13.Interview: Geballte Frauenpower in Ägypten

As salaamu alaikum und Hallo liebe Leser/innen,

Heute gibt es wieder ein außergewöhnliches Interview für euch, und zwar aus Ägypten. Jede Geschichte ist anders, deswegen lohnt es sich, mehr als nur eine Geschichte pro Hijrah-Land anzuschauen [Hijrah bedeutet Auswanderung]. Diesmal gibt es auch beinahe komplett neue Fragen, die sich u.a. auch auf den aktuellen Monat Ramadan beziehen.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Unsere heutige Protagonistin heißt Halima, sie ist deutsche Muslima und hat eine faszinierende Geschichte hinter sich: Nur eine Woche nach ihrem Ägypten-Urlaub entschloss sie sich, in Deutschland die Zelte abzubrechen, um als eine von vielen Muslima´s in Ägypten ihre neue Freiheit zu genießen. Sie gründete dort eine neue Familie, während sie ihre alte hinter sich lassen musste. Und aufgrund eines tragischen Zwischenfalls, machte sie aus der Not eine Tugend und startete ihre Karriere als Deutschlehrerin. Karriere deshalb, weil sie nicht bloß einfache Lehrerin wurde, sondern ganz verschiedene führende Positionen einnahm:

  • DaF- Deutschlehrerin für Kinder und Erwachsene,
  • Leiterin der Kinderabteilung,
  • Eventplanung und internationale Kommunikation,
  • private Sprachkurse,
  • Kursentwicklung und Initiation neuer Kursprogramme,
  • Leitung von Sprachförderungskursen und
  • Betreuerin von Lehrern in Ausbildung.
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Halima mit ihren erwachsenen Studenten

Darüber sagt sie selbst:

Ich liebe meinen Job sehr elhamdulillah, bin gerne Lehrerin. Früher hätte ich nie gedacht, mal Lehrerin zu werden, war damals nach meiner Ausbildung in allen möglichen Jobs, nur um nicht als Pädagogin arbeiten zu müssen, lol. Hab das damals nur meiner Mutter zu Liebe gelernt. Heute ist es mein Traumjob. Ich denke aber auch, dass das sehr daran liegt, dass Lehrer-sein hier in Ägypten ein sehr geschätzter und reservierter Beruf ist.

Das sie eine Powerfrau ist, sieht man auch an den Bildern, die sie mir zur Verfügung stellte: die Mehrzahl an Bildern zeigen sie entweder mit ihren geliebten Schülern, oder ihre Kinder, denen sie eine kreative Beschäftigung gibt. Diese Frau gönnt sich kaum eine Pause!

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Homeschooling mit ihren Kindern

Nun lasst euch also mitnehmen in eine andere Welt, die Welt von Halima!


1. Wohin und wann hast du die Hijrah vollzogen?

Ich bin 2010 Hals über Kopf nach Ägypten ausgewandert. Ich war zuvor 2 Wochen auf Urlaub hier und als ich wieder in Deutschland war, habe ich mich gefühlt, als würde ich nicht mehr dort hin gehören.

1 Woche später war ich wieder in Ägypten und bin bis heute nicht wieder in Deutschland gewesen.

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Damals noch mit Niqab

2. Hattet ihr euch lange darauf vorbereitet?

Nein, vorbereitet habe ich mich gar nicht wirklich.

Ich hatte einfach das Gefühl, khalas [fertig, arab.] – wenn du jetzt nicht gehst, wirst du nie als freie Muslimin leben!

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3. Wie alt waren deine Kinder und in was für eine Bildungsinstitution gehen sie?

Mein ältester Sohn aus erster Ehe war damals 4 und sollte eigentlich nach kommen. Leider kam es nie dazu und er lebt bei seinem Vater in Deutschland, ich hatte leider bis heute noch keine Möglichkeit, ihn wieder zu sehen,- eine lange Geschichte. Wir haben aber Kontakt elhamdulillah. Meine anderen Kinder habe ich hier in Ägypten bekommen. Mit meinem heutigen Mann habe ich elhamdulillah 3 Kinder (fast 7, fast 4 und 1,5 Jahre alt), eigentlich hätten wir 6, aber 3 sind verstorben. Khair in sha Allah…

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Halima mit ihren Kindern

Hier gehen die beiden Kleinen in einen Kindergarten, in dem sie ma sha Allah Englisch, Arabisch, Koran etc. lernen. Der Ältere geht sporadisch zur Schule. Er geht nur, wenn er Lust hat. Wir unterrichten unsere Kinder elhamdulillah hauptsächlich zu Hause. Zur Schule und Kita gehen sie nur wegen der Schulpflicht. Ansonsten nehme ich sie manchmal mit zur Arbeit.

4. Wie habt ihr die Eingewöhnungsphase überstanden?

Elhamdulillah sehr gut. Ägypten ist ein Land, in dem es noch Menschen gibt, die dich nicht aufgrund der Herkunft oder Religion in eine Schublade stecken.

Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit und freundlich. Mein Mann hat mir ma sha Allah auch viel geholfen.

5. Kannst du dich dort verständigen, hattest du sprachliche Vorkenntnisse?

Ich spreche elhamdulillah fließend englisch, was mir am Anfang sehr half. Mein Mann und ich sprechen bis heute Englisch miteinander, er spricht kein deutsch. Wir sprechen immer noch Englisch, obwohl ich mittlerweile fast fließend Arabisch spreche, wir haben uns einfach daran gewöhnt.

6. Bist du dort gut integriert?

Elhamdulillah, ja.
Ich arbeite extrem viel, seid mein Mann arbeitsunfähig ist. Meist um die 12- 16 Stunden täglich. Ich bin Deutschlehrerin und arbeite zudem in einer leitenden Position in einem ägyptisch- deutschen Kulturzentrum. Zusätzlich gebe ich private Unterrichte. Ich habe hier elhamdulillah allein schon durch meine Arbeit sehr viele Kontakte und gute Freunde.

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7. Was magst du besonders an Ägypten?

Besonders an Ägypten gefällt mir die Geräuschkulisse.

5 Mal täglich den Adhan zu hören, ist ein Geschenk Allahs. Als ich ihn das erste Mal hören dürfte, hat es mich so sehr berührt, das mir die Tränen kamen.Ich bin schon viele Jahre vor meiner Auswanderung konvertiert, hatte aber in Deutschland nie die Chance, den Adhan zu hören.

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Außerdem finde ich es total beeindruckend, dass Ägypter in der erstaunlichen Lage sind, wirklich alles zu reparieren. Egal was es ist, die kriegen echt alles wieder zum Laufen und das mit Methoden- ma sha Allah, da würden wir Deutschen im Leben nicht drauf kommen!

8. Was magst du nicht besonders?

Zum Thema Negatives ist hier vor allem ein riesiges Manko an Bildung und medizinischer Versorgung vorhanden. Die meisten Ägypter leben am Existenzminimum, die Schere zwischen arm und reich wird durch die steigende Inflation immer größer und das rasend schnell. Zudem sind die wenigsten hier krankenversichert, sodass ein Arztbesuch schnell richtig teuer werden kann. Damals, als meine Zwillingsmädchen nach dem Kaiserschnitt in Inkubatoren mussten, hat uns das in den wenigen Tagen ihres kurzen Lebens mehrere zehntausend Pfund gekostet. Zudem mussten wir enorme Anstrengungen aufbringen, um an Medikamente und Blutkonserven für sie zu kommen.

Hätten damals nicht deutsche Freunde finanziell geholfen, wären sie wahrscheinlich schon viel früher gestorben, Allahu 3lm [Allah weiß am besten].

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Zudem kosten Schulen hier extrem viel Geld und je nachdem wie viel man sich leisten kann, hängt es eben davon ab, welche Qualität man in der Schule geboten bekommt. Deutsche und amerikanische Schulen kosten mehrerer zehntausend Pfund im Jahr, was wir uns definitiv nicht leisten können, trotz meines vergleichsweise guten Gehalts. Die Schule, auf die mein Sohn geht, kostet uns etwa 2000 Pfund im Jahr, die Kita den selben Betrag monatlich. Die Kita ist ma sha Allah für eine ägyptische sehr gut und sauber und die Lehrer, auch wenn sie nicht ausgebildet sind, geben sich die allergrößte Mühe. In der Schule meines Sohnes ist das anders.

In staatlichen Schulen sind die Klassen oft um die 40 bis sogar 60 Kinder stark mit nur einer Lehrerin, die oft nichts vom Lehren versteht. Auch sind viele ägyptische Lehrer sehr streng und Züchtigung gehört vereinzelt noch zum Lehrplan.

Es gibt hier eine gemeinnützige Organisation, in der auch eine liebe Kollegin und Freundin aktiv ist, die versucht durch Aufklärung und Seminare, die ägyptischen Lehrer zu trainieren und ihnen andere Methoden beizubringen. Leider hat sich durch Traditionen und westliche Einflüsse das Weltbild an den Schulen hier teilweise verändert. Khair in sha Allah, einer der Gründe warum wir unsere Kids überwiegend zu Hause unterrichten. Elhamdulillah wird aber in allen Schulen Koran unterrichtet, sogar in den deutschen, außer den Christlichen Schulen natürlich.

Was ich außerdem schade finde ist, dass es leider aufgrund der steigenden Armut hier immer mal wieder vorkommen kann, dass jemand versucht einen übers Ohr zu hauen. Mein schlimmstes Erlebnis hier war zur Zeit des Militär-putsches. Damals trug ich noch Niqab, heute “nur noch” Hijab. Damals waren meine Kleinen noch nicht geboren. Nur mein Sohn, der hier der Älteste ist. Ich wurde damals von einem älteren Herrn auf der Straße belästigt und beleidigt, er ging sogar mit seinen Schuhen auf mich los.

Damals hatten manche Ägypter Angst vor Ausländern und glaubten, dass Ausländer den Terrorismus unterstützen würden, Da trotz Niqab nicht zu verbergen war, dass ich Ausländerin bin, da mein Sohn schon damals sehr gut deutsch sprach und mich somit immer wieder “verriet”, wurde ich leider Opfer dieses Herrn.

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Elhamdulillah ist es glimpflich angegangen.

9. Fürst du dort ein selbstbestimmtes Leben? Was bedeutet das für dich?

Elhamdulillah mittlerweile haben wir es etwas besser, wenn es auch schwer ist. Uns geht es aber bei weitem besser, als vielen anderen. Ich finanziere unser komplettes Leben, während mein Mann sich um unsere Wohnung und die Kids kümmert, wenn ich arbeite. Nach der Arbeit und an freien Tagen übernehme dann ich.

10. Wie sieht der Ramadan in Egypten aus? Was macht ihn speziell? Tust du in der Zeit arbeiten? Sind die Schulen geöffnet? Erzähl mal ein bisschen!

Ich mag den Ramadan hier sehr. Wir besuchen Familie und Freunde, gehen extra viel in die Moschee etc.

Ich liebe diese Zeit, in der alle versuchen, Allah so nah wie möglich zu kommen und jeder versucht, sein bestes zu tun. Ich arbeite auch in dieser Zeit, aber elhamdulillah meist etwas später, sodass man sich mehr auf seinen Deen [Religion] konzentrieren kann.

Die Schulen sind in diesem Monat geschlossen. So oder so sind die Sommerferien hier sehr lang. In der Schule meines Sohnes zum Beispiel bis zu 4 Monate lang (Er geht auf eine ägyptische Volksschule, wenn auch nur sporadisch, wegen dem Nachweis). Die Kitas arbeiten normal, schließen aber meist früher, damit alle pünktlich zum Iftar zu Hause sind.

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Eine der zahlreichen dekorierten Nebenstraßen Kairo´s

11. Würdest du dort gerne alt werden?

Ich hoffe, dass ich hier meine Augen an meinem letzten Tag in dieser Dunja schließen darf in sha Allah. Ich möchte zwischen Muslimen sein, wenn ich sterbe in sha Allah.

12. Kannst du Ägypten als Auswanderungsland empfehlen? Wenn ja, wieso?

Ja, definitiv. Das Leben hier ist zwar für einige sehr hart, wie für uns auch, dennoch gibt es nicht besseres, als sich in der Ummah zu wissen.

Zu wissen, dass deine Kinder den Islam von Anfang an lernen, sie zu hören, wenn sie nebenan in der Moschee den Koran rezitieren, ma sha Allah. Als motivierte Muslimin in Deutschland hatte ich es oft sehr schwer, hier fragt dich niemand danach, ob und warum du Muslimin bist. Hier akzeptiert man die Menschen, wie sie sind elhamdulillah.

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13. Welchen Ratschlag hast du für diejenigen, die auch vom Auswandern träumen?

Traut euch. Denkt nicht all zu lange darüber nach. Allah versorgt einen, egal wo man ist elhamdulillah. Wenn man auf Allah vertraut, wovor soll man dann Angst haben?

Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens, auch wenn sie sehr schnell kam. Ich bereue es keine Sekunde elhamdulillah

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Vielen Dank und baarakaLlahu feeki für deine Interview-Teilnahme, liebe Halima. Möge Allah dich und deine Familie reichlich belohnen für all eure Bemühungen auf Seinem Weg, und möge Er euch eure Situation immens erleichtern!

Liebe Leser/innen, ich denke, ihr seid genauso beeindruckt wie ich von dieser Geschichte. Vor allem zu sehen, wie diese Familie trotz eines Schicksalsschlags zusammen hält und “mal eben so” die Rollen tauscht (Frau arbeitet, Mann kümmert sich um Kinder), ist wirklich beispielhaft und verdient größten Respekt! Ich hoffe, dass es viele zum Nachdenken anregt. Denn wenn eine Frau sogar ihre Familie im Ausland ernähren kann- wieso dann nicht auch andere?

Allen Muslimen wünsche ich noch einen gesegneten Ramadan, und allen anderen ebenso eine schöne Zeit. Likes, Kommentare, etc. herzlich Willkommen 🙂

Liebe Grüße,

Eure Khalisa

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