Von der Dürre zur Regenzeit

Nun ist sie eeendlich wieder da- die Regenzeit! Gott sei Dank kann man da nur sagen- es war auch bitter nötig!

In diesem Artikel werde ich euch über die Dürre berichten, welchen Effekt sie auf mein Leben in Somalia hatte, was die Regenzeit ausmacht und was so `abgeht´, wenn es dann doch mal regnet!

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Was bedeutet Regenzeit in Somalia?

`Normalerweise´ gibt es neben den 2 Trockenzeiten auch 2 Regenzeiten in Somalia: einmal von Oktober bis Dezember, und von April bis Juni. Der Begriff Regenzeit bedeutet dann nicht, dass es ununterbrochen schüttet, sondern dass ab und zu mit Regen zu rechnen ist.

Der Begriff Regenzeit ist in Somalia ebenfalls etwas irreführend, da auch in diesen Monaten nur geringe Niederschlagsmengen fallen. Regenzeit bezeichnet in Somalia also vielmehr die Zeit, in der gelegentlich mit Regen zurechnen ist und keine anhaltenden Niederschläge, wie sie für andere tropischen Regionen kennzeichnend sind.

Quelle: Klima & beste Reisezeit – Somalia | afrika-travel.de

Je nach Monsunwinden gibt es mal mehr, mal weniger Regen. Je nach Region variiert außerdem auch die Niederschlagsmenge: während der Niederschlag im Norden bloß 50mm beträgt, so regnet es im tropischen Süden immerhin 400 mm- vorrausgesetzt, dass es keine Dürre gibt und alles “nach Plan” läuft.

Was, wenn der Regen ausbleibt?

Die letzten Jahre regnete es allerdings vergleichsweise sehr spärlich, oder der Regen fiel völlig aus. Das endete dann auch letztes Jahr in der totalen Dürre, welche bis jetzt vor kurzem anhielt.

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Somalische Schafe auf der Suche nach Futter. Ihr sonstiger “Doppeldecker- Hintern” ist kaum noch zu sehen.

Dürre 2017

Diese lang anhaltende Dürre brachte Land und seine Leute bis an ihre Existenzgrenze. Viele haben diese Zeit nicht überlebt. Die meisten davon, weil sie als Nomaden fernab von jeder Zivilisation lebten. Auf der Flucht in die Städte mussten so manche ihr Vieh und sogar Familienmitglieder hinter sich lassen. Darüber gibt es grausige Geschichten, die einem wirklich das Herz zerreißen…

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Dabei wollte und sollte die Welt dieses mal aufwachen, bevor es zu dergleichen Katastrophe wie 2010/11 käme: damals starben mind. 260.000 Menschen an den Folgen der Dürre, Millionen Menschen flüchteten in die umliegenden Städte (ob bei den Folgen auch die ganzen Cholera-Opfer mitinbegriffen sind, ist mir nicht bekannt). So berichtete der Tagesspiegel zum Beispiel:

Die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt, dass die Hungersnot diesmal noch verheerender ausfallen könnte als vor sechs Jahren. Sechs Millionen Menschen sind von der Hungersnot bedroht. Eine Million Menschen sind bereits auf der Flucht vor der Dürre. Bis Ende des Jahres werden es zwei Millionen sein. Und in den kommenden Monaten, wenn der Regen ausbleibt, wird eine komplette Ernte ausfallen. Die Viehbestände werden aussterben.

Tagesschau, Mai 2017

So kam es dann auch. Es regnete zwar an manchen Stellen des Landes, aber bloß 2-3 mal, was nicht mehr als ein Tropfen in der Wüste ist.

Und so sieht man heutzutage überall in den großen und kleinen Städten ganze Lager von Flüchtlingen, welche sich meißtens am Stadtrand befinden.

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Wie gehen die Somali´s mit der Dürre um?

Die Somali´s sind sehr gläubige Menschen und so sehen sie diese Zeiten der Dürre als eine Art Prüfung Gottes.

Prüfung, daher, weil Er die Menschen von ihren Sünden reinigen möchte, um sie auf eine höhere Stufe zu bringen:

Abu Huraira berichtete, dass der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Niemals wird der Muslim Anstrengung, Krankheit, Trübsal, Kummer, Übel oder Schaden erleiden, sogar wenn ihn nur ein Dorn sticht, ohne daß Allah ihm dies als Sühne für seine Sünden zurechnet.“ (Siehe Hadith Nr.5640)

[Sahih al-Buchari, Kapitel 68/Hadithnr. 5641]

Selbst die Menschen, die Allah/ Gott am nächsten standen (Jesus und alle anderen Gesandten, möge Frieden und Segen mit ihnen sein), wurden auf´s Härteste geprüft. Daher auch der Ausspruch, dass Allah diejenigen am meisten prüft, die Er am meisten liebt!

Gott/ Allah verspricht denjenigen, die ohne zu jammern geduldig ausharren, allerdings auch eine großartige Belohnung:

Er sagt: “Und gewiß werden Wir euch prüfen durch etwas Angst, Hunger und Minderung an Besitz, Menschenleben und Früchten. Doch verkünde den Geduldigen eine frohe Botschaft, die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: “Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück.” Auf diese läßt ihr Herr Segnungen und Barmherzigkeit herab und diese werden rechtgeleitet sein.

 [Sûrah al-Baqarah (2): 155]

Solch eine Dürre kann also sowohl als Reinwaschung von Sünden angesehen werden, als auch als Prüfung für diejenigen, die Allah so sehr liebt, da sie Seiner Botschaft folgen, und sie auf höhere Ränge erheben möchte.

Deswegen werdet ihr die meisten Somali´s auf die Frage “Wie geht´s?” trotz alledem “Alhamdulillah alla kulli haal!” [Gelobt sei Allah unter allen Umständen] als Antwort bekommen.

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Zudem folgen die Somali´s im Falle von Dürre auch dem Beispiel des Propheten (Frieden und Segen seien auf ihm): Wenn der Regen auf sich warten läßt, werden an einem verabredeten Tag die Geschäfte und Schulen geschlossen, und die ganze Stadt trifft sich auf einem großen Platz, um für Regen zu beten. Dafür gibt es ein kurzes, spezielles Gebet, welches auch eine anschließende Ansprache/Ermahnung beinhaltet. Von Politikern bis zu den Ärmsten- alle nehmen daran teil.

Wie habe ich in der Dürre gelebt, als Westlerin?

Oftmals wurde ich gefragt, ob sich die Dürre auch auf mein Leben ausgewirkt hat. Das hat sie Gott sei Dank längst nicht in dem Ausmaße, wie es die Leute auf dem Land getroffen hat. Nein, wir haben es hier eher indirekt mitbekommen:

  • Tagsüber blieb sehr oft das Leitungswasser weg. Es kam erst Abends oder spätestens Nachts wieder, in der wir dann Bottiche mit Wasser füllen konnten. Eigentlich war ich erstaunt, dass überhaupt noch Grundwasser gefunden werden konnte, welches an die Häuser in der Stadt geleitet wurde. Das hatte für uns zur Bedeutung, dass wir für unsere Toilettengänge, Duschen, Wäsche waschen und Geschirrspülen extra Wasser aus unserem Brunnen anschleppen mussten, sobald unser Vorrat von der Nacht alle war. Nicht unbedingt eine leichte Aufgabe- gerade in der heißen Zeit- aber immer noch Luxus, wenn man mal genauer nachdenkt!
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Unser Brunnen
  • Wenn es mal ganz hoch kam, konnten wir keinen Nachschub an Brunnenwasser bekommen. Dann mussten wir einige Tage warten, bis es dann mitten in der Nacht gebracht wurde. Denn das Brunnenwasser wurde von (Grundwasser-) Reservoiren aus dem Umland geholt und wurde tagsüber den bedürftigen Tieren gegeben. In solch einem Land gibt man aber nicht so leicht auf- es gibt für alles eine Lösung (meißtens)! Oftmals haben wir dann mit dem Auto Wasser in diesen gelben Behältern von dem Brunnen meiner Schwägerin geholt.
  • Immerhin hatten wir durchgehend Trinkwasser, welches uns mit einem Tanklaster in große 100-Liter Behälter gefüllt wurde. Davon hatten wir 2, jedoch nachdem einer davon kaputt ging und der Tankwagen alle paar Tage kommen musste, hatten sie uns einen riesen Bottig gebracht!
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Unser Trinkwasser-Behälter
  • Auf dem Markt gab es zeitweise auch kaum noch Auswahl an Gemüse, geschweige denn Früchten. Da muss man sich dann mit den Hauptnahrungsmitteln begnügen. Welches Gemüse available war, variierte dann von Tag zu Tag: heute gab´s Möhren, morgen dafür Zitronen; dann keine Möhren, dafür Weißkohl, etc. Auch die Fleisch-Preise stiegen extrem (kein Wunder, wenn die Tiere wegsterben).
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An diesem Tag gab es nur 1 große Möhre. Aber man muss das Beste aus allem machen 😉
  • Einmal bekam ich leider auch einen Cholera-Fall mit: eine neue Haushaltsgehilfin, die am Morgen noch ganz fit war, begann vormittags auf einmal, sich zu übergeben. Sie meinte, dass käme vom Reinigen der Toilette und arbeitete einfach weiter. Bis sie mittags auf dem Boden zusammengeklappte. Wir dachten, es sei nur eine Magenverstimmung, gaben ihr Zitronenwasser, und wollten sie nach der Mittagsruhe ins Krankenhaus bringen. Gott sei Dank kam ihre Mutter und sie gingen ohne unser Wissen einfach alleine los Richtung Krankenhaus. Das hat ihr dann auch das Leben gesichert. alhamduliLlah: Nachmittags fand meine Co-Schwester sie halb- tot im Krankenhaus, an zig Kanülen gelegt. Immerhin konnten wir unseren Fehler wieder gut machen, indem wir ihr die Medikamente bezahlten. Cholera tritt ganz schnell auf, sobald keine ausreichende Hygiene aufgrund Wassermangel gewährleistet ist. Mann muss dann sehr schnell handeln, andernfalls ist der Tot schneller vor der Tür, als man es sich vorzustellen vermag!

Alles ist relativ!

Im Vergleich haben wir es also trotzdem noch sehr, sehr gut gehabt, Alhamdulillah! Und trotzdem lernt man durch zeitweisen Verlust von sonst so selbstverständlichen Dingen, alles Selbstverständliche wieder zu schätzen!

Was, wenn es regnet?

Wenn es dann doch mal regnet, wie in den letzten Tagen, steht das Leben hier plötzlich Kopf: Regen bedeutet gleichzeitig Schulfrei, frei von jeglichen Ausgängen, Nachhilfen, etc.!

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Generell habe ich mich deshalb öfters gefragt, ob Somali´s vielleicht aus Zucker sind, denn sobald es auch nur nach Regen aussieht, ist das Entschuldigungsgrund Nummer 1 für jegliche Aktivitäten! Nur gut, dass wir nicht im Regenreichen Deutschland leben 😉 (Wobei sich Germali-Somali´s natürlich an das Regenwetter in Deutschland gewöhnen, nehme ich an!)

Was in Deutschland “Schneefrei” ist, heißt in Somalia “Regenfrei”

Es ist vielleicht vergleichbar mit “Schneefrei” in Deutschland, wenn es dann (ausnahmsweise) mal so viel schneit, dass man mit Bus und Auto nicht mehr voran kommt. In meiner Kindheit war das noch Normalfall in jedem Winter. Damals konnte ich sogar noch Ski fahren auf unserer Nachbarwiese!

Aber ja, die Zeiten ändern sich, auch in Somalia! Denn so wie es heute seltener “Schneefrei” gibt, so gibt es hier in Somalia auch seltener Regen.

Regenzeit ist Freudenzeit!

Wenn es dann also regnet, ist es, als ob ganze Kübel über einen ausgeschüttet werden- so sehr schüttet es! Dementsprechend steht draußen auch alles unter Wasser. Für die Kinder ist es der reinste Spaß- ein Bad unter freiem Himmel! Sie pitschen und plantschen, was das Zeug hält, trommeln und tanzen noch dazu!

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Zudem kommen die Kinder auf die verrücktesten Ideen, wenn sie plötzlich nicht mehr draußen spielen können: Da klettern sie einfach mal die Wände hoch!

(Nur gut, dass es hier nicht allzu häufig regnet 😉 )

Für die Hausfrauen ist es eher weniger witzig (obwohl sie sich natürlich mit freuen). Denn hinterher all die Kinder mitsamt ihrer Wäsche zu trocknen und die Böden zu reinigen, die im Null-komma-nix zur Ausrutschgefahr werden, ist natürlich mit Arbeit verbunden. Zudem fällt aus Sicherheitsgründen oftmals auch der Strom aus, sodass dies alles unter romantischen Taschenlampen-Licht vollzogen werden muss. Aber naja, so oft kommt das ja auch nicht vor!

Dieser Frieden danach…!

Wenn das Spektakel dann vorbei ist, gibt es für mich nichts Schöneres, als diesen frischen Duft von Erde, Blumen und abgekühlter Luft in mich einzusaugen, der mich doch stark an meine Deutsche Heimat erinnert 🙂

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Aktuelle Situation

Aktuell hat es hier in Garowe nun schon einige male geregnet, so dass ich es nicht mehr an einer Hand abzählen kann. Auch die anderen Teile Somalia´s sind wohl in den Genuß gekommen- bei manchen gab es sogar richtige Überschwemmungen.

Bevor es regnet, ist es immer unerträglich schwül, bis dann die große Erleichterung kommt. Es ist ebenfalls die Zeit der kleinen (harmlosen!) Insekten, Mücken und Fliegen. Um das Haus hygienisch zu halten, reinigen wir das ganze Haus mit Diesel-Wasser.

Zusammenfassend kann man sagen, dass wir also in diesem Jahr schon ganz gut dabei sin und HOFFENTLICH ist das noch nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer neuen Zeit ohne Dürre!

Noch hat sich die Natur, die Land- und Viehwirtschaft nicht gänzlich erholt. Das wird sich wohl erst ändern, wenn die bei Regen zeugungswütigen Kamele ihre Kinder gebären. Dann wird auch wieder die Kamelmilch und die anderen Dinge fließen, in shaa Allah. Jedoch die tausenden, welche ihre Heime und ihren Besitz verloren haben, brauchen (weiterhin) unsere Unterstützung.

Betet und spendet also alle für Somalia und all die Länder, die (noch) unter Dürre und ihren Nachfolgen leiden!

Liebe Grüße,

Eure Khalisa

PS: Wer eine der vielen Hilfsorganisationen unterstützen möchte, dem kann ich die Hilfsorganisation Islamic Care empfehlen. Wir kennen sie persönlich und sie sind maa shaa Allah sehr engagiert!

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