Besondere Begnungen mit besonderen Menschen

Salamu alaikum und Hallo liebe Leser/innen,

Nun habt Ihr schon relativ lange nichts mehr von mir gehört. Ehrlich gesagt kommt es mir vor, wie eine halbe Ewigkeit! Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass ich zurzeit NICHT in Somalia lebe, ich kann Euch also nichts Neues von dort berichten. Zum anderen ist das Leben in Deutschland so extrem anders- ja, man kann sich vor Lauter Terminen und Veranstaltungen kaum noch retten!

Heute möchte ich trotzdem eine kleine aber feine Begebenheit erzählen, die einem das Herz erwärmen lässt. Genauer genommen sind es mehrere Begegnungen mit ganz besonderen Menschen. Lest selbst!

1. Begegnung: Mein Bezug zu den „besonderen Menschen“ und die erste Begegnung nach jahrelanger Pause

Nach über 10 Jahren hat es mich wieder einmal in die Christopherus Schule in Bochum verschlagen. Die ist so etwas wie meine zweite Heimat gewesen in meiner Kindheit, da meine Eltern beide dort als Klassen- und Fachlehrer gearbeitet haben und dort auch immer noch tätig sind. Für diejenigen unter Euch, die diese Schule nicht kennen: es ist eine Art Sonderschule, die sich an der Waldorfpädagogik orientiert, und zwar für ganz besondere Kinder, sprich: Förderschule für Geistige Entwicklung.

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Christopherus Schule (Hintenansicht) mit ihrem runden Saal

Dort sind Kinder, die nicht in die „Normalität“ herein passen, nicht auf „normale“ Schulen gehen können, aufgrund ihrer Besonderheiten. Diese Besonderheiten zeigen sich dadurch, dass sie teilweise mehrfache Einschränkungen (in Umgangssprache „Behinderungen“) haben, durch traumatische Erlebnisse im Baby-Alter nicht mehr „normal“ funktionieren können, oder ein Chromosom zu wenig haben, oder… Die Liste dieser Beeinträchtigungen ist schier endlos.

Ich ging als Kind öfter dort ein und aus, sei es wegen einer der zahlreichen Feste, oder an jenen Tagen, an denen ich in meiner Schule „krank feierte“, oder wegen ungleichen freien Tagen. Auch als Jugendliche tauchte ich ab und zu dort auf, machte sogar später noch ein Praktikum dort.

Früher also nahm mich meine Mutter immer wieder mit in ihre Klasse. Am liebsten waren mir immer diejenigen, die die Trisonomie 21 haben, auch unter „Down-Syndrom“ bekannt Die haben so eine herzliche und freundschaftliche Art,  die man kaum irgendwo anders findet…

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Quelle: Google, Bild von https://www.neufeld-verlag.de

Was passierte aber nun, dass ich mich mind. 10 Jahre nicht mehr dort blicken ließ? Ja natürlich- meine Konvertierung zum Islam! Dadurch, dass ich mich sehr schnell bedeckte, sogar bis hin zum Gesicht, erschien es mir irgendwie unpassend, dort noch hinzu gehen. Schließlich waren die Reaktionen der Kollegen meiner Eltern, die mich schon von der Pike auf kannten, mir nicht unbekannt. Dieses Unverständnis, diese Erschütterung, … als ob ich irgendwie über Nacht eine Irre geworden wäre! (Damit möchte ich die Kollegen nicht schlecht machen…so ist aber generell die Reaktion der Menschen, wenn sie von einer Konvertierung zum Islam erfahren)

Am schwersten waren diese Jahre natürlich für meine Eltern, die nicht selten wegen mir angesprochen wurden. Ich muss jedoch sagen, dass sie die tollsten Eltern sind, die es wohl gibt- denn sie standen TROTZDEM immer zu mir, hielten immer den Kontakt, reisten immer dorthin, wo ich gerade lebte (England, Dänemark, Somalia). Dadurch sahen sie ja auch, dass es mir gut ging mit meinem neuen Leben und ich eben keine „Irre“ war, alhamduliLlah (gelobt sei Gott).

Aufgrund dieses neuen Fremd-Seins bin ich diesem Stück Heimat lieber fern geblieben. Schließlich wollte ich meine Eltern nicht in eine noch unangenehmere Situation bringen.

Denn das fatale dabei war, dass die Leute nicht mich direkt ansprachen, mich mit Fragen löcherten, mir all ihre Vorurteile und Gefühlsausbrüche entgegen schmetterten- nein. Stattdessen kriegten meine Eltern all dies zu spüren.

Einmal sage mir meine Mutter sogar, dass sie viel Aufklärungsarbeit mit den Leuten macht, da die meisten tatsächlich so ein verzerrtes Bild vom Islam hätten (bis sie selber zu diesen Ansichten kam, dauerte natürlich auch ein Weilchen). Da war ich schon ein Stück stolz auf sie, muss ich zugeben 🙂 Auf der anderen Seite tat sie mir fast schon Leid, denn ich wünschte mir, dass die Leute zu MIR kämen anstatt zu ihr.

Was hatte sich also nun geändert, dass ich doch einen Schritt in diese Schule wagte?

Es war gar nicht geplant, jedoch fuhr ich meine Mutter zu ihrer Arbeit, damit ich das Auto haben könnte. Da sagte sie spontan, „Kommt doch einmal in Papa’s Werk-Klasse und grüßt sie!“. Zögerlich ging ich mit meinen Kindern hinter ihr her. Die Kupfer-Werkstatt war direkt im Erdgeschoss, also würde ich ja kaum jemandem begegnen. Auf der anderen Seite war es mir auch egal, denn dadurch, dass ich keinen Gesichtsschleier mehr trug, konnten die Leute mir ja direkt ins Gesicht schauen, was schon einen großen Unterschied macht.

Wir stießen also auf die kleine Werk-Gruppe meines Vaters, der uns stolz vorstellte. Einige Schüler bekamen zwar kaum etwas mit, andere wiederum reagierten höchst erfreut und gaben uns die Hand. Auch ein Afrikanischer Mitarbeiter war dort, was die Stimmung lockerer machte. Also, erste Hürde schon mal geschafft!

Nachdem mein Vater die Schüler zur Pause verabschiedete, sagte er, wir sollten doch noch seine 10.Klasse besuchen! Das sei besser, denn so könnten sie uns endlich mal „live“ erleben, statt nur auf Fotos. Außerdem- fügte er hinzu- hätte er ihnen letztens die unterschiedlichen Hautfarben gezeigt, da würde es doch umso besser passen, dass sie mal „Mischlinkskinder“ sehen würden! Der Afrikaner sagte noch: „Ich war auch schon dort und musste zahlreiche Fragen beantworten!“ Haha, ich musste innerlich schmunzeln. Denn andere hätten diese Anspielungen vielleicht als Rassistisch empfunden, jedoch kannte ich ja meinen Vater, der ein sehr reines und ehrliches Wesen hat.

Er wollte wirklich nichts anderes, als seinen Schülern die für uns normalste Sache der Welt zu zeigen: nämlich dass nicht alle Menschen gleich aussehen!

Ermutigt von der Euphorie meines Vaters, stimmte ich der Idee zu. Wir mussten dafür einmal ganz nach oben gehen, also einmal durch das zweistöckige Gebäude. Auf dem Weg trafen wir mindestens 2 Schüler, die meinen Vater oder uns direkt fragten, wer wir sind und was wir hier machen würden. Mein Vater antwortete ihnen immer zuvorkommend: Das sind meine Enkelkinder und das ist meine Tochter! Ein türkisch aussehender Junge konnte seinen Augen kaum trauen (warum auch immer). Als wir auch ihm erklärten, wer wir sind, ging er weiter die Treppen herunter und sagte  vor lauter Freude „Wahnsinn!!!“.

Die Begeisterung über uns nahm damit noch kein Ende. Vor der 10.Klasse kam uns ein Kollege entgegen, den ich auch noch von früher kannte. Der konnte seine Freude auch kaum in Worte fassen. In der Klasse angekommen, kam die Kollegin meines Vaters freudestrahlend auf uns zu und – tatsächlich umarmte sie mich einfach, nachdem ich ihr zu verstehen gab, dass ich sie sehr wohl noch kannte!

Lag es an ihrer Bulgarischen Herzlichkeit oder daran, dass sie sich wirklich über uns freute, weiß ich nicht genau. Ich hatte das Gefühl, es war beides und fühlte mich jedenfalls wieder ganz heimisch.

Nun wurden wir den Schülern vorgestellt und jeder einzelne kam zu uns um uns zu begrüßen und zu bestaunen 🙂 Ihre Freude über uns war ihnen spürbar anzumerken. Endlich durften sie uns „live“ sehen! Dann kam der Moment: die Erklärung meines Vaters bezüglich der Hautfarbe! Ohne nun ins Detail zu gehen, kam es aber wirklich gut an. Denn diese Schüler sind meistens herrlich ehrlich und sagen einfach, was sie denken. Das durften  wir 10 Minuten später und eine Etage tiefer in der Klasse meiner Mutter auch erfahren (bzw.meine Kinder): dort sagte ein Schüler, dass meine Kinder wohl braun gefärbt seien! Also konnte ich den Ansatz meines Vaters nochmal besser verstehen, der solchen Fragen erst gar nicht aufkommen ließ, indem er die Schüler aufklärte.

Da es Mittagspause war und das Essen auf den Tischen, gingen wir aber auch bald schon. Ich war höchst erfreut über diese Begegnungen und selbst meine Tochter  (fast 4) meinte: „Wenn die Schüler zu ende gelernt haben, darf ich dann ein bisschen hier lernen?“. Auf meine Antwort, dass sie ja mit ihnen zusammen lernen könne (falls ihre Großeltern sie mal mitnehmen), war sie höchst erfreut 😀 Erfolgreiche Inklusions-Begegnung könnte man dieses Geschehnis auch nennen 😉

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Quelle: Aktion Mensch

2. Begegnung mit Überraschungsmoment

Mein Vater machte mit mir und meinen Kindern gestern einen Ausflug in den Wald am Hohenstein (oberhalb der Ruhr). Dort zeigten wir meinen Kindern die hiesigen Tiere: Wildschweine, Hirsche samt ihren Hirschkühen, Ziegen und andere Kleintiere gibt es dort zu sehen und wenn man mag auch zu füttern.

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Auf dem Weg dorthin meinte mein Sohn (fast 6) noch: „Och, ist das langweilig hier- hier sind ja nur Bäume!“ Erstaunt über seine Aussage entgegnete ich ihm, dass es doch alles andere als langweilig sei, denn in Somalia gäbe es schon mal gar nicht so viele Bäume. Da sagte er zu mir; „Ja eben, ich habe noch nie so viele Bäume auf einem Fleck gesehen! Und ich finde das langweilig!“

Sehr amüsant in meinen Augen. Denn was wir Deutschen in Somalia vermissen (nämlich die Bäume, bzw. Wälder), so vermisste mein Sohn die Somalische Halb-Wüste in Deutschland!!

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Jedenfalls begegneten uns auf dem Weg zum Streichelzoo auf einmal eine Truppe Erwachsener, die meinen Vater so zögerlich anschauten. Da erkannte er auch schon einige von ihnen: ehemalige Schüler von ihm und meiner Mutter! Sogar ich erkannte zwei davon: der eine war ein junger Mann mit Down- Syndrom, welcher aber ganz cool an uns vorbei lief. Ihn kannte ich noch von der Klasse meiner Mutter, welche ihn von der 1.bis zur 8. Klasse betreut hatte. Die andere Frau kannte ich von unserem Ruderverein, wo sie und eine Truppe aus ihrem Wohnheim regelmäßig zum Rudern kommen. Sie erkannten mich aber natürlich nicht mit Kopftuch.

Derjenige, dessen Begegnung jedoch am ergreifendsten war, kannte nur meinen Vater: ebenfalls ein Mann mit Down- Sndrom, allerdings nicht viel jünger als mein Vater. Er unterhielt sich mit meinem Vater, welcher uns natürlich sogleich vorstellte.

Eine der Frauen, welche den Tick hatte, immer in ihre Hand zu spucken, fragte mich währenddessen ein paar mal, wie meine Kinder heißen. Dann sagte sie, ob sie diese nicht einmal streicheln dürfe. Da ich meine Kinder aber kenne, warnte ich sie schon mal vor und gab ihr zu verstehen, dass sie sehr schüchtern sind. Ihr Versuch, sie wenigstens mit der Hand zu begrüßen, verlief dann auch im Sand. Aber trotzdem war sie sehr entzückt von ihrem Anblick.

Am Ende gab der ehemalige Schüler meines Vaters ihm zum Abschied die Hand, kam auf mich zu und umarmte mich einige Sekunden lang.

Hui, das war wirklich eine überraschende Geste! Und normalerweise gebe ich fremden Männern noch nicht mal die Hand zum Abschied, jedoch ist es bei solchen „besonderen“ Menschen eben eine Ausnahme. Ich war schon gerührt irgendwie von dieser Offenheit und Herzlichkeit.


Das waren die Begegnungen, über die ich Euch berichten wollte. Eigentlich sehr simpel, aber doch irgendwie rühr-selig, wie ich finde. Egal, wo wir auf diese besonderen Menschen stießen, begegneten sie uns mit absoluter Offenheit und Herzlichkeit. Keine Spur von dem Unverständnis, ja womöglich sogar Hass der „normalen“ Menschen!

Die Frage ist nun: Was ist heutzutage eigentlich „normal“ und vor allem- ist diese „Normale Art“ überhaupt besser als die der „Besonderen“???

Ihr werdet wahrscheinlich genauso sehen, dass wir unheimlich viel von diesen „Besonderen Menschen“ lernen können. Ich wünsche mir ein Stück dieser Offenheit und Herzlichkeit auch für die „Normalen“ Leute, mit denen man ja sonst tagtäglich zu tun hat. Nicht umsonst ist Depression die Volkskrankheit Nummer 1 in Deutschland- man wird ja auch nur wertgeschätzt, wenn man „normal“ ist, und „funktioniert“. Viele laufen mit Scheuklappen durch die Welt, in der es kaum noch solche herzlichen Begegnungen zwischen „Fremden“ gibt.

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Sind manche Menschen wie aus Holz?

In diesem Sinne hoffe ich, dass dieser Beitrag den ein oder anderen von Euch zum Nachdenken und idealerweise auch zu mehr Offenheit und Herzlichkeit im Alltag anregt!

Eure Khalisa

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Begegnung trotz Verschiedener Wege

PS: Ich möchte mit diesem Beitrag die Kollegen der Christopherus Schule in keinster Weise persönlich kritisieren. Eigentlich sind alle, wenn sie mir dann mal begegnen, äußerst herzlich und ich kann diese Schule nur empfehlen!

Doch wie auch andere Menschen haben sie erst mal geschockt reagiert auf meine Konvertierungsgeschichte. Es „menschelt“ eben überall 🙂 Ich hoffe aber, dass wir in Zukunft noch viele positive Begegnungen haben werden, damit das Eis zwischen den Kluften schmilzt. Denn nur mit Interaktion können Vorurteile und andere Hemmungen behoben werden.

 

 

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7 Antworten auf „Besondere Begnungen mit besonderen Menschen

  1. mrstaylorme

    Wunderschöner Artikel! Ich bin richtig berührt. Besonders schön finde ich wie behutsam du dich erklärst und dich verständlich machst..Auch der Aspekt das du dich nach so langer Zeit entschlossen hast spontan hinzugehen finde ich beeindruckend, da man nie weiß was passieren wird und alhamdulilah hast du so schöne Sachen zu erzählen gehabt!! ☺️

    Gefällt 2 Personen

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