Germali´s in DL: Was man nicht alles (durch-) macht!

Salamu alaikum und Hallo liebe Leser/innen,

Nun sind wir, die Germali´s, schon seit 3 1/2 Monaten hier in Deutschland und lernen nach der anfänglichen Euphorie auch die Schattenseiten von hier kennen. Es ist nämlich ein riesen Unterschied, ob man einfach in seiner Heimat ist, oder ob man in seiner Heimat als Muslim ist: man wird zum Fremden, weil man sich anders anzieht. Von wegen, der Islam gehöre zu Deutschland… Über die Verwirrtheiten, die bisher so entstanden sind, berichte ich Euch in diesem Artikel.

Eigentlich fühlen wir uns recht wohl in unserer Heimat. Wir schätzen die Vielfalt an Vergnügungsmöglichkeiten, die vielen Freunde, und vor allem die Nähe zu den Großeltern/Eltern. Wenn da nicht das Stückchen mehr Stoff währe, das mich als „anders“ – noch `schlimmer´: als Muslima (!)- erkennen lässt! 

So kommt es immer wieder zu etwas komischen Situationen, die, wenn man es nicht mit Humor nehmen würde, einem ganz schön zu schaffen machen könnten.

1.Beispiel: Schock im Wartezimmer!

Es ist immer wieder herrlich, wenn ich beim Doktor im Wartezimmer aufgerufen werde. In die Stille hinein wird dann hineingerufen: V… Schulz! Die Arzthelferin sucht mit ihren Augen die Deutsch aussehenden Patientinnen ab, falls überhaupt welche da sind. „Ja!“ ertönt es dann von meiner Seite her freudestrahlend (da meine Wartezeit nun zu ende ist). Selbstbewusst gehe ich durch das Wartezimmer und komme mir vor, wie auf einem Laufsteg; denn ALLE inklusive der Arzthelferin schauen mich beinahe ungläubig an 😀 Insgeheim lache ich darüber, aber das lasse ich mir natürlich nicht anmerken. 

Letztens war ich in einer sehr noblen Praxis am Phönix See. Ich habe mir diese ausgesucht, da man dort schneller einen Termin fürs MRT bekommt. Ich dachte mir gleich, das läge bestimmt am muslimisch klingenden Namen. Nach der üblichen Laufsteg-Szene stand ich dem Arzt dann gegenüber, der ebenso verdattert war wie ich: er stellte dann sofort sicher, ob ich wirklich die V… Schulz sei! Ich hingegen hätte meine Verwunderung ebenso ausdrücken können, denn der Arzt mit muslimischem Namen war ein dunkelblonder, völlig europäisch aussehender Mann! Naja, ich konnte ihn jedoch schlecht fragen, ob er auch wirklich Amirfallah heißen würde 😉

2. Beipiel: Sprachkurs inklusive!

Eine andere lustige Erfahrung haben wir gemacht, als ich meine Kinder beim Sprachförderkurs im Kindergarten anmeldete. Da wir noch keinen Kindergartenplatz haben, nehmen wir alles mit, wo meine Kinder in Kontakt mit anderen Kindern kommen und so sprachlich und sozial gefördert werden. Nach meiner Frage, ob ich dabei sein solle, wurde mir gesagt, ich würde dann parallel dazu auch einen Deutschkurs bekommen! Ich??? Bin doch Deutsch! Sogar so deutsch, dass ich Deutsch LK im Abi hatte und einige Bücher von Goethe und Co. bereits durchgenommen hatte!! Aber gut, so war eben das System, in welches wir einfach nicht reinpassen. Ich könne den anderen ja helfen…

Unsere erste Erfahrung im Sprachförderkurs: Ich kam mir natürlich fehl am Platz vor, aber was tut man nicht alles für seine Kinder…! Neben mir waren 4 Syrische Frauen, eine Yesidin, und eine Iranerin, die mich ebenso erstaunt fragten, woher ich denn komme. Ich stellte mich als Deutsche Kartoffel vor und meinte noch spaßig, dass sie mir ja Arabisch beibringen könnten, und ich ihnen Deutsch!

Deutsche Kartoffel liebt Deutsches Essen, auch wenn sie Muslima ist 🙂

Der Spaß blieb mir dann irgendwie im Hals stecken, als uns von der vertretenden Deutschlehrerin die `Deutschen Feste´ erklärt wurden. Angefangen vom Schuhe putzen und Süßigkeiten darein legen vor dem Nikolaustag über´s Plätzchen backen und Weihnachtsfest. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und sagte, ob ihr denn bewußt sei, dass wir ebenfalls Feste hätten? Es war zwar gut und schön. dass sie uns „Ausländern“ die deutsche Kultur erklären wollte, aber sie tat gerade so, als ob wir am besten da auch mitmachen sollten, da es ja auch Thema im Kindergarten wäre und in Deutschland so gemacht werden würde (auf einmal sind sie alle so christlich). Doch Moment mal- wir haben da auch noch eigene Feste zu feiern 😉  

Da fragte sie uns, was wir denn zu feiern hätten und ich legte los, denn die anderen Frauen schienen sich nicht zu trauen. Sie taten mir einfach nur Leid, denn sie müssen einen unheimlichen Druck verspüren, sich so sehr integrieren zu müssen, dass ihre eigene Tradition und Glaube keine Rolle mehr spielen dürfen. 

Nächstes Mal war es etwas besser, denn da war auch die richtige Deutschlehrerin da. Sie nahm mit uns ein Weihnachtsplätzchen- Rezept durch, welches die Kinder zeitgleich backen durften. Nun gut, ich suchte die Arabischen Begriffe für ausrollen, ausstechen, etc. heraus, zeigte sie meinen arabischen Mitstreiterinnen, und schrieb mir dann das Arabische raus. Wenn ich schon dort war, wollte ich wenigstens davon profitieren und das Beste draus machen 😉

3. Beispiel: Wohnungssuche

Mit der Wohnungssuche verhält es sich nicht anders, oder gar noch schlimmer. Wenn die Vermieter meine Stimme hören, ist noch alles Friede Freude, sobald sie jedoch mein Outfit zu Gesicht bekommen, hört´s bei ihnen auf. Obwohl sie dann noch viel persönliches quatschen und herum spaßen, merke ich doch ihre Unsicherheit.

Ich muss gestehen, dass ich auch nicht jede bestmögliche Wohnung nehme: ich schaue schon, dass ich als Muslima mit 2 temperamentvollen Kindern da rein passe, dass der Schulweg nicht zu lang und die Treppen nicht zu viele sind!

So zum Beispiel ließ ich gestern erst eine Wohnung in bester Lage fallen, als ich erfuhr, dass die Vermieterin unter unsere potentielle Wohnung einziehen wolle. Und zwar war das nicht irgendeine liebe Omi, sondern eine mit „Haaren auf den Zähnen“: sehr bestimmend und kompromisslos! Das hieße, wir würden da nie unsere Ruhe haben. Allein schon der Spruch: „Lassen sie Ihre Schuhe bloß an, wir sind keine Araber und können putzen!“ gab mir zu denken (vor allem sollte sie mal eine Arabische Wohnung sehen- bei denen kann man vom Boden essen!!).

Meine „Traumwohnung“ bekam ich Gott sei Dank auch nicht, obwohl sie eine Zeit lang danach noch frei war. Die Frau traute sich noch nicht einmal, uns persönlich abzusagen! Aufgrund den mehrheitlich russischen Bewohnern in dem Haus mitsamt ihrem Bierzelt im Garten, war das dann wohl auch besser so…

 Eine weitere Wohnung, die wir uns gestern (neben reichlich anderen) noch angesehen hatten, werden wir eventuell auch nicht kriegen, aber wir lassen es einfach offen. Die Vermieterin machte direkt deutlich, dass es besser war, dass meine Mutter „mit der ach so netten Stimme“ gut daran getan hatte, mein Äußeres nicht zu erwähnen. Zudem würde ich garantiert zum Evangelentum konvertieren, wenn sie sich mir unterhalten würde!!! Also so etwas muss man erstmal bringen! „Ne, bestimmt nicht!“ antwortete ich nur lachend, während es in mir schmorte. Selbst meine Mutter war hinterher ganz schön betroffen von dieser Arroganz solcher Vermieter.

Angst vor dem Fremden

Ich kann es auf eine gewisse Art auch verstehen, dass ein Vermieter erst einmal skeptisch ist, wenn er muslimische Bewerber sieht. Warum? Er kann sie einfach nicht einschätzen! Werden sie am Wochenende ihre ganze Sippe einladen? Werden sie den Flur mit Schuhen voll stapeln? Oder doch regelmäßig herum brüllen?

Dass es diese und andere Sachen jedoch auch von anderen Mietern geben kann, wie z.B. Mietnomaden, Party- Feiern mit sämtlichen Alkohol- und/ oder Drogenproblemen, … das vergisst ein Vermieter in diesem Moment wohl. Dass nicht alle gleich sind (deutsche Muslime schon gar nicht), wohl auch.

Nicht Beschweren, aber…


Ich möchte mich auch echt nicht beschweren. Vielmehr möchte ich Euch nur zeigen, dass es wahrlich kein Zuckerschlecken ist, wenn man als (deutscher) Muslim versucht, hier Fuß zu fassen. An jeder Ecke wird man getestet. Gut, vielleicht nur an jeder zweiten, denn es gibt Gott sei Dank auch noch positive Erlebnisse mit positiven Menschen, alhamduliLlah!

Positives gibt es auch!

Eine dieser positiven Erlebnisse ist zum Beispiel ein älteres Ehepaar gewesen, die uns an ihrem Frühstückstisch in einer Bäckerei Platz anboten, da es überall voll war. Sogleich kamen wir ins Gespräch, tauschten unsere Namen und unsere Geschichten aus. Es stellte sich heraus, dass sie eine Missionarsschule in Indien hatten, wo sie die unterste Schicht versuchten, zu bilden (und wahrscheinlich auch zum Christentum zu bewegen). Wie dem auch sei, sie waren ausgesprochen nett zu uns (mit welcher Absicht auch immer)! Zum Abschluss umarmten sie uns sogar und sagten, der Herr solle uns segnen! „Und Euch auch!“ entgegnete ich freundlich. Endlich mal Menschen, die einem offen gegenüber traten.

Andere Begegnungen positiver Natur machten wir auch, und zwar:

  • Mit dem Yogalehrer meiner Eltern, der uns von dem aufgelösten Hausstand seiner Mutter jegliches Küchengeschirr anbot;
  • Mit meiner Trainerin im Fitnessstudio, die nach 2 Wochen besorgt anrief, warum ich nicht mehr komme;
  • Mit den Schulkollegen meiner Eltern, über die ich bereits in diesem Artikel berichtet hatte;
  • Die Hausbewohner meiner Eltern, welche immer mit-fiebern bei meiner/unserer Entwicklung;
  • Und nicht zuletzt mit einigen meiner Verwandten, sowohl mütterlich- als auch väterlicherseits, die trotz meinem anderen Glauben zu mir stehen.
  • Noch ein paar einzelne Begegnungen, die einem das Zusammenleben wieder etwas versüßen durch ihre Freundlichkeit, die leider heutzutage nicht mehr Standard zu sein scheint.

Resümee

Wir sind nicht ohne Grund für eine Weile wieder nach Deutschland zurückgekehrt, denn wir wissen um die Vorteile, die man hier hat: Von hiesigem Bildungs- , Gesundheits- sowie Sozialsystem kann man in Somalia und anderswo nur träumen. 

Allerdings finde ich es traurig zu sehen, wie der Hass gegen Muslime vermehrt zunimmt, und die Vorurteile fast immer überwiegen. 

Klar, dass eine Vermieterin, welche die Mutter eines zum Islam konvertierten Sohnes traf, welcher sich dem IS anschloss und nun verschollen ist, mir gegenüber voreingenommen ist. Aber der Islam ist ja nicht der IS! Das heißt, wenn eine kleine Gruppe, die vielleicht 1% der Muslime ausmacht, den Glauben für ihre Zwecke benutzt, heißt es nicht, das die restlichen 99 % auch so drauf sind! 

Wäre ich nun eine Buddhistin oder sonstiges geworden, würden die Leute auch nicht mit dem Zeigefinger nach Myanmar zeigen, um mir die Fehler einer kleinen Gruppe unter die Nase zu halten! Oder hätte ich einen Chinesen geheiratet, müsste dieser sich ebenfalls nicht für die Misshandlung der dortigen Muslime rechtfertigen. Nein, nur „Der Islam ist Schuld“ an allem Unheil!? 

Diese Verallgemeinerung und Undifferenziertheit lehne ich klar ab! Ich hoffe, dass wir alle dazu lernen und bereit sind, von Mensch zu Mensch einander zu begegnen. Für eine friedvolle Vielfalt!

In diesem Sinne noch einen schönen Abend,

Eure Khalisa 

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4 Antworten auf „Germali´s in DL: Was man nicht alles (durch-) macht!

  1. Nadine B.

    As Salam alaykom , mir hat dein Artikel sehr gefallen .Danke das du uns weiterhin an deinen Erlebnissen teilhaben lässt. Es ist immer wieder spannend neue Berichte von dir zu lesen. Mashaallah. Al hamdoulah dafür.

    Ich erlebe oft das Menschen die mich nicht kennen denken ich spreche kein deutsch und komme aus einem anderen Land. Aber ich schmunzel dann auch nur und denke mir das ich früher auch so gedacht habe.( Jede Frau mit muslimischer Kleidung /Kopftuch wäre aus einem anderen Land). Ich denke man sticht immer irgendwie aus der Masse heraus wenn man sich nicht so kleidet oder verhält wie andere. Möge Allah dir Kraft und Standhaftigkeit geben und viele positive Erlebnisse in Deutschland ermöglichen. Amin. Alles Gute für dich und deine Familie

    Gefällt 1 Person

    1. thegermalis

      Wa alaikumu Salam wa RahmatuLlah meine liebe, danke und baarakaLlahu feeki für deine lieben und verständnisvollen Worte, und amiin zu deiner Du’a ♥️ Möge Allah uns ein friedvolles Miteinander in DL und überall auf der Welt ermöglichen 🌹

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