4.Interview: Bemühungen um ein islamisch freieres Leben

As salamu alaikum und Hallo an meine lieben Leser/innen,

Leider etwas verspätet, aber besser als nie ;-), geht unsere Interview-Fragerei in ein vergleichsweise kleineres, dafür umso schöneres Land auf dem Arabisch-Afrikanischen Kontinent: nach Tunesien!

Ich weiß nicht, was euch in den Sinn kommt bei diesem Land. Wenn ich jedenfalls an Tunesien denke, fällt mir sofort die Farbkombination Weiß-Türkis ein. Es gibt so viele wunderschöne Fotos von diesen weißen, quadratischen Häusern mit türkis verzierten Rundbögen an Tür und Fenstern, mit dem passenden stark blauen Himmel und dem mindestens ebenso schönen Strand.

In dieses wunderschöne Land hat sich unsere Kandidatin des heutigen Interviews gewagt, auszuwandern: die deutsche Muslima Khawla!

Tunis7
Khawla mit ihren Lieblingstieren, den Pferden.

Wir kennen uns schon länger (über Social Media) über diverse Themen, die uns verbinden- von Islam, über Wissensaneignung, vom Voltigieren bis hin zur Mehrehe und mehr. Und natürlich auch die Hijrah (Auswanderung). Sie ist eine sehr wissbegierige, selbstbewußte junge Mutter, die trotz des Lebens als Großfamilie kaum eine Minute ungenutzt läßt (möge Allah sie segnen). Deswegen bin ich umso dankbarer, dass sie sich die Zeit für unser Interview genommen hat. Aber lest selbst, was eine Deutsche nach Tunesien verschlägt!

Frage 1: Wohin bist du ausgewandert und wann?
Khawla: Bismillah Ar Rahmana Rahim
Assalamu wa Salam ala nabi sall Allahu alayhi wa Salam
Ama baad:
As salaamu alaikum!

Nach Tunesien. Vor 9 Monaten

Frage 2: Warum hast du dir ausgerechnet dieses Land ausgesucht?

Wir haben es uns nicht direkt als Hijrah Wunschziel ausgesucht.
Als Wunschziel wäre natürlich ein Land, was islamisch gesehen nicht gerade erst in den Kinderschuhen steckt, leichter und einfacher.

Aber für uns ist es zur Zeit und auf die schnelle, in der wir die Hijrah vollzogen haben.(innerhalb von 2 Monaten), die nahe liegende Wahl gewesen, da mein Mann Tunesier ist.

Frage 3: Was waren deine Beweggründe für die Hijrah?

Islamisch unbehelligter zu sein, einfach freier.
Und vorallem meine Kinder so erziehen zu können, wie ich es für richtig halte.
Das ist hier, genauso wie in anderen Norafirkanischen Ländern, möglich.
Man wird, nicht daran gehindert, seine Kinder in eine Quranschule zu geben.

Sogar sind die Leute beschämt, wenn sie sehen das meine “blonden” kinder in den Quranunterricht und zu ihren Gebeten in die Moshee gehen, wöhrend ihre Kinder manchmal noch nicht mal zu Jumaa [zum obligatorischen Freitagsgebet, Anm.d.R.] gehen.

Die Kinder islamisch zu erziehen, ist hier leicht, wenn man den Kindern die richtige Umgebung bereitstellt. Nicht so wie in Deutschland.

Ich weiss, dass Tunesien in diesem Bezug immer noch einen schlechten Ruf hat.
Aber, ich kann nur dazu sagen, dass es kein Land gibt, in der heutigen Zeit, wo alle Leute sich islamisch benehmen. Das gleiche, ist hier auch! Es gibt Länder, wo wohl optisch alles nach Islam aussieht. Aber die Kinder körperlich gezüchtigt werden, wenn sie den Quran nicht schnell genug Hafiz [auswendig gelernt, Anm.d.R.] haben.
Länder, in denen Frauen falsch behandelt werden, vollkommen unislamisch.
Oder Könige solcher Länder, welche ihr Land in einer Zensur halten. Da sieht es dann nach Islam aus. Aber dort darf dann in den Moscheen auch nur das laut ausgesprochen werden, was von dem König erlaubt wird.
Dann gibt es Länder, die nach reiner Dunja [der weltlich-bezogenen Lebensweise, Anm.d.R.] aussehen, als gäbe es kaum Deen [Islamische Lebensweise, Anm.d.R.] dort.
Oder vom Krieg gebeutelte Länder, in denen viele verschiedene Islamische Gruppen vertreten sind.
Länder die in manchen teilen des Landes extrem viel Deen, an anderen Orten touristische “Mega- Dunja”, sogar Diskotheken, haben.
In jeden dieser Länder, gibt es Fitten [Versuchungen, Anm.d.R.].
Wenn wir Hijrah aus den unislamischen Ländern machen, sollte uns bewusst sein, das man nur mit der richtigen Absicht und Anstrengung in den “islamisch” geprägten Ländern diesen Fitten entkommt und seinen Weg in khair [in dem, was Allah wohlgefällig ist, Anm.d.R.] geht.

Frage 4: Hattest du finanzielle Rücklagen als du ausgewandert bist?

Ja, hatten wir, Alhamdulillah. Also so viel, wie man innerhalb von 2 Monaten zusammen bekommt.😅

Frage 5: Hattest du vorab ausreichend Sprachkenntnisse?
Ja, Alhamdulillah ich verstehe besser, als ich spreche 😅

Frage 6: Wie hat deine Familie auf deine Auswanderung reagiert?
Gespalten. Aber da unser Kontakt seid vielen Jahren nur telefonisch ist,
habe ich es ihnen auch erst gesagt, nachdem wir schon weg waren.

Frage 7: War ein Visum für das Land XY notwendig?
Man kann für 4 Monate am Stück ohne Visum hier sein.
Dann muss man das Land verlassen– es reicht für 1 Tag.
Oder man beantragt ein befristetes Visum, was man immer wieder verlängern kann.
Oder ein unbefristetes Visum.

Für ein unbefristetes Visum muss man entweder die Mutter sein von Kindern, dessen Vater Tunesier ist, die auch hier leben und zur Schule gehen. Oder mit einem Tunesier verheiratet sein oder du musst eine gewisse Summe auf einem tunesischen Bankkonto haben sowie einen Festwohnsitz.

Palmen, die Standartbäume in Tunesien.

Frage 8: Hat dein Ehemann oder du eine Arbeitsstelle vor Ort, oder wie wird euer Lebensunterhalt gesichert?
Mein Mann macht Tijara [Handel, Anm.d.R.]- hauptsächlich im Ausland.
Wir sind ca. 6 Monate alleine hier in Tunesien. Die restliche Zeit, ist mein Mann bei uns.

Frage 9: Kannst du dir vorstellen, bis ins hohe Alter dort zu bleiben?

Ja, könnte ich in 2ch Allah.
Aber ich könnte mir auch vorstellen, nochmal ganz woanders hinzugehen.
Wenn es meine islamische Situation oder die der Kinder verbessert!

Frage 10: Wie alt waren deine Kinder bei der Auswanderung?
Zwillinge 9, 7, 6 und 5 Monate

Frage 11: Welche Schule besuchen deine Kinder dort?

Eine Islamische Privatschule. Fokus auf Quran und Islamische Erziehung.
Im Gegensatz zu der “veralteten” Annahme, das man in Tunesien, zwar Dunja aber kein Deen haben kann, ist im Privatschulbereich ein erstaunliches anwachsen von Islamischenschulen zu beobachten.
Dadurch, dass es hier erst seid ein paar Jahren möglich gibt, Islam und Schule zu verbinden gibt es noch nicht in jeder Stadt die Möglichkeit.

Frage 12: Dein bestes Erlebnis im Ausland:
Es gibt nicht ein bestes Erlebnis!
Der tägliche Adan, der mir das Herz weitet 😍
Aber auch, das ich auf die Straße gehen kann, ohne beschimpft oder angefeindet zu werden.
Ich kann mich absolut frei bewegen, ohne behelligt zu werden.
Auch die Polizei oder Militär kontrollieren mich nicht unhöflicher oder mehr als andere.
So wie es früher mal war. Sogar sind die meißten ausgesprochen freundlich zu mir.
Sie winken mich zu 80% einfach so durch- wo alle anderen kontrolliert werden, kann ich oft einfach weiter gehen.

All das gibt mir das Gefühl ein Mensch zusein !
Das ist eine Lebensqualität, die ich in Deutschland all zu lange vermisst habe!

Grüne Landschaft vor dem Strand.

Frage 13: Dein schlimmstes/eindrücklichstes Erlebnis:
So nun kommen wir zu einer Sache, die mich sehr traurig gemacht hat.
Ich musste, in die Visa Behörde.
Mein mann war zu der Zeit im Ausland , also bin ich alleine gegangen.
Man hat mich dort gleich, mit einer Waffe in der Hand begrüßt. Ich durfte nicht einfach so das Gebäude betreten wie alle anderen, sondern musste direkt meinen Passport abgeben und warten.
Dann rief man mich in ein Zimmer.
Ich hatte alle Unterlagen, normalerweise war es nur eine kleine Sache, mir meinen unbefristeten Aufenthalt zu genehmigen.
Nach 2 Std. Gerede und der festen Überzeugung, dass mein Mann hinter meinem Niqab steht, und der Bitte zu meiner Schwägerin, sie solle ihrem Bruder sagen, dass er mir sagen soll, nur Khimar [Also ohne Gesichtsbedeckung, Anm.d.R.] zu tragen.
Dann bekam ich meine Unterlagen zurück und keinen unbefristeten Aufenthalt!
Mit der Begründung, sie wollen zuerst mit meinem Mann reden.

Derart Begegnungen hatte ich seit langem kaum noch hier.
Ich bin seit 12 Jahre mindestens 1 mal im Jahr hier gewesen.
Und so etwas ist seit Jahren immer weniger geworden.
Dennoch gibt es sie hier oder dort in Behörden noch.

20180310_090356.jpg
Lässt sich durch niemanden entmutigen: Khawla

Wie sieht es mit einer Krankenversicherung aus, seid ihr Krankenversichert?

Ja, es gibt Krankenversicherungen hier, aber da läuft es so, dass man monatlich Geld ein- bezahlt (ca. 200 Dinar). Wenn man Medikamente oder Besuche beim Arzt braucht, muss man vorbezahlen und man bekommt dann bis zu 80% zurück. Die Rückzahlung kann bis zu 6 Monate dauern

Ja, wir sind versichert Alhamdulillah.
Das mit der Versicherung ist aber schwer hier. Es ist auf keinen Fall so wie in Deutschland. Und die Krankenhäuser sind sehr, sehr teuer. Als wir während der Revolution hier waren, konnten wir ja hier nicht mehr raus, die Zwillinge mussten aber operiert werden. Die OP plus 1 Nacht im KH kostete pro Kind 1500 Euro- solche Kosten werden kaum von der Versicherung übernommen. Aber besser als gar kein Rückgeld 🙈😊
Und da hier alles im Voraus bezahlt werden muss, läßt sich die Versicherung dann einfach sehr lange Zeit oder zahlt nur einen kleinen Anteil.

Abschlussfrage: Was würdest du Geschwistern, die ebenfalls Hijrah machen möchten, raten?

Ich würde, wirklich allen Geschwistern raten, nicht zu warten, bis sie “genug” Geld haben.
Sondern auf Allah zu vertrauen mit der Gewißheit, dass Allah die Menschen, die auf SEINEM Weg ausgewandert sind, nicht im Stich läßt!

Vielen Dank für deine Beantwortung der Fragen liebe Khawla! Möge Allah dich und deine Familie reichlich belohnen und beschützen!

Fazit:

Wie ihr seht, ist es selbst in solchen “islamischen” Ländern nicht einfach, wenn man sich voll verschleiert (und die Schwester tut das aus Überzeugug, nicht für ihren Mann!). Dies ist so, weil die Regierungsbeamten, sowie der Großteil der Bevölkerung, diese Art der Verschleierung als extrem betrachtet und wenig bis kaum Wissen darüber hat, dass es im Islam etwas angesehenes ist für Frauen (ohne Zwang). Frauen, die sich für diese Art der Bedeckung entscheiden, tun das meißtens freiwillig, um Allah´s Wohlgefallen zu erlangen. Dementsprechend müsste man sie dazu zwingen, wenn man sagt, sie sollen es nicht mehr tragen!

Selbst in Somalia ist es mir schon ein paarmal passiert, dass die Beamten verunsichert waren durch meine Gesichtsverschleierung. In solchen Momenten muss man einfah cool bleiben, erklären, und sein Gesicht einmal zeigen. Denn leider ziehen Terorristen und extreme Gruppen diese religiösen Dinge (genau so wie z.B. Bart zu tragen) durch ihre (Un-) Taten in den Dreck. Möge Allah uns alle rechtleiten.

Trotz solchen Erfahrungen und des weniger guten Gesundheitsystems: die Vorteile in solchen muslimischen Ländern überwiegen! Denn Erfahrungen dieser Art passieren wahrscheinlich nur manchmal, nicht jedoch im alltäglichen Leben. Während man in Deutschland nicht mehr in Ruhe aus dem Haus gehen kann, ohne beschimpft zu werden.

Ich hoffe, ihr habt wieder etwas dazu gelernt und neue Einsichten gewonnen. Gerne könnt ihr eure Gedanken und weitere Fragen dazu im Kommentarfeld hinterlassen.

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

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