10.Interview: Ägypten als Sprungbrett

As salaamu alaikum und Hey liebe Leser/innen,

Schon ist wieder eine Woche herum und so steht das nächste Interview vor der Tür, bzw. vor eurer Nase 🙂 Im heutigen Interview geht es wieder um eine beeindruckende Geschichte einer Deutschen Muslima, die den Schritt der Hijrah, also Auswanderung, gewagt hat: und zwar in das geschichts-trächtige Ägypten! Besagte Person heißt Maryam und kommt sogar aus der gleichen Ruhrgebiets-Stadt wie ich- trotzdem haben wir es immer hingekriegt, uns gerade eben so zu verpassen! Das erste Mal, als andere mir von ihr “vorschwärmten”, war nachdem ich gerade aus Somalia in Deutschland ankam. Da war Maryam einen Tag zuvor nach Ägypten gereist. Ein anderes mal hätte ich die Chance gehabt, sie bei ihrer Abschiedsfeier zu sehen, doch kam mir da irgendetwas dazwischen. Dabei wollte ich sie so gern kennenlernen, da sie u.a. auch Still- und Trageberaterin ist und natürlich eine interessante Persönlichkeit ist! Naja, dafür gibt es ja inzwischen die Social Media- man kann in Verbindung miteinander treten, ganz gleich in welcher Ecke (oder welchem Horn) man lebt!

Dass Maryam ausgerechnet in Ägypten gelandet ist, obwohl sie Deutsche und ihr Mann Marokkaner ist, und warum ihre Tochter ausgerechnet auf eine Amerikanische Schule geht, erfahrt ihr jetzt im folgenden Interview!


Salamu aleikum wa rahmatullahi wa barakatuh,

Ich bin Maryam, und lebe in der Nähe von Kairo.

Dass wir ausgerechnet in Ägypten gelandet sind, ist Qadr [Bestimmung Allah’s, Anm.d.R.]… Denn mein Mann ist Marokkaner und ich Deutsche und eigentlich wäre eine Hijrah nach Marokko das Naheliegendste.

Aber unser Aufenthalt in Ägypten wird mit Allahs Erlaubnis nur unser Sprungbrett sein und wir werden in shaa Allah irgendwann in Marokko landen.

Frage 1: Wohin bist du ausgewandert und wann?

Ich bin mit meinem Mann und meiner Tochter nach Ägypten ausgewandert, das war Anfang 2013 alhamdulillah.

kairo2

Frage 2: Warum hast du dir ausgerechnet dieses Land ausgesucht?

Wir sind in Ägypten gelandet durch Allahs Vorherbestimmung. Wir wollten weg aus Deutschland in ein arabisches Land und mein Mann hatte sich in verschiedenen arabischen Ländern beworben. In Ägypten hat es letztendlich geklappt, alhamdulillah.

Frage 3: Was waren deine Beweggründe für die Hijrah?

Das Wichtigste ist natürlich, die Absicht zu haben, die Hijrah für Allah zu vollziehen. Daraus ergibt sich dann der Wunsch, die Hijrah zu vollziehen, um in einem islamischen Umfeld zu leben. Dort, wo man den Islam wirklich ausleben kann, wo man sich nicht ständig für seine islamische Kleidung rechtfertigen muss, wo unsere Tochter den Islam auch außerhalb unserer Familie sieht, wo man wirklich frei sein kann als Muslim.

kairo6
Geht die eine Tür zu, geht eine andere auf 🙂

Außerdem hat sich mein Mann nie wirklich wohl gefühlt in Deutschland und er wollte auch nicht, dass unsere Tochter dort aufwächst.

Frage 4: Was schätzt du besonders an Ägypten?

Ich finde, was das Land ausmacht, ist seine vielfältige Geschichte!

kairo10.jpg

Frage 5: Gibt es etwas, was du dort besonders vermisst?

Ich vermisse die Schwestern, mit denen ich mich immer getroffen habe und ich vermisse es, Spaziergänge zu machen, in Parks zu gehen, mit meiner Tochter auf den Spielplatz. Leider gibt es hier, wo wir leben, keine öffentlichen Parks. Entweder muss man in einem Compound (das ist ein abgesichertes Wohngebiet, in dem meist nur reiche Leute leben) wohnen, dort gibt es Grünflächen oder Grünanlagen oder man muss eine Mitgliedschaft in einem der vielen Clubs haben, was aber auch sehr teuer ist.

Frage 6: Hattest du finanzielle Rücklagen als du ausgewandert bist?

Wir hatten so gut wie keine finanziellen Rücklagen, nur die Einnahmen aus unserer Haushaltsauflösung in Deutschland. Was dann dazu führte, dass mein Mann erstmal alleine nach Ägypten ging, um einiges vorzubereiten, wie eine geeignete Wohnung finden, die Wohnung mit dem nötigsten einzurichten, usw.

Frage 7: Hattest du vorab ausreichend Sprachkenntnisse?

Ich konnte so gut wie gar kein Arabisch, außer den Buchstaben und ein paar Wörtern.

Ich habe dann die Chance genutzt und hier in Ägypten einen Sprachkurs besucht, habe da aber die arabische Hochsprache gelernt und nicht den ägyptischen Dialekt. Das alltägliche Leben kann ich damit hier meistern alhamdulillah- also einkaufen gehen, ein Taxi nehmen und dem Fahrer den Weg erklären, usw. Nur bin ich immer noch nicht so weit, um wirkliche Gespräche in Arabisch zu führen. Alhamdulillah habe ich meinen Mann, der alles Wichtige erledigt.

Frage 8: Seid ihr dort krankenversichert?

Nur mein Mann ist krankenversichert durch die Arbeit, aber nur bis zu einem bestimmten Betrag.

Frage 9: Wie hat deine Familie auf deine Auswanderung reagiert?

Es war schwer für sie, da meine Eltern schon sehr alt waren und sie haben auch nie wirklich verstanden, warum wir in ein arabisches Land ziehen wollten. Aber da ich schon lange vorher in einem anderen Teil von Deutschland gelebt habe, war es kein Riesenschritt mehr für sie und letztendlich muss ich mein Leben leben und meine Entscheidungen treffen mit meinem Ehemann.

kairo5

Heute, etwa 5 Jahre später, ist es immer noch schwer für meine Mutter, dass ich sie nur einmal im Jahr besuchen kann, aber ich telefoniere oft mit ihr.

Frage 10: War ein Visum für Ägypten notwendig?

Bevor man nach Ägypten reist, braucht man kein Visum zu beantragen, wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Man kann ein Touristenvisum bei Ankunft am Flughafen erwerben, das gilt dann aber nur 28 Tage. Wenn das Visum abgelaufen ist, und man beispielsweise nach 6 Monaten wieder ins Ausland verreist, muss man am Flughafen eine Strafe zahlen.

kairo7

Ein längeres Visum kann man bei den entsprechenden Behörden in Ägypten beantragen. Am einfachsten ist es wenn man ein Kind hat, das in den Kindergarten, zur Vorschule oder Schule in Ägypten geht. Dann bekommt man immer Aufenthalt für das laufende Schuljahr. Oder der Arbeitgeber regelt es mit den Visa.

Frage 11: Hat dein Ehemann oder du eine Arbeitsstelle vor Ort, oder wie wird euer Lebensunterhalt gesichert?

Ja, mein Mann hat hier eine Arbeitsstelle und verdient unseren Lebensunterhalt alhamdulillah. Ab und zu gebe ich Deutsch-Nachhilfe.

Frage 12: Wie sieht es mit sozialen Kontakten aus. Hast du dort Kontakt zu anderen Konvertierten?

Ja alhamdulillah. Haben hier eine kleine Gruppe von konvertierten Schwestern aus allen Teilen Europas (Polen, Belgien, Finnland, Rumänien, früher waren noch Schwestern dabei aus Spanien, Ungarn und den Niederlanden) MashaAllah. Mit einem Teil treffen wir uns einmal pro Woche zum Quranunterricht und die anderen kommen dann dazu, wenn wir uns im Club treffen oder uns einmal im Jahr eine Villa mit Pool mieten für einen Tag und mit unseren Kindern schwimmen und planschen gehen.

kairo9

Frage 13: Kannst du dir vorstellen, bis ins hohe Alter dort zu bleiben?

Nein, das möchten wir nicht und das war auch nie unser Ziel. Das heißt aber nicht, dass wir nach Deutschland zurück wollen. Ganz im Gegenteil, wir möchten weiterhin in einem arabischen Land leben, aber eben nicht für immer in Ägypten.

Ägypten war für uns von Anfang an ein Sprungbrett, um aus Deutschland wegzukommen. Aber wir werden sehen, welche Pläne Allah für uns bereit hält.

Frage 14: Wie alt waren deine Kinder bei der Auswanderung?

Meine Tochter war damals 3 Jahre alt.

Frage 15: Welche Schule besuchen deine Kinder dort?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten in Ägypten, was die Schulen angeht alhamdulillah. Wir haben uns für eine private Amerikanische Internationale Schule entschieden aus verschiedenen Gründen.

Zum einen, weil unsere Tochter kein Arabisch konnte als wir Hijrah gemacht haben und bis heute nicht so gut arabisch kann, um in einer arabischsprachigen Schule dem Unterricht zu folgen. Dann kommt noch dazu, dass es sehr große Unterschiede in der Bildung gibt. Es kommen auch nur private Schulen in Frage für Nichtägypter. Also gibt es noch zwei Möglichkeiten, eine nationale Schule (mit ägyptischen Lehrplan und teils Unterricht auf Arabisch oder Englisch) oder eine internationale Schule (mit dem Lehrplan des jeweiligen Landes). Es gibt auch islamische Schulen, aber diese unterrichten meist nur auf Arabisch.

Am Ende blieb dann die Wahl zwischen einer deutschen Schule oder einer englischsprachigen. Und auch in den internationalen Schulen steht Arabisch und islamischer Religionsunterricht (in arabischer Sprache) auf dem Stundenplan.

Frage 15a) Und warum habt ihr euch letztendlich für die Amerikanische anstatt die Deutsche Internationale Schule entschieden?

Zum einen weil wir wollten, dass sie sehr gut Englisch kann, zum anderen weil es in der amerikanischen Schule ab vier Jahren die Vorschule gibt und die Kinder da schon Buchstaben lernen, erstes lesen und schreiben und Rechnen und auch schon das arabische Alphabet. Die fangen mit den Kindern hier sogar noch früher an, das zu lernen MashaAllah. Meine Tochter ging zuerst in einen ägyptischen Kindergarten und da haben sie schon angefangen, den Kindern die Buchstaben auf Englisch und arabisch beizubringen.
In der deutschen schule fangen sie erst in der 1. Klasse damit an.
Es gab aber noch andere Gründe, z.B.: Wenn wir doch irgendwann die Möglichkeit haben nach Marokko zu gehen in shaa Allah, dort gibt es keine deutsche Schule… Aber englischsprachige Schulen gibt es überall!

Frage 16: Dein bestes Erlebnis im Ausland:

Das Beste ist natürlich, dass man jeden Tag 5 Mal den Adhan hört.

Kairo3

Aber es gibt viele schöne Situationen, die ich hier erlebt habe alhamdulillah.

Wir leben hier in einer Nachbarschaft, wo man viele Leute kennt, sich begrüßt, wenn man an ihnen vorbeigeht alhamdulillah. Und wir leben in einem Haus mit nur 5 Parteien und davon sind nur wir und noch eine Partei Mieter. Somit kann man sagen, wir leben im Haus der Vermieterin und ihrer Familie. Und haben ein sehr gutes und persönliches Verhältnis mit ihnen, es ist fast wie eine Ersatzfamilie alhamdulillah. Ich kann meine Tochter mal bei meiner Vermieterin abgeben oder bei einer ihrer Schwiegertöchter, wenn ich was alleine mit meinem Mann erledigen muss, andersherum bringen sie ihre Kinder auch mal zu mir zum Aufpassen, wir besuchen uns gegenseitig und essen im Ramadan manchmal Iftar [Fastenbrechen; Anm.d.R.] zusammen, gehen gemeinsam zum Eidgebet [Festgebet], usw.

Hier merkt man, was Nachbarschaft bedeutet im Islam.

Ein Highlight war auch unsere Reise in den Süden Ägyptens nach Assuan. Mal zu sehen, dass es neben dem hektischen, lauten, vollem und leider auch sehr schmutzigen Kairo, Orte gibt, die anders sind. Wo der Nil noch sauber ist, wo es Natur gibt und keine Hektik.

kairo4

Was ich an Ägypten auch mag, dass man hier eine sehr weitreichende Geschichte sehen kann und Orte besuchen kann, die geschichtlich interessant sind, nicht nur die pharaonische Geschichte, sondern auch islamische Geschichte.

kairo8

Kairo1

Frage 17: Dein schlimmstes/eindrücklichstes Erlebnis:

Ein wirklich schlimmes Erlebnis habe ich nicht, dennoch hat Ägypten auch negative Seiten mit denen man zurechtkommen muss, wenn man hier lebt.

Da ist der Straßenverkehr, der nicht geordnet ist, wie man es von Deutschland her kennt und man ist sowohl als Fußgänger als auch als Autofahrer oder Insasse in Bussen ständig Gefahren ausgesetzt, was die Ägypter nicht weiter stört, da für sie sowie alles Qadr (Schiksal) ist und man den Unfall nicht vermeiden konnte. Wenn man kein eignes Auto hat und die „öffentlichen“ Transportmittel wie Metro, Microbus und Bus nutzen möchte, sollte man sich darauf einstellen, dass es da auch oft sehr hektisch zu geht und auch nicht so genau auf die Fahrkünste des Busfahrers achten oder welchem Verkehrsunfall man um Haaresbreite gerade entkommen ist, zudem sollte man den Berufsverkehr in Kairo möglichst aus dem Weg gehen.

Ein weiteres großes Problem ist der Müll, der einfach überall rumliegt und auch von Müllbehältern auf der Straße hat hier noch niemand was gehört.

Auch dieses „Komme ich heute nicht, komme ich morgen“- Prinzip ist hier weit verbreitet, genauso wie Unpünktlichkeit, was mich als Deutsche manchmal ziemlich aufregt, obwohl ich es schon gewohnt sein sollte.

Man muss hier einfach vieles mit Humor nehmen und viel Geduld haben.

Abschlussfrage: Welchen Ratschlag hast du für deine Geschwister, die auch Hijrah machen möchten?

Am wichtigsten ist das Vertrauen auf Allah und eine reine Absicht. Denn Allah erleichtert so vieles alhamdulillah. Man braucht aber auch Geduld und sollte wissen, dass am Anfang vielleicht nicht alles so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Es braucht ein wenig Zeit sich einzuleben und zurechtzukommen in einem fremden Land.

Eine gewisse finanzielle Sicherheit erleichtert es natürlich und auch dass man sich vorher über das Land informiert, dass man Kontakt zu anderen Schwestern sucht, die Hijrah in dieses Land gemacht haben und somit jemanden dort hat, der sich schon auskennt und helfen kann. Alhamdulillah ist dies alles durch Internet und Soziale Medien machbar.

Kairo


Vielen lieben Dank für deine tiefen Einblicke über deine Auswanderung, liebe Maryam! Möge Allah dich und deine Familie reichlich für eure Aufopferungen belohnen und euch in dem Land alt werden lassen, welches khair (gut) für euch ist!

Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich dieses Interview um ein paar Fragen erweitert, da es einfach noch einen individuelleren und Detail reicheren Eindruck vermittelt. Schließlich sollt ihr ja auch so viel wie möglich von diesem Land und der Auswanderung dorthin mitnehmen!

So konntet ihr diesesmal deutlich sehen, dass die Auswanderung nicht nur Schockoladen-Seiten hat. Nein, ganz und garnicht! Man opfert auch ganz schön etwas auf (Freunde, Hobbies, etc.), toleriert aufeinmal Dinge, die einen eigentlich zur Weißglut bringen könnten (Chaos, Unpünktlichkeit, u.a.). Denn wenn man einmal den Entschluss zur Auswanderung gefasst hat, möchte und sollte man nicht gleich bei der ersten Hürde wieder die Koffer packen!

kairo7

In diesem Sinne gebührt Auswanderern unser größter Respekt. Mögen sie weiterhin standhaft, geduldig und humorvoll bleiben!

Wenn euch das Interview gefallen hat, hinterlasst ruhig ein Like, einen Kommentar oder teilt es mit denjenigen, die es ebenfalls interessieren und inspirieren könnte!

Thanks so much,

Eure Khalisa von den Germali´s

Advertisements

One comment

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s