Abshir Dhoore oder: Somali’s lassen sich nicht unterkriegen!

Asalamu Alaikum und Hallo zusammen,

Heute wollen wir euch auf eine Reise in die Geschichte Somalias mitnehmen: in den Freiheitskampf der Somalischen Bevölkerung. Ihr fragt euch vielleicht, was das nun mit unserem Blog-Thema zu tun hat? Ganz einfach: Diese Geschichte eines Somalischen Helden stellt ein sehr gutes Beispiel dar für den Kampfgeist und Stolz dieses Volkes. Im Gegensatz zu anderen Afrikanischen Ländern, hatten sie sich nicht einfach ergeben oder kaufen lassen- nein, sie haben Widerstand geleistet, bis sie 1960 endlich die Unabhängigkeit erlangten! Rein zufällig (wobei es fuer uns keine Zufälle gibt!) ist diese bedeutende Person, um die es hier geht, der Urgrossvater von Fartun (maa shaa Allah).

Schon allein sein Anblick (siehe Foto weiter unten) sagt viel über ihn und seinesgleichen damals aus: mit einfachsten Mitteln ausgestattet, aber unheimlich zäh, stolz und mutig, mit einem ausgeprägten Freiheitsdrang. Zwar hat er die Unabhängigkeit Somalias´ nicht mehr erleben können, jedoch hatte er sein Bestes gegeben, Somalia nicht in Fremde Hände geben zu müssen. Möge Allah sich seiner Seele erbarmen und ihn mit dem Besten belohnen!

Ich selber habe über diesen Teil der Geschichte Somalia’s erst letzten Sommer (2017) erfahren. Nämlich, als ich mit meinen Eltern und Familie einen Kurztrip ans wunderschoene Eyl machte. Etwas außerhalb dieser Hafenstadt konnten wir eine Burgruine bestaunen- ein Überbleibsel der damaligen Freiheitsbewegung. 

Gut bewachte Burg

Es war ziemlich abenteuerlich, diese Burg zu besteigen. Man hatte jedoch so ein ehrvolles Gefül, einen historischen Platz betreten zu dürfen. Der Führer erzählte uns, dass damals sogar ein Pferd die mit Steinen gebauten Treppen hochgegangen sei (oben angelangt konnten wir sogar dessen Pflock-Ring sehen) . Gut, dann müssten wir das erst recht schaffen!

Von der Burg aus hatten wir gute Aussicht auf ein begrüntes Tal. Dort wurde uns ein anderes Haus gezeigt, was damals das Büro von der Somali Youth Ligue gewesen sein soll- eine andere Freiheitsbewegung. 

Das breitere Haus ganz hinten ist das Büro der Somali Youth Liga gewesen.

Zudem hatten wir auch gute Sicht auf einen auf einen gegenüber liegenden Berg, auf dem ein ander Stützpunkt steht, der mit „unserer“ Burg in Verbindung stand.

Ein Späher-Stützpunkt der Burg.

So, und nun laßt euch von Fartun auf eine kleine Zeitreise mitnehmen!

Die ungewöhnliche Geschichte meines  Urgroßvaters

Ich möchte euch heute ein wenig über meinen Urgroßvater Abshir Dhoore erzählen, der Großvater von meiner Mutter. Urgroßvater Abshir Dhoore ist am bekanntesten für die Schlacht um Beledweyne und als stellvertretender Kommandeur der berüchtigten Derwisch-Bewegung und Schwager von Siyad Mohammed Abdullah Hassan.

Urgroßvater Dhoore setzte jedoch noch lange nach dem Zusammenbruch der Derwisch-Bewegung im Jahre 1920 eine Rebellion gegen die Kolonialmächte fort. Er suchte zusammen mit einigen seiner Anhängern Zuflucht in Äthiopien. Auf Wunsch des Italieners Ras Tafari versprach Haile Selassie (Ehemaliger Kaiser von Äthiopien ) meinen Urgroßvater genau zu überwachen und ihn in Addis Abeba gefangen zu halten.

Kurz darauf floh er aus der äthiopischen Hauptstadt und bereitete sich in der sogenannten Schlacht von Beledweyne, unter Italienern besser bekannt als “La Battaglia di Belet-en” auf eine Rebellion gegen italienische Truppen vor. Urgroßvater Dhoore ist 1920 in der Schlacht gegen die italienischen Kolonialtruppen gefallen.

 

Unknown.jpeg

images.jpeg
Urgroßvater Abshir Dhoore. Ein Revolutionär und Patriot.

Ein paar geschichtliche Fakten über den Derwisch -Staat:

 

Der Derwisch-Staat (Somalisch: Dawlada Daraawiish), war ein somalisches muslimisches Königreich des frühen 20. Jahrhunderts. Es wurde von Siyad Mohammed Abdullah Hassan gegründet, einem religiösen Führer, der somalische Streitkräfte über das Horn von Afrika versammelte und sie zu Loyalisten wie den Derwischen vereinte.

 

Sayyid_Mohammed_Abdullah_Hassan
Statue von Siyad Mohammed Abdullah Hassan die in Mogadischu steht. Hassan lebte von (7. April 1856 – 21. Dezember 1920) er war ein somalischer religiöser und patriotischer Führer. Von den Briten als Mad Mullah bezeichnet, gründete er in Somalia den Derwisch-Staat, der die 20-jährige Somaliland-Kampagne gegen britische, italienische und äthiopische Streitkräfte bekämpfte.

Die Derwische ermöglichten es Hassan, einen mächtigen Staat durch die Eroberung von Ländern, die von den somalischen Sultanaten, dem äthiopischen Reich und europäischen Mächten beansprucht wurden, auszuarbeiten.

Der Derwisch-Staat wurde wegen seines Widerstands gegen die europäischen Imperien Großbritannien und Italien in der muslimischen Welt und den westlichen Welten bekannt. Die Derwisch-Truppen warfen das britische Empire in vier militärischen Expeditionen erfolgreich zurück und zwangen es zum Rückzug in die Küstenregion.

Fartuns Bild
Somalische Derwisch Soldaten kämpfen auf hoher See gegen die Briten

Aufgrund seiner Berühmtheit im Nahen Osten und in Europa wurde der Derwischstaat von den wichtigsten Mittelmächten, dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Reich, als Verbündeter anerkannt. Es ist auch gelungen, das “Scramble for Africa” ( Wettlauf um Afrika ) zu überleben und blieb während des Ersten Weltkriegs die einzige unabhängige muslimische Macht auf dem Kontinent. Nach einem Vierteljahrhundert, in dem die Briten in Schach gehalten wurden, wurden die Derwische 1920 schließlich besiegt. Der Widerstand des Somalischen Volkes war jedoch nie ganz vorbei, bis sie 1960 endlich ihre Unabhängigkeit bekamen.

Liebe Leser, Ich hoffe diese Kurzreise zurück in die Vergangenheit meines Urahnens hat euch etwas gefallen. Für mich sind solche Geschichten unglaublich spannend und zu wissen, dass dies alles geschehen ist vor meiner Zeit, macht sie noch Interessanter.

Mein Ur Opa und Gleichgesinnte leben weiter in unseren Geschichten und Erzählungen. Möge Allah ihrer Seele Frieden geben und uns im Jannah (Paradies) vereinen. Auf jeden Fall können wir Stolz auf unsere Väter, Großväter und Urgroßväter sein, und natürlich auch auf unsere Mütter und Grosmütter, sie alle kämpften für ihren und unseren heutigen Frieden.

 

Fartun

wuestenblume-c84dc364-e187-42e8-b229-a717bde6d801
Wüstenblume

 

 

 

 

Von Bern (Schweiz) nach Garowe (Somalia)

As salaamu alaikum wa Rahmatullahi wa Barakatuh und Hallo allesamt,

Heute habe ich die Ehre, euch unseren ersten Gastbeitragvon der lieben Fartun vorzustellen. Sie ist zwar keine „Germali“, aber so jemand ähnliches: denn sie ist Somalischen Ursprungs, jedoch in der Schweiz aufgewachsen. Also quasi eine „Swissmali“!

Im Sommer 2016 habe ich sie kennengelernt, als wir meinen Eltern die Solarenergie-Anlage Garowes zeigten. Da ihr Mann Teilhaber dieser ist, führte er uns herum, Fartun war ebenfalls dabei. Sofort auf den ersten Blick oder eher gesagt „Small Talk“ war das Eis geschmolzen, denn meine Mutter ist ebenfalls aus der Schweiz! Okay, jetzt wird es etwas gemixt mit den verschiedenen Nationalitäten– aber so ist halt die Welt heutzutage: multikulturell (alhamduliLlah)!

Daraufhin folgten einige Treffen, sogar mit ihrer Mutter (ebenfalls eine Swissmali) und meinen Eltern, die wir sehr genossen, da wir als „halbe Ausländer“ bzw. von außen kommend, auf einer Wellenlänge waren. Leider verließ sie im Herbst das Land, doch sie wird ja wiederkommen (in shaa Allah). Es ist mir eine riesige Freude, euch einen Ausschnitt aus ihrer Geschichte zu zeigen. Möge Allah sie reichlich belohnen! Nun macht euch selbst einen Eindruck davon, wie sie ihre eigentliche Heimat wahrnahm!

Bismilahi Rahmani- Rahim.

Meine große Reise mit dem längsten Aufenthalt in Somalia, begann im Juni 2016. In mir brodelte es, ich war glücklich, zu meinen Wurzeln zurück zu kehren, aber hatte auch Respekt davor.

Es ging also los, mein Ziel war Garowe in Puntland. Mein Mann erwartete mich in Hargeisa, dann fuhren wir mit dem Auto weiter nach Garowe.

Die ersten Tage waren sehr intensiv. Alles war neu für mich, dass erste was ich machte war Einkaufen auf dem Markt/Inji. Das war eine Sache für sich. Die Frauen dort wirkten für mich so stark und lebendig. Ihr Blick war direkt, stolz und auch einschüchternd.

Unknown-1
Haweenka ku ganacsada Suuqa hilibka iyo qudaarta magaalada Garowe ee loo yaqaan Inji. Die Frauen vom Fleisch und Gemüse Markt Inji in Garowe.

Auf dem Markt merkte ich, dass ich mit Freundlichkeit und Höflichkeit nicht weit kommen werde. Im Gegenteil, wenn man zu nett ist, wird es ausgenutzt und als Schwäche angesehen. Das musste ich lernen, denn als Somali Schweizerin war ich in dieser Hinsicht mehr die neutrale liebe Schweizerin. Aber in mir war auch die Somalierin, ich musste sie nur suchen und finden.

Nach ein paar Wochen habe ich mich gut eingelebt. Da mein Mann tagsüber Arbeiten war, ging ich oft zu Verwandten und verbrachte Zeit mit meinen Cousins. Um die Zeit alleine zu überbrücken, bekam ich ein lebendiges Geschenk von meinem Mann. Tiere sind etwas wunderbares, Subhanallah! Dieser kleine Kater war eine grosse Stütze, Al Hamdulilah.

IMG_9347
Kater Sucdi

Was mir auch sehr viel Freude machte, war die endlose Weite, die man in Somalia hat. Das war sehr eindrücklich. Da ich einen kleinen „grünen Daumen“ habe, gingen wir die Felder für Gemüse Bepflanzungen anschauen. Da konnte ich auch gleich als Ackerbau Assistentin mit helfen.

IMG_7723
Masha Allah
IMG_7734
Ich und der Acker
IMG_7717
Masha Allah: eine somalische Limone

Die Gastfreundschaft von meinen Landsleuten war unglaublich, ich fühlte mich sehr willkommen. Es gab natürlich auch Situationen, in denen ich aufgefallen bin, sogar durch meinen Gang / wie ich lief, was eher schnell ist. Da musste ich mehrere Gänge runterschalten und versuchen, alles etwas langsamer und gelassener zu machen. Das war auch ein Lernprozess.

 Da mein Mann eine Kamelfarm hat, konnte ich meistens Freitags einen schönen Ausflug machen und frische Kamelmilch trinken, aber zuerst musste ich sie selber melken.

IMG_6438
Mmmh Lecker!
IMG_7338
Masha Allah

Wir waren auch einmal eingeladen im Badiyo / Dorf auswärts von der Stadt. Das Leben, dass sie führen, ist so gesund, aber auch nicht einfach: sie leben von dem, was sie pflanzen. Sie begrüßten uns herzlich mit Shah/Tee und später mit einer frisch erlegten Ziege. So zeigten sie uns Ihre Gastfreundschaft. Masha Allah dass sind wunderbare Menschen. Möge Allah sie reichlich belohnen. Amin

IMG_7337

IMG_7330

IMG_7332
Masha Allah

Ich habe mich erst in meiner Jugend mit meiner Herkunft beschäftigt. Als Kind war das einzige, was ich damals mit Somalia verband, waren die Familienangehörigen, die sich regelmäßig bei meinen Eltern meldeten. Damals waren die Telefonverbindungen ziemlich schlecht: sobald mein Vater wie am Spieß am Telefon schrie, war es Somalia.

Man kann sagen, dass ich nichts über Somalia wusste. Dies sollte sich aber Gott sei Dank ändern.

Insha Allah werde ich dieses Jahr wieder zurück kehren nach Garowe.

In dieser Zeit hat sich auch mein Deen stark verändert: ich spürte eine Zufriedenheit in mir. Den täglichen Adhan zu hören, war für mich sehr bereichernd und tat meiner Seele gut. Als junge Person mit zwei Kulturen hat man vielleicht Identitätsprobleme- für mich war es oft schwierig zu wissen, wo ich hin gehöre. Ich war oft in der Mitte, da ich beide Lebensweisen in mir trage. Al Hamdulilah es ist auch positiv mit beiden Kulturen auf zu wachsen.
Liebe Leser, Ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick von meiner Zeit in Garowe geben. Jazak Allah Khairan euch allen,

Fartun.

*(Anmerkung: inzwischen gehoert sie zu unserem Team, maa shaa Allah!)

IMG_9372