Interview mit Casey: Somalia-Expertin in Spe!

Nun ist der Germali- Blog etwas mehr als ein Jahr alt und es hat sich seither nicht nur einiges getan, sondern seither hat er auch unheimlich viele Menschen erreicht, maa shaa Allah!

Anfangs war es für mich totales Neuland, doch schon bald entwickelte sich daraus eine neue Leidenschaft, die mir auch menschlich gesehen viel brachte: ich entdeckte meine Lust am Schreiben; durfte vielen Menschen ihre Fragen beantworten und mich mit ihnen austauschen; mein eigener Blickwinkel hat sich besonders auch durch die Interview-Reihe stark erweitert; und aus der ein oder anderen Bekanntschaft wurden schließlich wahre Freundschaften (alhamduliLlah).

Eine dieser besonderen Freundschaften darf ich euch heute vorstellen, nennen wir sie einfach mal Casey.

So ganz genau erinnere ich mich nicht mehr, wie wir uns genau kennenlernten. War es in einer der Deutsch-Somalischen FB-Gruppen oder anderswo? Sie wird es sicher wissen. Casey ist zwar keine Somalierin und nein, sie ist auch mit keinem Somali verheiratet, jedoch fühlt sie sich stark verbunden mit diesem Land und seinen Leuten. Zu meiner größten Überraschung kennt sie sich sogar besser aus im Land, als ich selber (zumindest theoretisch, lol)!

Wie es dazu kommt, werdet ihr im folgenden Interview erfahren, wovon ich schon lange träumte und nun endlich in die Tat umsetze.

Obwohl sie am anderen Ende Deutschlands wohnt, hatten wir letztens doch mal die Möglichkeit gehabt, uns in „real life“ zu sehen. Das kann ich übrigens nur jedem empfehlen- trefft euch nicht nur auf dem Handy- Bildschirm, sondern auch in echt!

Es dauerte kaum 5 Minuten, bis wir uns an den echten Anblick des jeweils anderen gewöhnt hatten. Denn irgendwie macht man sich im Kopf so seine Vorstellungen, wie die Person aussehen könnte. Und dann ist sie im realen Leben doch ganz anders! Kurz darauf jedoch waren wir schon tief in unseren angeregten Germali- Gesprächen.

Vom Alter her könnte Casey zwar meine Mutter sein, jedoch ist sie innerlich sehr jung geblieben. Ja, man könnte sagen, sie ist der Typ Mensch, der mit allen Altersstufen zurecht kommt. Irgendwo schwingt da eine Art bescheidene Kumpelhaftigkeit mit, die einen erstaunt, je mehr man über sie und ihr Leben erfährt.

Je mehr ich bröckchenweise Einblick in ihr Leben bekam, desto beeindruckter war ich. Was sie in ihren ca. 40 Jahren als Konvertierte Muslima (und auch schon davor) erlebt hat, kann ihr so leicht nachmachen! Davon zeugen ihr ganzes Bücherregal voller Tagebücher und davon zeugt auch, dass es uns unheimlich schwer fiel, einen Anfang für einen Gastartikel ihrerseits zu finden. „Wo sollen wir bloß anfangen!?“ meinte sie immer zu mir.

Nun, hiermit sei ein erster Anfang gemacht! Ich werde ihr ein paar Fragen stellen, die etwas über ihren Weg zu den Somali´s und zugleich ihre Faszination für dieses Land erklären.

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Meine liebe Casey, ersteinmal vielen Dank, dass du dich einer großen Leserschaft öffnest und einen Teil deiner Geschichte mit uns teilst, baarakaLlahu feeki!
1. Erinnerst du dich vielleicht noch daran, wie wir aufeinander gestoßen sind?

Bismillahi rahmani rahim.

Casey Hugelfink

Wie ich auf dich kam, war so: Ein Jahr zuvor hatte ich nämlich einen Traum. Da war ich in einer Somalischen Stadt mit dem Fahrrad unterwegs und sah mich um und erkundigte mich nach Immobilien und den Preisen, wie das so ist in Somalia. Ich erzählte den Traum einem somalischen Freund, und der hat die Stadt als Garowe identifiziert. Er schickte mir Fotos – richtig! Das war genau die Stadt! Es war sogar das Haus, das ich im Traum besichtigt hatte zu kaufen, darauf zu sehen: im Traum war da eine Schweizerin, die ihre Wohnung in dem Haus verkaufen wollte.

Ein Jahr später bin ich über den Blog The Germali’s auf Google gestolpert. Das fand ich sehr interessant. Ich las dann etwas über eine Schweizerin, eine Swissmali, und da ging’s auch um eine Wohnung in Garowe… Moment mal, das hab ich doch geträumt! Nu, und so hab ich dich auf FB gefunden, weil das musste ich dir natürlich gleich erzählen! Ich bin auch nicht böse, dass du das vergessen hast… da kommt `ne Wildfremde und erzählt, das hab ich geträumt… kkkk….

2. Erzähl uns doch darüber, wie dein Interesse für die Somali´s und ihr Land geweckt wurde!

Ich arbeite als Security, und im Sommer 2015, als die Flüchtlingswelle auf ihrem Höhepunkt war, versetzte man mich nach Freising, eine Kleinstadt nördlich von München, in eine Flüchtlings-Notunterkunft. D.h. 200 Leute aus 25 Nationen wurden in eine Turnhalle gequetscht, durch ein paar Paravents als Sichtschutz getrennt, aber eigentlich ganz ohne Privatsphäre. Die Hälfte von ihnen waren Jugendliche unter 18 Jahren.Viele von ihnen kamen via Italien, also direkt von den Schlauchbooten, mit denen sie über das Mittelmeer geflohen waren.

Wir waren alle im absoluten Ausnahmezustand. Die Flüchtlinge immer noch, sie waren ja noch nicht wirklich angekommen. Und die Deutschen, die Helfer, die Behörden, die Leute in der Umgebung, die Polizei, genauso. Es waren alle völlig überfordert, aber hoch motiviert- zu der Zeit wollten sie noch helfen. Es war Ramadan, als das Camp eröffnete. Und hier danke ich besonders den Brüdern und Schwestern aus der Freisinger Moschee, die mit ihrem Iftar-Essen über die anfänglichen Versorgungs-Engpässe halfen! Denn im Camp war Chaos pur.

Das Camp war eigentlich nur für die Sommerferien geplant, bis alle in eine Unterkunft gebracht werden konnten. Es wurden aber ganze fünf Monate daraus. Da lernt man sich dann kennen. Mit den Nigerianern und Syrern konnte ich auf Englisch reden, mit den Afghanen auf Persisch, denn ich habe in den 80ern im Iran gelebt.

Mit den Somalis war die Verständigung sehr schwierig, denn die meisten konnten als Fremdsprache nur Arabisch, was ich nicht kann. Es musste immer einer, meistens Araber, dolmetschen.

Einmal, nach einem anstrengenden 12-Stunden-Arbeitstag, kam ein Somali auf mich zu, mit einem Syrer im Schlepptau, und der erklärte mir, egal, was jetzt passiert, ich sollle ihm nur folgen und ich muss tun, was er sagt und ihm 100% vertrauen. Er will mir etwas zeigen. Tagsüber drehten sich die Gespräche um Kindersoldaten, und ich stellte mir die bange Frage, wieviele wohl hier unter uns sind? Na ja, er brachte mich zu der Baustelle vom Camerloher Gymnasium, die gleich hinter dem Camp lag.

Auszug aus Casey´s Fotobuch: Der Somalische Mann zeigte ihr, wie sehr ihn der Schulhof an seine Zeit als Kindersoldat erinnerte.

Jedenfalls, so fing das an. Wir benötigten gar keine Sprache! Mein Vater war kurz vorher gestorben und hatte uns ganz am Ende seines Lebens damit überrascht, dass er im 2. Weltkrieg ein Kindersoldat gewesen war. Er hatte das sein ganzes Leben verschwiegen und mit sich herumgeschleppt. Schon allein daher interessierte mich das alles brennend. Aber auch meine eigenen Kriegserfahrungen aus dem Iran-Iraq-Krieg kamen wieder hoch.

3. Wie konntest du mit so vielen Leidensgeschichten innerlich umgehen?

Ich saß mitten drin, war nicht nur berührt, sondern ein Teil davon.Man kriegt ja in allen Lehrgängen als Therapeut, Krankenschwester, Lehrer, etc. beigebracht, Distanz zu wahren und die Probleme nicht nach Feierabend mit nach Hause zu nehmen. Das halte ich für grundsätzlich falsch.

Ich finde es wichtig, berührt zu werden, mit zu leiden, alles selbst zu erfahren. Ich glaube, Allah weist einem dabei den Weg! Oder wie kann man sich das, was geschah, sonst erklären? Und Allah lädt keiner Seele mehr auf, als sie verkraften kann! Das ist das Grund-Vertrauen.


Irgendwann ist dann aber der Ausnahmezustand zu Ende, das Adrenalin verbraucht. Alle sind in Deutschland angekommen und werden vom Jobcenter drangsaliert. Bürokratie! Und dazu kommt der graue dunkle Winter.Verzweiflung, Heimweh, Depression, Trauma…Ich fragte mich, was ist denn jetzt Trauma? Und was ist bloß eine kulturelle Eigenheit? Warum tun manche Somalis für mich so völlig unverständliche Dinge?Erfragen konnte ich wenig, denn die Sprachkenntnisse waren immer noch sehr schlecht…So musste ich selbst aktiv werden und alles über Somalia lernen: Geschichte, Politik, Geographie, Literatur, Gesellschaft…so landete ich hier:

Galkacyo (Photo credit Farah Abdi Warsame)

Sie heißt Faduumo, ist eine ehemalige Prostituierte, und lebte zur Zeit der Piraten in Saus und Braus. Jetzt ist nix mehr los und sie verschanzt sich in einer Trotzhaltung.“Can you give me $1000? If not, bye bye.“Oooh ja, den Trotz kenne ich. Und der tut richtig weh.Vielleicht sollte ich nach Gaalkacyo schauen, wenn ich Land und Leute besser kenen lernen will?

4. Welche Eigenschaften fallen dir an Somalischen Menschen auf, was zeichnet sie aus?

Die Somalis sind stur. Richtig stur. Da kommt nicht mal ein Westfale mit!

Das lernt man in Gaalkacyo [Eine große Stadt in Puntland]. Da tagte der Bau-Ausschuss, Ergebnis: 29 Tote.

Auf der anderen Seite ist es eine besondere Stärke der Somalis, einen Konsens zu finden. Das ist ein ganz wesentlicher Faktor der somalischen Gesellschaft. So funktioniert das alte Clan-System, das ist aber auch heute in den Social Media zu beobachten.

Der nächste Ramadan kam und es entstand der Konsens: Wir waren schlecht und total verwildert. Manche von uns haben schlimme Dinge getan.Jetzt machen wir zusammen Ramadan und Tauba (bereuen unsere Sünden, Anm.d.R.). Und das Faszinierende daran war: hinterher fing keiner mehr an mit den schlechten Dingen, die er vorher tat!

Casey und ihre Somalischen Freunde auf dem Weg zur Moschee während des Ramadans.

Bei den Somali´s wird außerdem traditionell alles gesungen, auch Nachrichten, Poesie, sogar Wahlkampf!!!

„Neuer Song“- anläßlich der letzten Präsidentschaftswahl

5. Hast du etwas Somalisches gelernt, z.B. die Sprache, oder ein paar Rezepte?

Ich übe mich darin, die Somalische Sprache zu lernen, was allerdings nicht so leicht ist, denn es gibt da keine vernünftigen Bücher. Ich lerne aus dem Somalischen TV, Zeitungsartikeln, FB-Kommentaren und Song-Texten, und freue mich wie ein Schneekönig, wenn ich irgendwo etwas verstehe, wenn die Somalis untereinander reden! Hier in Deutschland liegt der Focus natürlich darauf, dass die Somalis Deutsch lernen, so sind die Gelegenheiten eher spärlich. Ich müsste in Somalia sein, dann ginge es viel schneller.

Die Somalische Küche ist im Großen und Ganzen der Persischen Küche recht ähnlich, also im Grunde genommen essen Somalis nicht viel andere Sachen als wir zuhause. Die Deutsche Küche ist da für mich viel fremdartiger. Die obligatorische Banane hab ich mir inzwischen aber auch angewöhnt.

Nur manches ist dann doch anders. Ob ich dauerhaft mit einem Frühstück aus Anjeero [Eine Art Sauerteig-Pfannekuchen] und Leber in den Tag starten könnte?Brrr, hier in Deutschland bestimmt nicht!Aber – die Erfahrung hab ich schon im Iran gemacht – dort ist mein Geschmack ja ganz anders!

Im Iran gibt es auch Dinge, die liebe ich dort, in Deutschland schmecken sie mir aber, hmmm, na ja, muss jetzt echt nicht sein…Also, das weiß nur Allah, vielleicht liebe ich es ja, eines Tages in Somalia, Anjeero und Leber zu frühstücken…!

6. Von was können wir uns bei den Somali´s „eine Scheibe abschneiden“? Was können wir von ihnen lernen?

„Diin leeya cadaleeduleeysadee duleeysadeaanshagunduleey sadeeha i daawuye.“ Dieses Somalische Lied bringt es auf den Punkt: „Deen und Zugehörigkeit zur Somalischen Gemeinschaft; Gib mir davon etwas ab: Du lebst darin; Lass die Rechtleitung auf mich abfärben!“ Und das geschieht mit den Somalis ganz von selbst.

Die Gemeinschaft geht vor, nicht so wie bei den Europäern das Individuum. Sie sind Poeten und sehr gebildet, das gefällt mir sehr gut, besser als hier.

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Vielen Dank und Baarakallahu feeki für deine sehr interessanten Antworten, liebe Casey!

Damit es nicht zu lang wird, gibt es bald den 2.Teil dieses Interviews. Darin wird es sich um die aktuelle Lage Somalia´s drehen, aber auch ultimative Tipps für Somali´s und Deutsche geben. Ihr dürft also gespannt sein!

Bis bald (in shaa Allah)

Eure Khalisa

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