Vorteile des Ramadans in Somalia

Heute möchte ich ein paar Vorurteile abbauen und euch die Vorteile eines Ramadans in Somalia aufzeigen. Ja, die gibt es tatsächlich! Auch, wenn sich einige von euch fragen werden: “Wie, in diesem Land kann man fasten, wo man doch eh schon hungert?”, “Auf was kann man sich denn dann beim Fastenbrechen freuen?”, “Wie soll das denn gehen, bei der Hitze?”…

Zugegebenermaßen muss ich gestehen: Ja, es ist ein Unterschied, wenn man hier in Somalia fastet- ein riesen Unterschied sogar! Aber eben nicht nur im negativen Sinne.

Natürlich spreche ich hier nicht vom Ramadan, wie ihn die tausenden von Armen leider verbringen müssen, sondern von durchschnittlichen Familien, die es hier ebenso gibt. Wer die Bedürftigen unterstützen möchte, findet dazu noch etwas am Ende diesen Artikels!

Hier schon mal einige generelle Fakten zum Fasten in Somalia, die euch einen Einblick in die generellen Umstände geben.

Gutes Essen: eine Kostenfrage!

Für eine Großfamilie wie wir, mit zurzeit 22 Leuten, muss man sich gut überlegen, was man sich leisten kann, was wichtig und was weniger wichtig ist. Auf jedenfall muss alles frisch sein, denn alles andere- wie zum Beispiel Hähnchenfleisch aus dem Supermarkt- ist bei der Menge wirklich unbezahlbar. Da diese jedoch sowieso aus Brasilien kommen, ist es wahrscheinlich eh besser, darauf zu verzichten.

Fleisch: ein Muss!

Ohne Fleisch, kein Preis. Ach nee, das ging ja anders! Aber so könnte das Motto der arabischen, als auch somalischen Männer sein: ohne Fleisch wäre die Hauptmahlzeit für sie wertlos! Da sie also nicht ohne Fleisch leben können, gibt es hier abwechselnd Fleisch (meißtens von der Ziege) oder Fisch. Deswegen müssen wir auch jeden Tag zum Markt, da wir keinen Kühlschrank haben. Der nämlich frisst viel zu viel Strom bei hiesigen Strompreisen (Traum: Solarenergie!).

2018-05-21 21.00.23.jpg

Was sind nun die Vorteile des Fastens in Somalia?

Mehr Aufwand vs. frische Kost

Bei der Zubereitung hat man es hier etwas aufwendiger: Hackfleisch beispielweise müsste man selber erst durch eine dieser Hand-gekurbelten Maschinen geben, welche meißtens immer verstopfen. Also besser darauf verzichten, oder eine richtig gute Maschine anschaffen!

Auch sämtliche Somalische Teig-Spezialitäten brauchen immer ewig viel Zeit und dazu am besten noch neben dem Gasherd ein zusätzliches Feuer. Aber geschmacks-technisch lohnt es sich natürlich!

 

Die Hitze vs. kurze Fastenzeiten

Die Hitze ist besonders in der Mittagszeit ein Störfaktor. Mit 2-3 mal täglich duschen und dem Ventilator auf höchster Stufe, lässt sich auch das glimpflich überstehen. Dafür sind die Zeiten des Fastens viel ertragbarer, als in Europa: morgens von kurz nach 4 bis Abends um 18 Uhr. Das ist ca.4 Stunden eher, als in Deutschland, und mit der Mittags-Siesta verläuft die Zeit wie im Fluge.

Essen: unbedingt frisch!

Das Essen ist nicht das gleiche, wie in Deutschland. Es ist dafür jedoch viel natürlicher- man verzichtet also auf die ganzen tiefgefrorenen Pseudo-Gemüse und bekommt es direkt vom Markt. Es mag zwar nicht die gleiche Auswahl geben. Dafür bekommt man das Wichtigste überhaupt: frische Wassermelone, Datteln und Wasser! Gutes Essen hängt dann eher vom Einkommen ab und von den Kochkünsten/ Fantasie des Kochs. Und natürlich auch, wieviel Zeit man mit Kochen statt mit besinnlicheren Dingen beschäftigt sein möchte!

2018-05-21 20.23.24.jpg

Keine unnötige Gewichtszunahme, da es einige Leckereien einfach nicht gibt!

Da es für die Durchschnitts-Familie hier eher unerschwinglich ist, sich mit den Pringles, Twix, Raffaelo´s, – sprich, dem ganzen Müll aus dem Supermarkt, voll zu stopfen, hat man auch nicht das Problem mit der übermäßigen Gewichtszunahme im Ramadan. Die einzige Süßigkeit sind in der Regel Datteln, Wassermelone und eventuell eine Art süßes (frittiertes) Gebäck. Solange man mit letzterem nicht übertreibt, muss man nicht um seine gute Linie fürchten. Denn selbst die Säfte machen wir selber: frischer Limonen-Saft, bei besonderen Anlässen auch Mango- Saft!

2018-05-21 21.01.24.jpg

Man trinkt genug- mehr Durst!

Aufgrund der Hitze empfindet man logischerweise mehr Durst, dementsprechend trinkt man (im Idealfall) auch mehr. Morgens vor dem Fastenbeginn nimmt man eine Brei-Mahlzeit zu sich (“Suhuur”) und kann problemlos 3 Gläser Wasser trinken. Ohne beides wird das Fasten später schwer, aber mit dieser Grundlage wird es ziemlich leicht!

Viele Möglichkeiten, Arme zu speisen

Wenn man seinen Ramadan in Somalia verbringt, hat man den Vorteil, dass man nicht erst Geld an irgendeine Spendenorganisation spenden muss. Nein, man sitzt ja direkt an der “Quelle”! Und so hat man zahlreiche Möglichkeiten, den Armen etwas abzugeben, was man selber im Überfluss hat.

Viele helfende Hände

Die meißten Familien hier sind richtig groß. Der Vorteil in so einer Großfamilie ist, dass es viel mehr helfende Hände gibt. Also einerseits gibt es mehr Arbeit, andererseits jedoch gibt es auch mehr Hilfe, um alles wieder herzu richten. Selbst das Kochen ist so ganz angenehm: der eine schnippelt vor, der andere kocht die Hauptspeise, der andere die Nebenspeisen. Okay, vielleicht sollte ich besser in femininer Form schreiben, denn Männer haben in somalischen Küchen nichts zu suchen – es sei denn in Restaurants 😉

2018-05-21 21.21.53.jpg

Man ist kein Einzelgänger, sondern fastet mit allen zusammen

Das ist ein sehr wichtiger Punkt für Somalia: man ist als Muslim einfach einer von vielen! Ohne die ständigen Kommentare “Wie schaffst du das bloß!?”, “Das ist doch unmenschlich!”, etc. fällt es einem gleich viel leichter, denn man muss sich nicht ständig rechtfertigen.

Beim gemeinsamen Essen fühlt man sich richtig wohl- nach dem Fasten schmeckt gleich alles viel besser, und man genießt die Zeit zusammen.

Eine spezielle Zeit für Kinder

Auch für die Kinder ist der Ramadan eine spezielle Zeit und versuchen teilweise auch schon zu fasten. Selbst Kleinen sagen nach ihrem Frühstück, dass sie fasten, und schaffen es dann gerade mal bis zum Mittagessen, wenn sie quasi überredet werden, doch endlich etwas zu sich zu nehmen! 9-Jährige schaffen auch schonmal einen ganzen Tag und sind dann stolz wie Oskar. Das reicht dann aber auch für den Rest des Monats 😉

2018-05-21 20.21.06.jpg

In obigem Foto seht ihr unsere Kleinen, die von ihrer großen Schwester unterrichtet werden. So ist es eine Entlastung für die Fastenden und ein Vergnügen für die Kinder.

Unsere 11-Jährige Aischa, die gerade ihre letzten Prüfungen in der Schule ablegt und die Jüngste unter allen Klassenkameraden ist, musste ich förmlich zwingen, ihr Fasten zu brechen. Sie meinte, sie würde sich schämen, nicht zu fasten und außerdem wollte sie, dass Allah ihre Bittgebete (Du´a) beantworte. Da meinte ich, dass sie noch den ganzen Rest des Monats Zeit dazu habe, und dass ihr Fasten sowieso nichts Wert ist, wenn sie es nur für andere Leute tut. Außerdem könnte sie alle Fastenden in ihrer Familie um Du´a fragen, so kann sie dann vom Fasten der anderen profitieren (denn das Du´a des Fastenden wird aufjedenfall erhört)! Das fand sie überzeugend und so trank sie prompt ein Glas Wasser und frühstückte gemächlich.

2018-05-21 20.22.52.jpg

Wie ihr seht, werden Kinder hier eher gebremst, nicht zu früh schon zu lange zu fasten. Gleichzeitig ist es ein riesen Ansporn für sie, auch so schnell wie möglich durch zu fasten, da sie in einem muslimischen Umfeld aufzuwachsen. Man stelle sich gleiche Situation mal in Deutschland vor… Katastrophe!

Mehr Motivation für Gottesdienstliche Handlungen

Dadurch, dass das Fasten hier selbstverständlich ist und sich der Wichtigkeit dieses Monats bewußt ist, wird man auch zu mehr Aktivitäten motiviert. Denn jeder versucht, sein Bestes zu geben in diesem Monat: seien es, gute Taten zu vollbringen, mehr Qur´an zu lesen, schlechte Wörter zu unterlassen, zu spenden oder mehr zu beten. Da kommt man sich ganz blöd vor, wenn man NICHT so aktiv ist! Allerdings zählt dabei natürlich die Niyya- Absicht- dass man seine Taten nicht der Leute wegen macht, sondern um Allah´s Wohlgefallen und um Seine Vergebung zu erlangen!

2018-05-21 20.23.48.jpg

 Moscheen um die nächste Ecke

Last but not least ist es einfach ein Segen, hier seinen Ramadan zu verbringen, denn man braucht nur um die nächste Ecke gehen, und schon ist man in einer Moschee! Alle Gebete werden wie immer durch Lautsprecher übertragen, jedoch das Besondere in diesem Monat ist, dass selbst das Tarawih-Gebet (eine lange Gebetsreihe nachts, etwas nach dem Essen) in der Luft ertönt. Und das aus jeder Ecke! Es gibt keine schönere Stimmung, als diese Momente, wo sich alle Gottergeben im Gebet befinden und die Worte Allah´s von überall erklingen!

2018-05-21 21.30.26.jpg

Final Conclusion

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass der Ramadan in Somalia wahrscheinlich allen anderen muslimischen Ländern ähnelt. Das Einzigartige hier ist wohl, dass es hier 99% Muslime gibt, also eigentlich ALLE im Ramadan fasten und beten. Und dass es hier nicht solchen Überfluss an Süßigkeiten und anderen Leckereien gibt, was ja auch garnicht der Sinn des Ramadans ist, und einen schön bescheiden und trotzdem so überaus dankbar macht. Denn schließlich hat man mehr, als Millionen von anderen Menschen im Land.

Also Alhamdulillah für alles!

Alhamdulillah1

Und, seid ihr auf den Geschmack gekommen? Wenn die Flüge hierhin nicht so teuer wären (ca.1000 Euro pro Kopf), würde ich glatt eine Reiseagentur eröffnen, glaubt mir! Mit Ramadan-Specials, Kamelreiten, Kamel-Milch-Kur, etc… Aber was nicht ist, kann ja noch kommen- je weniger Unruhen hier sind, desto mehr Leute werden hierhin kommen, und desto mehr sinken dann irgendwann auch die Flugpreise, in shaa Allah 🙂

In diesem Sinne allen Muslimischen Leser/innen noch einen gesegneten Ramadan, alle Nicht-Muslime haben hoffentlich einen kleinen Einblick gekriegt in eine andere Welt!

Eure Khalisa

PS: Bevor ich noch etwas ganz Wichtiges vergesse: Bitte unterstützt diejenigen, die nichts haben zum Fastenbrechen! Von Islamic Care gibt es ganz tolle Projekte, die einfach  zu unterstützen sind und durch die man ganz viel bewirken kann:

So kann man mit nur 4 Euro ein richtiges Mahl zum Fastenbrechen für eine Person ermöglichen;

IMG-20180510-WA0030.jpg

Oder man kann seine Zakat-ul-Fitr (obligatorische Spendengabe für jeden Muslim) im Wert von nur 7 Euro an Islamic Care schicken, so dass sie es denjenigen weitergeben, die es wirklich bitter nötig haben.

IMG-20180514-WA0031.jpg

Islamic Care ist ein sehr vertrauenswürdiger gemeinnütziger Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die miserable Lage millionen von Menschen zu verbessern.

Möge Allah all jene reichlich belohnen, die etwas von ihren Gaben den Bedürftigen abgeben und somit ein Stück mehr Menschlichkeit verbreiten, amin!

 

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s