Wohltätigkeit verpackt in Würde

Soeben bin ich in Facebook auf eine Geschichte gestoßen, die mich sehr berührte. Es geht zum einen um das Verhältnis, wofür wir unser Geld ausgeben, und zum anderen geht es darum, wie man spendet, ohne die Person zu entwürdigen.

Ein sehr passendes Thema für diesen Blog also- schließlich ist Somalia (zu Recht) bekannt für seine Armut.

Nun lest selbst einmal die Geschichte, dessen Autor mir unbekannt ist:


Sie fragte ihn: „Für wieviel verkaufst du die Eier?“
Der alte Verkäufer antwortete: „Ein Ei kostet 0.25 Doller, Madame.“
Sie sagte zu ihm: „Ich werde 6 Eier für 1,25 Dollar nehmen oder ich werde gehen.“
Der alte Verkäufer antwortete: „Komm, nimm sie zum gewünschten Preis. Vielleicht ist das ein guter Anfang, weil ich heute noch kein einziges Ei verkaufen konnte. „

Sie nahm die Eier und ging davon, mit dem Gefühl, dass sie gewonnen hat. Sie stieg in ihr schickes Auto und ging mit ihrer Freundin in ein schickes Restaurant. Dort bestellten sie und ihre Freundin, was immer sie wollten. Sie assen ein wenig und liessen viel von dem, was sie bestellt hatten stehen. Dann verlangtens ei nach der Rechnung. Das Essen kostete sie 45,00 Dollar. Sie gab 50,00 Dollar und sagte dem Besitzer des Restaurants, er soll das Rückgeld behalten.

Dies mag für den Besitzer ziemlich normal gewesen sein, aber sehr schmerzhaft für den armen Eierverkäufer.

Der Punkt ist, warum zeigen wir immer, dass wir die Macht haben, wenn wir von den Bedürftigen kaufen?
Und warum werden wir grosszügig bei denen, die unsere Grosszügigkeit nicht brauchen?

Ich habe mal irgendwo gelesen:
»Mein Vater hat von armen Leuten einfache Waren zu hohen Preisen gekauft, obwohl er sie nicht brauchte. Manchmal bezahlte er sogar extra dafür. Ich war von dieser Tat betroffen und fragte ihn, warum er das mache? Dann antwortete mein Vater: „Es ist Wohltätigkeit verpackt in Würde mein Kind“

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In dieser Geschichte wird uns klargemacht, wie leicht es für uns doch ist, Geld für teilweise banale, überflüssige Dinge auszugeben. Nicht, dass Essen banal wäre. Doch auch da muss man ja mit der Masse nicht übertreiben, so dass die Hälfte weggeschmissen wird. Und dann noch jemandem großzügiges Trinkgeld geben, der es nicht sooo sehr braucht, wie jemand, der fast von nichts lebt. Was sind schon 3 Euro mehr oder weniger?! Außerdem steht man dann gut dar- in den Augen der Freunde und des Lieblingsrestaurants.

Andererseits wird dann beim armen Eiermann sehr darauf geachtet, dass man jaaa nicht zuviel ausgibt: man stellt sich zwar großzügig dar, indem man ihm die Eier für einen Euro mehr ausgibt, jedoch ist dieser eine Euro nichts im Vergleich zu den 3 Euro Trinkgeld, über die man kaum nachgedacht hat.

Zuletzt möchte ich noch etwas ansprechen, was mir hier in Somalia auch schon häufig aufgefallen ist: Wie in obiger Geschichte erwähnt wird, achtet ein Vater besonders auf die Würde der armen Person, indem Dinge kauft, die er eigentlich gar nicht benötigt, und das noch zu gutem Preis- anstatt einfach so Geld hinzustrecken. Somit fühlt die Person sich nicht erniedrigt und abgestempelt- nein, sie konnte ja auch etwas zurück geben! Wer mag es schon, bloß seine Hand auszustrecken und bemitleidet zu werden?

Wie auch im Islam überliefert wurde, ist es besser, seine Kräfte einzusetzen, als dass man sich vor anderen demütigt und bettelt:

Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Daß einer von euch sein Seil nimmt, damit ein Bündel Brennholz auf seinem Rücken herbeibringt und es verkauft, und Allah dadurch sein Antlitz (vor der Demütigung) bewahrt, ist besser für ihn, als wenn er die Menschen anbettelt, die ihm entweder etwas geben oder nichts geben!

[Sahih al-Buchari, Kapitel 24/Nr. 1471]

Dazu fällt mir direkt eine Begebenheit ein, die ich letztens in der Stadt erlebte: Ich sah einen Jungen, der nicht schlecht gekleidet war, auf dem Boden saß und Schuhe putzte. Ironischerweise auch noch vor einem der Luxusläden namens „Golden Hours“, in welches er die Schuhe nach der Reinigung brachte.

Da sagte ich unserer Großen Tochter, „Schau mal, dieser Junge- anstatt zur Schule zu gehen, muss er Schuhe putzen!“ Sie sollte ein Foto für mich machen. Daraufhin erwiderte sie: „Mama, das ist doch auch eine Arbeit!“ In dem Sinne von: besser als betteln! Das brachte mich zum Nachdenken.

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Der Junge, der sich sein Leben mit Schuhputzen verdient. In dem Milchpulver-Kanister sind seine Putzutensilien.

Nicht, dass ich vorher nicht schon solche Schuhputzer gesehen hätte- die gibt es zuhauf in Somalia. Jedoch überraschte mich seine gepflegte Kleidung, da solche Jungs eher ziemlich abgenutzte Kleidung und vom Staub benetzte Gesichter haben.

gebende Hand.jpgNatürlich wäre es für den Jungen besser, zur Schule gehen zu können. Jedoch ist es für ihn weniger demütigend, etwas zu tun, um sich seinen Unterhalt zu „verdienen“, als nur am Straßenrand zu sitzen und zu betteln.

Ich hoffe, diese Geschichte hat euch auch zum Nachdenken gebracht darüber, wie ihr euer Geld ausgebt und in welcher Weise ihr spendet.

In naher Zukunft plane ich, Geld zu sammeln für solche Fälle in shaa Allah (in einer angenehmen Art und Weise). Muss nur noch die Seite dafür einrichten.

Bis dahin,

Eure Khalisa

Abshir Dhoore oder: Somali’s lassen sich nicht unterkriegen!

Asalamu Alaikum und Hallo zusammen,

Heute wollen wir euch auf eine Reise in die Geschichte Somalias mitnehmen: in den Freiheitskampf der Somalischen Bevölkerung. Ihr fragt euch vielleicht, was das nun mit unserem Blog-Thema zu tun hat? Ganz einfach: Diese Geschichte eines Somalischen Helden stellt ein sehr gutes Beispiel dar für den Kampfgeist und Stolz dieses Volkes. Im Gegensatz zu anderen Afrikanischen Ländern, hatten sie sich nicht einfach ergeben oder kaufen lassen- nein, sie haben Widerstand geleistet, bis sie 1960 endlich die Unabhängigkeit erlangten! Rein zufällig (wobei es fuer uns keine Zufälle gibt!) ist diese bedeutende Person, um die es hier geht, der Urgrossvater von Fartun (maa shaa Allah).

Schon allein sein Anblick (siehe Foto weiter unten) sagt viel über ihn und seinesgleichen damals aus: mit einfachsten Mitteln ausgestattet, aber unheimlich zäh, stolz und mutig, mit einem ausgeprägten Freiheitsdrang. Zwar hat er die Unabhängigkeit Somalias´ nicht mehr erleben können, jedoch hatte er sein Bestes gegeben, Somalia nicht in Fremde Hände geben zu müssen. Möge Allah sich seiner Seele erbarmen und ihn mit dem Besten belohnen!

Ich selber habe über diesen Teil der Geschichte Somalia’s erst letzten Sommer (2017) erfahren. Nämlich, als ich mit meinen Eltern und Familie einen Kurztrip ans wunderschoene Eyl machte. Etwas außerhalb dieser Hafenstadt konnten wir eine Burgruine bestaunen- ein Überbleibsel der damaligen Freiheitsbewegung. 

Gut bewachte Burg

Es war ziemlich abenteuerlich, diese Burg zu besteigen. Man hatte jedoch so ein ehrvolles Gefül, einen historischen Platz betreten zu dürfen. Der Führer erzählte uns, dass damals sogar ein Pferd die mit Steinen gebauten Treppen hochgegangen sei (oben angelangt konnten wir sogar dessen Pflock-Ring sehen) . Gut, dann müssten wir das erst recht schaffen!

Von der Burg aus hatten wir gute Aussicht auf ein begrüntes Tal. Dort wurde uns ein anderes Haus gezeigt, was damals das Büro von der Somali Youth Ligue gewesen sein soll- eine andere Freiheitsbewegung. 

Das breitere Haus ganz hinten ist das Büro der Somali Youth Liga gewesen.

Zudem hatten wir auch gute Sicht auf einen auf einen gegenüber liegenden Berg, auf dem ein ander Stützpunkt steht, der mit „unserer“ Burg in Verbindung stand.

Ein Späher-Stützpunkt der Burg.

So, und nun laßt euch von Fartun auf eine kleine Zeitreise mitnehmen!

Die ungewöhnliche Geschichte meines  Urgroßvaters

Ich möchte euch heute ein wenig über meinen Urgroßvater Abshir Dhoore erzählen, der Großvater von meiner Mutter. Urgroßvater Abshir Dhoore ist am bekanntesten für die Schlacht um Beledweyne und als stellvertretender Kommandeur der berüchtigten Derwisch-Bewegung und Schwager von Siyad Mohammed Abdullah Hassan.

Urgroßvater Dhoore setzte jedoch noch lange nach dem Zusammenbruch der Derwisch-Bewegung im Jahre 1920 eine Rebellion gegen die Kolonialmächte fort. Er suchte zusammen mit einigen seiner Anhängern Zuflucht in Äthiopien. Auf Wunsch des Italieners Ras Tafari versprach Haile Selassie (Ehemaliger Kaiser von Äthiopien ) meinen Urgroßvater genau zu überwachen und ihn in Addis Abeba gefangen zu halten.

Kurz darauf floh er aus der äthiopischen Hauptstadt und bereitete sich in der sogenannten Schlacht von Beledweyne, unter Italienern besser bekannt als “La Battaglia di Belet-en” auf eine Rebellion gegen italienische Truppen vor. Urgroßvater Dhoore ist 1920 in der Schlacht gegen die italienischen Kolonialtruppen gefallen.

 

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Urgroßvater Abshir Dhoore. Ein Revolutionär und Patriot.

Ein paar geschichtliche Fakten über den Derwisch -Staat:

 

Der Derwisch-Staat (Somalisch: Dawlada Daraawiish), war ein somalisches muslimisches Königreich des frühen 20. Jahrhunderts. Es wurde von Siyad Mohammed Abdullah Hassan gegründet, einem religiösen Führer, der somalische Streitkräfte über das Horn von Afrika versammelte und sie zu Loyalisten wie den Derwischen vereinte.

 

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Statue von Siyad Mohammed Abdullah Hassan die in Mogadischu steht. Hassan lebte von (7. April 1856 – 21. Dezember 1920) er war ein somalischer religiöser und patriotischer Führer. Von den Briten als Mad Mullah bezeichnet, gründete er in Somalia den Derwisch-Staat, der die 20-jährige Somaliland-Kampagne gegen britische, italienische und äthiopische Streitkräfte bekämpfte.

Die Derwische ermöglichten es Hassan, einen mächtigen Staat durch die Eroberung von Ländern, die von den somalischen Sultanaten, dem äthiopischen Reich und europäischen Mächten beansprucht wurden, auszuarbeiten.

Der Derwisch-Staat wurde wegen seines Widerstands gegen die europäischen Imperien Großbritannien und Italien in der muslimischen Welt und den westlichen Welten bekannt. Die Derwisch-Truppen warfen das britische Empire in vier militärischen Expeditionen erfolgreich zurück und zwangen es zum Rückzug in die Küstenregion.

Fartuns Bild
Somalische Derwisch Soldaten kämpfen auf hoher See gegen die Briten

Aufgrund seiner Berühmtheit im Nahen Osten und in Europa wurde der Derwischstaat von den wichtigsten Mittelmächten, dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Reich, als Verbündeter anerkannt. Es ist auch gelungen, das “Scramble for Africa” ( Wettlauf um Afrika ) zu überleben und blieb während des Ersten Weltkriegs die einzige unabhängige muslimische Macht auf dem Kontinent. Nach einem Vierteljahrhundert, in dem die Briten in Schach gehalten wurden, wurden die Derwische 1920 schließlich besiegt. Der Widerstand des Somalischen Volkes war jedoch nie ganz vorbei, bis sie 1960 endlich ihre Unabhängigkeit bekamen.

Liebe Leser, Ich hoffe diese Kurzreise zurück in die Vergangenheit meines Urahnens hat euch etwas gefallen. Für mich sind solche Geschichten unglaublich spannend und zu wissen, dass dies alles geschehen ist vor meiner Zeit, macht sie noch Interessanter.

Mein Ur Opa und Gleichgesinnte leben weiter in unseren Geschichten und Erzählungen. Möge Allah ihrer Seele Frieden geben und uns im Jannah (Paradies) vereinen. Auf jeden Fall können wir Stolz auf unsere Väter, Großväter und Urgroßväter sein, und natürlich auch auf unsere Mütter und Grosmütter, sie alle kämpften für ihren und unseren heutigen Frieden.

 

Fartun

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Wüstenblume