Vom Niqab zum Hijab

Warum ich einen Teil meiner Identität abgelegt habe.

In diesem Artikel beschreibe ich meine ersten Schritte ohne Niqab, den Gesichtsschleier. Es soll keine Entmutigung sein für andere Schwestern, die noch stark genug sind, es in Deutschland zu tragen, es ist bloß eine Beschreibung meiner Entscheidung, ihn in Deutschland abzulegen und meine Erfahrungen und Eindrücke dazu.

Wie alles begann

3 Monate nach meiner Konvertierung (in etwa) zog ich den Gesichtsschleier mit der Absicht an, Allah´s Wohlgefallen zu erlangen. Mir wurden all die Beweise aus Qur´an und Sunna (Lebensweise und Aussage des Propheten Mohammeds´ (s.a.s.)) und die Umsetzung der Religion der ersten Muslime vorgezeigt, und
energiegeladen wie die meißten frisch Konvertierten, versuchte ich, alles Gelernte in die Tat umzusetzen.

Damals wurde mir allerdings nur eine Seite der Medaille beigebracht, nämlich, dass es für muslimische Frauen, die als ehrbar erkannt werden wollen, verpflichtend ist, den Gesichtsschleier zu tragen.

Unterschiedliche Auffassungen

Vielleicht mag Euch der Unterschied in der Auffassung des Gesichtsschleiers auffallen: für (augeklärte, praktizierende) Muslime ist er ein Zeichen einer Respekt zu erweisenden, würdevollen
Frau, während ihr in den westlichen Ländern diese Ehrbarkeit abgenommen werden soll, indem sie
den Niqab verbieten wollen. Die Frauen würden ja dazu gezwungen, sich so zu verhüllen- man
müsse sie befreien!!! Dem ist natürlich nicht so, zumindest ist mir kein Fall bekannt, in dem eine
Muslima zum Tragen des Niqabs gezwungen wurde. Meißtens ist es sogar eher das Gegenteil- ihre
Familie und womöglich auch ihr Mann raten ihr ab davon und haben ein riesen Problem damit, dass
sie so selbstbestimmt dieses Stück Soff trotzdem tragen will! Ihr seht also, dass es in keinem Fall leicht für eine bewußte Muslima ist. Denn sobald sie sich für den Gesichtsschleier bewußt
entscheidet, trifft sie nur auf Abneigung, Intoleranz und manchmal gar Übergriffe.
Solange sie stark im Glauben ist und ihren Gesichtsschleier als eine Art Gottesdienst ansieht, so kann sie über all den Anfeindungen stehen, so wie ich das fast 10 Jahre lang tat.

Ich nannte es immer eine „Toleranzprüfung für mein Umfeld!“ und hielt daran fest, alhamduliLlah.

Die Zeiten ändern sich

Inzwischen ist der Hass gegen sich bedeckende Muslime so stark ausgeprägt, dass es beinahe
unmöglich geworden ist, mit Gesichtsschleier bedeckt alleine aus dem Haus zu gehen, ohne
Angst haben zu müssen vor Anfeindungen oder Übergriffen.
Wenn man keine Kinder hat, aber einen Mann, mag man es noch aushalten, nur mit Begleitung
dessen das Haus zu verlassen. Sobald aber Kinder mit ins Spiel kommen, wird es kritisch: die Kinder müssen doch raus, sich bewegen! Sie müssen hier und dort hin gebracht und abgeholt werden, sie müssen ein lebenswertes Leben haben und keins hinter verschlossenen Gittern!

Eine schwere Entscheidung

Genau aus dem Grunde hatte ich mich schweren Herzens entschieden, den Niqab in meinem diesjährigen Deutschland-Aufenthalt nicht mehr zu tragen. Ich weiß inzwischen nämlich auch, dass es zwischen den Gelehrten verschiedene Meinung dazu gibt: ob es nun Pflicht ist, speziell in Zeiten der vermehrten Versuchungen, oder nur, wenn man außergewöhnlich hübsch ist, oder ob es einfach eine weitere freiwillige Handlung ist, durch die man Allah näher kommt- es gibt da verschiedene Meinungen unter den Großgelehrten. Da ich in Deutschland/ Europa eine von vielen bin, sehe ich es für mich nicht als Pflicht an, sondern als freiwillige Handlung. Zum Eigenschutz und dem meiner Kinder lasse ich den Gesichtsschleier in Deutschland jedoch weg.

In Somalia hingegen werde ich ihn widerum tragen, denn da falle ich viel zu sehr auf als eine der wenigen „weißen“!

Ein Stück Identität ablegen zur eigenen Sicherheit

Kommen wir nun also zu meinen Erfahrungen. Ich zog den Gesichtsschleier im Äthiopischen
Flughafen aus, als wir gerade auf den Aufzug warteten. Es war, als ob ich ein Stück von mir, meiner Identität ablegen würde- ganz komisch. Ich sagte zu meinen Kindern: fällt euch irgendwas auf? Da sagte meine Tochter sofort: Mama, wo ist dein Niqab? Zieh´ihn schnell an! Da erklärte ich ihnen, dass ich den Niqab in Deutschland nicht anziehen werde, da die Leute uns sonst beschimpfen würden, denn sie würden das nicht verstehen und hätten Angst. In Somalia jedoch würde
ich ihn wieder anziehen.

In den nächsten Tagen sagte meine Tochter jedoch immer wieder- Mama, dein Niqab! Du hast
deinen Niqab vergessen! Genauso fühlte ich mich auch: als ob etwas fehlen würde, als ob ich meine
Jacke im Winter vergessen hätte!

Ungewohnte Blicke, dafür weniger Anfeindungen

Im Flughafen hatte ich dann das Gefühl, mich würde jeder angucken. Ich fühlte mich so nackt.
Selbst wenn ich Dhikr machte (Gedenken an Allah, die man ständig sagen kann), musste es für die anderen aussehen, als ob ich mit mir selbst sprechen würde.
Insgesamt jedoch hatte ich das Gefühl, dass die Leute weniger starrten, als wenn ich mit Niqab da gestanden hätte. Sie hatten einfach keine Angst mehr vor mir. Auch am Schalter war es nun angenehmer, da ich nicht erst den Schleier vor all den neugierigen Blicken entlüften musste.

Reaktion meiner Eltern

Meine Eltern freuten sich natürlich ungemein, als ich ihnen schon von Somalia von meinem Vorhaben erzählte. Sie waren jahrelang sehr tolerant gewesen, sind überall mit mir hingegangen, mussten die kritischen Fragen und Aussagen ihrer Freunde ertragen und mich verteidigen. Vor allem aber litten auch sie unter den Beschimpfungen und bösen Blicken, die ich tagtäglich abbekam.
Nun waren sie also um einiges erleichtert, sogar direkt einen Urlaub in der Schweiz, damit ich meine Verwandten sehen könne und wir dort abspannen könnten, ohne als Alien angesehen zu werden.

Auch das Zusammenwohnen im Haus meiner Eltern, in dem auch ihre Freunde wohnen, welche
mich seit Kleinkindalter kennen, entspannte sich enorm. Ich konnte nun in unser Kellerappartment
oder zum Wäsche waschen, ohne mich komplett verhüllen zu müssen. Früher meinte meine Mutter
dann, „Lass das, ich mach schon!“ und war mit der zusätzlichen Arbeit etwas überfordert (zu Recht). Aber nun brauche ich einfach meine Gebetsabaaya anzuziehen und los geht’s.

Keine Akzeptanz- okay, doch wo bleibt die Toleranz für andere?

Natürlich bin ich immer noch nicht völlig akzeptiert hier in Deutschland, doch hat sich meine Situation insgesamt schon entspannt. Ich erwarte auch nicht, dass die Leute mich akzeptieren, denn laut dem Qur´an werden sie sowieso erst mit mir zufrieden sein, wenn ich so bin wie sie- also komplett unbedeckt. Leider wird meine Erwartung der Toleranz jedoch auch meißtens nicht erfüllt- noch immer merke ich böse Blicke, unverständisvolles Kopfschütteln und Misstrauen. Darüber bin ich zwar auch nicht happy, aber ich kann darüber stehen. Meißtens wechseln sich gute Erlebnisse mit schlechten immer wieder ab: manche sind sogar richtig freundlich und bemüht!

Angstmache seitens der Medien als Grund für den Islamhass

Ich kann die Leute auf der einen Seite verstehen, dass sie Angst vor dem Islam und denjenigen
Muslimen haben, die versuchen, ihre Reigion zu praktizieren. Letztere werden in den Medien
nämlich immer als „DIE Salafisten“ dargestellt, die angeblich hasserfüllt zum Krieg gegen Nicht-Muslime aufrufen und MINDESTENS die Vorstufe zu IS und CO. seien. Dass dem NICHT so ist, sondern dass diese Muslime einfach nur die Bedeckungsregeln ihrer Religion befolgen und 5 mal am Tag beten wollen, außerdem ein friedliches Miteinander bevorzugen, sich jedoch völlig in die Ecke gedrängt sehen- das wird in den Medien nicht berichtet. Nein, stattdessen wird man mit Al-Qaida, IS, Al-Shabab und wie sie
alle heißen, in einen Topf geschmissen. Begeht ein Muslim ein Verbrechen, wird direkt der Zeigefinger auf den Islam ausgestreckt. Kein Wunder also, dass die allgemeine Menschheit, die den
Medien mehr folgt als dem Papst, dann Angst vor uns haben.
TROTZDEM ist es schade, dass die Menschen nicht differenzieren oder uns nicht direkt ansprechen
(auf eine freundliche Art versteht sich). Denn so können auch keine Brücken zwischen den Kluften
gelegt, und kein freundliches Miteinander möglich sein. Das Gegenteil ist nämlich der Fall: die
Muslime werden wie eine zu verabscheuende Randgruppe behandelt, und da wissen wir ja, wie so etwas in der Geschichte eskalieren kann (möge Allah uns bewahren).

Fazit

Ich bereue meine Entscheidung aufjedenfall nicht, auch wenn es traurig ist, dass es in „demokratischen Ländern“ soweit gekommen ist, dass man eben DOCH NICHT so sein kann, wie man will.
Ich freue mich aber auch schon wieder auf Somalia, in dem ich als Muslima respektiert und geehrt
werde, in dem sie „Maa shaa Allah!“ sagen, wenn sie mich so bedeckt sehen. Und in dem ich
einfach daher laufen kann, ohne gehasst zu werden für meinen Glauben. Neben all dem Luxus und
der Familie, den ich in Deutschland genießen kann, ist es als Muslima hier nicht mehr das Gleiche.

Möge Allah es den Muslimen in Europa erleichtern, an ihrer religiösen Lebensweise festzuhalten
und ihnen einen Ausweg zur Auswanderung geben, und möge Er das friedliche und respektvolle
Miteinander ebenfalls erleichtern.

Seid allesamt lieb gegrüßt,
Eure Khalisa

4.Interview: Bemühungen um ein islamisch freieres Leben

As salamu alaikum und Hallo an meine lieben Leser/innen,

Leider etwas verspätet, aber besser als nie ;-), geht unsere Interview-Fragerei in ein vergleichsweise kleineres, dafür umso schöneres Land auf dem Arabisch-Afrikanischen Kontinent: nach Tunesien!

Ich weiß nicht, was euch in den Sinn kommt bei diesem Land. Wenn ich jedenfalls an Tunesien denke, fällt mir sofort die Farbkombination Weiß-Türkis ein. Es gibt so viele wunderschöne Fotos von diesen weißen, quadratischen Häusern mit türkis verzierten Rundbögen an Tür und Fenstern, mit dem passenden stark blauen Himmel und dem mindestens ebenso schönen Strand.

In dieses wunderschöne Land hat sich unsere Kandidatin des heutigen Interviews gewagt, auszuwandern: die deutsche Muslima Khawla!

Tunis7
Khawla mit ihren Lieblingstieren, den Pferden.

Wir kennen uns schon länger (über Social Media) über diverse Themen, die uns verbinden- von Islam, über Wissensaneignung, vom Voltigieren bis hin zur Mehrehe und mehr. Und natürlich auch die Hijrah (Auswanderung). Sie ist eine sehr wissbegierige, selbstbewußte junge Mutter, die trotz des Lebens als Großfamilie kaum eine Minute ungenutzt läßt (möge Allah sie segnen). Deswegen bin ich umso dankbarer, dass sie sich die Zeit für unser Interview genommen hat. Aber lest selbst, was eine Deutsche nach Tunesien verschlägt!

Frage 1: Wohin bist du ausgewandert und wann?
Khawla: Bismillah Ar Rahmana Rahim
Assalamu wa Salam ala nabi sall Allahu alayhi wa Salam
Ama baad:
As salaamu alaikum!

Nach Tunesien. Vor 9 Monaten

Frage 2: Warum hast du dir ausgerechnet dieses Land ausgesucht?

Wir haben es uns nicht direkt als Hijrah Wunschziel ausgesucht.
Als Wunschziel wäre natürlich ein Land, was islamisch gesehen nicht gerade erst in den Kinderschuhen steckt, leichter und einfacher.

Aber für uns ist es zur Zeit und auf die schnelle, in der wir die Hijrah vollzogen haben.(innerhalb von 2 Monaten), die nahe liegende Wahl gewesen, da mein Mann Tunesier ist.

Frage 3: Was waren deine Beweggründe für die Hijrah?

Islamisch unbehelligter zu sein, einfach freier.
Und vorallem meine Kinder so erziehen zu können, wie ich es für richtig halte.
Das ist hier, genauso wie in anderen Norafirkanischen Ländern, möglich.
Man wird, nicht daran gehindert, seine Kinder in eine Quranschule zu geben.

Sogar sind die Leute beschämt, wenn sie sehen das meine „blonden“ kinder in den Quranunterricht und zu ihren Gebeten in die Moshee gehen, wöhrend ihre Kinder manchmal noch nicht mal zu Jumaa [zum obligatorischen Freitagsgebet, Anm.d.R.] gehen.

Die Kinder islamisch zu erziehen, ist hier leicht, wenn man den Kindern die richtige Umgebung bereitstellt. Nicht so wie in Deutschland.

Ich weiss, dass Tunesien in diesem Bezug immer noch einen schlechten Ruf hat.
Aber, ich kann nur dazu sagen, dass es kein Land gibt, in der heutigen Zeit, wo alle Leute sich islamisch benehmen. Das gleiche, ist hier auch! Es gibt Länder, wo wohl optisch alles nach Islam aussieht. Aber die Kinder körperlich gezüchtigt werden, wenn sie den Quran nicht schnell genug Hafiz [auswendig gelernt, Anm.d.R.] haben.
Länder, in denen Frauen falsch behandelt werden, vollkommen unislamisch.
Oder Könige solcher Länder, welche ihr Land in einer Zensur halten. Da sieht es dann nach Islam aus. Aber dort darf dann in den Moscheen auch nur das laut ausgesprochen werden, was von dem König erlaubt wird.
Dann gibt es Länder, die nach reiner Dunja [der weltlich-bezogenen Lebensweise, Anm.d.R.] aussehen, als gäbe es kaum Deen [Islamische Lebensweise, Anm.d.R.] dort.
Oder vom Krieg gebeutelte Länder, in denen viele verschiedene Islamische Gruppen vertreten sind.
Länder die in manchen teilen des Landes extrem viel Deen, an anderen Orten touristische „Mega- Dunja“, sogar Diskotheken, haben.
In jeden dieser Länder, gibt es Fitten [Versuchungen, Anm.d.R.].
Wenn wir Hijrah aus den unislamischen Ländern machen, sollte uns bewusst sein, das man nur mit der richtigen Absicht und Anstrengung in den „islamisch“ geprägten Ländern diesen Fitten entkommt und seinen Weg in khair [in dem, was Allah wohlgefällig ist, Anm.d.R.] geht.

Frage 4: Hattest du finanzielle Rücklagen als du ausgewandert bist?

Ja, hatten wir, Alhamdulillah. Also so viel, wie man innerhalb von 2 Monaten zusammen bekommt.😅

Frage 5: Hattest du vorab ausreichend Sprachkenntnisse?
Ja, Alhamdulillah ich verstehe besser, als ich spreche 😅

Frage 6: Wie hat deine Familie auf deine Auswanderung reagiert?
Gespalten. Aber da unser Kontakt seid vielen Jahren nur telefonisch ist,
habe ich es ihnen auch erst gesagt, nachdem wir schon weg waren.

Frage 7: War ein Visum für das Land XY notwendig?
Man kann für 4 Monate am Stück ohne Visum hier sein.
Dann muss man das Land verlassen– es reicht für 1 Tag.
Oder man beantragt ein befristetes Visum, was man immer wieder verlängern kann.
Oder ein unbefristetes Visum.

Für ein unbefristetes Visum muss man entweder die Mutter sein von Kindern, dessen Vater Tunesier ist, die auch hier leben und zur Schule gehen. Oder mit einem Tunesier verheiratet sein oder du musst eine gewisse Summe auf einem tunesischen Bankkonto haben sowie einen Festwohnsitz.

Palmen, die Standartbäume in Tunesien.

Frage 8: Hat dein Ehemann oder du eine Arbeitsstelle vor Ort, oder wie wird euer Lebensunterhalt gesichert?
Mein Mann macht Tijara [Handel, Anm.d.R.]- hauptsächlich im Ausland.
Wir sind ca. 6 Monate alleine hier in Tunesien. Die restliche Zeit, ist mein Mann bei uns.

Frage 9: Kannst du dir vorstellen, bis ins hohe Alter dort zu bleiben?

Ja, könnte ich in 2ch Allah.
Aber ich könnte mir auch vorstellen, nochmal ganz woanders hinzugehen.
Wenn es meine islamische Situation oder die der Kinder verbessert!

Frage 10: Wie alt waren deine Kinder bei der Auswanderung?
Zwillinge 9, 7, 6 und 5 Monate

Frage 11: Welche Schule besuchen deine Kinder dort?

Eine Islamische Privatschule. Fokus auf Quran und Islamische Erziehung.
Im Gegensatz zu der „veralteten“ Annahme, das man in Tunesien, zwar Dunja aber kein Deen haben kann, ist im Privatschulbereich ein erstaunliches anwachsen von Islamischenschulen zu beobachten.
Dadurch, dass es hier erst seid ein paar Jahren möglich gibt, Islam und Schule zu verbinden gibt es noch nicht in jeder Stadt die Möglichkeit.

Frage 12: Dein bestes Erlebnis im Ausland:
Es gibt nicht ein bestes Erlebnis!
Der tägliche Adan, der mir das Herz weitet 😍
Aber auch, das ich auf die Straße gehen kann, ohne beschimpft oder angefeindet zu werden.
Ich kann mich absolut frei bewegen, ohne behelligt zu werden.
Auch die Polizei oder Militär kontrollieren mich nicht unhöflicher oder mehr als andere.
So wie es früher mal war. Sogar sind die meißten ausgesprochen freundlich zu mir.
Sie winken mich zu 80% einfach so durch- wo alle anderen kontrolliert werden, kann ich oft einfach weiter gehen.

All das gibt mir das Gefühl ein Mensch zusein !
Das ist eine Lebensqualität, die ich in Deutschland all zu lange vermisst habe!

Grüne Landschaft vor dem Strand.

Frage 13: Dein schlimmstes/eindrücklichstes Erlebnis:
So nun kommen wir zu einer Sache, die mich sehr traurig gemacht hat.
Ich musste, in die Visa Behörde.
Mein mann war zu der Zeit im Ausland , also bin ich alleine gegangen.
Man hat mich dort gleich, mit einer Waffe in der Hand begrüßt. Ich durfte nicht einfach so das Gebäude betreten wie alle anderen, sondern musste direkt meinen Passport abgeben und warten.
Dann rief man mich in ein Zimmer.
Ich hatte alle Unterlagen, normalerweise war es nur eine kleine Sache, mir meinen unbefristeten Aufenthalt zu genehmigen.
Nach 2 Std. Gerede und der festen Überzeugung, dass mein Mann hinter meinem Niqab steht, und der Bitte zu meiner Schwägerin, sie solle ihrem Bruder sagen, dass er mir sagen soll, nur Khimar [Also ohne Gesichtsbedeckung, Anm.d.R.] zu tragen.
Dann bekam ich meine Unterlagen zurück und keinen unbefristeten Aufenthalt!
Mit der Begründung, sie wollen zuerst mit meinem Mann reden.

Derart Begegnungen hatte ich seit langem kaum noch hier.
Ich bin seit 12 Jahre mindestens 1 mal im Jahr hier gewesen.
Und so etwas ist seit Jahren immer weniger geworden.
Dennoch gibt es sie hier oder dort in Behörden noch.

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Lässt sich durch niemanden entmutigen: Khawla

Wie sieht es mit einer Krankenversicherung aus, seid ihr Krankenversichert?

Ja, es gibt Krankenversicherungen hier, aber da läuft es so, dass man monatlich Geld ein- bezahlt (ca. 200 Dinar). Wenn man Medikamente oder Besuche beim Arzt braucht, muss man vorbezahlen und man bekommt dann bis zu 80% zurück. Die Rückzahlung kann bis zu 6 Monate dauern

Ja, wir sind versichert Alhamdulillah.
Das mit der Versicherung ist aber schwer hier. Es ist auf keinen Fall so wie in Deutschland. Und die Krankenhäuser sind sehr, sehr teuer. Als wir während der Revolution hier waren, konnten wir ja hier nicht mehr raus, die Zwillinge mussten aber operiert werden. Die OP plus 1 Nacht im KH kostete pro Kind 1500 Euro- solche Kosten werden kaum von der Versicherung übernommen. Aber besser als gar kein Rückgeld 🙈😊
Und da hier alles im Voraus bezahlt werden muss, läßt sich die Versicherung dann einfach sehr lange Zeit oder zahlt nur einen kleinen Anteil.

Abschlussfrage: Was würdest du Geschwistern, die ebenfalls Hijrah machen möchten, raten?

Ich würde, wirklich allen Geschwistern raten, nicht zu warten, bis sie „genug“ Geld haben.
Sondern auf Allah zu vertrauen mit der Gewißheit, dass Allah die Menschen, die auf SEINEM Weg ausgewandert sind, nicht im Stich läßt!

Vielen Dank für deine Beantwortung der Fragen liebe Khawla! Möge Allah dich und deine Familie reichlich belohnen und beschützen!

Fazit:

Wie ihr seht, ist es selbst in solchen „islamischen“ Ländern nicht einfach, wenn man sich voll verschleiert (und die Schwester tut das aus Überzeugug, nicht für ihren Mann!). Dies ist so, weil die Regierungsbeamten, sowie der Großteil der Bevölkerung, diese Art der Verschleierung als extrem betrachtet und wenig bis kaum Wissen darüber hat, dass es im Islam etwas angesehenes ist für Frauen (ohne Zwang). Frauen, die sich für diese Art der Bedeckung entscheiden, tun das meißtens freiwillig, um Allah´s Wohlgefallen zu erlangen. Dementsprechend müsste man sie dazu zwingen, wenn man sagt, sie sollen es nicht mehr tragen!

Selbst in Somalia ist es mir schon ein paarmal passiert, dass die Beamten verunsichert waren durch meine Gesichtsverschleierung. In solchen Momenten muss man einfah cool bleiben, erklären, und sein Gesicht einmal zeigen. Denn leider ziehen Terorristen und extreme Gruppen diese religiösen Dinge (genau so wie z.B. Bart zu tragen) durch ihre (Un-) Taten in den Dreck. Möge Allah uns alle rechtleiten.

Trotz solchen Erfahrungen und des weniger guten Gesundheitsystems: die Vorteile in solchen muslimischen Ländern überwiegen! Denn Erfahrungen dieser Art passieren wahrscheinlich nur manchmal, nicht jedoch im alltäglichen Leben. Während man in Deutschland nicht mehr in Ruhe aus dem Haus gehen kann, ohne beschimpft zu werden.

Ich hoffe, ihr habt wieder etwas dazu gelernt und neue Einsichten gewonnen. Gerne könnt ihr eure Gedanken und weitere Fragen dazu im Kommentarfeld hinterlassen.

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa