6.Interview: Jerusalem oder: Wo die Liebe hinfällt…!

As salaamu alaikum und Hey liebe Leser/innen,

Ich freue mich sehr, euch eine weitere außergewöhnliche und vor allem faszinierende Geschichte vorzustellen: eine junge Deutsche Frau, die in Tel Aviv ihren Traumprinzen kennenlernt und dann zu ihm zieht. Und zwar nicht irgendwohin, wo man ein bequemes Leben führen könnte, sondern in keine geringere Stadt als JERUSALEM! Im folgenden Interview findet ihre mehr heraus, wie sie ihr (Über-) Leben dort so meistert und was bisher passiert war.

Vorab noch…

Zuerst aber möchte ich noch ein paar Sätze zu dem Thema loswerden. Ihr denkt vielleicht, sie muss wirklich verückt sein, um dort hin zu ziehen! Dass sie die Sicherheit Deutschlands dieser Unsicherheit Jerusalems vorzieht- ja, sogar in Gefahr schwebt, da sie illegal dort ist!

Dieses Interview soll auch nicht unbedingt dazu aufrufen, ebenfalls an diesen Ort auszuwandern. Jedoch soll es zeigen, wie vergleichsweise einfach es man doch in anderen islamischen Ländern hätte, wo es keinen Krieg gibt (also- welche Ausrede hat man da noch?!?).

Diese Schwester hat unseren größten Respekt verdient für die Schritte, die sie gemacht hat, um ihre Familie zusammen zu halten und ein islamisch freieres Leben führen zu können. Denn wahre Freiheit kommt von innen!

Zudem möchte ich noch eine Sache klarstellen, die in der ganzen Welt missverstanden wird: Das weltberühmte Gebäude (s.Titelbild) mit der goldenen Kuppel ist NICHT die Al-Aqsa Moschee! Es ist der Felsendom!

Al Aqsa
Die richtige Al-Aqsa Moschee

Die echte Al-Aqsa- Moschee, welche die 3.wichtigste Moschee für Muslime ist (nach den Moscheen in Mekka und Medina), befindet sich nicht weit davon entfernt.

Sie ist der Ort, an den der Prophet (Friede und Segen seien auf ihm) seine Nachtreise machte und ebenso vor allen Propheten der Menschgeschichte das Gebet leitete (mehr dazu findet ihr in zahlreichen Artikeln, u.a. in diesem hier (leider in Englisch).

“Preis sei Dem, Der Seinen Diener bei Nacht von der geschützten Gebetsstätte [in Mekkah] zur fernsten Gebetsstätte [Al-Aqsa], deren Umgebung Wir gesegnet haben, reisen ließ, damit Wir ihm (etwas) von Unseren Zeichen zeigen. Er ist ja der Allhörende, der Allsehende.”
(Ungefähre Übersetzung, Qur´an 17:1)

Ebenso wurde einige Zeit diese Moschee als Gebetsrichtung für die Muslime bestimmt, anstatt in Mekkah die Kaaba.

Jedoch wird diese Verwechslung der beiden Moscheen von einigen Stellen bewußt herbeigeführt.

 

Komplex Al Aqsa
Links der Felsendom, rechts die Al-Aqsa Moschee

Wieso diese beiden Moscheen immer vertauscht werden, das wäre ein ganzer Artikel für sich Wert. Wenn ihr das wirklich wissen wollt, forscht einfach mal im world-wide-web nach (z.B. bei The Arrivals in YouTube) 😉

Nachdem wir das nun festgestellt haben, möchte ich euch nicht weiter aufhalten von dem heutigen Interview mit der Schwester Lamees!

Frage 1:  Wohin bist du ausgewandert und wann?

Nach Palästina, in die Nähe von Al-Quds (Jerusalem).

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Lamees vor dem Felsendom in Jerusalem

Frage 2: Warum hast du dir ausgerechnet dieses Land ausgesucht?

Mein Mann kommt daher.

Frage 3: Was waren deine Beweggründe für die Hijrah?

Ich hatte meinen Mann vor zehn Jahren in Tel Aviv kennen gelernt und bin zu ihm gezogen. Wir hatten allerdings sehr viele Probleme mit dem Staat Israel, die mich nach einem Jahr abgeschoben haben und mir eine 5-Jährige Einreisesperre verpasst haben.

Wir mussten dann ein weiteres Jahr getrennt leben bis mein Mann ein Visum nach Deutschland bekommen hat. Er war dann fünf Jahre mit mir in Deutschland aber es hat ihm dort gar nicht gefallen. Er hatte großes Heimweh nach seiner Familie und auch Angst um die Zukunft unserer Tochter und so sind wir 2015 in die Nähe seiner Familie in das Palästinenser-Gebiet gezogen. Alhamdullilah!

Frage 4: Hattest du finanzielle Rücklagen als du ausgewandert bist?

Meine lieben Eltern (Allah möge sie rechtleiten) haben mir mein Erbe vorzeitig ausgezahlt damit wir eine Pizzaria in Bethlehem eröffnen konnten. Und uns das erste Jahr ausreichend finanzielle Mittel hatten.

Frage 5: Hattest du vorab ausreichend Sprachkenntnisse?

Alhamdullilah war mein Arabisch schon so gut, dass ich mich direkt mit den Nachbarinnen etc. verständigen konnte. Es ist aber immer noch schwierig mit der Sprache. Zum Glück können die meisten nicht besonders gut Englisch, so dass ich “gezwungen” bin arabisch zu sprechen!

Frage 6: Wie hat deine Familie auf deine Auswanderung reagiert?

Ich habe alhamduLlilah ein sehr enges Verhältnis zu meiner Familie und sie wollten natürlich nicht, dass wir weg ziehen, aber sie haben ebenfalls gesehen wie mein Mann in Deutschland regelrecht eingegangen ist und haben eingesehen, dass es für uns als Familie einfach besser ist und darum haben sie uns sogar finanziell unterstützt.

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Frage 7: War ein Visum für das Land XY notwendig?

Ja ein Visum ist notwendig, aber sehr schwer zu bekommen – obwohl wir verheiratet sind.

Israel versucht systematisch alle Palästinenser aus Ost-Jerusalem zu vertreiben und möchte keine neuen Muslimischen Zuwanderer. Nach fast drei Jahren haben ich und meine Tochter immer noch kein Visum und wir leben daher illegal hier.

Daher kann ich noch nicht mal den Checkpoint nach Jerusalem passieren geschweige denn nach Deutschland fliegen. Wir haben bereits einen Anwalt und ich hoffe sehr, dass ich bis nächstes Jahr ein Visum erhalte.

Frage 8: Hat dein Ehemann oder du eine Arbeitsstelle vor Ort, oder wie wird euer Lebensunterhalt gesichert?

Das ist ein großes Problem. Unsere Pizzeria ist schon nach einem Jahr pleite gegangen – das ganze Geld ist weg und mein Mann hat seit dem immer mal wieder ein paar Wochen oder Monate Arbeit hier und dort und dann wieder keine. Momentan ist er wieder arbeitslos und das bedeutet dass wir dann gar kein Geld bekommen (staatliche Sozialhilfe etc. gibt es nicht).

Ich arbeite zwei Mal pro Woche als Englisch-Lehrerin in einem Islamischen Kindergarten. Das Geld, dass ich dafür bekomme, ist aber eher als Taschengeld als als Gehalt zu betrachten.

Frage 9: Kannst du dir vorstellen, bis ins hohe Alter dort zu bleiben?

In shaa Allah [so Allah will, Anm.d.R.]. Ich hoffe sehr, dass wir das können.

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Frage 10: Wie alt waren deine Kinder bei der Auswanderung?

Meine Tochter ist in ihrer ersten Woche in Palästina vier Jahre alt geworden. Das war ein sehr gutes Alter, da hier der Kindergarten mit vier Jahren beginnt und sie somit die Sprache gut lernen konnte, bevor sie jetzt mit sechs in die Schule gekommen ist.

Frage 11: Welche Schule besuchen deine Kinder dort?

Allah möge uns vergeben – unsere Tochter besucht eine deutsche christliche Privatschule! Wir hoffen, dass wir sie in shaa Allah in naher Zukunft noch auf eine islamische Schule geben kann, aber das ist noch nicht klar. Bei uns gibt es nur diese Schule – da sie wegen des besonderen Status von Jerusalem auf eine Schule in Jerusalem gehen muss – wir uns aber ohne Visum nur hinter der Mauer im Westjordanland aufhalten dürfen – und da ist es nun mal die einzige Schule, die politisch zu Jerusalem zähltgeographisch aber hinter der Mauer liegt. (Ich hoffe das ist verständlich ausgedrückt).

Immerhin sind die meisten Kinder dort Muslime und es gibt drei Mal pro Woche islamischen Religionsunterricht und freitags ist frei sowie an den muslimischen Feiertagen.

Frage 12: Dein bestes Erlebnis im Ausland:

Natürlich das beten in der Al-Aqsa Moschee (Leider kann ich zur Zeit nicht dorthin)!

Und dann, dass wir nahe bei meiner lieben Schwiegerfamilie sind und wie nett die Nachbarinnen mich aufgenommen haben und dass Allah uns nach über sechs Jahren noch einen Sohn geschenkt hat, alhamduliLlah!

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Frage 13: Dein schlimmstes/ eindrücklichstes Erlebnis:

Es kam schon mehrfach vor, dass unsere Straße plötzlich voller israelischen Soldaten war.

Erst vor ein paar Wochen kam ich von der Arbeit nach Hause und finde die ganze Straße voller Militär vor – auf all unseren Dächern stehen Soldaten mit Maschinengewehren. Da wird einem schon irgendwie anders. Ich bin dann schnell in unseren Hauseingang geschlüpft und habe meine Nachbarin angerufen – sie sagte mir, dass sie gerade zwei dreistöckige Häuser von unserem Nachbarn abreißen: sie wurden – so wie alle Häuser von Arabern ohne (die von Israel niemals erhältliche) Baugenehmigung gebaut.

Abschlussfrage: Welchen Ratschlag hast du für deine Geschwister, die auch Hijrah machen möchten, parat? 

Wie so viele Ausländer war mein Mann nicht glücklich in Deutschland und sagte immerzu: „Irgendwann geh ich in meine Heimat zurück“, „Irgendwann wenn wir genug Geld haben“, „Irgendwann in der Zukunft“….

Ich kenne so viele Leute die davon träumen und dann gehen die Kinder doch in Deutschland zur Schule und später zum Studium und man selbst wird immer älter – die Arbeitsmöglichkeiten im Heimatland immer schlechter…

Darum sagte ich, wenn wir gehen wollen, dann muss es bald sein! Solang unsere Tochter noch klein ist und wir jung genug sind um Arbeit zu finden – ich noch die Sprache lernen kann etc. etc. – Ich denke, je länger man wartet, desto schwieriger wird es.

Leider ist es durch die finanzielle Situation immer noch schwierig für uns hier zu leben – ich hoffe sehr, dass mein Mann eine beständige Arbeit findet. Aber man muss sich immer vergegenwärtigen, dass der Risq von Allah kommt [`Rizq´ = die Versorgung, die einem schon im Mutterleib vorbestimmt wird, Anm.d.R.] und dass die Versorgung, die Allah uns bestimmt hat uns nicht verfehlen wird – egal wo wir sind.

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Vielen lieben Dank, liebe Lamees, dass du dir Zeit genommen hast, uns einen kleinen Einblick in dein Leben zu geben!

Möge Allah dich und deine Familie beschützen, segnen und euch alles erleichtern!!!

Ich hoffe, euch hat dieses Interview ebenso beeindruckt wie mich. Wobei es auch einen bitteren Beigeschmack hat, aufgrund der dortigen Situation…

Möge Allah den Unterdrückten helfen und wieder Gerechtigkeit walten lassen.

In diesem Sinne –

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

PS: Kommentare und alles andere sind immer willkommen 😉

 

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2 comments

  1. assalamualaikum wa rahmatullah wa barakatu

    ich bin ganz ergriffen von dieser geschichte die wieder so wunderbar geschrieben wurde.

    ich wuensche der schwester alles liebe und moege Allah sie und ihre familie immer gesund erhalten amin

    Liked by 1 person

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