Reisebericht Teil3: Zwischenstation in Hargeisa oder die Ruhe vor dem Sturm!

Nach der Tagesreise von Garowe nach Hargeisa hieß es, wir könnten nicht sofort weiter reisen, sondern müssten mindestens zwei Tage und Nächte im Hotel verbringen. Das war sowas von nicht geplant, da unsere Zeit und unsere Finanzen dahin zu schmelzen drohten. Zudem graute es mir davor, all unsere Kinder im „Gefängnis Hotel“ bespaßen zu müssen, welche doch einfach zu viel Energie für ein Hotelzimmer hatten.

Aber nun gut, was sollte ich machen? Wohl einfach eine Scheibe von der Somalischen Gelassenheit abschneiden und aufessen! Also sagte ich mir innerlich: lebe im Hier und Jetzt und denke nicht weit im Voraus, denn es kommt sowieso immer anders als du denkst!

Immerhin hatten wir ja schon den 1.Schritt geschafft: von unserem Zuhause weg zu kommen!

Das Hotel- Gefängnis oder Spielplatz?

An diesem Morgen schliefen wir richtig schön aus. Sobald die Kinder aufwachten, machten sie sich an ihr neues Lieblingsspielzeug heran: den Aufzug im Hotel! Das nächste zu entdeckende Highlight war außerdem das Zimmertelefon, mit dem man die anderen Hotelbewohner nerven konnte! Um sie zu beschäftigen, funktionierten wir dann noch die große Zusatzmatratze in eine Rutsche um.

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Das ging ja schon „gut“ los, dachte ich mir…  Gott sei Dank ergab sich später wie von selbst eine Lösung für diese Probleme: den Kindern wurde ein Gruselvideo gezeigt, in dem einer Person die Hand abfiel, weil sie versucht hatte, den Aufzug aufzuhalten. Außerdem wurde an ihren Verstand appelliert: was könnte man tun, wenn der Strom ausfallen würde, während man im Aufzug drin steckt? Von da an liefen sie brav die Treppen rauf und runter oder fuhren nur mit uns zusammen. Zudem gingen die Zimmertelefone für eine Weile zum Hotelpersonal. Zugegebenermaßen etwas radikale, jedoch effektive und notwendige Maßnahmen.

Auf der Suche nach Frühstück…

Wie das nun mal so ist, meldete sich bei uns der Hunger. Sollten wir unser Geld für teures Hotelessen verschwenden, oder einfach mit Brot. Schoko und Marmelade vorlieb nehmen? Wir entschieden uns für Letzteres und so zog ich mit ein paar der Kinder auf, um Frühstück zu besorgen.

In Hargeisa war alles etwas anders, sogar der weiße Sand, welcher einem das Laufen erschwerte.Wo war denn das Meer überhaupt, der Zwillingsbruder vom Sand? Fragte ich mich. In Garowe hingegen ist es nämlich viel steiniger und weniger sandig, eher staubig. Auch die Tierwelt ist anders: in Hargeisa stehen und laufen überall Esel herum, sie werden sogar als Transportmittel benutzt. Bei uns in Garowe sind diese eher eine Seltenheit- dort sieht man überall Ziegen und Schafe, aber weder Esel noch Hunde. Ja, letztere gibt es sogar auch in Hargeisa, wonach unsere Kinder ganz aufgeregt Ausschau hielten! Auch die Fahrzeuge fuhren extrem schnell, so dass man kaum die Straße überqueren mochte- wie es sich für eine riesen Stadt eben gehört.

…und eine Überraschung

Nachdem wir endlich den Supermarkt gefunden hatten, fiel unseren Kleinen direkt das Beste überhaupt ins Auge: Überraschungseier!! Natürlich bettelten sie mich an, diese sofort zu kaufen, zumal sie diese nur von Youtube kannten! Nachdem ich dann auch noch den Rest zusammen hatte, ging es ums bezahlen. Wir waren es gewohnt, das Geld vom Handy direkt zum Shop zu senden (solch ein fortschrittliches System in Somalia!?!). Doch wie zahlten wir nun? Würden sie unsere Golis-Karte aus Puntland akzeptieren? Und wie viel Dollar ist doch gleich der Somaliländische Schilling Wert? Anscheinend viel mehr, als der Somalische Schilling, was uns aber nur noch mehr verwirrte. Letztendlich gaben wir dem jungen Mann an der Kasse unser Handy, welcher schon etwas genervt erschien (er jammerte über Kopfschmerzen- so etwas würde ein Puntlander nie öffentlich tun ;-)), damit er sich sein Geld selber überweist. Geht doch!

Nun fehlte uns nur noch Brot. Eine vermeintliche Bäckerei stellte sich als Restaurant heraus, also gingen wir einfach zur nächstbesten Bude. Haben Sie Brot? Da hielt uns die junge Dame eine lange Stange entgegen. Aha, hier gibt es sogar Baguette Brot! Unsere 16 Jährige hatte nun wieder Kommunikationsprobleme- anscheinend redeten sie hier wirklich einen starken Dialekt! Auch ich verstand beinahe nur Bahnhof. Aber am Ende kauften wir immerhin 4 lange Baguette-Stangen und zeigten den anderen im Hotel stolz unseren hart ergatterten Fang. Dieser sollte sich als ungenügend herausstellen- denn Brot mit Nutella. Marmelade oder Thunfisch, oben (bzw. unten) drauf noch eine Art Buttercreme, das war für unsere Kinder wie Kuchen essen bei Oma, und dementsprechend auch ratz fatz alle! Nicht, dass wir diese Sachen in Garowe nicht hätten. Außer dem Baguette Brot ist all dies auch vorhanden, bloß zu anderen (teureren) Preisen und somit ist es für uns ein nicht alltäglicher Luxus, etwas Besonderes fürs Wochenende. Nun kamen unsere Kids aber in den Genuss, also mussten noch ein paar mehr Stangen herhalten.

Krümmelmonster in Sicht!

Nachdem wir unser Zimmer später wie Krümmelmonster dem Hotelpersonal überließen, gingen wir alle aufs Dach-Restaurant. Von dort hatten wir die beste Aussicht über Hargeisa! Es war sogar schon Mittagszeit und von überall ertönte der Gebetsruf, wenn auch etwas verzerrt durch den starken Wind. Hargeisa ist aufjedenfall um einiges grüner als Garowe, die Leute hier können sich wirklich glücklich schätzen, maa shaa Allah!

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Überall grünt und sprießt es in Hargeisa!

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Hier entstand auch dieses Selfie von mir.

Verpatzte Siesta

Etwas später nahmen wir eine Kleinigkeit zu uns und alle gingen auf ihre Hotelzimmer, um die Somalische Tradition der Siesta nicht zu verpassen. Unsere Größte hatte die Kleinen schon zu Bett gebracht (welch ein Vorteil, eine Großfamilie zu haben!), also wollte ich mich auch auf den Weg begeben. Da stellte sich allerdings heraus, dass mein Zimmerschlüssel von einem unserer Mädels verlegt wurde, da sie beim Zimmerumzug half und die schlafende Truppe sicherheitshalber von außen eingeschlossen hatte. Also nichts da mit Nap, nun hieß es, Schlüsselsuche! Wir hatten uns vorher darauf geeinigt, uns von 3 auf 2 Hotelzimmer zu reduzieren- eins für die großen und kleinen Männer und eins für die Mädels unter uns. Daher mussten wir alle 3 Zimmer nach dem Schlüssel durchsuchen, den wir letztendlich auch fanden. Nun war es jedoch zu spät für mich und meine Siesta: die ersten Kiddies wachten schon wieder auf!

Immerhin hatten wir an dem Tag wieder lang ersehntes WLAN, welches ich 24 Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, also vergass ich meine Müdigkeit etwas beim herum surfen und Messagen. Ja, alles gut, wir sind gut angekommen- nein, nicht in Deutschland, sondern erstmal in Hargeisa 😉

Somalische Verwandtschaftsbande

Am späten Nachmittag kam auf einmal Besuch in unser wieder voll gekrümmeltes Zimmer (peinlich! aber wieso stellen die in Hotels nie einen Besen zur Verfügung?). Aha, diese Frau, welche etwas älter war als mein Mann, war also seine Großnichte. Zur Nachhilfe: die Tochter der Tochter seiner Schwester. Oder kurz gesagt: ihre Großmutter ist die (älteste) Schwester meines Mannes. Kapito? 😀 Ja, ich würde mich jetzt auch am Kopf kratzen, wenn ich nicht schon an Somalische Verwandtschaftsbande gewöhnt wäre!

Jedenfalls gingen wir mit der lieben Großnichte und ihrer Tochter auf das Dach-Restaurant und eröffneten eine Tee-Runde, welche ich durch Kaffee genüsslich ergänzte. Ja, es ist etwas ungewohnt, dass man in Somalia eine Frau Kaffee trinken sieht (und das auch noch ganz offiziell), doch ich darf mir so was ja erlauben- schließlich bin ich keine Somalierin 😉

Ich erinnerte meinen Mann, dass wir unbedingt einen Wasserkocher benötigten, um hier im kalten Hargeisa überhaupt mal duschen zu können. Während man Abends in Garowe die idealste Temperatur hat und man sich in T-Shirt aufhalten kann, war es in Hargeisa schon übelst kalt für unsere Verhältnisse, sodass wir unsere Jacken heraus kramen mussten. Was denkt ihr dann, wie kalt das Wasser war? Die Nichte wollte sofort los, um diesen Wasserkocher zu besorgen. Ich ergriff die Chance, um mal etwas von der City zu sehen und ging mit ihr.

City-Trip- eine willkommene Abwechslung

Draußen machten sich meine Augen auf die Suche nach ihrem Auto. Wir steuerten allerdings schnurstracks auf einen der ziemlich maroden Autobusse zu. Ahhh, wir mussten also die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen!? Bismillah und einsteigen hieß es auch schon. Der Fahrer schien erst mal den Bus nicht an zu kriegen und rollte einfach ohne Motor schon mal los, bis es doch noch an ging. Sichtlich angespannt erzählte ich  meiner Verwandten, dass es das erste Mal für mich war, dass ich in so einem Teil durch die Gegend fuhr. In Garowe bin ich bisher nur selber Auto gefahren oder als Beifahrerin und nur manchmal hat es mich in eine Rikscha verschlagen. Aber nun gut, diese Erfahrung sollte ich nun halt auch machen! Ich bereute nur, dass ich meine kleine Tochter mitgenommen hatte in dieses Chaos.

Es war schon richtig dunkel, als wir im Zentrum von Hargeisa ankamen. Ich zückte schon mein Handy heraus, um diesen Moment für euch festzuhalten. „Vorsicht, mach hier bloß keine Fotos- das Handy wird dir weggerissen!“ Oha, also war diese Großstadt auch noch gefährlicher als Garowe! Zu meinem Erstaunen sah ich kurz darauf 4 Asiaten unbehelligt durch die Straße laufen. Meine Verwandte meinte noch zu mir, dass diese wohl so richtig über den Tisch gezogen werden, sobald sie einen Laden betreten würden. Traurig, aber wahr. Ich hielt meine Tochter fest wie an kurzen Zügeln, während sie bemerkte: „Mama, die Leute in Hargeisa mögen wirklich Musik!“. Kein Wunder, denn schon zum 3. mal fuhr ein Auto mit Schindarassa-bum durch die Gegend. Noch so ein Unterschied zu unserer Gegend, wo man so etwas kaum antrifft.

Beste Preise

Wir passierten zig Melonen-Stände, welche hier zu Spottpreisen verkauft werden (Vergleich: ein Wassermelone in Garowe kostet 5-10 Dollar, in Hargeisa 1-2!), bis wir in das Herz des Zentrums eindrangen: dem Markt! Dieser war überwältigend voll für diese Zeit und man konnte dort wirklich ALLES finden. Auch unseren heiß ersehnten Kocher und sogar Kindersocken, die wir ebenso benötigten. Ich zückte mein I-Phone, um zu bezahlen, aber denkste! Nicht mit den Somali’s! Sie bezahlte peinlicher weise alles für mich und meinte, ich würde für sie das Gleiche tun, wenn sie zu uns kommen würde. Das liebe ich so an den Somali’s: ihre Großzügigkeit!

 

Ab und zu „durfte“ ich dann doch noch ein paar Fotos machen und hatte wieder etwas Neues zu entdecken: der Sohn unserer Verwandten wurde eben zum Friseur geschickt, und der Friseur kam mit Feuer auf ihn zu gelaufen. Schau mal, was der da macht! Sagte ich zu meiner ganz amüsierten Verwandten, die mir erklärte, dass damit nur die Bakterien von der Schere verbrannt werden würden. In der Zwischenzeit hatten wir Zeit zum quatschen, so gut es eben ging mit meinen Somalisch Kenntnissen.

In der Rush-Hour ist nicht zu spaßen

Bald darauf machten wir uns dann auf den Heimweg, bzw. auf die Suche nach einem Bus. Wir hatten wohl die Rush-Hour der Nachhause-Gänger erwischt. Jedenfalls war es ein Rufen und Schimpfen, zeitweise wirkte es etwas bedrohlich. Busfahrer wollten uns überzeugen, ihren Bus zu wählen. Letztendlich fanden wir einen, der sogar innen richtig kitschige Buntlampen installiert hatte. Bloß weg hier von diesem Chaos!

In dieser Nacht schlief ich mit der Vorfreude auf den nächsten Tag ein, denn unsere Verwandte wollte uns zu sich nach Hause laden, also endlich weg aus diesem Hotel!

Ein Tag voller Freude und Erholung

Am Vormittag des nächsten Tages holte die Großnichte uns auch schon ab- mit dem öffentlichen Bus, versteht sich! Aber tagsüber ist das etwas ganz anderes. Unterwegs kauften wir Wassermelonen und kamen schließlich an ihrem Haus an.

Unsere Kinder konnten ihren Augen kaum trauen- was sie da direkt neben dem Haus der Verwandten sahen, haute sie fast um vor Freude: ein Riesenrad!!! Oha, da hatte ich die Großnichte am Tag zuvor sogar richtig verstanden- sie hat einen Spielplatz direkt neben ihrem Haus!

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Das Riesenrad als beliebtester Nachbar (man schließe die Augen vorm Müll).

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Unsere Ruhe-Oase für diesen Tag

Erstmal hieß es aber, rein ins Haus und auf ein köstliches Mittagessen warten. Es war so gemütlich in diesem Haus, dass wir direkt einschliefen. Die Reise steckte uns noch immer in den Knochen.

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Nachmittags ging es dann endlich los: auf zum Spielplatz! Was wir dort sahen, beeindruckte Groß und Klein: dieser Spielplatz war nicht wie unser kleiner Spielplatz in Garowe, sondern für Somalische Verhältnisse wie ein riesen Kirmes-Platz! Wir mussten nur für die Hälfte der Kinder Eintritt zahlen, und schon ging es los: schaukeln, wippen, rutschen, was das Zeug hält.

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Mein „Kollege“ im Kinder bespaßen und ich 🙂

Kinderträume werden wahr!

Kurz darauf kam natürlich, was nicht zu vermeiden war: die Kinder wollten unbedingt auf’s Riesenrad! Wir organisierten extra Geld und so wurde es extra für uns angemacht. Für unsere Kinder wurden an diesem Abend Kinderträume wahr!

 

Beim Riesenrad blieb es natürlich nicht- die Kinder wollten auch auf ein echtes Karussel und das riesengroße Schaukel-Schiff! Und das Beste: ich musste mit auf Letzteres, damit meine Kleine auch drauf kann! Ich hatte etwas Respekt davor und so setzte sich meine Co-Schwester neben meine Tochter. In der letzten Sekunde setzte ich mich dann aber doch noch rein. Warum auch nicht!? Es wurde ein riesen Spaß und der Besitzer achtete extra drauf, uns nicht zu hoch hin und her schwingen zu lassen. Aber die Menge rief, „noch höher, noch höher!“, bis wir fast auf unseren Köpfen standen.

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Im Karussel-Flow!

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Die Schiffsschaukel in action.

Es geht weiter!

Um 20:30 war es dann aber höchste Zeit, Abschied zu nehmen, denn überraschenderweise sollte es am nächsten morgen ganz früh weiter gehen- und zwar ins Flugzeug, nach Äthiopien! Die Stimmung war ausgelassen und die Kinder so k.o. zugleich, wie schon lange nicht mehr. Gott sei Dank schafften wir nach einem flinken Abendessen noch den (Bus-) Weg zum Hotel.

Wie unsere Reise weiter ging und was uns in Äthiopien erwartete, erfahrt ihr (in shaa Allah) im nächsten und zugleich letzten Teil. Macht euch auf etwas gefasst!

Liebe Grüße,

Eure Khalisa

 

 

 

 

 

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