Wochenenden in Somalia

Wie sehen sie aus? Was kann man in einem von Krieg, Armut und Dürre gebeutelten Land eigentlich vergnügungsmäßig machen? Und noch besser- was macht man ohne die ganzen Funparks, Cinemas und dergleichen?

Das könnten einige der Fragen sein, die euch bei dem Gedanken, ein Wochenende in Somalia zu verbringen, wohl im Kopf herumschwirren könnten. Fragen, die man irgendwie nachvollziehen kann! Nachdem ich die Frage, ob man überhaupt Spaß haben kann bzw. moralisch gesehen darf, bereits in diesem Artikel behandelt habe, wird es nun konkreter.

Freitag statt Sonntag

Erst einmal muss ich noch klarstellen, dass das Wochenende hier nicht wie üblicher-weise am Samstag beginnt, sondern am Donnerstag! Freitag ist dann quasi unser Sonntag. Das hat seine Wurzeln wieder einmal im Islam, alhamduliLlah. Und da ein neuer Tag islamisch gesehen schon ab dem Maghrib-Gebet (Abendgebet, ca.um 18 Uhr) anfängt, sind spätestens ab Donnerstag Abend die Cafees und Straßen übervoll. Eine schöne Stimmung (solange man nicht im Auto sitzt :-D)!

Was macht man also als Familie an solch einem Wochenende?

Tagsüber sind die größeren Kinder noch mit Lernen beschäftigt- vormittags und nachmittags gehen sie zur Moschee zur sogenannten “Halaqa”- eine Sitzung, in der sie verschiedene Themen ihrer Religion lernen. So ab 10 Jahren ungefähr können sie daran teilnehmen. Freitags kommt noch das für Männer obligatorische Gemeinschaftsgebet zur Mittagszeit hinzu- eine feierliche Stimmung, denn man hört die Freitagspredigt überall in der Stadt!

 

Für viele (nicht alle) Elternteile sind Vergnügungen mit der ganzen Familie eher kein Thema und wird nur als Zeitverschwendung angesehen. Außer Familien-Besuchen findet da nicht vielmehr statt. Kinder spielen sowieso den ganzen Tag draußen. Ab dem Jugendalter suchen sich die Teenager dann selber ihre Freizeitbeschäftigung.

Wir jedoch sind wohl etwas “anders” als die gängigen Somalischen Familien- denn wir alle haben einen Großteil unseres Lebens in Europa verbracht. Also sind unsere Kinder es schon gewohnt, dass es zumindest am Freitag `raus geht´! Trotz der spöttischen Blicke mancher Verwandten, nehmen wir uns also immer etwas vor- ok, fast immer- solange kein Besuch dazwischenkommt! Denn Kinder brauchen auch mal etwas besonderes, etwas Spaß und neue Erfahrungen.

Meißtens gehen wir die Sache jedoch sehr spontan an- gemäß der afrikanischen Mentalität, entscheiden wir manchmal in letzter Sekunde, wohin es diesmal gehen soll.

Hier in Garowe gibt es leider keinen Strand, von daher stehen folgende Optionen zur Auswahl:

  • Dareeyle

Ein sehr spezieller Ausflugsort und wohl der beliebteste für diejenigen, die es sich leisten können. Es liegt ca. 3 Km von Garowe entfernt und ist quasi unser `Strand-Ersatz´: denn es hat das ganze Jahr über mehr oder weniger Wasser, also ein Flußbett. Selbst in der Dürre-Zeit gibt es dort Wasser, auch wenn es eher größeren Pfützen gleicht, die von laufendendem Wasser sauber gehalten werden. Dementsprechend `schwimmen´ unsere Kids dort gerne.

 

 

 

Zudem haben sich die Eigentümer dieses Stück Landes etwas ganz besonderes ausgedacht: sie haben ein Restaurant in traditioneller Weise aufgebaut- d.h. in typischen Somalischen Hütten kann man seine leckere Speise zu sich nehmen, oder einfach nur Eis essen und “Caano Shah” (Gewürztee mit Milch) trinken. Dadurch wollen sie an die Somalische Tradition erinnern, denn einst lebte ein Großteil der Bevölkerung so- als Nomaden. Ich kann sagen, es gibt nichts gemütlicheres als so eine Hütte! Mit Teppichen ausgelegt und Kissen ausgestattet, ist es einfach super bequem und kuschelig! In diesem Ort wurden traditionelle Hütten mit moderner Technik ausgestattet: Lampen und Ventilatoren.

 

 

Wer lieber draußen unter freiem Himmel speisen möchte, kann das ebenfalls auf chick eingerichteten Plätzen tun, umgeben von Mango-Bäumen und anderen Beeten, wo das Gemüse frisch angebaut wird. Dort haben sie sogar Springböcke herumlaufen- so wie wir (wir haben 2)!

 

 

Neuerdings kann man dort auch einen Festsaal mieten, der wirklich sehr schnieke eingerichtet ist. Wir waren einmal Spaßeshalber drin.

 

 

Nebenbei gibt es dort auch einen Spielplatz, der früher 1 Dollar pro Kind gekostet hat, inzwischen jedoch frei ist, da nur noch die Hälfte der Spielsachen heile ist (typisch Somalia- die kaputten Sachen werden einfach als kaputt hingenommen, anstatt sie zu reparieren!).

 

 

 

  • “Dschibigelle”

Keine Ahnung, was der Name eigentlich bedeutet, jedoch ist dies eine Zitronenfarm, die seinesgleichen sucht. Die Zitronen sind eher Limonen, da sie recht klein sind.

Diese Farm ist etwa 5-10 Km von Garowe entfernt (grob geschätzt), und man muss schon ein Mittagessen vor Ort einplanen, damit es sich lohnt. Denn dort gibt es auch eine Art Hütte- auch wenn sie eher wie ein Haus gebaut ist, bloß rund. Sehr gemütlich mit Teppichen und Arabischen Sofas´ausgestattet, kann man dort nach Voranmeldung ein eher typisches Land-essen einnehmen: Reis/ Pasta mit Fleisch.

 

 

Danach kann man sich die Kilos ablaufen mit einem Spaziergang durch hohes Gras und zwischen Zitronen- und Guavenbäumen hindurch. Wenn man an der Quelle dieses fruchtbaren Bodens ankommt, wundert man sich: dies alles wird hervorgebracht bloß aufgrund eines einfachen, etwa 10 Meter tiefen Loches, von dem das Grundwasser mit einer Maschine hochgepumpt wird (finde das Foto leider nicht mehr)! Dahinter liegt ein trockenes Flußbett, was die Nähe zum Wasser erklärt. Aber wirklich erstaunlich, was man mit ein bisschen Wasser so anstellen, bzw. aufbauen kann!

  • Spielplatz

Ab und zu geht es für uns auch einmal auf den einzigen Spielplatz mitten in Garowe: hinter einem Fußballplatz, denn man überqueren muss, liegt ein schöner Spielplatz. Unzählige Rutschen, Schaukeln, Wippen und sogar ein Trampolin gibt es dort. Wobei die Rutschen aufgrund des Plastikmaterials sich leicht elektronisch aufladen, so dass man sich beim Auffangen von Kleikindern leicht mal einen Stromschlag einfängt. Eintritt ist ebenfalls 1 Dollar pro Kind, so dass dieser “Luxus” leider nur etwas besser verdienenden Familien vorbehalten ist.Öffnungszeiten sind i.d.R. nur Donnerstags und Freitags.

 

 

 

  • Natur, Berge

Unsere Alternative zu allem vorherigen sind die Berge, welche die Stadt Garowe umgeben. An die höchsten haben wir uns noch nicht getraut, die sind etwas weiter weg (wenn auch in Sichtweite), aber so die nah gelegenen haben wir alle schon bestiegen. Für die Kinder ist es das reinste Vergnügen, und uns großen tut es auch gut. Wenn wir oben angelangt sind, gibt´s einen Wettbewerb: wer kann seine Steine weiter werfen? Ehrlich gesagt sind die Kinder da erfolgreicher als wir großen- sie haben einen athletisches Naturtalent 🙂

 

 

  • Sonstiges

Ansonsten kann man auch einfach in die Stadt fahren, Softeis essen, Chips oder sonstiges Schleckerzeug. Ja, sogar Lamachun soll es hier geben! Eines Abends leisteten wir uns einen Besuch in einem Restaurant, um Pizza zu essen. Das ist eher etwas besonderes hier und wurde von einer aus Schweden zurückgekehrten Somalierin eröffnet. Vielleicht mussten sie die Zutaten erst noch frisch kaufen. Jedenfalls mussten wir gefühlte 5 Stunden warten, bis das allerdings sehr leckere Essen zu uns kam: 3 große Pizzen, 3 kleine Pommes mit Getränken an die 80 Dollar! Naja, da gehen wir doch lieber in die Berge oder machen unsere Pizza selbst 😉

 

 

Für die Jugend bzw. die Jungs ist das tägliche Highlight das Fußballspielen. Fußball wird hier auf jeder freien Fläche gespielt- zwischen den Häusern, neben dem Friedhof, draußen in der Natur, oder- wer es sich leisten kann (1$ Eintritt) in einem der “Stadions”. Nicht weit weg von uns ist eins dieser Stadien- mit Fitnessclub inkulsive (da ging mein Vater gerne hin). Die haben eine unermüdliche Energie! Selbst im Ramadan, wo die Spieler den ganzen Tag gefastet haben, kann man sie bis 3 Uhr Nachts spielen hören (Ob sie dann zum Nachtgebet auch noch fit sind? Allahu ahlem!). Manchmal geht es auch emotionaler zu: wenn um einen Pokal gekämpft wird. Oder beim Straßenfußball: die Jungs legen ihr Geld zusammen, und der Sieger bekommt das ganze Geld als Preis. Das geht manchmal leider auch bis zum letzten Blutstropfen.

Aber Fußball-Scouter würden hier sicher fündig werden- egal ob auf dem Fußballfeld oder für Leichtatlethik- das liegt den Somaliern einfach im Blut!

 

Mädchen treffen sich lieber zum ausgehen, Eis essen, shoppen, usw. Sie lieben es auch, sich chick zu machen wie die Hijab-Models, und Fotos zu schießen- allerdings zuhause. Denn für sie ist die islamische Bedeckung der beste Schutz hier.

Was noch zu erwähnen ist? Das dies bloß ein paar Beispiele sind für all das, was man in Somalia so “anstellen” kann! Denn natürlich ist Somalia größer als Garowe!! Speziell in den Städten, die am Meer liegen, hat man noch einige Möglichkeiten mehr… aber ich zeige euch eben anhand von meiner neuen Heimat, wie das Leben in Somalia so ist.

Ich hoffe, ihr habt einen kleinen Eindruck davon bekommen. Scheut euch nicht um Kommentare, Likes und dergleichen 😉

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

 

 

 

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6 comments

  1. Liebe Khalisa,
    Vielen Dank für die tollen Einblicke auf deinem Blog! Ich habe genau so einen Blog gesucht. Mein Freund kommt aus Somalia, wir leben in Deutschland. Es freut mich seine Heimat durch deine Augen ein wenig kennenlernen zu können und bin sehr gespannt auf deine nächsten Artikel!
    Herzliche Grüße,
    Elisabeth

    Liked by 1 person

    1. Liebe Elisabet,
      Das freut mich sehr, dass es dir hier gefällt und du hier eine Vorstellung von seiner Heimat bekommst! Kann mir vorstellen, dass das durch die ganzen Negativ-Berichte ansonsten nicht so einfach ist 😉 Woher kommt denn dein Freund, aus welchem Teil Somalia´s?
      Werde mir deinen Blog auch genauer ansehen!
      Liebe Grüße, Khalisa

      Like

  2. Ja, das stimmt. Leider ist es gar nicht einfach, eine vielfältige Berichterstattung zu finden. Da muss man richtig suchen, wenn man viele Blickwinkel zusammenbringen möchte, um sich ein Bild zu machen. Und viele Geschichten helfen eben Brücken zu bauen, statt Kluften zu graben! Darum finde ich deine Arbeit richtig gut.
    Mein Freund kommt aus Somaliland.

    Liked by 1 person

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