war, auf dem Boden saß und Schuhe putzte. Ironischerweise auch noch vor einem der Luxusläden namens „Golden Hours“, in welches er die Schuhe nach der Reinigung brachte.

Da sagte ich unserer Großen Tochter, „Schau mal, dieser Junge- anstatt zur Schule zu gehen, muss er Schuhe putzen!“ Sie sollte ein Foto für mich machen. Daraufhin erwiderte sie: „Mama, das ist doch auch eine Arbeit!“ In dem Sinne von: besser als betteln! Das brachte mich zum Nachdenken.

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Der Junge, der sich sein Leben mit Schuhputzen verdient. In dem Milchpulver-Kanister sind seine Putzutensilien.

Nicht, dass ich vorher nicht schon solche Schuhputzer gesehen hätte- die gibt es zuhauf in Somalia. Jedoch überraschte mich seine gepflegte Kleidung, da solche Jungs eher ziemlich abgenutzte Kleidung und vom Staub benetzte Gesichter haben.

gebende Hand.jpgNatürlich wäre es für den Jungen besser, zur Schule gehen zu können. Jedoch ist es für ihn weniger demütigend, etwas zu tun, um sich seinen Unterhalt zu „verdienen“, als nur am Straßenrand zu sitzen und zu betteln.

Ich hoffe, diese Geschichte hat euch auch zum Nachdenken gebracht darüber, wie ihr euer Geld ausgebt und in welcher Weise ihr spendet.

In naher Zukunft plane ich, Geld zu sammeln für solche Fälle in shaa Allah (in einer angenehmen Art und Weise). Muss nur noch die Seite dafür einrichten.

Bis dahin,

Eure Khalisa

Leben in einer Großfamilie (Teil 2)- Die Rolle der Mutter

In diesem Artikel wollte ich euch eigentlich einen Einblick in unser Familienleben geben. Dabei hab ich jedoch festgestellt, dass die Beschreibung der Mutterrolle einen eigenen Artikel Wert ist!

Kinder ohne Ende- eine Last?

Zuerst stellt sich die Frage, warum sich Somalische Familien, bzw. Frauen das „antun“, „Kinder ohne Ende“ zu bekommen? Man könnte meinen, es sei für sie eine Last. So wie es für die meißten Frauen in Deutschland wohl auch wäre. Doch zum einen ist das Kinder erziehen in beiden Ländern nicht zu vergleichen (darauf komme ich später noch zu sprechen), und zum anderen ist es für Somalische Frauen eine Art Status- Symbol und ihr ganzer Stolz, wenn sie viele Kinder haben. Ja, richtig gelesen- Stolz! Denn je mehr Kinder sie haben, desto größer ihr „Königreich“ zuhause- dort sind sie nämlich die Queens! (Ausnahmen gibt es sicher auch, jedoch eher im Ausland, wo sich die Somalischen Frauen an dortige „Standards“ bezüglich der Kinderzahl gewöhnt haben.) Das heißt, sie haben das Sagen, und da hat der Mann und allesamt sich gefälligst dran anzupassen 😉

(Übrigens gibt es auch Ausnahme-Situation, in denen die Verhütung erlaubt ist. Das ist jedoch ein anderes Thema.)

Nicht ohne meine Hooyo!

In Somalia ist die Frau der Mittelpunkt von allen. Sie ist für alle da. Auch wenn sie ab einem gewissen Alter größtenteils auf einem Stuhl sitzt und die anderen reglementiert- ohne sie geht (fast) gar nichts! Dementsprechend taff ist sie auch- denn sie ist eine Managerin, Beraterin, Mutter…- alles zusammen.

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Strahlende Mutter, by somaliagenda.com

Meine Schwiegermutter zum Beispiel wurde jeden Morgen von ihren Söhnen besucht, bevor diese zur Arbeit gingen. Aus Verehrung wurde sie auf die Stirn geküsst. In allen wichtigen Angelegenheiten wurde sie zu Rat gezogen. Und von ihren Töchtern wurde sie tagsüber gepflegt. Neben ihren 10 Kindern zog sie auch noch andere Kinder groß.

Hooyo Halimo
Meine taffe Schwiegermama- Hooyo Halima (möge Allah sich ihrer erbarmen)

Gemäß der Aussage des Propheten Mohammad (Frieden uns Segen sei auf ihm), ist die Frau nämlich auch die Herrin des Hauses:

„Jeder von euch ist ein Hüter, und verantwortlich für seine Herde: So ist der Anführer ein Hüter und verantwortlich für seine Herde; ebenso ist der Ehemann ein Hüter, hinsichtlich der Familienmitglieder seines Haushalts und verantwortlich für seine Herde; die Ehefrau ist Hüter bezüglich des Haushalts ihres Mannes und verantwortlich für ihre Herde; der Diener ist ein Hüter über den Besitz seines Herrn und ist verantwortlich für seine Herde. Jeder von euch ist also ein Hüter und verantwortlich für seine Herde.”

(Überliefert von Ibn`Umar bei al-Buẖārī und Muslim)

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Mutter mit ihren Kindern, by harousa.org

Traditionelles Rollenbild der Frau- veraltet?

Dieses in der heutigen Zeit eher als traditionell angesehenes Rollenbild der Frau, hat viel Weisheit in sich. Die sogenannte Emanzipation der Frau von dieser Rolle hat ihr bloß doppelt soviel Arbeit bei weniger Lohn gebracht. Wobei ich an dieser Stelle auch erwähnen muss, dass die Somalischen Frauen nicht immer nur Zuhause sind und sein können.

Wenn der Mann nämlich keine Arbeit finden kann, oder die Frau alleinstehend ist, muss sie gleichzeitig Frau und Mann sein: 24h Arbeiten. Entweder verkauft sie etwas auf dem Markt (sie haben ein echtes Händchen für Business), hat ein mini-Lädchen oder muss sogar Müll abholen. Dazu warten die hungrigen Kinder auf sie. Die Männer hingegen lassen es sich draußen im Kaffee gutgehen oder verdrängen ihre Sorgen mit der Khat-Droge. Denn im Haushalt helfen, Kinder betreuen, ist ihnen eher fremd- das gehört nicht zur (nomadischen) Kultur! Das ist die traurige Wahrheit. Aber Gott sei Dank längst nicht für alle.

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Prioritäten setzen als Mutter

Viele Männer arbeiten natürlich auch, und da kann die Frau dann zuhause bleiben. Wenn die Frau studiert hat oder sonst etwas gelernt hat, kann sie das auch einsetzen, solange sie eben ihren Kindern und dem Haushalt gerecht werden kann (manchmal mithilfe von Familienmitgliedern oder Haushaltshelferinnen). Das Geld ist dann aber ihres- denn im Islam ist bekanntermaßen der Mann für die Versorgung zuständig, während das Einkommen der Frau ihr allein gehört – der Mann hat kein Recht darauf. Bloß liegt es auf der Hand, dass sie ihm aushilft im Falle von Arbeitslosigkeit seinerseits.

Generell wird die Mutter im Islam geehrt, zum Beispiel durch solche Aussagen des Propheten (Frieden und Segen seien auf ihm), als er auf die Frage einer seiner Gefährten „Oh Prophet Allahs! Wer verdient meine Gesellschaft und Fürsorge am meisten?“ folgendermaßen antwortete:

Es ist deine Mutter.“ Der Mann fragte: ‚Und wer dann?‘ Er (Allahs Segen und Frieden auf ihm) sagte: „Deine Mutter.“ Wieder fragte der Mann: ‚Und wer kommt dann?‘ Er (Allahs Segen und Frieden auf ihm) sagte: „Deine Mutter.“ Der Mann fragte wieder: ‚Und wer kommt dann?‚ Er (Allahs Segen und Frieden auf ihm) sagte: „Dein Vater.“(Dieser Hadith wurde von Bukhary und Muslim berichtet.)

In diesem Hadith wird eindeutig die hohe Stellung der Mutter hervorgehoben. Auch wird in anderen Aussagen im Qur´an und der Sunna immer wieder betont, dass die Frau das Recht auf gute Behandlung, Respekt und Fürsorge hat.

Frauen

Was Islam mit Somalia zu tun hat

Manch einer mag sich nun fragen, warum ich immer und immer wieder aus dem Islam zitiere. Was hat das mit Somalia zu tun? Ganz einfach- da 99% der Somalischen Bevölkerung Muslime sind, haben sie dessen Rollenbilder und die gesamte Denkweise übernommen. Dementsprechend suchen sie auch in ihrer Religion nach Lösungen, wenn sie mal Probleme haben.

Jetzt höre ich schon einige Stimmen aufjohlen – „Ahaaa, deswegen wird die Frau auch so schlecht behandelt und unterdrückt! Zwangsverheiratet und alles!!!“

Okay, diese Probleme gibt es- leider. Die haben dann aber nichts mit dem  Islam zu tun, sondern mit den Menschen an sich, die dessen Regeln nicht beachten. Auch ich selbst bekomme manchmal Sprüche ab beim Autofahren, oder man will mir beim Einparken helfen, da ich ja eine hilflose Frau bin, usw. Aber ich denke (und hoffe), das wird sich in Zukunft ändern, sobald die neue Generation herangewachsen ist. Die Mädels von heute lassen so etwas bestimmt nicht zu!

Zwangsheirat und Co.?

Was die Zwangsheirat betrifft, wird sie wohl in einigen Fällen leider immer noch durchgeführt (das Gleiche wie mit der Verstümmelung). Aber eben in den gänzlich ungebildeten Schichten, die weder schreiben noch lesen können, und auch nicht wissen, dass solch eine Ehe dann islamisch gesehen gar nicht gültig ist. So stellte der Großgelehrte Ibn Taymiyyah in einem islamischen Rechtsgutachten (Fatwa) zusammefassend fest:

„Eine Frau zu einer Ehe zu zwingen, widerspricht komplett dem Sinn einer Heirat. Allah möchte Liebe und Mitgefühl zwischen dem Ehepaar. Wie können diese entstehen wenn sie [die Ehefrau] ihn hasst und nicht mag? Welche Art von Liebe und Zuneigung sollen in so einem Fall schon entstehen? […] So hat eine Frau vielmehr ein Recht darauf, eine Ehe mit jemandem abzulehnen, den sie nicht will.“ 

[Ibn Taymiyyah, Majmoo‘ al-Fataawa, 32/25]

Großfamilie als beste Altersvorsorge

Zurückkehrend zum Thema Großfamilie ist diese in Somalia und anderen Arabischen Ländern auch die beste Altersversorgung, die eine Frau haben kann. Denn später ist es die Aufgabe der Kinder, sich um die Mutter (und Vater) zu kümmern. Im Gegensatz zum Westen, wo eine Mutter nicht allzu selten im Altersheim einsam vor sich hin leben, ist es hier Pflicht, sich um die sie zu kümmern und dabei sanftmütig zu ihr zu sein.

„Und dein Herr hat befohlen: „Verehrt keinen, ausser Ihm, und (erweist) den Eltern Güte. Wenn ein Elternteil oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sage dann nicht ‚Pfui!‘ zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen in ehrerbietiger Weise.“

Qur´an al-Karim (17:23)

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Alte Somali Lady (Foto: SomaliNet)

Großfamilie in Deutschland

Allgemein betrachtet, wird man als Großfamilie in Deutschland eher als asozial angesehen. Ab 3 oder 4 Kindern bekommt man nur sehr schwer eine Wohnung, auf der Straße bekommt man Sprüche zu hören wie „Konnten Sie nicht verhüten?„. Traurig aber wahr, schießen sie sich dort selbst ein Eigentor. Denn auf Dauer kann keine Nation ohne Menschen überleben. In Somalia ist es wie ich schon erwähnte, das Gegenteil. Bei mir z.B. wundern sich die Leute, warum ich „nur 2“ habe. Aber Allah hat es für mich bisher nicht anders geschrieben, alhamduliLlah.

Somalische Frauen: taff und nicht kleinzukriegen!

Zusammenfassend kann man sagen, dass Somalische Frauen unheimlich stark und stolz sind. Sie genießen großen Respekt innerhalb der Familie. Auch wenn es negative Seiten für Frauen hier gibt, wie die Zwangsheirat, so macht es nicht den Großteil der Bevölkerung aus. Außerdem wird das hoffentlich immer weniger, je gebildeter die Menschen hier werden. Die meißten Mädchen hier in den Städten wollen nämlich zumindest erst ihre Schule oder gar ihre Ausbildung/ Studium beenden, bevor sie heiraten.

Schülerinnen
Somalische Schülerinnen

Mir wurde soeben von meinem Mann berichtet, dass es zu 80% Somalische Frauen aus der Diaspora waren, die das Land „über Wasser“ hielten während dem über 20-jährigen Bürgerkrieg. Sonst würden jetzt längst nicht so viele Schulen hier stehen, abgesehen davon, dass viele Familien nicht überlebt hätten. Wenn eine Somalische Frau ins Ausland geht, ist sie für die in Somalia hinterbliebenen nutzvoller, als wenn 5 Söhne ausreisen! Ich finde, das sagt schon viel aus!

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Selbst im Ausland taff: Somalische Studium- Absolventin mit Kind. By sahanjournal.com

Klartext, Tacheles reden!

Ich möchte noch einmal klarstellen, dass ich jede Art der Gewalt und Unterdrückung an Frauen verurteile, und auch nicht die Augen davon verschließen werde. Da es jedoch mehr als genug Berichte über Somalia diesbezüglich gibt, möchte ich den Radius ebenso auf die positiven Dinge hier ausweiten. Wer zudem ein Problem damit hat, dass ich immer wieder die Islamische Perspektive erwähne, muss meinen Blog ja nicht lesen! Aber ich bin überzeugt, dass man keine komplette, ganzheitliche Sichtweise auf die Somalische Gesellschaft bekommt, ohne ihren Glauben, den sie fest verankert  haben, versuchen zu verstehen.

Ausblick

Nach diesem etwas lang ausgefallenen Einblick in die Rolle der Mutter in Somalia, werde ich nun auf das Leben als Großfamilie zurückkommen. Aber ich mache daraus besser einen neuen Teil, damit ihr nicht müde werdet beim Lesen.

Anregungen und Kommentare sowie likes sind herzlich willkommen, sofern sie nicht rechthaberisch sind 🙂 Denn jeder hat seine eigene Sichtweise und sollte nicht versuchen, diese seinem Gegenüber überstülpen zu wollen.

In diesem Sinne bis bald (in shaa Allah), und vergeßt nicht, für eine Verbesserung der Verhältnisse zu beten!

Eure Khalisa

Sawirka la xidhiidha

Hijrah nach Algerien: Das beste aus der Situation machen, und Kompromisse eingehen!

As salaamu alaikum und Guten Morgen/Tag/Abend an meine lieben Leser,
Ich habe die Ehre, euch das 1. Interview, was ich euch bereits in meinem Artikel über das Auswandern angekündigt hatte, vorzustellen. Es geht um unsere Schwester Amina, welche vor einigen Jahren schon nach Algerien ausgewandert ist (maa shaa Allah). Sie wohnt mit ihrer Familie in Tiaret, ca. 300 km von der Haupstat Algier entfernt.
Ihre Beweggründe für´s Auswandern, und mehr, erfahrt ihr nun hier!

Interview mit Amina

Frage 1: Wohin bist du ausgewandert?

Ich lebe seit fast 9 Jahren in Algerien.

Frage 2: Warum hast du dir ausgerechnet dieses Land ausgesucht?

Mein Mann stammt von hier.

Frage 3: Was waren deine Beweggründe für die Hijrah?

Ja, Beweggründe… Erstmal, dass die Kinder wegen der islamischen Erziehung keine Probleme in der Schule haben und das man hier doch besser nach dem Islam leben kann, als in Deutschland.

Frage 4: Hattest du finanzielle Rücklagen als du ausgewandert bist?

Ja, bißchen Rücklagen hatten wir, alhamdulillah, aber nicht wirklich viel.

Frage 5: Hattest du vorab ausreichend Sprachkenntnisse?

Nein, hatte nicht wirklich Sprachkenntnisse, mir sind Fremdsprachen noch nie leicht gefallen.

Frage 6: Wie hat deine Familie auf deine Auswanderung reagiert?

Naja, meine Familie war nicht gerade begeistert, wie man sich vorstellen kann, aber es ist ja mein Leben.

Frage 7: War ein Visum für das Land XY notwendig?

Ja, Visum brauchte ich.

Frage 8: Hat dein Ehemann oder du eine Arbeitsstelle vor Ort, oder wie wird euer Lebensunterhalt gesichert?

Mein Mann ist alhamduliLlah selbstständig.

Frage 9: Kannst du dir vorstellen, bis ins hohe Alter dort zu bleiben?

Ja, ich könnte mir vorstellen hier alt zu werden, ich habe gar keine Lust auf DE, wenn meine Mama da nicht wäre.

Frage 10: Wie alt waren deine Kinder bei der Auswanderung?

Unsere Kinder waren 6 und 1 Jahr. 

Frage 11: Welche Schule besuchen deine Kinder dort?

Im Moment gehen sie noch zur Grundschule und in die Weiterführende Schule.

Frage 12: Dein bestes Erlebnis im Ausland:

Der Adhan [Gebetsruf, Anm.der Redaktion].

Frage 13: Dein schlimmstes/eindrücklichstes Erlebnis:

Dieser Müll, der hier überall leider rumliegt!

Abschlussfrage: Welchen Ratschlag hast du für deine Geschwister, die auch Hijrah machen möchten, parat?

 

Als Ratschlag kann ich nur geben… Folgt Eueren Herzen und macht die Hijrah!

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Mein Fazit:

Ersteinmal vielen Dank und baarakaLlahu feeki für deine Teilnahme, liebe Amina! ❤
Die Bilder sind unheimlich beeindruckend wie ich finde, einfach wunderschön! Algerien erscheint mir beinahe für die Arabischen Länder das gleiche zu sein, wie die Schweiz es für Europa ist (ok, andere Größenordnung!): Wunderschöne, vielseitige Natur- für Afrikanische/ Arabische Verhältnisse sehr grün (maa shaa Allah)!
Es ist sehr bemerkenswert, dass Amina und ihre Familie mit relativ bescheidenen Rücklagen die Hijrah vollzogen haben, und dass ihr Mann es inzwischen bis zur Selbstständigkeit geschafft hat. Trotz einiger Hürden, wie das Aneignen einer komplett neuen Sprache, und ungewohnten Umständen (überall Müll!), hat sie sich nicht von der Auswanderung abhalten lassen, maa shaa Allah.
Möge Allah ihre Familie segnen und reichlichst belohnen, dass sie alles in ihrer Heimat aufgegeben haben, um ihre Religion in Ruhe auszuleben!
Von nun an werde ich jeden Freitag ein neues Interview veröffentlichen (in shaa Allah). Ihr dürft gespannt sein, denn es sind verschiedenste Länder und Leute dabei!
Bis bald (in shaa Allah),
Eure Khalisa

Von Bern (Schweiz) nach Garowe (Somalia)

As salaamu alaikum wa Rahmatullahi wa Barakatuh und Hallo allesamt,

Heute habe ich die Ehre, euch unseren ersten Gastbeitragvon der lieben Fartun vorzustellen. Sie ist zwar keine „Germali“, aber so jemand ähnliches: denn sie ist Somalischen Ursprungs, jedoch in der Schweiz aufgewachsen. Also quasi eine „Swissmali“!

Im Sommer 2016 habe ich sie kennengelernt, als wir meinen Eltern die Solarenergie-Anlage Garowes zeigten. Da ihr Mann Teilhaber dieser ist, führte er uns herum, Fartun war ebenfalls dabei. Sofort auf den ersten Blick oder eher gesagt „Small Talk“ war das Eis geschmolzen, denn meine Mutter ist ebenfalls aus der Schweiz! Okay, jetzt wird es etwas gemixt mit den verschiedenen Nationalitäten– aber so ist halt die Welt heutzutage: multikulturell (alhamduliLlah)!

Daraufhin folgten einige Treffen, sogar mit ihrer Mutter (ebenfalls eine Swissmali) und meinen Eltern, die wir sehr genossen, da wir als „halbe Ausländer“ bzw. von außen kommend, auf einer Wellenlänge waren. Leider verließ sie im Herbst das Land, doch sie wird ja wiederkommen (in shaa Allah). Es ist mir eine riesige Freude, euch einen Ausschnitt aus ihrer Geschichte zu zeigen. Möge Allah sie reichlich belohnen! Nun macht euch selbst einen Eindruck davon, wie sie ihre eigentliche Heimat wahrnahm!

Bismilahi Rahmani- Rahim.

Meine große Reise mit dem längsten Aufenthalt in Somalia, begann im Juni 2016. In mir brodelte es, ich war glücklich, zu meinen Wurzeln zurück zu kehren, aber hatte auch Respekt davor.

Es ging also los, mein Ziel war Garowe in Puntland. Mein Mann erwartete mich in Hargeisa, dann fuhren wir mit dem Auto weiter nach Garowe.

Die ersten Tage waren sehr intensiv. Alles war neu für mich, dass erste was ich machte war Einkaufen auf dem Markt/Inji. Das war eine Sache für sich. Die Frauen dort wirkten für mich so stark und lebendig. Ihr Blick war direkt, stolz und auch einschüchternd.

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Haweenka ku ganacsada Suuqa hilibka iyo qudaarta magaalada Garowe ee loo yaqaan Inji. Die Frauen vom Fleisch und Gemüse Markt Inji in Garowe.

Auf dem Markt merkte ich, dass ich mit Freundlichkeit und Höflichkeit nicht weit kommen werde. Im Gegenteil, wenn man zu nett ist, wird es ausgenutzt und als Schwäche angesehen. Das musste ich lernen, denn als Somali Schweizerin war ich in dieser Hinsicht mehr die neutrale liebe Schweizerin. Aber in mir war auch die Somalierin, ich musste sie nur suchen und finden.

Nach ein paar Wochen habe ich mich gut eingelebt. Da mein Mann tagsüber Arbeiten war, ging ich oft zu Verwandten und verbrachte Zeit mit meinen Cousins. Um die Zeit alleine zu überbrücken, bekam ich ein lebendiges Geschenk von meinem Mann. Tiere sind etwas wunderbares, Subhanallah! Dieser kleine Kater war eine grosse Stütze, Al Hamdulilah.

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Kater Sucdi

Was mir auch sehr viel Freude machte, war die endlose Weite, die man in Somalia hat. Das war sehr eindrücklich. Da ich einen kleinen „grünen Daumen“ habe, gingen wir die Felder für Gemüse Bepflanzungen anschauen. Da konnte ich auch gleich als Ackerbau Assistentin mit helfen.

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Masha Allah
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Ich und der Acker
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Masha Allah: eine somalische Limone

Die Gastfreundschaft von meinen Landsleuten war unglaublich, ich fühlte mich sehr willkommen. Es gab natürlich auch Situationen, in denen ich aufgefallen bin, sogar durch meinen Gang / wie ich lief, was eher schnell ist. Da musste ich mehrere Gänge runterschalten und versuchen, alles etwas langsamer und gelassener zu machen. Das war auch ein Lernprozess.

 Da mein Mann eine Kamelfarm hat, konnte ich meistens Freitags einen schönen Ausflug machen und frische Kamelmilch trinken, aber zuerst musste ich sie selber melken.

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Mmmh Lecker!
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Masha Allah

Wir waren auch einmal eingeladen im Badiyo / Dorf auswärts von der Stadt. Das Leben, dass sie führen, ist so gesund, aber auch nicht einfach: sie leben von dem, was sie pflanzen. Sie begrüßten uns herzlich mit Shah/Tee und später mit einer frisch erlegten Ziege. So zeigten sie uns Ihre Gastfreundschaft. Masha Allah dass sind wunderbare Menschen. Möge Allah sie reichlich belohnen. Amin

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Masha Allah

Ich habe mich erst in meiner Jugend mit meiner Herkunft beschäftigt. Als Kind war das einzige, was ich damals mit Somalia verband, waren die Familienangehörigen, die sich regelmäßig bei meinen Eltern meldeten. Damals waren die Telefonverbindungen ziemlich schlecht: sobald mein Vater wie am Spieß am Telefon schrie, war es Somalia.

Man kann sagen, dass ich nichts über Somalia wusste. Dies sollte sich aber Gott sei Dank ändern.

Insha Allah werde ich dieses Jahr wieder zurück kehren nach Garowe.

In dieser Zeit hat sich auch mein Deen stark verändert: ich spürte eine Zufriedenheit in mir. Den täglichen Adhan zu hören, war für mich sehr bereichernd und tat meiner Seele gut. Als junge Person mit zwei Kulturen hat man vielleicht Identitätsprobleme- für mich war es oft schwierig zu wissen, wo ich hin gehöre. Ich war oft in der Mitte, da ich beide Lebensweisen in mir trage. Al Hamdulilah es ist auch positiv mit beiden Kulturen auf zu wachsen.
Liebe Leser, Ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick von meiner Zeit in Garowe geben. Jazak Allah Khairan euch allen,

Fartun.

*(Anmerkung: inzwischen gehoert sie zu unserem Team, maa shaa Allah!)

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1. Integrierungsversuche

Ein Leben wie die Sahaba

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Die erste Zeit in Somalia lebten wir sehr bescheiden. Wir fühlten uns fast so, wie die Sahaba damals gelebt haben – das sind die Gefolgsleute des Propheten Mohammed (Frieden und Segen auf ihm).

Da mein Mann vorher in Dänemark studierte und es unser erster, längerer Aufenthalt in Somalia sein sollte, war unser erstes Haus nur mit dem nötigsten ausgestattet. Ausserdem war es ja nur unser Ferienhaus. Wir hatten also Matratzen auf dem Boden, und große somalische Vorhänge an den Wänden. Das war es auch schon an Ausstattung. Als Schränke benutzten wir einfach unsere Koffer. Die Küche bestand aus einem Haufen Geschirr und einem oder zwei Feuerstellen. Dazu hatten wir aber einen ummauerten Hof, in dem unsere Kinder den ganzen Tag spielen konnten und ich meine ersten Sonnenstrahlen )und ersten Sonnenbrand) seit langer Zeit genießen konnte (aufgrund meiner Bedeckung hatte ich in Europa nicht die Möglichkeit, da man dort fast nirgendwo unbeobachtet ist). Selbst das Wasser für die alltäglichen Verrichtungen musste vom Brunnen geholt werden, und Wäsche wurde von Hand gewaschen.

Süßigkeiten

Aber mir machte diese Einfachheit gar nichts aus alhamduliLlah. Ich genoß es eher, mal weg von dem ganzen materialistischen Leben zu sein, von dieser Überfluß-Gesellschaft. Nur an das sehr natürliche Essen und die Art wie es zu sich genommen wurde (mit den Händen) musste ich mich noch gewöhnen. Vielleicht ist es aber auch der „Mangel“ an dem ganzen Süßkram, welchen man „verkraften“ muss. Man kann sagen, ich war in der Zeit auf unfreiwilliger Diät! Aber so geht es jedem Neuling erstmal. Die Geschmacksknospen müssen erstmal die ganzen Zusatzstoffe aus dem Fast Food in Deutschland vergessen und sich an pure, natürliche Zutaten gewöhnen. Außerdem gab es damals auf dem Land noch nicht so viele Alternativen an Süßigkeiten geschweige denn dem leckeren Basmati-Reis. Das hat sich inzwischen jedoch geändert (alhamduliLlah)- es gibt in Qardho inzwischen (fast) alles, was es auch in der Großstadt Bosasso gibt!

Einleben in Qardho

Fuchs und Hase.jpgEs dauerte schon eine Weile, bis ich mich etwas heimisch fühlte. Aber dank der großartigen Unterstützung meiner Familie und den offenherzigen Kindern, viel es mir leichter (alhamduliLlah). Ich begann, mich sicherer zu fühlen und weniger Angst zu haben. Denn so ganz sicher fühlt man sich anfangs schon nicht, wenn man so mit Vorurteilen beladen ist. Und ich war wohl die erste muslimische Europäerin, die Qardho jemals gesehen hat. Außer einzelne Vorfälle war jedoch alles sehr ruhig. Dort konnten sich Fuchs und Hase quasi Gute Nacht sagen.

 

Wohl aber hörte ich ein paar Gruselgeschichten über Diebe, die sich tagsüber heimlich in die Häuser schleichen und nachts plötzlich aktiv werden. Deswegen wurde ich eines Nachts hellhörig, als ich ein paar scheppernde Geräusche aus der Küche hörte. Was oder wer mochte das wohl sein? Und bummein zweites Mal! Ich weckte meinen Mann auf, er solle doch bitte nachschauen, welcher Dieb sich da bei uns verirrt hätte. Er packte sein Gewehr und seine Taschenlampe und ging mutig auf den potentiellen Gefahrenherd zu. Dort angelangt- sah er eine fette Ratte!!! Okay, das war dann wohl doch übertriebene Sorge meinerseits, aber besser zuviel als zuwenig 😀 !

 

Ein anderes mal hörte ich echte Schüsse und schreiende Stimmen. Da war also wirklich etwas passiert. Aber wir erfuhren nicht, was genau dort geschah. Man lernt dort, einfach die Fenster zuzumachen und weiter zuschlafen, solange es nichts länger anhaltendes ist. Denn ein Schuss kann verschiedene Gründe haben: entweder aus Freude bei einer Hochzeit, oder weil irgendwo Stau ist und ein Soldat sich Gehör verschaffen will, oder aber es ist wirklich etwas ernstzunehmendes. Das mag vielleicht wie im falschen Film klingen, jedoch damals war das noch Realität und für Somalis nichts erwähnenswertes. Inzwischen wurde allerdings der private Waffenbesitz erheblich eingeschränkt, denn ohne Lizenz geht offiziell gar nichts mehr (alhamduliLlah).

Neue Freiheit…

Hijab

Auch wenn die Anfangszeit ihre Schwierigkeiten beinhaltete, so genoß ich es jedoch sehr, meinen Glauben in Ruhe ausleben zu können, ohne mich an jeder nächstbesten Ecke vor einer wildfremden Person rechtfertigen zu müssen oder gar beschimpft und verachtet zu werden. Ganz im Gegenteil– hier wurde ich sogar respektiert und manchmal auch bewundert (alhamduliLlah)! Ich genoß es auch, an die 5 täglichen Gebete durch den Gebetsruf erinnert zu werden, den Adhan. Oder besser, durch die vielen durcheinander klingenden Gebetsrufe! Denn es gibt hier zahlreiche Moscheen (alhamduliLlah) und das mach eine ganz besondere Stimmung. Auch war es schön zu sehen, wie die Kinder mit der Rezitation des Qur‘ans aufwuchsen und für sie der tägliche Gang zur Moschee selbstverständlich war.

Die Menschen in Qardho sind sehr bestrebt, den Deen (Religion als way of life) zu praktizieren (maa shaa Allah). Die Frauen tragen die bedeckendsten Hijabs, man sieht keine Frau ohne Bedeckung. An Freitagen ist es besonders schön, die Kinder in ihren besten Kleidungsstücken und die Männer in ihren weißen Gewändern zu sehen. Es gibt viele Unterrichte, um den Islam zu lernen (natürlich auf Somalisch), die oft von den Moscheen per Lautsprecher nach außen übertragen werden.

Erster Ramadan in Somalia

Sambusa.jpgMein erster Ramadan in Somalia war sehr eindrücklich und wunderschön, obwohl es etwas von einem persönlichen Ereignis überschattet wurde (alhamduliLlah ala kulli haal). Man hatte zwar nicht den Überschuss an (Genuß-)Lebensmitteln, die man sonst gerne abends in sich reinfuttert, jedoch ist zuviel ja sowieso nicht gesund. Die wichtigsten Dinge für einen Somali im Ramadan hatten wir aber (alhamduliLlah): Das „Affuur“, welches die erste Mahlzeit nach dem Fastentag darstellt und aus Datteln, „Sambuus“ (dreieckige Teigtaschen mit Hackfleischfüllung) und „Buur“ (Gebäck) besteht. Ausserdem ein leckeres Basmati-Reis-/ oder Nudel-Gericht (natürlich mit „Moos“-Banane), und die Wassermelone als Nachtisch darf aufjedenfall auch nicht fehlen. Was will man mehr? 🙂 AlhamduliLlah.

Das zusätzliche Nachtgebet haben wir entweder zusammen zuhause gebetet, oder vorzugsweise in einer der Moscheen. Die Moscheen waren richtig überfüllt (maa shaa Allah), selbst der Frauenbereich.

… und doch fremd

Aber so ganz wohl fühlte ich mich aufgrund der vielen Blicke trotzdem nicht. Ich konnte mich ja auch nicht verständigen. Ausserdem war mein Umfeld damals überbesorgt, dass die Leute mir einen bösen Blick (‚Ain) machen könnten oder dass wir uns Diebe wie an Magnet anziehen könnten wenn sie mich Ausländerin sehen.

Das hat sich heute Gott sei Dank total gelegt, aber darauf werde ich in einem der nächsten Beiträge eingehen (in shaa Allah).

Auf in die Großstadt: Bosasso

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Nach den Sommerferien zogen wir nach Bosasso, wo die Kinder vorher auch bei ihren Verwandten gelebt hatten. Dort zogen wir in den alten Stadtteil Bosasso namens „Bio kulule“. Das bedeutet soviel wie „heißes Wasser“ und ist eigentlich eine heiße Quelle unweit von der Stadt. Durch den Krieg vergangener Zeiten hat diese Stadt unheimlich an Umfang zugenommen. Inzwischen ist die Einwohnerzahl laut Google genauso wie die von Dortmund, allerdings haben sie die neuen Flüchtlinge aufgrund der Dürre bestimmt noch nicht hinzu gezählt.

Größere Stadt: größerer Gefahrenherd

Für mich war es dort etwas anonymer und deswegen auch angenehmer. Allerdings war meine Schwiegerfamilie, besonders meine Schwiegermutter, noch besorgter um mich als vorher. Das war auch nicht ganz unbegründet, denn zu der Zeit waren die Piraten nicht weit weg, sie entführten ein- zwei Jahre zuvor sogar den damaligen deutschen Mann meiner Freundin, um an Erpressungsgelder heran zu kommen. Zudem entwickelte sich auch eine extremistische Gruppe in eine mehr und mehr Volks- feindliche Richtung. Oftmals hörte man Nachts Schüsse, wenn auch etwas entfernter. Erstmal war ich jedesmal geschockt, jedoch nach einer Zeit gewöhnte ich mich etwas daran, solange es weit weg genug von uns war. Meißtens bekam ich den Grund sowieso nicht zu Gehör. Dort gibt es keine Zeitung, die über jedes neue Hagelkorn berichtet. Sie haben eher eine Mund- zu- Mund Verbreitung der News. Aber die Sprache verstand ich ja noch nicht damals.

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Umso verrückter musste es für meine Verwandten erscheinen, dass mein Mann uns einmal an einen einsamen Strand fuhr, wo wir sogar im Bikini schwimmen konnten! Einmal passierte uns ein entferntes Fischerboot (Piratenalarm?), jedoch wir tauchten einfach schnell unter. Gott sei Dank hatten sie uns nicht entdeckt.

Die Sicherheitslage in Puntland ist inzwischen um einiges besser geworden, alhamduliLlah. Den Gefahren und Geschehnissen diesbezüglich werde ich aber noch einen eigenen Beitrag widmen (in shaa Allah).

Ich konnte mir damals also noch nicht vorstellen, eines Tages alleine (nur in Begleitung eines unserer Kinder) auf dem riesengroßen Markt einkaufen zu gehen, alleine mit unserem Autobus frische Milch einzukaufen, oder Besuche abzustatten. Aber ca. ein Jahr später war ich so weit dafür, durch private Umstände dazu getrieben. Letztendlich lernt man am besten durch „learning by doing“, besonders die Somalische Sprache, über die es kaum Lehrbücher gibt!

Kurzer Break in Europa: Erholung?

Europa

Aus verschiedenen Gründen (u.a. Wohnungsauflösung) musste ich nach einer Weile meinen Mann nach England begleiten. Dort konnte ich wieder viele weltlichen (besonders kulinarische) Güter genießen, die ich vorher sehr vermißt hatte. Jedoch vermisßte ich plötzlich etwas ganz anderes: meine große Familie, besonders die Kinder meines Mannes, die mir sehr ans Herz gewachsen waren und mich am Telefon immer fragten, „Mama, wann kommst du endlich wieder?“. Ebenso hatte jedes seine eigene Wunschliste, die mich auf Trab hielt.

Eine schöne Erfahrung war der Besuch meiner Eltern in England. Sie konnten sicherstellen, dass es mir nach der großen Reise noch gut ging (alhamduliLlah), und auch etwas von der starken muslimischen Kultur in England erfahren. Dort fühlt man sich an manchen Orten wie in Somalia (gibt ganze Somalische Einkaufszentren und Moscheen dort) oder einem anderen islamischen Land. Es war für meine Eltern quasi schon mal ein Vorgeschmack, die damals noch nicht wußten, dass sie eines Tages in Somalia landen werden, und das sogar mehrfach!

Auch bei einer Stip-Visite in Deutschland und Dänemark musste ich natürlich allen Freunden und Bekannten viel von Somalia erzählen. Durch mein fröhliches Auftreten und meine Erzählungen konnten sich jedoch alle versichern, dass es mir dort gut ging (alhamduliLlah).

Bald sollte es dann auch schon wieder zurück gehen. Was sich bei meiner 2. Episode in Somalia alles veränderte und was ich sonst noch erlebte, werde ich euch im nächsten Beitrag erzählen (in shaa Allah).

 

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

Was wollen wir bezwecken?

Aufklärung – Erfahrung – Motivation

Dies sind unsere Hauptanliegen, die ich im Folgenden näher erläutern werde.

1. Aufklärung

Über Somalia gibt es bestimmt so viele Vorurteile wie über Frauenrechte im Islam. Kein Wunder. Zumal die Medien auch nur die eine Seite zeigen – im Islam die unterdrückten Frauen; über Somalia die Armut, Beschneidung der Frau, etc.
Schaut man jedoch hinter die Kulissen, so sieht man, dass die Frau im Islam zum ersten Mal Rechte bekam, wie zum Beispiel das Recht auf Leben (davor wurden Töchter bei lebendigem Leibe begraben) oder das Recht auf gute Behandlung. Nicht umsonst sagte der Prophet Mohammed (Friede und Segen seien auf ihm):

Der vollkommenste Gläubige ist der mit dem besten Charakter.  Die besten von euch sind diejenigen, die am besten zu ihren Frauen sind.[1] 

Genauso wie man bei tiefgründiger Erforschung erkennen wird, dass diese Vorurteile gegenüber dem Islam nicht gerechtfertigt (zumindest wenn man auf den Islam an sich schaut und nicht auf die Muslime) sind, so wird man auch erkennen, dass es in Somalia andere Seiten zu entdecken gibt, als man bisher glaubte. Dass es hier von Universitäten und Schulen nur so wimmelt; dass es hier von Nutella bis Pringels fast alles gibt; ja, dass sogar (mit gewissen Einschränkungen) ein relativ normales Leben hier möglich ist (zumindest als Muslim/a) – selbst als Europäerin!
Deswegen ist es eins unserer Ziele, über das Land Somalia, das Leben dort und seine Leute aufzuklären. Da Somalia zu 100% ein muslimisches Land ist, spielt die Aufklärung über den Islam natürlich auch eine Rolle. Denn das ganze Leben, der Kalender und die Geschäftszeiten der Menschen dort richten sich nach dem Islam. So ist es für den ein oder anderen eine Möglichkeit, auch darüber mit Vorurteilen aufzuräumen.

2. Erfahrung 

Einen Teil dieser Aufklärung macht natürlich meine eigene Erfahrung aus. Was man als in Somalia so alles erlebt, darüber könnte man ganze Bände schreiben!
Das ist wahrscheinlich auch der interessantere Teil für viele von euch, da ihr Berichte vom alltäglichen Leben aus erster Hand bekommt. So werde ich euch aus meinem alltäglichen Leben berichten, versehen mit einigen aktuellen Geschehnissen und Eindrücken.

3. Motivation

Ein anderer Aspekt unseres Blogs liegt darin, in vielerlei Hinsicht zu motivieren. Zum Einen wollen wir ganz vielen Menschen die Möglichkeit geben, ihren Horizont zu erweitern. Denn Reiseberichte zu lesen ist annähernd so bereichernd wie selber zu reisen! Und wer kommt schon mal so eben nach Somalia?!?
Auch möchten wir andere Menschen motivieren, in Somalia zu investieren oder auch mit Spenden zu unterstützen. Ja, Somalia befindet sich im Aufbau, ob ihr‘s glaubt oder nicht!

Somalia ist wie ein unentdeckter Schatz, den es lohnt, auszubuddeln!

Zudem möchten wir andere „Germali‘s“ dazu aufmuntern, ihr Land besser kennenzulernen, eventuell zu Besuch zu kommen oder sogar ganz zurück zu kommen! Teilweise kennen sie nämlich ihr Ursprungsland selber nicht mehr richtig, schämen sich eventuell sogar für die Armut dort usw. Denn sie selber kennen oftmals auch nicht viel mehr als „Negativbilder“ aus den Medien. Oftmals unterstützen sie auch zurückgebliebene Verwandte finanziell (wieder ein Zeichen der Armut- das heißt, Vorurteil bestätigt!?).

Und last but not least möchten wir andere muslimische Geschwister motivieren, ebenfalls Hijrah hierhin (oder auch woandershin) zu machen (d.h. auszuwandern). Denn wer vor dem stetig wachsenden Islamhass in Deutschland flüchten will, findet hier eine gute Option, seine Kinder in einem islamischen Umfeld großzuziehen. Dafür muss man sich natürlich etwas auskennen im Land, denn es gibt natürlich immer noch gefährliche Orte. Aber für solche und andere Informationen sind wir (in shaa Allah) auf Anfrage auch da. Und richtig sicher ist es in dieser Welt sowieso nirgends mehr.

Für Fragen jeglicher Art stehen wir gerne zur Verfügung!

Khalisa von den Germali‘s