Firdausa, meine blinde Nachbarin

In folgendem Artikel möchte ich euch über die bewegende Geschichte von Firdausa, meiner blinden Nachbarin, berichten.

Wie alles begann…

Fangen wir also damit an, wie ich sie kennenlernte. Es war am Tag des vergangenen Eids (Fest), dass in mir der Wunsch entstand, meine Nachbarin zum erstenmal zu besuchen. Denn ich bekam zu hören, dass sie sich immer durch ihre Nichte, welche uns fast täglich besuchen kommt, nach mir erkundigte und mich auch grüßte. Also eine Schande, dass ich nun mehr als 3 Jahre hier in Garowe lebe, ohne sie jemals gesehen zu haben! Im Islam ist die Nachbarschaftspflege nämlich überaus wichtig (habe es bloß meiner Co-Schwester überlassen, sich darum zu kümmern):

Und dient Allah und setzt Ihm nichts zur Seite; und seid gut zu den Eltern und zu den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem Nachbar, sei er verwandt oder aus der Fremde, dem Begleiter an der Seite, dem Sohn des Weges und zu dem (Sklaven), den ihr von Rechts wegen besitzt. Seht, Allah liebt nicht den Hochmütigen, den Prahler.” (Quran 4:36)

Wobei ich entschuldigend hinzu sagen muss, dass mir ihre Grüße nie ausgerichtet wurden. Das entspricht irgendwie nicht der Somalischen Mentalität, seine Worte über solche „Unwichtigkeiten“ zu verlieren 😉

Erster Besuch, berührende erste Begegnung

Sofort ließ ich durch meine Co-Schwester verkünden, dass ich am nächsten Tag zu Besuch kommen würde. Mit meiner Co-Schwester als Übersetzerin ausgestattet, stand ich also am nächsten Abend vor ihrer blauen Metalltür.

20180708_191510-11338988353.jpg

Sofort machte uns die Nichte auf und begrüßte uns herzlich. [Die Nichte lebt seit ihrem 6.Lebensjahr bei Firdausa und deren Mutter, um sich um sie zu kümmern. Nebenbei geht sie zur Schule.]

Wir liefen über den mit Steinen gefüllten Innenhof erst zu der Mutter der Blinden, welche schon sehr alt ist und hauptsächlich auf ihrem kleinen Teppich mit Kissen sitzt. Auf ihrer linken Seite sah ich zum erstenmal Firdausa. Sie saß auf einem großen geflochtenen Teppich, ausgestattet mit einem Radio und einem Trinkwasserbehälter. Sofort war ich von ihrer Religiösität und ihrer Herzlichkeit angetan. Wir nahmen neben ihr Platz und unterhielten uns hauptsächlich über ihre Geschichte und dass alles ein Test von Allah sei- nicht nur ihr Schicksal, sondern alles, was uns so widerfährt!

20180708_1911371459318045.jpg

Firdausa´s Leidensgeschichte

Firdausa´s Leidensgeschichte fing an, als sie 14 Jahre alt war. Zu dem Zeitpunkt war sie ein hübsches, intelligentes Mädchen, welches hier in Garowe zur Schule ging. Plötzlich jedoch bekam sie sehr, sehr hohes Fieber, welches wahrscheinlich nur mit Fiebersenkungsmitteln (wenn überhaupt) behandelt wurde. Sie lebte auch damals schon in einfachsten Verhältnissen und konnte sich keinen Arztbesuch leisten. Die Ursache von ihrer Blindheit wird nun verschieden ausgedrückt: Ihre Mutter erzählte uns, dass sie vom „Bösen Blick“ getroffen worden sei. während Firdausa selbst eher dem hohen Fieber die Schuld gibt.

Wie auch immer, jedenfalls ist sie seitdem blind. Hinzu kommen noch tägliche Kopfschmerzen, weil ihre Nerven im Kopf verrückt spielen. In einem Röntgenbild ihres Gehirns wurde bestätgt, dass ihre Nerven geschädigt sind, woraufhin ihr ein Arztbesuch bei einem Spezialisten geraten wurde. Nach einer initiierten Reise nach Äthiopien musste Firadausa und ihre Familie feststellen, dass auch dort kein richtiger Spezialist zu finden war.

Auch eine Reise nach Dubai hat sie bereits hinter sich, jedoch ohne große Erfolge, da sie sich die Medikamente nicht leisten konnte.

Noch schlimmer wurde es dann, als sie eine Allergie gegen ihren eigenen Schweiß entwickelte. Das heißt, wenn immer sie durch Bewegung erhitzte (was hier wahrlich schnell geht tagsüber), so fängt der ganze Körper an fürchterlich zu jucken. Um dies zu vermeiden, versucht sie, sich tagsüber kaum zu bewegen. So ging sie seit ein paar Jahren nicht mehr zur Moschee, um Unterrichten und Predigten zu folgen. Abends wiederum hat sie niemanden, der mit ihr spazieren gehen könnte (die Nichte ist zu klein, um sie zu stützen). Dadurch hat sie erheblichen Muskelschwund. Aber was macht Firdausa? Meinst du, sie würde ihren gut bedeckenden Hijab gegen einen kleinen Schal auswechseln, um tagsüber zu laufen zu können?

Nein, ganz und garnicht! Firdausa besteht auf ihrem typisch somalischen Hijab und selbst auf ihrem Niqab- über dessen Pflicht es nun wirklich Meinungsverschiedenheiten gibt! Stellt euch das einmal vor- sie verzichtet aus Liebe zum richtigen Hijab und ihrer Religion darauf, Abstriche zu machen, aus Angst, sie könnte nachlässig werden in ihrer Religion!

In mir kam sofort der Wunsch hoch, ihr zu helfen. Es muss doch eine Lösung geben für ihr Leiden! Sie erzählte uns davon, dass ihr Physiotherapie empfohlen wurde und ihr dadurch eine Verbesserung ihrer Situation zugesprochen wurde. Sie sammelte schon länger für den Besuch dort, jedoch hatte sie noch nicht genug Geld zusammen.

Was können wir tun?

Zuhause angekommen überlegten wir, wie wir ihr helfen können. Uns hatte es positiv überrascht, dass es hier eine Physiotherapeutin gibt. Es musste jemand Neues sein!

Physiotherapie oder Firdausa´s wiedergefundener Schlaf

Am übernächsten Tag fuhr ich mit Firdausa dann dorthin. Die Physiotherapeutin war super freundlich und verschrieb ihr 15 Physiotherapie-Stunden, oder eher gesagt Trainingsstunden. Sie konnte auch sogleich anfangen.

img-20180621-wa00852091996842.jpg

Als erstes wurde Firdausa auf ein automatisches Sitzfahrrad gesetzt. Da kam auch schon die erste Hürde: wie erklärt man jetzt einer Blinden, die noch nie in ihrem Leben ein Fahrrad gesehen hatte, wie sie ihre Beine zu bewegen hat?!? DIe Physiotherapeutin und ihre Assistentin bemühten sich ungeheuer, Firdausa´s Füßen den Weg zu zeigen. Irgendwann konnte ich mir einen Kommentar nicht verkneifen: „Im Kreis, im Kreis herum!“. Das half Firdausa´s Vorstellungskraft etwas besser, als die trockenen Erklärungen (rechtes Bein hoch, linkes runter etc.). Aber es ging noch nicht richtig flüssig, immer wieder wollte sie sogar rückwärts fahren oder kam ins Stocken. Währenddessen tropfte ihr Schweiß vor innerlicher und äußerlicher Anstrengung.

img-20180709-wa00091094017880.jpg

Nach dieser Höchstleistung ging es für sie auf eine Beindrücke. Sie setzte sich mit unserer Hilfe auf eine Art Stuhl, während ihre Unterschenkel Gewichte hoch stemmen sollten. Dann sollte sie in dieser Stellung 30 Sekunden bleiben, dann locker lassen, und erneut. Ich dachte mir nur „Die Arme hat morgen sicherlich Muskelkater ohne Ende!“. Und so war es natürlich auch.

Später kam noch eine Kräftigungsübung für den Oberkörper hinzu, bei welcher sie ein Gummiseil zu sich heran ziehen soll. Auch Übungen für Zuhause wurden ihr gezeigt, die sie nach jedem der 5 täglichen Gebete auf ihrem Gebetsteppich ausüben sollte.

Schließlich brachten wir sie in ein Nebenzimmer, in dem sie auf einer Liege Platz nahm. An ihre Beine wurden Elektromagnete festgeklebt, durch welche die Muskeln angeregt werden sollten. Wie auch immer das funktioniert, ich war erstaunt, dass es hier tatsächlich so etwas gibt- im „rückständigen Somalia!“.

img-20180709-wa0012844096929.jpg

Eine Kämpfernatur trotz großer Beschwerden

Hinterher fühlte sich Firdausa großartig. Endlich konnte sie etwas tun, um stärker und unabhängiger zu werden. Und den ersten Effekt spürte sie auch schon direkt: zum ersten mal konnte sie nachts endlich wieder richtig gut schlafen, da sie sich förmlich ausgepowert hatte. Stellt euch das mal vor- selbst der gesunde Schlaf ist für so jemanden ein Luxus!!

Am nächsten Abend hatte sie sofort den nächsten Termin, auf den sie sich schon freute. Diesesmal nam sie extra ein Tuch mit, mit dem sie sich statt dem großen Hijab während dem Sport bedecken konnte. Auf dem Fahrrad ging es gleich schon besser, wenn auch mit Stockungen zwischendurch.

Am 3. Abend war sie eigentlich krank- Mandelentzündung! Aber ich konnte sie nicht davon abhalten, trotzdem zu trainieren, auch wenn ich davon überzeugt war, dass es ein Zeichen ihres Körpers war, dass er eine Pause braucht. Ich konnte die Physiotherapeutin nicht verstehen, die von ihr einen Aktivitätsamstieg von 100% erwartete und sie jeden Abend sehen wollte. Hinterher fühlte sich Firdausa trotzdem besser.

Fördern statt überfordern

Nach dem Wochenende, an dem sie nochmal richtig krank wurde, entschieden wir, dass wir sie nur noch alle 2 Abende zum Training bringen, damit es nicht zuviel für sie wird. Den Abend, an dem sie nicht zum Training ging, wollte meine Co-Schwester mit ihr spazieren gehen. Also eine andere Art von Training!

Seitdem brachte ich sie also nur noch alle 2 Tage zum Training, solange sie nicht aufgrund wegen ihrer starken Kopfschmerzen absagen musste. Nach den ersten malen ging uns allerdings auch das Geld aus für ihre Therapie. Immerhin waren es jedesmal 10 Dollar. So fragten wir andere um Hilfe und bekamen Gott sei Dank auch 80 Dollar aus Australien geschickt. Die nächsten 8 Trainingsstunden waren also gedeckt, alhamduliLlah. Sobald ich etwas Geld hatte, machte ich dann noch die 15 Stunden voll und netterweise versprach uns die Physiotherapeutin 5 weitere kostenlose Trainingsstunden.

Besuch beim überfüllten Augenarzt

Dazwischen brachten wir sie noch zum Augenarzt, um seine Meinung zu hören, ob bei ihr noch etwas zu retten sei bezüglich ihrer Sicht. Ihre Augen juckten auch unheimlich zu der Zeit. Der Augenarzt war unheimlich überfüllt, trotz dass es Siesta-Zeit war. Er nahm uns trotzdem direkt dran, da er ein Freund meines Mannes ist. Für ein Statement oder gar ein Video hatte er jedoch keine Zeit. Er schrieb bloß einen Zettel voll mit Medizin und sagte uns, mein Mann solle ihn später anrufen. Immerhin nahm er auch keine Behandlungskosten.

Oben seht ihr Firdausa mit dem Augenarzt, unten auf dem Weg aus der Praxis, von meiner Co-Schwester geführt.

Bisher hatte mein Mann selber noch keine Zeit, den Doktor anzurufen, da er auch verreiste und anderes wie Krankheit und Gäste ständig dazwischen kam. Heute jedoch rief er endlich an- nur um zu erfahren, das der Arzt garnicht mehr im Lande ist, sondern sich zurzeit in Indien aufhält! Ich werde euch daher auf dem Laufenden halten, sobald wir mehr erfahren, in shaa Allah.

Trotzdem wollte ich euch schon einmal über diese Überlebenskämpferin berichten. Denn bei uns steht ja jetzt auch eine Reise an in shaa Allah, so dass ich dann nicht mehr so schnell dazu kommen werde.

Wie geht es weiter?

Bisher sind noch 10 von 20 Trainingseinheiten übrig, für die bereits gezahlt wurde. Danach wird sie zwar nicht mehr jeden 2. Tag zum Training müssen, welches sie aufgrund ihrer starken Kopfschmerzen meißtens sowieso nicht schafft. Aber 3 mal wöchentlich sollte sie schon noch trainieren, während sie die restlichen Abende mit uns laufen wird, in shaa Allah.

In der Zeit, in der auch meine Co-Schwester verreist ist, wird eine gute Freundin sie zur Physiotherapie hin und zurück fahren, in shaa Allah. Bloß die Bezahlung ist noch nicht klar.

Ich möchte ihr gerne über die Physiotherapie hinaus helfen. Sie müsste unbedingt noch einmal am Kopf geröngt werden, so dass wir persönlich von dem Arzt ein Statement hören und Firdausa´s Lage besser einschätzen können. Dieser Arzt ist jedoch in der teuersten Privatklinik überhaupt und nimmt dafür viel Geld.

Möglichkeiten, Firdausa zu unterstützen

Wer also Firdausa eine Weiterbehandlung ermöglichen möchte, soll mich einfach kontaktieren. Sei es, für die weiteren Trainigsstunden, den teuren Arztbesuch, weitere Medikamente, welche sie für ihre Nerven und Augen einnimmt, ein eigenes Fahrrad zum trainieren oder sogar eine medizinische Behandlung außerhalb Somalia´s (wofür sich Indien ganz gut anbieten würde)- wir sind für jegliche Art von Unterstützung sehr dankbar!

Zum Abschluss noch ein Video, welches ich von Firdausa in ihrem Zuhause gedreht habe. Sie redet zwar Somalisch, aber ihr könnt einen guten Eindruck von ihrem simplen Leben und ihrer hilflosen Situation bekommen. An diesem Tag hatte sie sehr starke Kopfschmerzen, so dass sie abends nicht laufen konnte. Den Hijab haben wir ihr besorgt, da sie immer den gleichen trug, der schon Löcher hatte und etwas schwer vom Material her war.

Wer Somalisch versteht, überhöre einfach den Anfang, an dem ich „cotka deereey“ (sprich lauter) meinte, aber das Gegenteil sagte 😀

Firdaus ist übrigens die Bezeichnung für die höchste Stufe im Paradies. Möge Allah all jene, die sie unterstützen wollen und Firdausa selbst mit Jannatul Firdaus belohnen und möge Er ihr Gesundheit und Geduld schenken.

Eure Khalisa

Werbeanzeigen

Abwarten und… Tee trinken!

Ich muss mir mal den Frust ein bisschen raus schreiben. Es passieren momentan einige Dinge, die mich einfach frustrieren, die ich aber schlecht ändern kann. Also bleibt mir nichts übrig, als sie so hinzu nehmen und zu akzeptieren. Und eventuell darüber zu schreiben!

Zum einen stört es mich, dass man mit seinen muslimischen Geschwistern nichts auf die Reihe kriegt. Egal, was man plant, egal, was für tolle und innovative Ideen man hat- man kann sich sicher sein, dass sie wieder im Sand verlaufen und dort von noch mehr Sand überollt werden. Wahrscheinlich ist es garnicht böse gemeint von den Schwestern. Sie sind einfach sehr in ihre eigenen Pflichten als Mutter, Hausfrau, Eherau und eventuell noch Studium und andere Projekte eingebunden. Deswegen kann man es ihnen garnicht übel nehmen, dass da kein Platz mehr ist für außergewöhnliche Ideen, bzw. deren Umsetzung.

Was ist aber nun die Lösung? Sollte man sich legastenisch hinsetzen und auf sein Ende warten? Einfach aufgeben, Sand in den Kopf? Oder doch besser alleine kämpfen?

geduld5

Eine andere Sache, die mich beinahe aus meiner Fassung bringt, ist unsere Reise, die wir schon längst antreten wollten, jedoch immer noch hier sind. Sitzen hier fest, abhängig von den korrupten Behörden in Somalia. Wir wollten ja eigentlich schon in Äthiopien sein, aber nein, davor brauchten meine Co-Schwester und ihre Kinder erst noch neue Somalische Pässe, da sie mit uns nach Äthiopien kommen, um ihre abgelaufenen Dänischen Pässe neu zu beantragen. Dann waren die nach 3-4 Wochen endlich da, jedoch brauchten sie plötzlich auch noch Visa für Äthiopien. Denn wie ihr vielleicht wißt, ist man mit Somalischem Pass nichts wert in dieser Welt. Oder zumindest an den Grenzübergängen: Überall muss man um Eintritt betteln in Form von langwierigen und kostspieligen Visa!

Nun hat die Äthiopische Botschaft in Garowe ausgerechnet diese Woche ihren Vorsitz gewechselt. Das heißt, vor Samstag werden sie nicht mehr anfangen zu arbeiten. Also wurden unsere Somalischen Pässe heute wieder nach Mogadischu geschickt, in der Hoffnung, dass dort alles schneller geht. Mal gucken, wer schneller ist- die hiesige Botschaft mit ihrer Neueröffnung, oder die dortige Botschaft mit Erstellung unserer Visa!

So langsam packe ich die gepackten und verstauten Kleider wieder aus. Jeden Tag, Stück für Stück. Denn wir wollten ja eigentlich schon weg sein. Als Deutsche komm ich mit so einer unplanbaren Reise nur schwer zurecht. Es nervt mich gehörig, nicht einfach los zu reisen, wenn man theoretisch bereit dazu ist!

Aber gut, Allah ist der Beste Planer! Vielleicht möchte Er uns vor etwas bewahren, denn Er weiß ja, was am besten für uns ist!

 

Geduld2

 

 

Und wie ich diese Zeilen so schreibe, wird mit bewußt, dass es zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht günstig wäre, zu verreisen. Denn 3 von uns, darunter mein Mann, sind nun auch noch erkrankt. Also heißt es nichts, als „Alhamdulillah ala kulli haal“ zu sagen, was soviel heißt wie „Gott sei Dank unter jeden Umständen!“ und geduldig abzuwarten, was kommt.

Geduld3.jpg

„Es ist keine Kunst zu warten, aber es ist eine Kunst, während dem Warten sein gutes Benehmen zu wahren.“ Da steckt so viel Weisheit drin! Möge Allah mir helfen, innerlich gelassen zu bleiben, bei allem, was kommt!

Geduld1

Dieser Du´a (Bittgebet) bleibt nichts mehr hinzuzufügen außer dem Wort „Amiin!“ – So sei es!

Macht auch Du´a für uns, dass wir endlich unsere Reise antreten können- und das auch sicher, in shaa Allah!

Bis bald,

Eure Khalisa

Somalia- für Frauen gefährlich!??

In diesem Artikel spreche ich ein paar etwas heikle Themen an, auf die mich ein Spiegel Online- Artikel gebracht hat: demnach soll Somalia auf Platz 5 der für Frauen am gefährlichsten Länder stehen. Warum und wieso, und ob diese Beurteilung berechtigt ist, werde ich versuchen, hier zu untersuchen. Nachdem ich mir hefitge Kommentare eingeheimst hatte, habe ich den Artikel nun etwas überarbeitet und nochmal doppelt und dreifach betont, dass ich gegen jede Art von Diskriminierung und Verstümmelung an Frauen bin! Ich hoffe, jetzt haben es alle verstanden 😉


„Wo es für Frauen am gefährlichsten ist“

So lautet der Titel besagter Artikel der Spiegel Online, der über eine interationale Studie berichtet, welche sich mit den für Frauen gefährlichsten Ländern befasst. Somalia sei nach Afghanistan, Kongo, Pakistan und Indien auf Platz 5.

Mich hat dieser Bericht und die Studie nachdenklich gemacht. Warum? Weil ich mich als Frau hier relativ sicher fühle (Alhamdulillah). Es sei denn, nachts- aber zu dieser Uhrzeit ist es wohl fast überall nicht empfehlenswert, allein herum zu laufen. Und weil die Frauen hier so unheimlich vor Selbstbewußtsein strotzen (maa shaa Allah). Außerdem sind sie es, die hier in ihren Familien das Sagen haben.

Natürlich bin ich nicht das Maß der Dinge, an dem man solch eine Studie ausmachen kann. Also forsche ich und frage ich mich ein bisschen herum. Lebe ich in einem anderen Land? Denn ich wundere mich über die Aussage von Marian Qasim, der Frauenministerin Somalias, welche in dem Artikel ihre genau gegenteilige Verwunderung über den 5.Platz Somalias´zum Ausdruck bringt:

„Ich bin überrascht, dass Somalia nicht ganz oben auf der Liste gelandet ist, sondern nur auf Platz fünf!“

Dann fährt sie hinfort:

„Das gefährlichste, was einer Frau in Somalia passieren kann, ist schwanger zu werden“, sagte Qasim. Ihre Überlebenschancen stünden dann fünfzig zu fünfzig, es gebe keinerlei Betreuung vor der Geburt. „Es gibt keine Krankenhäuser, keine Versorgung, gar nichts.“

Das ist meiner Einschätzung nach wirklich übertrieben. Es mag sein, dass Frauen, die als Nomadinnen leben oder auch in kleinen Dörfern, keine Krankenhäuser zur Stelle haben. Aber das ist wohl überall in Afrika so, das macht es nicht gleich zu einem der gefährlichsten Länder! In den Groß- und Kleinstädten hingegen gibt es sehr wohl Krankenhäuser.

Selbst in Qardho, einem laut Wikipedia 300,254 Seelen Dorf, gibt es ein Krankenhaus mit gutem Frauenarzt. Ich musste damals auch ein paarmal dorthin. Damals war der Arzt sogar aus Ägypten. In den großen Städten gibt es auch kostenlose Krankenversorgung für diejenigen, die sich den Gang zum Arzt und die Medikamente nicht leisten können.

Hier in Garowe gibt es mehrere Frauenärzte, darunter eine, die ich sehr bewundere. Selber hat sie nie Kinder bekommen, jedoch hilft sie nun unglaublich vielen Frauen bei ihren Problemen. Patienten, bei denen sie den Anschein hat, sie können es sich nicht leisten, behandelt sie einfach ohne Bezahlung (maa shaa Allah, moege Allah sie reichlich belohnen). Bei ihr arbeiten Tag und zur Not auch Nachts professionell ausgebildete Hebammen (sie werden hier in einer Uni ausgebildet).

2018-02-10 081327160916..png
Frauenarzt und Augenarzt Klinik

Außer dem Krankenhaus, bei dem man gebären kann, werden die Babies hier mithilfe einer erfahrenen Geburtsbegleiterin zur Welt gebracht. Selbst meine Schwiegermutter hat allen Verwandten bei der Geburt geholfen, sogar einmal ganz cool die Nabelschnur von dem fast erstickten Baby entfernt. Ok, diese Somalischen „Dawlas“ haben nicht wirklich medizinisches Fachwissen, dafür aber zahlreiche Erfahrung. Und die Frauen bekommen hier Kinder „ohne Ende“ (maa shaa Allah). Es mag tragische „Unfälle“ geben, aber das macht bestimmt nicht 50 % der Mütter aus!

Schauen wir also weiter, was in dem Artikel noch als große Gefahrenquelle für Frauen in Somalia gesehen wird:

1. Vergewaltigungen

Man kann nicht verleugnen, dass es sie nicht gäbe- leider kommt so etwas selbst an Orten vor, an denen man damit nicht rechnet. Aber es ist bei weitem nicht so eine hohe Zahl wie in Amerika, welches in manchen Listen der „Top 10- Vergewaltigungsländer“ auf Platz 1 steht (hier): 1 von 6 Frauen wird dort zum Opfer von solchen Schandtaten. Selbst Deutschland ist kein Land, in dem man davor sicher ist: Laut einem Bericht gibt es dort mehr Vergewaltigungen als in Indien! Allein im Jahre 2010 wurden in Deutschland laut dem Bundeskriminalamt 9,4 Fälle pro 100.000 Einwohner bekannt. Wenn man dies mal auf ein Jahr verteilt, so kommt man zu folgender Rechnung:

Lassen sich 489 Fälle, wie sie in Delhi geschehen, auf eine Vergewaltigung alle 18 Stunden hochrechnen, so ergibt die gleiche Rechnung für Deutschland eine Vergewaltigung alle 68 Minuten!

Länder wie Schweden und Frankreich sind sogar noch schlimmer betroffen. Man sollte also nicht so stark auf andere zeigen, wenn man doch die gleichen Probleme gleich oder verstärkt in seinem Land hat (ohne es verharmlosen zu wollen)!

Beim durchforsten dieser Listen bin ich leider oftmals auf sehr rassistische Seiten gestoßen, bei denen alle Schuld dieser Taten den Ausländern- ja, speziell den Muslimen!- in die Schuhe geschoben wird. Ist ja klar. Ich glaube, ich muss hier nicht erläutern, dass diese Gräueltaten im Islam verboten sind und man die Religion nicht an ihren Gefolgsleuten messen kann. Meißtens sind solche Leute fern von der Religion entfernt, sonst würden sie so etwas nicht tun! Und selbst bei Extremisten wie die von IS, die solche Taten mit der Religion begründen, beruht solch ein Vorgehen viemlehr auf Unwissenheit in dieser als auf Glaubenspraktizierung. Möge Allah uns alle rechtleiten und vor solchen Schandtaten beschützen!

2. Genitalverstümmelungen

Dies ist eigentlich Thema nummer eins, wenn es um Frauen in Somalia geht. Dazu muss man erwähnen, dass es bei der Beschneidung Unterschiede gibt. Genauer gesagt gibt es 4 verschiedene Arten des „Female genital cutting“ (FGC). Dabei distanziere ich mich ganz klar von den letzten 3 Formen.

Die schlimmste Art der Beschneidung, bei der die ganze Vagina, also alles äußere entfernt wird, nennt man in Somalia „Fir´aun“. Das heißt soviel wie „Pharaonische Beschneidung“ und weist auf den Ursprung dieser Verstümmelung hin: nämlich aus der Pharaonen- Zeit! Sie hat also nichts mit dem Islam zu tun und ist pure Verstümmelung.

Dann gibt es noch 2 andere Arten der Beschneidung, die zwar nicht das ganze Geschlechtsteil entfernen, aber ebenfalls unislamisch und zu verurteilen sind,

Die einzige Art der Beschneidung, die islamisch vertretbar ist, ist die erste, mindere Art der Beschneidung, wobei nur ein etwa Erbsengroßes Stück der Klitoris- Vorhaut entfernt wird.

Der Prophet Mohammed (Frieden und Segen seien auf ihm) hat diese kulturelle Tradition nämlich eingeschränkt, indem er sagte:

„Reduziere es nur geringfügig und überschreite nicht die Grenze (…).“

Abu Dawuud, Sunan, Buch: Manieren, Nr.5271

Diese und andere Aussagen zeugen davon, dass diese Tradition im Islam zwar geduldet wird, jedoch nur als Option und nur mit extremen Einschränkungen! Die drei letzten Formen sind jedoch ausdrücklich schädigend und zu verurteilen!

Beschneidung- (k)ein Islamischer Brauch?

Erstens ist dieser Brauch keine Erfindung der Muslime. Der Ursprung der Beschneidung ist vielmehr in der Zeit des Pharao´s zu finden.

Zweitens wird es generell in Afrikanischen Ländern praktiziert, ganz gleich welcher Religion sie angehören. Selbst manche Nicht- Muslime praktizieren diesen Brauch heutzutage (natürlich nur in der 1.Form, die auch im Islam geduldet wird) und versprechen sich davon hygienische und andere Vorteile. Dies bestätigten ein paar Ärzte und ist ganz schön auf dieser Seite zu finden. So wird dort folgend zitiert

C.F. McDonald stellt in einem 1958 veröffentlichten Papier mit dem Titel Circumcision of the Female[11] fest: “Wenn der Mann die Beschneidung für Reinheit und Hygiene benötigt, warum nicht die Frau? Ich habe vielleicht 40 Patienten operiert, die diese Behandlung nötig hatten.” Der Autor sagte, es heile „Irritationen, Juckreiz, Erregbarkeit, Masturbation, Häufigkeit und Dringlichkeit“, und Smegmaliths, die “Dyspareunia und Frigidität” verursachen.

Vaginale Verstümmelung- ein Brauch der ungebildeten Schicht

Die extremen Formen der Beschneidung (Typ 2-4) werden trauriger weise noch zu häufig durchgeführt- gerade in den ländlicheren Gegenden. Vereinzelt sogar auch noch in den Städten, wobei dort meißtens nur die harmlose Form praktiziert wird. Die Mütter, die trotz etwas Bildung diese Schandtat an ihren Töchtern durchführen, kennen es wohl selber nicht ander, kommen also aus ländlichen Gegenden. Für sie gehöre es eben zum Frau sein dazu. Vielleicht haben sie auch Angst davor, die Mädchen könnten im Pupertätsalter zu schnell „flügge“ werden, wenn sie so viel Gefühle für das andere Geschlecht haben. Da gibt es natürlich „bessere“ Methoden, dass die Mädchen nicht schon soviel mit Jungs abhängen: zum Beispiel den Iman (Glauben) mit nutzvollem, liebevoll beigebrachten Wissen zu stärken und sie so moralisch zu stärken.

Undifferenzierte Berichterstattung

Laut internationalen Studien sind wohl 98% von Genitalverstümmelung betroffen, wie auf Seiten wie hier zu lesen sind. Bei solchen Studien wird aber meißtens nicht zwischen den verschiedenen Arten der Beschneidung differenziert. Wenn man das tun würde, käme man sicher auf ein komplett anderes Ergebnis.

Der Trend geht nämlich eher dahin, dass die Leute aufgeklärt werden und zumindest die extremen Formen der Beschneidung unterlassen: sie wissen um die Risiken und Nachteile, die es für die Mädchen hat und dass es selbst islamisch gesehen nicht erlaubt ist. Zudem wird es von den jüngeren Männern auch eher vermieden, eine „beschnittene“ zu heiraten . Dass sie größtenteils die harmlose Sunna- Beschneidung praktizieren, kann man ihnen nicht vorwerfen, da diese Art ungefährlich ist.

Wüstenblume1

3. Begrenzter Zugang zur Bildung und medizinische Versorgung

Auf die medizinische Versorgung bin ich ja schon eingegangen. Natürlich gibt es in 10- Seelen- Dörfern kein Krankenhaus. Jedoch in den Städten Gott sei Dank schon. Vielleicht gibt es hier auch keine Osteopathen oder Physiotherapeuten, jedoch die Grundversorgung ist gewährleistet alhamduliLlah.

Zu dem Thema Bildung muss ich ebenfalls auf die Differenzierung hinweisen. Leider ist es schon so, dass ein Großteil der Kinder keinen Zugang zur Bildung hat. Das liegt aber daran, dass sie in Dörfern oder komplett auf dem Land wohnen. In den Städten widerum ist es nicht der Fall. Dort gibt es eine große Auswahl an Schulen, die entweder Englisch- oder Arabisch-Somalisch geführt werden. Ich habe selber nicht erwartet, dass hier wirklich die Mehrheit der Kinder zur Schule gehen, selbst die Mädchen! Bloß die Bauernfamilien, Kinder aus Nomadenfamilien und aus Flüchtlingslagern haben leider nicht die Gelegenheit richtige Schulen zu besuchen. Oftmals besuchen diese einfach Qur´an- Schulen, in denen sie Arabisch schreiben und lesen lernen, um den Qur´an selbstständig lesen zu können.

20161119_171718.jpg
Schulmädchen auf dem Weg von/zur Schule

4. Wirtschaftliche Faktoren

Die letzte Gefahr für Frauen stellt laut Spiegel Online die Armut dar. Das kann man wohl nicht abstreiten, wobei es in anderen Ländern, in denen es solche Flüchtlingslager gibt, sicher ähnlich ist.

Inwieweit stellt die Armut jedoch eine Gefahrenquelle dar? Das wird in dem doch recht oberflächlich gehaltenen Bericht nicht erwähnt. Aber man kann sich vorstellen, dass mit wenig Wasserreserven auch die Hygiene leidet und es zu mehr Krankheiten kommt, wie Cholera, welche dann auch tödlich enden können, sofern sie nicht sofort behandelt werden. Dies ist aber nicht nur für Frauen gefährlich, sondern für alle unter Armut leidenden Menschen.

Flüchtlingslager
Eins der vielen Flüchtlingslager

In Somalia gibt es auch ein paar Organisationen, die Vergewaltigungsopfern helfen möchten und sie finanziell unterstützen. Das wird leider von einigen ausgenutzt, indem sie sich als Opfer darstellen, nur um ihr Überleben zu finanzieren.

Eine bemerkenswerte Geschichte, die mir kürzlich erzählt wurde:

Ein Mann ging zu einer dieser Organisationen, die Vergewaltigungs-Opfern helfen. Was auch immer er dort machen wollte, ist nicht klar und tut nichts zur Sache. Jedenfalls sah er auf einmal die Frau seines Freundes dort! Voller Scham schaute er auf den Boden. Sobald er draußen war, rief er seinen Freund an und bekundete sein Beileid. „Wie, was ist passiert?“ fragte der ganz außer sich. Als er erfuhr, wo seine Frau gesehen worden war, ließ er seine Arbeit stehen und fuhr sofort nach Hause. Seine Frau wartete schon auf ihn. Etwas aufgebracht fragte er sie, was passiert sei, und warum sie ihm nichts erzählt hatte. Seine Frau musste lachen und sagte: „Weißt du denn nicht, dass meine ganze Nachbarinnen dort hin gehen, um etwas dazu zu verdienen!??“

Traurig aber wahr, wird solche Hilfe eben leider auch ausgenutzt und so ensteht für außenstehende und Organisations-Mitarbeiter ein falsches Bild von der Zahl der Vergewaltigungs- Opfer. Aber wenn man ums tägliche Überleben kämpfen muss, ist das irgendwie noch verständlich, dass sie solche Angebote für ihre Zwecke (aus-) nutzen.

Fazit

Ich möchte mit diesem Beitrag auf gar keinen Fall bestehende Gefahren für Frauen in Somalia bestreiten oder gar verharmlosen. Dennoch bin ich es Leid, dass Somalia immer so extrem einseitig dargestellt wird- als ob eine Frau hier kein normales Leben führen kann! Anhand solcher Studien, die ihren Umlauf in die ganze Welt machen, werden solche undifferenzierten Daten freigesetzt, welche der Weltbevölkerung ein dementsprechendes Bild in ihren Köpfen verankert.

Ja, es gibt Vergewaltigungen, Verstümmelungen, begrenzte Schulbildung und andere Nachteile durch Armut in diesem Land, leider. Und es gibt diesbezüglich noch viel zu tun, benötigt noch viel mehr Aufklärung und Unterstützung.

Wenn man jedoch andere Länder genauer unter die Lupe nimmt, sieht es da längst nicht (viel) besser aus. In Südafrika zum Beispiel werden ab Sonnenuntergang die Bürgersteige hoch geklappt, aus Angst vor den ganzen Überfällen etc.

Was bestimmt noch nirgends erwähnt wurde: Frauen in Somalia haben sogar im hohen Alter das Recht, dass ihre Kinder für sie sorgen, und sich bestens um sie kümmern! Sie werden nicht wie (meißtens) im Westen in Altersheime gesteckt- nein, vielmehr sind sie die Queens in der Familie, auf deren Ratschlag jeder hört!

Ich hoffe, ich konnte euch ein etwas differenzierteres Bild über die Situation für Frauen hier in Somalia aufzeigen.

Möge Allah alle Menschen und besonders Frauen vor allen Übeln beschützen und ihnen ihre jeweilige Situation erleichtern, amiin.

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

ä