Leben in einer Großfamilie (Teil 3): Daily Life

In diesem Artikel beschreibe ich etwas unseren Alltag als Großfamilie in Somalia. In diesem Zusammenhang werde ich erklären, warum es für uns sinnvol ist, Haushalts-hälterinnen zu haben und die gleichzeitig auftretenden Probleme damit; auch werde ich euch zeigen, wie unser täglicher Ablauf ist, und was das A und O einer Großfamilie ist. Zuerst jedoch möchte ich folgende Frage klären:

Wie ist das Leben als Großfamilie? Hat man da noch Zeit für sich?

Dies ist ebenfalls eine der häufigen Fragen, die mir so begegnen. Zuerst einmal muss ich sagen, dass man die Kinder nicht alle aufeinmal kriegt (es sei denn, man bekommt 6-linge!).

Das heißt, mit jedem Kind wird die Arbeit, die damit verbunden ist, auch wiederum leichter.

Denn sobald sie selbstständiger werden, können sie einem auch kleinere Aufgaben abnehmen. Und zusammen die Fortschritte des Neuzuwachses bestaunen, mit ihm spielen… Ja, sogar ein einfacher Toilettengang wird dann irgendwann wieder einmal möglich, ohne dass man sich Sorgen machen muss, dass das Baby gleich aufwacht und in Panik gerät, weil niemand da ist! Also je mehr Kinder man hat, desto mehr Zeit bekommt man zwischendurch für seine Angelegenheiten (nicht nur für den Toilettengang natürlich!), auch wenn man zwischendurch natürlich sehr beschäftigt ist.

Mamasdaily
Mama macht Pause- bei mehreren Kindern ab und an möglich! (Foto by Mamasdaily)

Ein Vergleich

Als ich mit meinen 2 Kleinkindern in Deutschland war, bekam ich aufgrund der verschiedenen Schlafrythmen meiner beiden kaum Schlaf. Hier in Somalia jedoch, wo die Älteste Schwester meiner Kinder 15 Jahre alt ist, bekomm ich manchmal sogar die Chance auf einen Mittagsschlaf, wenn nötig! Oder ich schicke sie zum gemeinsamen spielen, damit ich mal zumindest eine halbe- bis Stunde etwas lernen oder schreiben kann. Jede Minute zählt, wenn man auch noch andere Dinge im Kopf hat, so wie ich 😉 Wobei ich zugeben muss, dass die Größeren natürlich auch viel weg sind oder anderweitig beschäftigt. Also ständig frei schaufeln kann (und will) ich mir nicht!

Eine erfüllte Mutter ist eine bessere Mutter!

Schließlich geht es ja aber auch nicht darum, die Kinder soviel wie möglich abzugeben. Doch da ich meine noch nicht zum Kindergarten schicke, bin ich froh, wenn ich doch mal eine Minute für meine eigenen Dinge habe. Denn eine erfüllte Mutter ist eine bessere Mutter!

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Zeit zum Lernen- für eine Mutter wertvoll

Jeder hat natürlich auch andere Vorstellungen und Werte, was er mit seiner Zeit, seiner Familie, seinem Leben macht. Für die eine mag es genug sein, wenn sie 24 Stunden mit ihren Kindern, Haushalt und Mann beschäftigt ist. Und das ist auf garkeinen Fall weniger Wert- denn Kinder sind die beste Investition für die Zukunft! Und (qualitätsvolle) Zeit mit ihnen zu verbringen dementsprechend auch. Für die andere Mutter fehlt da etwas- denn sie fühlt, dass sie auch etwas geistige Nahrung benötigt, um innerliche Zufriedenheit zu erlangen. Das ist ebenfalls gut, denn eine ausgeglichene Mutter ist wie bereits gesagt, eine bessere Mutter! Solange sie dann ihre Kinder nicht vernachlässigt und auch genug qualitätsvolle Zeit ( mit ihnen verbringt, ist dem nichts auszusetzen.

Schließlich soll es sogar Phantasie- fördernd sein, wenn Kinder frei und gewissermaßen sich selbst überlassen spielen. Das kann man in zahlreichen Artikeln lesen, wie zum Beispiel in diesem.

Also die (Über-) Beschäftigung, die oftmals im Westen stattfindet, ist garnicht unbedingt notwendig. Das ausschließliche sich-selbst-überlassen des Kindes, wie es hier in Somalia oft der Fall ist, natürlich auch nicht. Denn etwas Erziehung braucht ein jedes Kind, wie ich auch schon in diesem Artikel erwähnt hatte.

Das A und O in einer Großfamilie?

… Ist aufjedenfall die Organisation der täglichen Aufgaben, des Haushalts.

Wir haben den Luxus, Haushaltshelferinnen zu haben, da wir eben auch noch außerhalb unserer Familienglieder Menschen zu versorgen haben. Immerhin sind wir auch 2 Familien unter einem Dach: meine Co-Schwester (auch Co-wife genannt, d.h. die andere Frau meines Mannes) mit ihren 7 Kindern und ich mit meinen 2. In Anbetracht der hiesigen Umstände lohnt es sich also aufjedenfall, Haushaltshelferinnen einzustellen. Zumal wir keine Spülmaschine haben, die einem eben mal das ganze Geschirr wäscht, geschweige denn eine richtige Waschmaschine, die man nur anmachen muss und auf die saubere, halb trockene Wäsche wartet.

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Unsere Waschmaschine, rechts daneben die gelben Gefäße, mit denen man Wasser holt, davor das grüne Gefäß. in dem man die Wäsche von der Seife auswäscht.

Die Waschmaschine, welche wir haben, wird immerhin aus Dubai anschoffiert (Kostet an die 200 US-Dollar). Da jedoch unser Leitungswasser Khareer (“Bitter”, Kalkhaltig, Salzig) ist, müssen wir das Wasser extra aus dem Brunnen in große, gelbe Behälter füllen (Jirgaan, ursprünglich für Speiseöl genutzt), und dann ab damit in die Waschmaschine. Damit ist die Arbeit aber noch nicht getan. Die Maschine stellt man für 2 mal für 15 Minuten ein, damit sie die Wäsche im Seifenwasser herum dreht, also wäscht. Danach muss man jedes Kleidungsstück auswringen und in einen anderen großen Bottig (im Bild grün) mit klarem Brunnenwasser rein tun. Nachdem man jedes Stück dann von der Seife rein gewaschen hat, muss man es wieder auswringen und in einen Eimer (im Bild blau) rein tun, um die Wäsche draußen aufzuhängen. Das Trocknen geschieht dann ganz von allein, innerhalb einer Stunde, so dass nur noch das Falten und verteilen der Wäsche ansteht. Capito? 🙂

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Unser Brunnen

Sauberkeit ist die halbe Miete (für unsere Gesundheit)

Hinzu kommt noch, dass man hier öfter reinigen muss, als normalerweise in Deutschland: Durch die offenen Türen, die barfüßigen Kinderfüße, die vom Hof ins Haus und wieder zurück rennen, kommt überall etwas Sand/Staub hin. Daher muss 2 mal täglich gefegt und gewischt werden (drinnen und im Hof).

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Täglich mehrmals im Einsatz; Besen und Wischer mit Eimer. Ebenso der Schlauch fürs Bewässern der Beete. Der Mauer hab ich einen neuen Anstrich verpasst!

All diese Arbeit wäre auch zu zweit kaum zu schaffen, es sei denn, man verbringt seine ganze Zeit mit Putzen, Fegen, Waschen, … nichts da mit Blog schreiben, Studieren und Kinder bespaßen!

Die Helferinnen und ihre Tücken

Eine weitere Aufgabe ist auch, die Helferinnen anzuleiten und sie vom sich gegenseitig Streiten abzuhalten. Denn sie kommen aus total ungebildeten Familien (unsere aus dem Süden), und müssen von A-Z alles beigebracht kriegen. Dabei ist so manches mal “V wie Verhalten” ein großes Problem. Aber mit der Zeit wird es immer besser, auch lernen sie Lesen, Schreiben und Mathe in einer Qur´an-Schule. Meißtens müssen wir sie aber dann schon wieder verabschieden, wenn wir ein eingespieltes Team sind: denn in ihren Reihen heiraten sie meißtens ab 15 (wenn auch nicht mehr alle). Mehr zu diesem Thema und wieso es schwierig ist, ein richtiges Verhalten ihnen gegenüber an den Tag zu legen (wenn zu freundlich, ausgenutzt!), habe ich bereits ausführlich in diesem Beitrag geschrieben.

Der Nachteil an Haushaltshelferinnen ist: die eigenen Kinder tendieren dazu, etwas faul zu werden. Dass sie nicht einfach jeden Müll einfach auf den Boden werfen (wird ja gefegt), ihre Teller nach dem Essen in die Küche bringen, sind nur einige von den Dingen, denen man ständig hinterher sein muss.

Ordnung und Regeln müssen sein!

So eine Großfamilie braucht also auch mehr oder weniger strikte Regeln, damit sie nicht aus dem Ruder läuft, d.h. dass das daily life nicht im Chaos endet.

Wir haben schon so einiges probiert, bloß an konstanter Ausführung mangelt es noch zugegebenerweise.

Wochenplan (By Pinterest)

Eine sehr effektive Zeit war, als wir einen Wochenplan aufstellten, mit den jeweiligen Namen der Kinder und den Wochentagen. Dazu hatten wir verschiedene Symbole für verschieden Taten. Meine Idee war es, sich auf die positiven Verhaltensweisen der Kinder zu konzentrieren, anstatt sich auf Verbote zu beschränken (“Du sollst nicht dies und jenes machen”, usw.).

Also hatten wir ein Symbol für´s Kleider wechseln nach der Schule, für Pünktlichkeit am morgen und nachmittag, wenn es zur Schule geht, für´s pünktliche Gebet, für´s aufräumen und zusätzliche Hilfen, ein Symbol   für´s Auslassen dreckiger Wörter, usw. Jedes Kind konnte so die Woche hindurch Punkte/Symbole sammeln. Am Ende der Woche (in unserem Fall Freitag) zählten wir die Symbole aus, welche immer eine bestimmte Anzahl an Cents Wert waren, und dann fuhren wir zum Supermarkt, wo jedes Kind sich für sein verdientes Geld Leckereien kaufen konnte (ein Dollar ist 30 Cent Wert). Das alles- von der Plan-Eerstellung bis zum Auszählen- ist natürlich etwas Arbeit, die sich allerdings lohnt. (So, vielen Dank für´s erinnern sag ich mir gerade selbst 😉 )

Wie läuft denn nun das tägliche Leben ab in Somalia?

Bei uns läuft es wohl ähnlich ab wie in den meißten Großfamilien hier, zumindest vom „Grundgerüst“ her. Eigentlich ist es nichts Spektakuläres. Doch um euch einen ungefähren Einblick zu schaffen, hier eine kleine Übersicht:

  • Morgens um ca.5:00 Uhr beginnt der Tag mit der Gebetswaschung und dem Morgengebet
  • Dann wird von manchen Qur´an gelesen, damit die Kinder ihre Hausaufgaben der Koran- Schule für den jeweiligen Tag lernen, bzw. wiederholen. Diese besteht aus 2 Teilen: einmal einigen neuen Versen, die man lernt, und zum Anderen aus dem Wiederholen des Gelernten. Die großen Jungs gehen neuerdings um diese Zeit Joggen, da sie mittags ihre Qur´an-Hausaufgaben lernen.
  • Um 6:30 stehen auch die Kleinen auf, um sich für die Schule fertig zu machen.
  • Nach dem Frühstück geht´s dann um 7:30 auf zur Schule (für die Kleinen schon etwas früher)
  • Jeden 2.Tag muss eingekauft werden- frisch vom Markt. Jedoch erspar ich mir das so gut es geht und lass das lieber meine Co-Schwester machen. Denn in der Stadt geht es etwas zu chaotisch zu für meinen Geschmack 😀 Man kann sich zwar dran gewöhnen, aber wenn man die Wahl hat…
  • Außer einer 15-Minuten Pause, in der sie sich etwas Süßes wie ein Wassereis kaufen, kommen die Kinder erst wieder zwischen 11:30 -12 Uhr nachhause.
  • Nach dem Mittagsgebet wird gegessen und ein Nickerchen gehalten. Denn dann ist es sowieso zu heiß, um etwas vernünftiges zu machen (außer im Winter). Bloß die Großen bleiben oft wach (ich auch des öfteren).
  • Nach dem Nachmittagsgebet um 15:30 gehen die Kinder zurück zum Lernen– diesesmal zur Qur´an- Schule.
  • Beim Abendgebet um 18 Uhr sind alle wieder zuhause und bereiten sich auf den Privatlehrer vor, der dann bis zum Nachtgebet um 19:30 kommt.
  • Dann gibt es Abendessen und langsam geht zu Bett (ca. 21 Uhr für die Kinder).

So sieht also ein alltäglicher Wochentag aus. Wie ihr erkennen könnt, richtet sich von den Zeiten hier alles nach den Gebetszeiten. Selbst die Verabredungen richten sich danach: „Wir treffen uns dann nach Assr!“ (Nachmittagsgebet). Das kann dann also zwischen 15 Uhr und 18 Uhr liegen. Meißtens eine halbe Stunde vor Schluß der besagten Zeit- denn man muss ja dem Afrikanischen Vorurteil gerecht werden 😉 .

Mein persönlicher Tagesrythmus

…Sieht NOCH etwas anders aus, da meine Kleinen noch nicht zum Kindergarten geschweige denn zur Schule gehen. Also schlafen meine morgens etwas länger und ich bin Abends zu gern länger wach. Denn ich genieße die Zeit für mich und bin eher der Typ Nachteule, was ich wohl von meinem Vater habe. Bloß ist das nicht so konform mit dem hiesigen Lebenstil, wo der Tag schon ab 5 Uhr morgens anfängt. Ich arbeite also dran, denn spätestens, wenn mein Sohn zur Schule muss, werde ich speziell morgens auf Zack sein müssen!

Ansonsten schaue ich, wie ich am besten meine Kinder sinnvoll beschäftigen kann und alle meine Pflichten und Aufgaben unter einen Hut kriege. Mittags koche ich, und Nachmittags gehen wir gerne mal raus. Und auch das Lernen und den Blog versuche ich irgendwie unterzukriegen, sowie etwas Sport als Ausgleich. Die Zeit vergeht aufjedenfall immer viel zu schnell.

Aufgabenteilung

Während meine Co-Schwester jeden 2.Tag den Einkauf für uns macht (was ca. 1 ½ Stunden benötigt), ist es meine Aufgabe, das Mittagessen zu kochen und die Essensverteilung mittags und Abends. Das kommt bei mindestens 20 Leuten einem halben Restaurant gleich! Und ja, ich habe tatsächlich gelernt, Somalisch zu kochen (Betonung liegt auf kochen, denn die ganzen anderen Sachen wie Anjeelo, Sabaajet usw. lasse ich lieber Andere machen)! Ab und zu improvisiere ich auch etwas Deutsches rein. Aber der Somalische Reis ist einfach der Beste!

Grundgerüst gleich, jedoch jeder Tag ist anders!

Unser Alltag mag auf den ersten Blick vielleicht etwas dröge erscheinen. Jedoch ist es wie mit Theorie und Praxis von jeglichen Plänen und Aufstellungen: es klafft auseinander! Da jeder Tag auch wiederum anders ist. Gerade durch die Aktivitäten, Reisen aus dem Nichts heraus und verschiedenen Gästen meines Mannes, hält jeder Tag eine potentielle Überraschung bereit. Zum Beispiel erfahren wir oft erst einige Minuten vorher (maximal ein paar Stunden), dass gleich ein Meeting stattfindet oder dass er verreist. Oder wir sind super vorbereitet und haben für einige Gäste gekocht, und dann kommen doppelt so viele oder sie kommen doch garnicht. Das ist wohl afrkinische Mentalität, an die man sich gewöhnen muss und die das Leben aber auch aufregend macht 🙂

Wochenenden

Der Alltag ist ja sehr geprägt vom Lernen der Kinder. Haben sie denn auch einmal frei? Bewegen sie sich überhaupt zwischen dem ganzen Sitzen? Darüber werde ich im nächsten Teil schreiben.

Ich hoffe, euch hat der kleine Einblick gefallen.

Bis zum nächsten mal (in shaa Allah),

Eure Khalisa

 

 

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