13.Interview: Geballte Frauenpower in Ägypten

As salaamu alaikum und Hallo liebe Leser/innen,

Heute gibt es wieder ein außergewöhnliches Interview für euch, und zwar aus Ägypten. Jede Geschichte ist anders, deswegen lohnt es sich, mehr als nur eine Geschichte pro Hijrah-Land anzuschauen [Hijrah bedeutet Auswanderung]. Diesmal gibt es auch beinahe komplett neue Fragen, die sich u.a. auch auf den aktuellen Monat Ramadan beziehen.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Unsere heutige Protagonistin heißt Halima, sie ist deutsche Muslima und hat eine faszinierende Geschichte hinter sich: Nur eine Woche nach ihrem Ägypten-Urlaub entschloss sie sich, in Deutschland die Zelte abzubrechen, um als eine von vielen Muslima´s in Ägypten ihre neue Freiheit zu genießen. Sie gründete dort eine neue Familie, während sie ihre alte hinter sich lassen musste. Und aufgrund eines tragischen Zwischenfalls, machte sie aus der Not eine Tugend und startete ihre Karriere als Deutschlehrerin. Karriere deshalb, weil sie nicht bloß einfache Lehrerin wurde, sondern ganz verschiedene führende Positionen einnahm:

  • DaF- Deutschlehrerin für Kinder und Erwachsene,
  • Leiterin der Kinderabteilung,
  • Eventplanung und internationale Kommunikation,
  • private Sprachkurse,
  • Kursentwicklung und Initiation neuer Kursprogramme,
  • Leitung von Sprachförderungskursen und
  • Betreuerin von Lehrern in Ausbildung.
IMG-20180514-WA0022.jpg
Halima mit ihren erwachsenen Studenten

Darüber sagt sie selbst:

Ich liebe meinen Job sehr elhamdulillah, bin gerne Lehrerin. Früher hätte ich nie gedacht, mal Lehrerin zu werden, war damals nach meiner Ausbildung in allen möglichen Jobs, nur um nicht als Pädagogin arbeiten zu müssen, lol. Hab das damals nur meiner Mutter zu Liebe gelernt. Heute ist es mein Traumjob. Ich denke aber auch, dass das sehr daran liegt, dass Lehrer-sein hier in Ägypten ein sehr geschätzter und reservierter Beruf ist.

Das sie eine Powerfrau ist, sieht man auch an den Bildern, die sie mir zur Verfügung stellte: die Mehrzahl an Bildern zeigen sie entweder mit ihren geliebten Schülern, oder ihre Kinder, denen sie eine kreative Beschäftigung gibt. Diese Frau gönnt sich kaum eine Pause!

IMG-20180514-WA0021.jpg
Homeschooling mit ihren Kindern

Nun lasst euch also mitnehmen in eine andere Welt, die Welt von Halima!


1. Wohin und wann hast du die Hijrah vollzogen?

Ich bin 2010 Hals über Kopf nach Ägypten ausgewandert. Ich war zuvor 2 Wochen auf Urlaub hier und als ich wieder in Deutschland war, habe ich mich gefühlt, als würde ich nicht mehr dort hin gehören.

1 Woche später war ich wieder in Ägypten und bin bis heute nicht wieder in Deutschland gewesen.

IMG-20180514-WA0011.jpg
Damals noch mit Niqab

2. Hattet ihr euch lange darauf vorbereitet?

Nein, vorbereitet habe ich mich gar nicht wirklich.

Ich hatte einfach das Gefühl, khalas [fertig, arab.] – wenn du jetzt nicht gehst, wirst du nie als freie Muslimin leben!

IMG-20180514-WA0014.jpg

3. Wie alt waren deine Kinder und in was für eine Bildungsinstitution gehen sie?

Mein ältester Sohn aus erster Ehe war damals 4 und sollte eigentlich nach kommen. Leider kam es nie dazu und er lebt bei seinem Vater in Deutschland, ich hatte leider bis heute noch keine Möglichkeit, ihn wieder zu sehen,- eine lange Geschichte. Wir haben aber Kontakt elhamdulillah. Meine anderen Kinder habe ich hier in Ägypten bekommen. Mit meinem heutigen Mann habe ich elhamdulillah 3 Kinder (fast 7, fast 4 und 1,5 Jahre alt), eigentlich hätten wir 6, aber 3 sind verstorben. Khair in sha Allah…

IMG-20180514-WA0009.jpg
Halima mit ihren Kindern

Hier gehen die beiden Kleinen in einen Kindergarten, in dem sie ma sha Allah Englisch, Arabisch, Koran etc. lernen. Der Ältere geht sporadisch zur Schule. Er geht nur, wenn er Lust hat. Wir unterrichten unsere Kinder elhamdulillah hauptsächlich zu Hause. Zur Schule und Kita gehen sie nur wegen der Schulpflicht. Ansonsten nehme ich sie manchmal mit zur Arbeit.

4. Wie habt ihr die Eingewöhnungsphase überstanden?

Elhamdulillah sehr gut. Ägypten ist ein Land, in dem es noch Menschen gibt, die dich nicht aufgrund der Herkunft oder Religion in eine Schublade stecken.

Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit und freundlich. Mein Mann hat mir ma sha Allah auch viel geholfen.

5. Kannst du dich dort verständigen, hattest du sprachliche Vorkenntnisse?

Ich spreche elhamdulillah fließend englisch, was mir am Anfang sehr half. Mein Mann und ich sprechen bis heute Englisch miteinander, er spricht kein deutsch. Wir sprechen immer noch Englisch, obwohl ich mittlerweile fast fließend Arabisch spreche, wir haben uns einfach daran gewöhnt.

6. Bist du dort gut integriert?

Elhamdulillah, ja.
Ich arbeite extrem viel, seid mein Mann arbeitsunfähig ist. Meist um die 12- 16 Stunden täglich. Ich bin Deutschlehrerin und arbeite zudem in einer leitenden Position in einem ägyptisch- deutschen Kulturzentrum. Zusätzlich gebe ich private Unterrichte. Ich habe hier elhamdulillah allein schon durch meine Arbeit sehr viele Kontakte und gute Freunde.

IMG-20180514-WA0017.jpg

IMG-20180514-WA0019.jpg

IMG-20180514-WA0024.jpg

7. Was magst du besonders an Ägypten?

Besonders an Ägypten gefällt mir die Geräuschkulisse.

5 Mal täglich den Adhan zu hören, ist ein Geschenk Allahs. Als ich ihn das erste Mal hören dürfte, hat es mich so sehr berührt, das mir die Tränen kamen.Ich bin schon viele Jahre vor meiner Auswanderung konvertiert, hatte aber in Deutschland nie die Chance, den Adhan zu hören.

IMG-20180514-WA0028.jpg

Außerdem finde ich es total beeindruckend, dass Ägypter in der erstaunlichen Lage sind, wirklich alles zu reparieren. Egal was es ist, die kriegen echt alles wieder zum Laufen und das mit Methoden- ma sha Allah, da würden wir Deutschen im Leben nicht drauf kommen!

8. Was magst du nicht besonders?

Zum Thema Negatives ist hier vor allem ein riesiges Manko an Bildung und medizinischer Versorgung vorhanden. Die meisten Ägypter leben am Existenzminimum, die Schere zwischen arm und reich wird durch die steigende Inflation immer größer und das rasend schnell. Zudem sind die wenigsten hier krankenversichert, sodass ein Arztbesuch schnell richtig teuer werden kann. Damals, als meine Zwillingsmädchen nach dem Kaiserschnitt in Inkubatoren mussten, hat uns das in den wenigen Tagen ihres kurzen Lebens mehrere zehntausend Pfund gekostet. Zudem mussten wir enorme Anstrengungen aufbringen, um an Medikamente und Blutkonserven für sie zu kommen.

Hätten damals nicht deutsche Freunde finanziell geholfen, wären sie wahrscheinlich schon viel früher gestorben, Allahu 3lm [Allah weiß am besten].

IMG-20180514-WA0018.jpg

Zudem kosten Schulen hier extrem viel Geld und je nachdem wie viel man sich leisten kann, hängt es eben davon ab, welche Qualität man in der Schule geboten bekommt. Deutsche und amerikanische Schulen kosten mehrerer zehntausend Pfund im Jahr, was wir uns definitiv nicht leisten können, trotz meines vergleichsweise guten Gehalts. Die Schule, auf die mein Sohn geht, kostet uns etwa 2000 Pfund im Jahr, die Kita den selben Betrag monatlich. Die Kita ist ma sha Allah für eine ägyptische sehr gut und sauber und die Lehrer, auch wenn sie nicht ausgebildet sind, geben sich die allergrößte Mühe. In der Schule meines Sohnes ist das anders.

In staatlichen Schulen sind die Klassen oft um die 40 bis sogar 60 Kinder stark mit nur einer Lehrerin, die oft nichts vom Lehren versteht. Auch sind viele ägyptische Lehrer sehr streng und Züchtigung gehört vereinzelt noch zum Lehrplan.

Es gibt hier eine gemeinnützige Organisation, in der auch eine liebe Kollegin und Freundin aktiv ist, die versucht durch Aufklärung und Seminare, die ägyptischen Lehrer zu trainieren und ihnen andere Methoden beizubringen. Leider hat sich durch Traditionen und westliche Einflüsse das Weltbild an den Schulen hier teilweise verändert. Khair in sha Allah, einer der Gründe warum wir unsere Kids überwiegend zu Hause unterrichten. Elhamdulillah wird aber in allen Schulen Koran unterrichtet, sogar in den deutschen, außer den Christlichen Schulen natürlich.

Was ich außerdem schade finde ist, dass es leider aufgrund der steigenden Armut hier immer mal wieder vorkommen kann, dass jemand versucht einen übers Ohr zu hauen. Mein schlimmstes Erlebnis hier war zur Zeit des Militär-putsches. Damals trug ich noch Niqab, heute „nur noch“ Hijab. Damals waren meine Kleinen noch nicht geboren. Nur mein Sohn, der hier der Älteste ist. Ich wurde damals von einem älteren Herrn auf der Straße belästigt und beleidigt, er ging sogar mit seinen Schuhen auf mich los.

Damals hatten manche Ägypter Angst vor Ausländern und glaubten, dass Ausländer den Terrorismus unterstützen würden, Da trotz Niqab nicht zu verbergen war, dass ich Ausländerin bin, da mein Sohn schon damals sehr gut deutsch sprach und mich somit immer wieder „verriet“, wurde ich leider Opfer dieses Herrn.

IMG-20180514-WA0029.jpg

Elhamdulillah ist es glimpflich angegangen.

9. Fürst du dort ein selbstbestimmtes Leben? Was bedeutet das für dich?

Elhamdulillah mittlerweile haben wir es etwas besser, wenn es auch schwer ist. Uns geht es aber bei weitem besser, als vielen anderen. Ich finanziere unser komplettes Leben, während mein Mann sich um unsere Wohnung und die Kids kümmert, wenn ich arbeite. Nach der Arbeit und an freien Tagen übernehme dann ich.

10. Wie sieht der Ramadan in Egypten aus? Was macht ihn speziell? Tust du in der Zeit arbeiten? Sind die Schulen geöffnet? Erzähl mal ein bisschen!

Ich mag den Ramadan hier sehr. Wir besuchen Familie und Freunde, gehen extra viel in die Moschee etc.

Ich liebe diese Zeit, in der alle versuchen, Allah so nah wie möglich zu kommen und jeder versucht, sein bestes zu tun. Ich arbeite auch in dieser Zeit, aber elhamdulillah meist etwas später, sodass man sich mehr auf seinen Deen [Religion] konzentrieren kann.

Die Schulen sind in diesem Monat geschlossen. So oder so sind die Sommerferien hier sehr lang. In der Schule meines Sohnes zum Beispiel bis zu 4 Monate lang (Er geht auf eine ägyptische Volksschule, wenn auch nur sporadisch, wegen dem Nachweis). Die Kitas arbeiten normal, schließen aber meist früher, damit alle pünktlich zum Iftar zu Hause sind.

IMG-20180518-WA0003.jpg
Eine der zahlreichen dekorierten Nebenstraßen Kairo´s

11. Würdest du dort gerne alt werden?

Ich hoffe, dass ich hier meine Augen an meinem letzten Tag in dieser Dunja schließen darf in sha Allah. Ich möchte zwischen Muslimen sein, wenn ich sterbe in sha Allah.

12. Kannst du Ägypten als Auswanderungsland empfehlen? Wenn ja, wieso?

Ja, definitiv. Das Leben hier ist zwar für einige sehr hart, wie für uns auch, dennoch gibt es nicht besseres, als sich in der Ummah zu wissen.

Zu wissen, dass deine Kinder den Islam von Anfang an lernen, sie zu hören, wenn sie nebenan in der Moschee den Koran rezitieren, ma sha Allah. Als motivierte Muslimin in Deutschland hatte ich es oft sehr schwer, hier fragt dich niemand danach, ob und warum du Muslimin bist. Hier akzeptiert man die Menschen, wie sie sind elhamdulillah.

IMG-20180514-WA0013.jpg

13. Welchen Ratschlag hast du für diejenigen, die auch vom Auswandern träumen?

Traut euch. Denkt nicht all zu lange darüber nach. Allah versorgt einen, egal wo man ist elhamdulillah. Wenn man auf Allah vertraut, wovor soll man dann Angst haben?

Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens, auch wenn sie sehr schnell kam. Ich bereue es keine Sekunde elhamdulillah

IMG-20180514-WA0020.jpg


Vielen Dank und baarakaLlahu feeki für deine Interview-Teilnahme, liebe Halima. Möge Allah dich und deine Familie reichlich belohnen für all eure Bemühungen auf Seinem Weg, und möge Er euch eure Situation immens erleichtern!

Liebe Leser/innen, ich denke, ihr seid genauso beeindruckt wie ich von dieser Geschichte. Vor allem zu sehen, wie diese Familie trotz eines Schicksalsschlags zusammen hält und „mal eben so“ die Rollen tauscht (Frau arbeitet, Mann kümmert sich um Kinder), ist wirklich beispielhaft und verdient größten Respekt! Ich hoffe, dass es viele zum Nachdenken anregt. Denn wenn eine Frau sogar ihre Familie im Ausland ernähren kann- wieso dann nicht auch andere?

Allen Muslimen wünsche ich noch einen gesegneten Ramadan, und allen anderen ebenso eine schöne Zeit. Likes, Kommentare, etc. herzlich Willkommen 🙂

Liebe Grüße,

Eure Khalisa

Werbeanzeigen

10.Interview: Ägypten als Sprungbrett

As salaamu alaikum und Hey liebe Leser/innen,

Schon ist wieder eine Woche herum und so steht das nächste Interview vor der Tür, bzw. vor eurer Nase 🙂 Im heutigen Interview geht es wieder um eine beeindruckende Geschichte einer Deutschen Muslima, die den Schritt der Hijrah, also Auswanderung, gewagt hat: und zwar in das geschichts-trächtige Ägypten! Besagte Person heißt Maryam und kommt sogar aus der gleichen Ruhrgebiets-Stadt wie ich- trotzdem haben wir es immer hingekriegt, uns gerade eben so zu verpassen! Das erste Mal, als andere mir von ihr „vorschwärmten“, war nachdem ich gerade aus Somalia in Deutschland ankam. Da war Maryam einen Tag zuvor nach Ägypten gereist. Ein anderes mal hätte ich die Chance gehabt, sie bei ihrer Abschiedsfeier zu sehen, doch kam mir da irgendetwas dazwischen. Dabei wollte ich sie so gern kennenlernen, da sie u.a. auch Still- und Trageberaterin ist und natürlich eine interessante Persönlichkeit ist! Naja, dafür gibt es ja inzwischen die Social Media- man kann in Verbindung miteinander treten, ganz gleich in welcher Ecke (oder welchem Horn) man lebt!

Dass Maryam ausgerechnet in Ägypten gelandet ist, obwohl sie Deutsche und ihr Mann Marokkaner ist, und warum ihre Tochter ausgerechnet auf eine Amerikanische Schule geht, erfahrt ihr jetzt im folgenden Interview!


Salamu aleikum wa rahmatullahi wa barakatuh,

Ich bin Maryam, und lebe in der Nähe von Kairo.

Dass wir ausgerechnet in Ägypten gelandet sind, ist Qadr [Bestimmung Allah’s, Anm.d.R.]… Denn mein Mann ist Marokkaner und ich Deutsche und eigentlich wäre eine Hijrah nach Marokko das Naheliegendste.

Aber unser Aufenthalt in Ägypten wird mit Allahs Erlaubnis nur unser Sprungbrett sein und wir werden in shaa Allah irgendwann in Marokko landen.

Frage 1: Wohin bist du ausgewandert und wann?

Ich bin mit meinem Mann und meiner Tochter nach Ägypten ausgewandert, das war Anfang 2013 alhamdulillah.

kairo2

Frage 2: Warum hast du dir ausgerechnet dieses Land ausgesucht?

Wir sind in Ägypten gelandet durch Allahs Vorherbestimmung. Wir wollten weg aus Deutschland in ein arabisches Land und mein Mann hatte sich in verschiedenen arabischen Ländern beworben. In Ägypten hat es letztendlich geklappt, alhamdulillah.

Frage 3: Was waren deine Beweggründe für die Hijrah?

Das Wichtigste ist natürlich, die Absicht zu haben, die Hijrah für Allah zu vollziehen. Daraus ergibt sich dann der Wunsch, die Hijrah zu vollziehen, um in einem islamischen Umfeld zu leben. Dort, wo man den Islam wirklich ausleben kann, wo man sich nicht ständig für seine islamische Kleidung rechtfertigen muss, wo unsere Tochter den Islam auch außerhalb unserer Familie sieht, wo man wirklich frei sein kann als Muslim.

kairo6
Geht die eine Tür zu, geht eine andere auf 🙂

Außerdem hat sich mein Mann nie wirklich wohl gefühlt in Deutschland und er wollte auch nicht, dass unsere Tochter dort aufwächst.

Frage 4: Was schätzt du besonders an Ägypten?

Ich finde, was das Land ausmacht, ist seine vielfältige Geschichte!

kairo10.jpg

Frage 5: Gibt es etwas, was du dort besonders vermisst?

Ich vermisse die Schwestern, mit denen ich mich immer getroffen habe und ich vermisse es, Spaziergänge zu machen, in Parks zu gehen, mit meiner Tochter auf den Spielplatz. Leider gibt es hier, wo wir leben, keine öffentlichen Parks. Entweder muss man in einem Compound (das ist ein abgesichertes Wohngebiet, in dem meist nur reiche Leute leben) wohnen, dort gibt es Grünflächen oder Grünanlagen oder man muss eine Mitgliedschaft in einem der vielen Clubs haben, was aber auch sehr teuer ist.

Frage 6: Hattest du finanzielle Rücklagen als du ausgewandert bist?

Wir hatten so gut wie keine finanziellen Rücklagen, nur die Einnahmen aus unserer Haushaltsauflösung in Deutschland. Was dann dazu führte, dass mein Mann erstmal alleine nach Ägypten ging, um einiges vorzubereiten, wie eine geeignete Wohnung finden, die Wohnung mit dem nötigsten einzurichten, usw.

Frage 7: Hattest du vorab ausreichend Sprachkenntnisse?

Ich konnte so gut wie gar kein Arabisch, außer den Buchstaben und ein paar Wörtern.

Ich habe dann die Chance genutzt und hier in Ägypten einen Sprachkurs besucht, habe da aber die arabische Hochsprache gelernt und nicht den ägyptischen Dialekt. Das alltägliche Leben kann ich damit hier meistern alhamdulillah- also einkaufen gehen, ein Taxi nehmen und dem Fahrer den Weg erklären, usw. Nur bin ich immer noch nicht so weit, um wirkliche Gespräche in Arabisch zu führen. Alhamdulillah habe ich meinen Mann, der alles Wichtige erledigt.

Frage 8: Seid ihr dort krankenversichert?

Nur mein Mann ist krankenversichert durch die Arbeit, aber nur bis zu einem bestimmten Betrag.

Frage 9: Wie hat deine Familie auf deine Auswanderung reagiert?

Es war schwer für sie, da meine Eltern schon sehr alt waren und sie haben auch nie wirklich verstanden, warum wir in ein arabisches Land ziehen wollten. Aber da ich schon lange vorher in einem anderen Teil von Deutschland gelebt habe, war es kein Riesenschritt mehr für sie und letztendlich muss ich mein Leben leben und meine Entscheidungen treffen mit meinem Ehemann.

kairo5

Heute, etwa 5 Jahre später, ist es immer noch schwer für meine Mutter, dass ich sie nur einmal im Jahr besuchen kann, aber ich telefoniere oft mit ihr.

Frage 10: War ein Visum für Ägypten notwendig?

Bevor man nach Ägypten reist, braucht man kein Visum zu beantragen, wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Man kann ein Touristenvisum bei Ankunft am Flughafen erwerben, das gilt dann aber nur 28 Tage. Wenn das Visum abgelaufen ist, und man beispielsweise nach 6 Monaten wieder ins Ausland verreist, muss man am Flughafen eine Strafe zahlen.

kairo7

Ein längeres Visum kann man bei den entsprechenden Behörden in Ägypten beantragen. Am einfachsten ist es wenn man ein Kind hat, das in den Kindergarten, zur Vorschule oder Schule in Ägypten geht. Dann bekommt man immer Aufenthalt für das laufende Schuljahr. Oder der Arbeitgeber regelt es mit den Visa.

Frage 11: Hat dein Ehemann oder du eine Arbeitsstelle vor Ort, oder wie wird euer Lebensunterhalt gesichert?

Ja, mein Mann hat hier eine Arbeitsstelle und verdient unseren Lebensunterhalt alhamdulillah. Ab und zu gebe ich Deutsch-Nachhilfe.

Frage 12: Wie sieht es mit sozialen Kontakten aus. Hast du dort Kontakt zu anderen Konvertierten?

Ja alhamdulillah. Haben hier eine kleine Gruppe von konvertierten Schwestern aus allen Teilen Europas (Polen, Belgien, Finnland, Rumänien, früher waren noch Schwestern dabei aus Spanien, Ungarn und den Niederlanden) MashaAllah. Mit einem Teil treffen wir uns einmal pro Woche zum Quranunterricht und die anderen kommen dann dazu, wenn wir uns im Club treffen oder uns einmal im Jahr eine Villa mit Pool mieten für einen Tag und mit unseren Kindern schwimmen und planschen gehen.

kairo9

Frage 13: Kannst du dir vorstellen, bis ins hohe Alter dort zu bleiben?

Nein, das möchten wir nicht und das war auch nie unser Ziel. Das heißt aber nicht, dass wir nach Deutschland zurück wollen. Ganz im Gegenteil, wir möchten weiterhin in einem arabischen Land leben, aber eben nicht für immer in Ägypten.

Ägypten war für uns von Anfang an ein Sprungbrett, um aus Deutschland wegzukommen. Aber wir werden sehen, welche Pläne Allah für uns bereit hält.

Frage 14: Wie alt waren deine Kinder bei der Auswanderung?

Meine Tochter war damals 3 Jahre alt.

Frage 15: Welche Schule besuchen deine Kinder dort?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten in Ägypten, was die Schulen angeht alhamdulillah. Wir haben uns für eine private Amerikanische Internationale Schule entschieden aus verschiedenen Gründen.

Zum einen, weil unsere Tochter kein Arabisch konnte als wir Hijrah gemacht haben und bis heute nicht so gut arabisch kann, um in einer arabischsprachigen Schule dem Unterricht zu folgen. Dann kommt noch dazu, dass es sehr große Unterschiede in der Bildung gibt. Es kommen auch nur private Schulen in Frage für Nichtägypter. Also gibt es noch zwei Möglichkeiten, eine nationale Schule (mit ägyptischen Lehrplan und teils Unterricht auf Arabisch oder Englisch) oder eine internationale Schule (mit dem Lehrplan des jeweiligen Landes). Es gibt auch islamische Schulen, aber diese unterrichten meist nur auf Arabisch.

Am Ende blieb dann die Wahl zwischen einer deutschen Schule oder einer englischsprachigen. Und auch in den internationalen Schulen steht Arabisch und islamischer Religionsunterricht (in arabischer Sprache) auf dem Stundenplan.

Frage 15a) Und warum habt ihr euch letztendlich für die Amerikanische anstatt die Deutsche Internationale Schule entschieden?

Zum einen weil wir wollten, dass sie sehr gut Englisch kann, zum anderen weil es in der amerikanischen Schule ab vier Jahren die Vorschule gibt und die Kinder da schon Buchstaben lernen, erstes lesen und schreiben und Rechnen und auch schon das arabische Alphabet. Die fangen mit den Kindern hier sogar noch früher an, das zu lernen MashaAllah. Meine Tochter ging zuerst in einen ägyptischen Kindergarten und da haben sie schon angefangen, den Kindern die Buchstaben auf Englisch und arabisch beizubringen.
In der deutschen schule fangen sie erst in der 1. Klasse damit an.
Es gab aber noch andere Gründe, z.B.: Wenn wir doch irgendwann die Möglichkeit haben nach Marokko zu gehen in shaa Allah, dort gibt es keine deutsche Schule… Aber englischsprachige Schulen gibt es überall!

Frage 16: Dein bestes Erlebnis im Ausland:

Das Beste ist natürlich, dass man jeden Tag 5 Mal den Adhan hört.

Kairo3

Aber es gibt viele schöne Situationen, die ich hier erlebt habe alhamdulillah.

Wir leben hier in einer Nachbarschaft, wo man viele Leute kennt, sich begrüßt, wenn man an ihnen vorbeigeht alhamdulillah. Und wir leben in einem Haus mit nur 5 Parteien und davon sind nur wir und noch eine Partei Mieter. Somit kann man sagen, wir leben im Haus der Vermieterin und ihrer Familie. Und haben ein sehr gutes und persönliches Verhältnis mit ihnen, es ist fast wie eine Ersatzfamilie alhamdulillah. Ich kann meine Tochter mal bei meiner Vermieterin abgeben oder bei einer ihrer Schwiegertöchter, wenn ich was alleine mit meinem Mann erledigen muss, andersherum bringen sie ihre Kinder auch mal zu mir zum Aufpassen, wir besuchen uns gegenseitig und essen im Ramadan manchmal Iftar [Fastenbrechen; Anm.d.R.] zusammen, gehen gemeinsam zum Eidgebet [Festgebet], usw.

Hier merkt man, was Nachbarschaft bedeutet im Islam.

Ein Highlight war auch unsere Reise in den Süden Ägyptens nach Assuan. Mal zu sehen, dass es neben dem hektischen, lauten, vollem und leider auch sehr schmutzigen Kairo, Orte gibt, die anders sind. Wo der Nil noch sauber ist, wo es Natur gibt und keine Hektik.

kairo4

Was ich an Ägypten auch mag, dass man hier eine sehr weitreichende Geschichte sehen kann und Orte besuchen kann, die geschichtlich interessant sind, nicht nur die pharaonische Geschichte, sondern auch islamische Geschichte.

kairo8

Kairo1

Frage 17: Dein schlimmstes/eindrücklichstes Erlebnis:

Ein wirklich schlimmes Erlebnis habe ich nicht, dennoch hat Ägypten auch negative Seiten mit denen man zurechtkommen muss, wenn man hier lebt.

Da ist der Straßenverkehr, der nicht geordnet ist, wie man es von Deutschland her kennt und man ist sowohl als Fußgänger als auch als Autofahrer oder Insasse in Bussen ständig Gefahren ausgesetzt, was die Ägypter nicht weiter stört, da für sie sowie alles Qadr (Schiksal) ist und man den Unfall nicht vermeiden konnte. Wenn man kein eignes Auto hat und die „öffentlichen“ Transportmittel wie Metro, Microbus und Bus nutzen möchte, sollte man sich darauf einstellen, dass es da auch oft sehr hektisch zu geht und auch nicht so genau auf die Fahrkünste des Busfahrers achten oder welchem Verkehrsunfall man um Haaresbreite gerade entkommen ist, zudem sollte man den Berufsverkehr in Kairo möglichst aus dem Weg gehen.

Ein weiteres großes Problem ist der Müll, der einfach überall rumliegt und auch von Müllbehältern auf der Straße hat hier noch niemand was gehört.

Auch dieses „Komme ich heute nicht, komme ich morgen“- Prinzip ist hier weit verbreitet, genauso wie Unpünktlichkeit, was mich als Deutsche manchmal ziemlich aufregt, obwohl ich es schon gewohnt sein sollte.

Man muss hier einfach vieles mit Humor nehmen und viel Geduld haben.

Abschlussfrage: Welchen Ratschlag hast du für deine Geschwister, die auch Hijrah machen möchten?

Am wichtigsten ist das Vertrauen auf Allah und eine reine Absicht. Denn Allah erleichtert so vieles alhamdulillah. Man braucht aber auch Geduld und sollte wissen, dass am Anfang vielleicht nicht alles so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Es braucht ein wenig Zeit sich einzuleben und zurechtzukommen in einem fremden Land.

Eine gewisse finanzielle Sicherheit erleichtert es natürlich und auch dass man sich vorher über das Land informiert, dass man Kontakt zu anderen Schwestern sucht, die Hijrah in dieses Land gemacht haben und somit jemanden dort hat, der sich schon auskennt und helfen kann. Alhamdulillah ist dies alles durch Internet und Soziale Medien machbar.

Kairo


Vielen lieben Dank für deine tiefen Einblicke über deine Auswanderung, liebe Maryam! Möge Allah dich und deine Familie reichlich für eure Aufopferungen belohnen und euch in dem Land alt werden lassen, welches khair (gut) für euch ist!

Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich dieses Interview um ein paar Fragen erweitert, da es einfach noch einen individuelleren und Detail reicheren Eindruck vermittelt. Schließlich sollt ihr ja auch so viel wie möglich von diesem Land und der Auswanderung dorthin mitnehmen!

So konntet ihr diesesmal deutlich sehen, dass die Auswanderung nicht nur Schockoladen-Seiten hat. Nein, ganz und garnicht! Man opfert auch ganz schön etwas auf (Freunde, Hobbies, etc.), toleriert aufeinmal Dinge, die einen eigentlich zur Weißglut bringen könnten (Chaos, Unpünktlichkeit, u.a.). Denn wenn man einmal den Entschluss zur Auswanderung gefasst hat, möchte und sollte man nicht gleich bei der ersten Hürde wieder die Koffer packen!

kairo7

In diesem Sinne gebührt Auswanderern unser größter Respekt. Mögen sie weiterhin standhaft, geduldig und humorvoll bleiben!

Wenn euch das Interview gefallen hat, hinterlasst ruhig ein Like, einen Kommentar oder teilt es mit denjenigen, die es ebenfalls interessieren und inspirieren könnte!

Thanks so much,

Eure Khalisa von den Germali´s