Firdausa, meine blinde Nachbarin

In folgendem Artikel möchte ich euch über die bewegende Geschichte von Firdausa, meiner blinden Nachbarin, berichten.

Wie alles begann…

Fangen wir also damit an, wie ich sie kennenlernte. Es war am Tag des vergangenen Eids (Fest), dass in mir der Wunsch entstand, meine Nachbarin zum erstenmal zu besuchen. Denn ich bekam zu hören, dass sie sich immer durch ihre Nichte, welche uns fast täglich besuchen kommt, nach mir erkundigte und mich auch grüßte. Also eine Schande, dass ich nun mehr als 3 Jahre hier in Garowe lebe, ohne sie jemals gesehen zu haben! Im Islam ist die Nachbarschaftspflege nämlich überaus wichtig (habe es bloß meiner Co-Schwester überlassen, sich darum zu kümmern):

Und dient Allah und setzt Ihm nichts zur Seite; und seid gut zu den Eltern und zu den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem Nachbar, sei er verwandt oder aus der Fremde, dem Begleiter an der Seite, dem Sohn des Weges und zu dem (Sklaven), den ihr von Rechts wegen besitzt. Seht, Allah liebt nicht den Hochmütigen, den Prahler.” (Quran 4:36)

Wobei ich entschuldigend hinzu sagen muss, dass mir ihre Grüße nie ausgerichtet wurden. Das entspricht irgendwie nicht der Somalischen Mentalität, seine Worte über solche „Unwichtigkeiten“ zu verlieren 😉

Erster Besuch, berührende erste Begegnung

Sofort ließ ich durch meine Co-Schwester verkünden, dass ich am nächsten Tag zu Besuch kommen würde. Mit meiner Co-Schwester als Übersetzerin ausgestattet, stand ich also am nächsten Abend vor ihrer blauen Metalltür.

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Sofort machte uns die Nichte auf und begrüßte uns herzlich. [Die Nichte lebt seit ihrem 6.Lebensjahr bei Firdausa und deren Mutter, um sich um sie zu kümmern. Nebenbei geht sie zur Schule.]

Wir liefen über den mit Steinen gefüllten Innenhof erst zu der Mutter der Blinden, welche schon sehr alt ist und hauptsächlich auf ihrem kleinen Teppich mit Kissen sitzt. Auf ihrer linken Seite sah ich zum erstenmal Firdausa. Sie saß auf einem großen geflochtenen Teppich, ausgestattet mit einem Radio und einem Trinkwasserbehälter. Sofort war ich von ihrer Religiösität und ihrer Herzlichkeit angetan. Wir nahmen neben ihr Platz und unterhielten uns hauptsächlich über ihre Geschichte und dass alles ein Test von Allah sei- nicht nur ihr Schicksal, sondern alles, was uns so widerfährt!

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Firdausa´s Leidensgeschichte

Firdausa´s Leidensgeschichte fing an, als sie 14 Jahre alt war. Zu dem Zeitpunkt war sie ein hübsches, intelligentes Mädchen, welches hier in Garowe zur Schule ging. Plötzlich jedoch bekam sie sehr, sehr hohes Fieber, welches wahrscheinlich nur mit Fiebersenkungsmitteln (wenn überhaupt) behandelt wurde. Sie lebte auch damals schon in einfachsten Verhältnissen und konnte sich keinen Arztbesuch leisten. Die Ursache von ihrer Blindheit wird nun verschieden ausgedrückt: Ihre Mutter erzählte uns, dass sie vom „Bösen Blick“ getroffen worden sei. während Firdausa selbst eher dem hohen Fieber die Schuld gibt.

Wie auch immer, jedenfalls ist sie seitdem blind. Hinzu kommen noch tägliche Kopfschmerzen, weil ihre Nerven im Kopf verrückt spielen. In einem Röntgenbild ihres Gehirns wurde bestätgt, dass ihre Nerven geschädigt sind, woraufhin ihr ein Arztbesuch bei einem Spezialisten geraten wurde. Nach einer initiierten Reise nach Äthiopien musste Firadausa und ihre Familie feststellen, dass auch dort kein richtiger Spezialist zu finden war.

Auch eine Reise nach Dubai hat sie bereits hinter sich, jedoch ohne große Erfolge, da sie sich die Medikamente nicht leisten konnte.

Noch schlimmer wurde es dann, als sie eine Allergie gegen ihren eigenen Schweiß entwickelte. Das heißt, wenn immer sie durch Bewegung erhitzte (was hier wahrlich schnell geht tagsüber), so fängt der ganze Körper an fürchterlich zu jucken. Um dies zu vermeiden, versucht sie, sich tagsüber kaum zu bewegen. So ging sie seit ein paar Jahren nicht mehr zur Moschee, um Unterrichten und Predigten zu folgen. Abends wiederum hat sie niemanden, der mit ihr spazieren gehen könnte (die Nichte ist zu klein, um sie zu stützen). Dadurch hat sie erheblichen Muskelschwund. Aber was macht Firdausa? Meinst du, sie würde ihren gut bedeckenden Hijab gegen einen kleinen Schal auswechseln, um tagsüber zu laufen zu können?

Nein, ganz und garnicht! Firdausa besteht auf ihrem typisch somalischen Hijab und selbst auf ihrem Niqab- über dessen Pflicht es nun wirklich Meinungsverschiedenheiten gibt! Stellt euch das einmal vor- sie verzichtet aus Liebe zum richtigen Hijab und ihrer Religion darauf, Abstriche zu machen, aus Angst, sie könnte nachlässig werden in ihrer Religion!

In mir kam sofort der Wunsch hoch, ihr zu helfen. Es muss doch eine Lösung geben für ihr Leiden! Sie erzählte uns davon, dass ihr Physiotherapie empfohlen wurde und ihr dadurch eine Verbesserung ihrer Situation zugesprochen wurde. Sie sammelte schon länger für den Besuch dort, jedoch hatte sie noch nicht genug Geld zusammen.

Was können wir tun?

Zuhause angekommen überlegten wir, wie wir ihr helfen können. Uns hatte es positiv überrascht, dass es hier eine Physiotherapeutin gibt. Es musste jemand Neues sein!

Physiotherapie oder Firdausa´s wiedergefundener Schlaf

Am übernächsten Tag fuhr ich mit Firdausa dann dorthin. Die Physiotherapeutin war super freundlich und verschrieb ihr 15 Physiotherapie-Stunden, oder eher gesagt Trainingsstunden. Sie konnte auch sogleich anfangen.

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Als erstes wurde Firdausa auf ein automatisches Sitzfahrrad gesetzt. Da kam auch schon die erste Hürde: wie erklärt man jetzt einer Blinden, die noch nie in ihrem Leben ein Fahrrad gesehen hatte, wie sie ihre Beine zu bewegen hat?!? DIe Physiotherapeutin und ihre Assistentin bemühten sich ungeheuer, Firdausa´s Füßen den Weg zu zeigen. Irgendwann konnte ich mir einen Kommentar nicht verkneifen: „Im Kreis, im Kreis herum!“. Das half Firdausa´s Vorstellungskraft etwas besser, als die trockenen Erklärungen (rechtes Bein hoch, linkes runter etc.). Aber es ging noch nicht richtig flüssig, immer wieder wollte sie sogar rückwärts fahren oder kam ins Stocken. Währenddessen tropfte ihr Schweiß vor innerlicher und äußerlicher Anstrengung.

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Nach dieser Höchstleistung ging es für sie auf eine Beindrücke. Sie setzte sich mit unserer Hilfe auf eine Art Stuhl, während ihre Unterschenkel Gewichte hoch stemmen sollten. Dann sollte sie in dieser Stellung 30 Sekunden bleiben, dann locker lassen, und erneut. Ich dachte mir nur „Die Arme hat morgen sicherlich Muskelkater ohne Ende!“. Und so war es natürlich auch.

Später kam noch eine Kräftigungsübung für den Oberkörper hinzu, bei welcher sie ein Gummiseil zu sich heran ziehen soll. Auch Übungen für Zuhause wurden ihr gezeigt, die sie nach jedem der 5 täglichen Gebete auf ihrem Gebetsteppich ausüben sollte.

Schließlich brachten wir sie in ein Nebenzimmer, in dem sie auf einer Liege Platz nahm. An ihre Beine wurden Elektromagnete festgeklebt, durch welche die Muskeln angeregt werden sollten. Wie auch immer das funktioniert, ich war erstaunt, dass es hier tatsächlich so etwas gibt- im „rückständigen Somalia!“.

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Eine Kämpfernatur trotz großer Beschwerden

Hinterher fühlte sich Firdausa großartig. Endlich konnte sie etwas tun, um stärker und unabhängiger zu werden. Und den ersten Effekt spürte sie auch schon direkt: zum ersten mal konnte sie nachts endlich wieder richtig gut schlafen, da sie sich förmlich ausgepowert hatte. Stellt euch das mal vor- selbst der gesunde Schlaf ist für so jemanden ein Luxus!!

Am nächsten Abend hatte sie sofort den nächsten Termin, auf den sie sich schon freute. Diesesmal nam sie extra ein Tuch mit, mit dem sie sich statt dem großen Hijab während dem Sport bedecken konnte. Auf dem Fahrrad ging es gleich schon besser, wenn auch mit Stockungen zwischendurch.

Am 3. Abend war sie eigentlich krank- Mandelentzündung! Aber ich konnte sie nicht davon abhalten, trotzdem zu trainieren, auch wenn ich davon überzeugt war, dass es ein Zeichen ihres Körpers war, dass er eine Pause braucht. Ich konnte die Physiotherapeutin nicht verstehen, die von ihr einen Aktivitätsamstieg von 100% erwartete und sie jeden Abend sehen wollte. Hinterher fühlte sich Firdausa trotzdem besser.

Fördern statt überfordern

Nach dem Wochenende, an dem sie nochmal richtig krank wurde, entschieden wir, dass wir sie nur noch alle 2 Abende zum Training bringen, damit es nicht zuviel für sie wird. Den Abend, an dem sie nicht zum Training ging, wollte meine Co-Schwester mit ihr spazieren gehen. Also eine andere Art von Training!

Seitdem brachte ich sie also nur noch alle 2 Tage zum Training, solange sie nicht aufgrund wegen ihrer starken Kopfschmerzen absagen musste. Nach den ersten malen ging uns allerdings auch das Geld aus für ihre Therapie. Immerhin waren es jedesmal 10 Dollar. So fragten wir andere um Hilfe und bekamen Gott sei Dank auch 80 Dollar aus Australien geschickt. Die nächsten 8 Trainingsstunden waren also gedeckt, alhamduliLlah. Sobald ich etwas Geld hatte, machte ich dann noch die 15 Stunden voll und netterweise versprach uns die Physiotherapeutin 5 weitere kostenlose Trainingsstunden.

Besuch beim überfüllten Augenarzt

Dazwischen brachten wir sie noch zum Augenarzt, um seine Meinung zu hören, ob bei ihr noch etwas zu retten sei bezüglich ihrer Sicht. Ihre Augen juckten auch unheimlich zu der Zeit. Der Augenarzt war unheimlich überfüllt, trotz dass es Siesta-Zeit war. Er nahm uns trotzdem direkt dran, da er ein Freund meines Mannes ist. Für ein Statement oder gar ein Video hatte er jedoch keine Zeit. Er schrieb bloß einen Zettel voll mit Medizin und sagte uns, mein Mann solle ihn später anrufen. Immerhin nahm er auch keine Behandlungskosten.

Oben seht ihr Firdausa mit dem Augenarzt, unten auf dem Weg aus der Praxis, von meiner Co-Schwester geführt.

Bisher hatte mein Mann selber noch keine Zeit, den Doktor anzurufen, da er auch verreiste und anderes wie Krankheit und Gäste ständig dazwischen kam. Heute jedoch rief er endlich an- nur um zu erfahren, das der Arzt garnicht mehr im Lande ist, sondern sich zurzeit in Indien aufhält! Ich werde euch daher auf dem Laufenden halten, sobald wir mehr erfahren, in shaa Allah.

Trotzdem wollte ich euch schon einmal über diese Überlebenskämpferin berichten. Denn bei uns steht ja jetzt auch eine Reise an in shaa Allah, so dass ich dann nicht mehr so schnell dazu kommen werde.

Wie geht es weiter?

Bisher sind noch 10 von 20 Trainingseinheiten übrig, für die bereits gezahlt wurde. Danach wird sie zwar nicht mehr jeden 2. Tag zum Training müssen, welches sie aufgrund ihrer starken Kopfschmerzen meißtens sowieso nicht schafft. Aber 3 mal wöchentlich sollte sie schon noch trainieren, während sie die restlichen Abende mit uns laufen wird, in shaa Allah.

In der Zeit, in der auch meine Co-Schwester verreist ist, wird eine gute Freundin sie zur Physiotherapie hin und zurück fahren, in shaa Allah. Bloß die Bezahlung ist noch nicht klar.

Ich möchte ihr gerne über die Physiotherapie hinaus helfen. Sie müsste unbedingt noch einmal am Kopf geröngt werden, so dass wir persönlich von dem Arzt ein Statement hören und Firdausa´s Lage besser einschätzen können. Dieser Arzt ist jedoch in der teuersten Privatklinik überhaupt und nimmt dafür viel Geld.

Möglichkeiten, Firdausa zu unterstützen

Wer also Firdausa eine Weiterbehandlung ermöglichen möchte, soll mich einfach kontaktieren. Sei es, für die weiteren Trainigsstunden, den teuren Arztbesuch, weitere Medikamente, welche sie für ihre Nerven und Augen einnimmt, ein eigenes Fahrrad zum trainieren oder sogar eine medizinische Behandlung außerhalb Somalia´s (wofür sich Indien ganz gut anbieten würde)- wir sind für jegliche Art von Unterstützung sehr dankbar!

Zum Abschluss noch ein Video, welches ich von Firdausa in ihrem Zuhause gedreht habe. Sie redet zwar Somalisch, aber ihr könnt einen guten Eindruck von ihrem simplen Leben und ihrer hilflosen Situation bekommen. An diesem Tag hatte sie sehr starke Kopfschmerzen, so dass sie abends nicht laufen konnte. Den Hijab haben wir ihr besorgt, da sie immer den gleichen trug, der schon Löcher hatte und etwas schwer vom Material her war.

Wer Somalisch versteht, überhöre einfach den Anfang, an dem ich „cotka deereey“ (sprich lauter) meinte, aber das Gegenteil sagte 😀

Firdaus ist übrigens die Bezeichnung für die höchste Stufe im Paradies. Möge Allah all jene, die sie unterstützen wollen und Firdausa selbst mit Jannatul Firdaus belohnen und möge Er ihr Gesundheit und Geduld schenken.

Eure Khalisa

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