Somalia- für Frauen gefährlich!??

In diesem Artikel spreche ich ein paar etwas heikle Themen an, auf die mich ein Spiegel Online- Artikel gebracht hat: demnach soll Somalia auf Platz 5 der für Frauen am gefährlichsten Länder stehen. Warum und wieso, und ob diese Beurteilung berechtigt ist, werde ich versuchen, hier zu untersuchen. Nachdem ich mir hefitge Kommentare eingeheimst hatte, habe ich den Artikel nun etwas überarbeitet und nochmal doppelt und dreifach betont, dass ich gegen jede Art von Diskriminierung und Verstümmelung an Frauen bin! Ich hoffe, jetzt haben es alle verstanden 😉


“Wo es für Frauen am gefährlichsten ist”

So lautet der Titel besagter Artikel der Spiegel Online, der über eine interationale Studie berichtet, welche sich mit den für Frauen gefährlichsten Ländern befasst. Somalia sei nach Afghanistan, Kongo, Pakistan und Indien auf Platz 5.

Mich hat dieser Bericht und die Studie nachdenklich gemacht. Warum? Weil ich mich als Frau hier relativ sicher fühle (Alhamdulillah). Es sei denn, nachts- aber zu dieser Uhrzeit ist es wohl fast überall nicht empfehlenswert, allein herum zu laufen. Und weil die Frauen hier so unheimlich vor Selbstbewußtsein strotzen (maa shaa Allah). Außerdem sind sie es, die hier in ihren Familien das Sagen haben.

Natürlich bin ich nicht das Maß der Dinge, an dem man solch eine Studie ausmachen kann. Also forsche ich und frage ich mich ein bisschen herum. Lebe ich in einem anderen Land? Denn ich wundere mich über die Aussage von Marian Qasim, der Frauenministerin Somalias, welche in dem Artikel ihre genau gegenteilige Verwunderung über den 5.Platz Somalias´zum Ausdruck bringt:

“Ich bin überrascht, dass Somalia nicht ganz oben auf der Liste gelandet ist, sondern nur auf Platz fünf!”

Dann fährt sie hinfort:

“Das gefährlichste, was einer Frau in Somalia passieren kann, ist schwanger zu werden”, sagte Qasim. Ihre Überlebenschancen stünden dann fünfzig zu fünfzig, es gebe keinerlei Betreuung vor der Geburt. “Es gibt keine Krankenhäuser, keine Versorgung, gar nichts.”

Das ist meiner Einschätzung nach wirklich übertrieben. Es mag sein, dass Frauen, die als Nomadinnen leben oder auch in kleinen Dörfern, keine Krankenhäuser zur Stelle haben. Aber das ist wohl überall in Afrika so, das macht es nicht gleich zu einem der gefährlichsten Länder! In den Groß- und Kleinstädten hingegen gibt es sehr wohl Krankenhäuser.

Selbst in Qardho, einem laut Wikipedia 300,254 Seelen Dorf, gibt es ein Krankenhaus mit gutem Frauenarzt. Ich musste damals auch ein paarmal dorthin. Damals war der Arzt sogar aus Ägypten. In den großen Städten gibt es auch kostenlose Krankenversorgung für diejenigen, die sich den Gang zum Arzt und die Medikamente nicht leisten können.

Hier in Garowe gibt es mehrere Frauenärzte, darunter eine, die ich sehr bewundere. Selber hat sie nie Kinder bekommen, jedoch hilft sie nun unglaublich vielen Frauen bei ihren Problemen. Patienten, bei denen sie den Anschein hat, sie können es sich nicht leisten, behandelt sie einfach ohne Bezahlung (maa shaa Allah, moege Allah sie reichlich belohnen). Bei ihr arbeiten Tag und zur Not auch Nachts professionell ausgebildete Hebammen (sie werden hier in einer Uni ausgebildet).

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Frauenarzt und Augenarzt Klinik

Außer dem Krankenhaus, bei dem man gebären kann, werden die Babies hier mithilfe einer erfahrenen Geburtsbegleiterin zur Welt gebracht. Selbst meine Schwiegermutter hat allen Verwandten bei der Geburt geholfen, sogar einmal ganz cool die Nabelschnur von dem fast erstickten Baby entfernt. Ok, diese Somalischen “Dawlas” haben nicht wirklich medizinisches Fachwissen, dafür aber zahlreiche Erfahrung. Und die Frauen bekommen hier Kinder “ohne Ende” (maa shaa Allah). Es mag tragische “Unfälle” geben, aber das macht bestimmt nicht 50 % der Mütter aus!

Schauen wir also weiter, was in dem Artikel noch als große Gefahrenquelle für Frauen in Somalia gesehen wird:

1. Vergewaltigungen

Man kann nicht verleugnen, dass es sie nicht gäbe- leider kommt so etwas selbst an Orten vor, an denen man damit nicht rechnet. Aber es ist bei weitem nicht so eine hohe Zahl wie in Amerika, welches in manchen Listen der “Top 10- Vergewaltigungsländer” auf Platz 1 steht (hier): 1 von 6 Frauen wird dort zum Opfer von solchen Schandtaten. Selbst Deutschland ist kein Land, in dem man davor sicher ist: Laut einem Bericht gibt es dort mehr Vergewaltigungen als in Indien! Allein im Jahre 2010 wurden in Deutschland laut dem Bundeskriminalamt 9,4 Fälle pro 100.000 Einwohner bekannt. Wenn man dies mal auf ein Jahr verteilt, so kommt man zu folgender Rechnung:

Lassen sich 489 Fälle, wie sie in Delhi geschehen, auf eine Vergewaltigung alle 18 Stunden hochrechnen, so ergibt die gleiche Rechnung für Deutschland eine Vergewaltigung alle 68 Minuten!

Länder wie Schweden und Frankreich sind sogar noch schlimmer betroffen. Man sollte also nicht so stark auf andere zeigen, wenn man doch die gleichen Probleme gleich oder verstärkt in seinem Land hat (ohne es verharmlosen zu wollen)!

Beim durchforsten dieser Listen bin ich leider oftmals auf sehr rassistische Seiten gestoßen, bei denen alle Schuld dieser Taten den Ausländern- ja, speziell den Muslimen!- in die Schuhe geschoben wird. Ist ja klar. Ich glaube, ich muss hier nicht erläutern, dass diese Gräueltaten im Islam verboten sind und man die Religion nicht an ihren Gefolgsleuten messen kann. Meißtens sind solche Leute fern von der Religion entfernt, sonst würden sie so etwas nicht tun! Und selbst bei Extremisten wie die von IS, die solche Taten mit der Religion begründen, beruht solch ein Vorgehen viemlehr auf Unwissenheit in dieser als auf Glaubenspraktizierung. Möge Allah uns alle rechtleiten und vor solchen Schandtaten beschützen!

2. Genitalverstümmelungen

Dies ist eigentlich Thema nummer eins, wenn es um Frauen in Somalia geht. Dazu muss man erwähnen, dass es bei der Beschneidung Unterschiede gibt. Genauer gesagt gibt es 4 verschiedene Arten des “Female genital cutting” (FGC). Dabei distanziere ich mich ganz klar von den letzten 3 Formen.

Die schlimmste Art der Beschneidung, bei der die ganze Vagina, also alles äußere entfernt wird, nennt man in Somalia “Fir´aun”. Das heißt soviel wie “Pharaonische Beschneidung” und weist auf den Ursprung dieser Verstümmelung hin: nämlich aus der Pharaonen- Zeit! Sie hat also nichts mit dem Islam zu tun und ist pure Verstümmelung.

Dann gibt es noch 2 andere Arten der Beschneidung, die zwar nicht das ganze Geschlechtsteil entfernen, aber ebenfalls unislamisch und zu verurteilen sind,

Die einzige Art der Beschneidung, die islamisch vertretbar ist, ist die erste, mindere Art der Beschneidung, wobei nur ein etwa Erbsengroßes Stück der Klitoris- Vorhaut entfernt wird.

Der Prophet Mohammed (Frieden und Segen seien auf ihm) hat diese kulturelle Tradition nämlich eingeschränkt, indem er sagte:

“Reduziere es nur geringfügig und überschreite nicht die Grenze (…).”

Abu Dawuud, Sunan, Buch: Manieren, Nr.5271

Diese und andere Aussagen zeugen davon, dass diese Tradition im Islam zwar geduldet wird, jedoch nur als Option und nur mit extremen Einschränkungen! Die drei letzten Formen sind jedoch ausdrücklich schädigend und zu verurteilen!

Beschneidung- (k)ein Islamischer Brauch?

Erstens ist dieser Brauch keine Erfindung der Muslime. Der Ursprung der Beschneidung ist vielmehr in der Zeit des Pharao´s zu finden.

Zweitens wird es generell in Afrikanischen Ländern praktiziert, ganz gleich welcher Religion sie angehören. Selbst manche Nicht- Muslime praktizieren diesen Brauch heutzutage (natürlich nur in der 1.Form, die auch im Islam geduldet wird) und versprechen sich davon hygienische und andere Vorteile. Dies bestätigten ein paar Ärzte und ist ganz schön auf dieser Seite zu finden. So wird dort folgend zitiert

C.F. McDonald stellt in einem 1958 veröffentlichten Papier mit dem Titel Circumcision of the Female[11] fest: “Wenn der Mann die Beschneidung für Reinheit und Hygiene benötigt, warum nicht die Frau? Ich habe vielleicht 40 Patienten operiert, die diese Behandlung nötig hatten.” Der Autor sagte, es heile „Irritationen, Juckreiz, Erregbarkeit, Masturbation, Häufigkeit und Dringlichkeit“, und Smegmaliths, die “Dyspareunia und Frigidität” verursachen.

Vaginale Verstümmelung- ein Brauch der ungebildeten Schicht

Die extremen Formen der Beschneidung (Typ 2-4) werden trauriger weise noch zu häufig durchgeführt- gerade in den ländlicheren Gegenden. Vereinzelt sogar auch noch in den Städten, wobei dort meißtens nur die harmlose Form praktiziert wird. Die Mütter, die trotz etwas Bildung diese Schandtat an ihren Töchtern durchführen, kennen es wohl selber nicht ander, kommen also aus ländlichen Gegenden. Für sie gehöre es eben zum Frau sein dazu. Vielleicht haben sie auch Angst davor, die Mädchen könnten im Pupertätsalter zu schnell “flügge” werden, wenn sie so viel Gefühle für das andere Geschlecht haben. Da gibt es natürlich “bessere” Methoden, dass die Mädchen nicht schon soviel mit Jungs abhängen: zum Beispiel den Iman (Glauben) mit nutzvollem, liebevoll beigebrachten Wissen zu stärken und sie so moralisch zu stärken.

Undifferenzierte Berichterstattung

Laut internationalen Studien sind wohl 98% von Genitalverstümmelung betroffen, wie auf Seiten wie hier zu lesen sind. Bei solchen Studien wird aber meißtens nicht zwischen den verschiedenen Arten der Beschneidung differenziert. Wenn man das tun würde, käme man sicher auf ein komplett anderes Ergebnis.

Der Trend geht nämlich eher dahin, dass die Leute aufgeklärt werden und zumindest die extremen Formen der Beschneidung unterlassen: sie wissen um die Risiken und Nachteile, die es für die Mädchen hat und dass es selbst islamisch gesehen nicht erlaubt ist. Zudem wird es von den jüngeren Männern auch eher vermieden, eine “beschnittene” zu heiraten . Dass sie größtenteils die harmlose Sunna- Beschneidung praktizieren, kann man ihnen nicht vorwerfen, da diese Art ungefährlich ist.

Wüstenblume1

3. Begrenzter Zugang zur Bildung und medizinische Versorgung

Auf die medizinische Versorgung bin ich ja schon eingegangen. Natürlich gibt es in 10- Seelen- Dörfern kein Krankenhaus. Jedoch in den Städten Gott sei Dank schon. Vielleicht gibt es hier auch keine Osteopathen oder Physiotherapeuten, jedoch die Grundversorgung ist gewährleistet alhamduliLlah.

Zu dem Thema Bildung muss ich ebenfalls auf die Differenzierung hinweisen. Leider ist es schon so, dass ein Großteil der Kinder keinen Zugang zur Bildung hat. Das liegt aber daran, dass sie in Dörfern oder komplett auf dem Land wohnen. In den Städten widerum ist es nicht der Fall. Dort gibt es eine große Auswahl an Schulen, die entweder Englisch- oder Arabisch-Somalisch geführt werden. Ich habe selber nicht erwartet, dass hier wirklich die Mehrheit der Kinder zur Schule gehen, selbst die Mädchen! Bloß die Bauernfamilien, Kinder aus Nomadenfamilien und aus Flüchtlingslagern haben leider nicht die Gelegenheit richtige Schulen zu besuchen. Oftmals besuchen diese einfach Qur´an- Schulen, in denen sie Arabisch schreiben und lesen lernen, um den Qur´an selbstständig lesen zu können.

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Schulmädchen auf dem Weg von/zur Schule

4. Wirtschaftliche Faktoren

Die letzte Gefahr für Frauen stellt laut Spiegel Online die Armut dar. Das kann man wohl nicht abstreiten, wobei es in anderen Ländern, in denen es solche Flüchtlingslager gibt, sicher ähnlich ist.

Inwieweit stellt die Armut jedoch eine Gefahrenquelle dar? Das wird in dem doch recht oberflächlich gehaltenen Bericht nicht erwähnt. Aber man kann sich vorstellen, dass mit wenig Wasserreserven auch die Hygiene leidet und es zu mehr Krankheiten kommt, wie Cholera, welche dann auch tödlich enden können, sofern sie nicht sofort behandelt werden. Dies ist aber nicht nur für Frauen gefährlich, sondern für alle unter Armut leidenden Menschen.

Flüchtlingslager
Eins der vielen Flüchtlingslager

In Somalia gibt es auch ein paar Organisationen, die Vergewaltigungsopfern helfen möchten und sie finanziell unterstützen. Das wird leider von einigen ausgenutzt, indem sie sich als Opfer darstellen, nur um ihr Überleben zu finanzieren.

Eine bemerkenswerte Geschichte, die mir kürzlich erzählt wurde:

Ein Mann ging zu einer dieser Organisationen, die Vergewaltigungs-Opfern helfen. Was auch immer er dort machen wollte, ist nicht klar und tut nichts zur Sache. Jedenfalls sah er auf einmal die Frau seines Freundes dort! Voller Scham schaute er auf den Boden. Sobald er draußen war, rief er seinen Freund an und bekundete sein Beileid. “Wie, was ist passiert?” fragte der ganz außer sich. Als er erfuhr, wo seine Frau gesehen worden war, ließ er seine Arbeit stehen und fuhr sofort nach Hause. Seine Frau wartete schon auf ihn. Etwas aufgebracht fragte er sie, was passiert sei, und warum sie ihm nichts erzählt hatte. Seine Frau musste lachen und sagte: “Weißt du denn nicht, dass meine ganze Nachbarinnen dort hin gehen, um etwas dazu zu verdienen!??”

Traurig aber wahr, wird solche Hilfe eben leider auch ausgenutzt und so ensteht für außenstehende und Organisations-Mitarbeiter ein falsches Bild von der Zahl der Vergewaltigungs- Opfer. Aber wenn man ums tägliche Überleben kämpfen muss, ist das irgendwie noch verständlich, dass sie solche Angebote für ihre Zwecke (aus-) nutzen.

Fazit

Ich möchte mit diesem Beitrag auf gar keinen Fall bestehende Gefahren für Frauen in Somalia bestreiten oder gar verharmlosen. Dennoch bin ich es Leid, dass Somalia immer so extrem einseitig dargestellt wird- als ob eine Frau hier kein normales Leben führen kann! Anhand solcher Studien, die ihren Umlauf in die ganze Welt machen, werden solche undifferenzierten Daten freigesetzt, welche der Weltbevölkerung ein dementsprechendes Bild in ihren Köpfen verankert.

Ja, es gibt Vergewaltigungen, Verstümmelungen, begrenzte Schulbildung und andere Nachteile durch Armut in diesem Land, leider. Und es gibt diesbezüglich noch viel zu tun, benötigt noch viel mehr Aufklärung und Unterstützung.

Wenn man jedoch andere Länder genauer unter die Lupe nimmt, sieht es da längst nicht (viel) besser aus. In Südafrika zum Beispiel werden ab Sonnenuntergang die Bürgersteige hoch geklappt, aus Angst vor den ganzen Überfällen etc.

Was bestimmt noch nirgends erwähnt wurde: Frauen in Somalia haben sogar im hohen Alter das Recht, dass ihre Kinder für sie sorgen, und sich bestens um sie kümmern! Sie werden nicht wie (meißtens) im Westen in Altersheime gesteckt- nein, vielmehr sind sie die Queens in der Familie, auf deren Ratschlag jeder hört!

Ich hoffe, ich konnte euch ein etwas differenzierteres Bild über die Situation für Frauen hier in Somalia aufzeigen.

Möge Allah alle Menschen und besonders Frauen vor allen Übeln beschützen und ihnen ihre jeweilige Situation erleichtern, amiin.

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

ä

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