Leben in einer Großfamilie- kann man es genießen? (Teil 1)

Letztens wurde mir eine Frage gestellt, die mich nicht mehr loslässt, und zu der ich unbedingt Stellung beziehen möchte:

Wird dir das nicht zu viel (in so einer Großfamilie)? Und genießt du noch dein Leben?

Zuerst einmal möchte ich feststellen, dass Kinder der größte Segen sind. bzw. sein können. Wenn denn doch nur alles wie im Bilderbuch verlaufen würde! Doch liebe, freundliche, respekvolle Kinder erziehen sich nicht von selbst. Da steckt eine Menge Arbeit dahinter: Erziehungsarbeit! Wenn man in der Erziehung zu streng, zu lieb, zu kalt, zu fordernd, zu laissez-faire ist, hat das alles seine Nachwirkungen auf die Entwicklung des Kindes.

Richtige Erziehung: Mittelweg finden!

Von meinem Erziehungswissenschafts-LK blieb mir jedenfalls eins hängen: der goldene Weg ist immer die Mitte! Damals wurde uns das Bild einer Blume gezeigt, die von sich aus wachsen will, wenn sie denn genug Wärme und Wasser von außen her bekommt. Das heißt, ein Kind braucht genügend Freiraum, sich selber entwickeln zu können (mit freiem Spiel, sozialen Kontakten, auch mal Fehler machen zu können…), aber es benötigt die richtige Betreuung dazu. Diese ist geprägt von menschlicher Wärme, Umsorgung und bei Bedarf Hilfestellung und richtungsgebenden Impulsen. So kann ein Kind sich richtig entfalten, ohne zu sehr eingeschränkt, bevormundet oder zu sehr sich selbst überlassend zu sein.

Blumen gießen
Erziehung: Wärme und Wasser plus Hilfestellung! (Foto by mein schöner Garten. com)

Mein Bezug zu Kindern

Ich habe es schon immer geliebt, mit Kindern zu spielen, ihnen zu helfen, usw. Mein Lieblings-Job war früher nicht ohne Grund Babysitten und mein damaliges Studium nicht umsonst auf Kinder ausgerichtet.

Mit nur einem Bruder bin ich in einer sehr behüteten Welt aufgewachsen (alhamduliLlah). Unsere Freizeit und Urlaube hatten wir meißtens mit 2 anderen “Großfamilien” verbracht. Von Großfamilie spricht man in Deutschland ja schon, wenn man mehr als 2 Kinder hat. Die eine Familie hatte also 4 Kinder, die andere 6 (maa shaa Allah). Wenn ich sie manchmal sich gegenseitig “käbbeln” (spielerisches Kämpfen) sah, kamen mir schonmal die Tränen- ich wünschte mir auch so viele Geschwister!

20180218_200625.jpg
Die beiden Großfamilien, mein Bruder und ich

Es war jedoch für meine Mutter nicht vorherbestimmt, noch mehr Kinder zu bekommen, also blieb ich allein mit meinem Bruder. Im Westen spielt die Rolle von Freunden ja sowieso eine größere Rolle, als die der Familie (jetzt mal verallgemeinert). Also war ich quasi aus dem Schneider raus. Ich verschob, bzw. verdrängte den Wunsch nach einer Großfamilie einfach auf später! Da wollte ich mindestens 3 Kinder kriegen! (Damals wußte ich natürlich nicht, was das für Arbeit das bedeutet, hehe.)

Mein Weg zur Großfamilie

Als ich dann meinen Mann kennenlernte und hörte, dass er bereits 9 Kinder habe (Möge ALlah sie segnen), hat mich das mehr erfreut als abgeschreckt. Ich hatte die einmalige Chance, Mutter zu werden, ohne die ganzen Schwangerschaftsbeschwerden und Geburtsschmerzen!! Zudem finde ich afrikanische Kinder sowieso sooo süß (maa shaa Allah)!

Zur Vorbereitung: erstmal nur 2

Bei meinem Mann in Dänemark angekommen, warteten dort schon ein Baby und ein 3-jähriges Mädchen. Für die letztere wurde ich sofort die beste Spielkameradin. Nach kurzer Zeit wollte sie schon nicht mehr ohne meine Anwesenheit einschlafen, maa shaa Allah! Sie nannte mich “Mama”, während sie ihre leibliche Mutter “Hooyo” nannte, Somalischer Begriff für Mama. Das hatten ihre Geschwister dann auch so übernommen, obwohl mein Mann ihnen mehrfach beizubringen versuchte, dass sie auch Hooyo zu mir sagen. Aber sie hatten das sofort in ihre Köpfe geschweißt und konnten das nicht mehr ändern. Auf Somalisch wird jede mittel- alte Frau “Mama” genannt, aus Respekt. Und ich war eben noch eine sehr junge “Hooyo”, also passte das schon, zumal im Deutschen ja `Mama´ die gleiche Bedeutung wie ´Hooyo´ hat! Selbst meine leiblichen Kinder nennen mich “Mama” und die andere Frau meines Mannes “Hooyo”, was für Somalische Mütter underdenklich wäre! Denn die lassen die Stiefmütter einfach “Eedo” nennen, was Tante bedeutet.

Nun gut, jetzt hätten wir das auch schonmal geklärt 🙂

Auf ins kalte Wasser oder plötzliches Mutterglück!

In Somalia angekommen, wurde ich dann ganz plötzlich mehrfache Mama! Anfangs konnte ich mich nur mit Händen und Füßen verständigen. Doch mit der Zeit lernte ich auch langsam erste Somalische Wörter. Denn wie willst du mit Kindern spielen, auch mal Anweisungen geben oder auch mal eine Käbbelei zu schlichten, ohne dabei ihre Sprache zu sprechen?

Erste Anfangsschwierigkeiten

Die richtige Bestandsprobe kam dann aber erst, als meine Co-Schwester wieder schwanger wurde und deswegen nach Dänemark musste. Da hatte ich aufeinmal die ganze Verantwortung zu tragen, die mich manchmal fast übermannte. Ok, meine Schwiegermutter (möge Allah sich ihrer erbarmen) war Gott sei Dank auch noch da. Ohne sie hätte ich das garnicht gepackt. Aber durch unsere verschiedenen Erziehungsstile und durch meine gebrochene Sprache war es aufeinmal schwierig, mich durchzusetzen, bzw. das nötige Gehör zu kriegen. Ich konnte aufeinmal nicht mehr nur die Spielgefährtin sein, sondern musste reglementieren, schlichten, etc. Dieser plötzliche Rollentausch war wohl für die Kinder auch nicht so einfach, was sich an ihrem Verhalten zeigte. Aber ich darf auch nicht übertreiben- wir hatten auch schöne Zeiten! Zum Beispiel wenn ich mit ihnen raus in die Natur fuhr, oder ihnen Spielideen gab oder einfach nur für sie da war. Aber einfach war es wohl für alle nicht.

Dies war also mein erster Sprung ins kalte Wasser. Es machte mich sehr viel wacher und ich lernte viel daraus (alhamduliLlah). Zum Beispiel, was ich in Zukunft besser machen könnte!

Die Situation entspannt sich

Alhamdulillah kommt nach jeder Erschwerniss eine Erleichterung (mehr über die Zeit in diesem Artikel). So kam meine Co-Schwester nach etwas über einem Jahr mit ihren Zwillingen wieder. Und da fing es dann wieder an, schön und entspannter zu werden! Denn mit ihr war ich erziehungs-ideologisch auf einer Wellenlänge: Für uns war es z.B. wichtig, die Kinder auch mal rauszufahren, Spaß mit ihnen zu haben. Auch wenn es von unserem Umfeld eher belächelt wurde.

Von Generalprobe zur Aufführung: kein Zurück mehr!

Als ich dann bald darauf meinen eigenen Bub in den Händen hielt, war ich so überwältigt von Glücksgefühlen und gleichzeitiger Angst, dieser Verantwortung nicht gerecht werden zu können. Beinahe bekam ich depressive Verhaltens- bzw. Denkweisen: von Himmelhoch-jauchzend zu sehr betrübt oder besser gesagt, besorgt. Plötzlich hatte ich noch einmal ein ganz anderes Bewußtsein dafür, was es heißt, Mutter zu sein- ist es doch eine riesige Verantwortung, ein Menschenleben in der richtigen Weise groß zu ziehen! Ich bereute auf einmal auch meine teils harsche Weise, mit der ich manchmal zu den anderen Kindern gesprochen hatte. Aber das lag vor allem auch daran, dass ich mich nicht richtig ausdrücken konnte, und dass das gesamte Umfeld eher so mit den Kindern umging. Bei der Vorstellung, mein Sohn in solch einem Umfeld aufwachsen zu sehen, brachte mich zu Tränen.

Aus Fehlern lernt man

Nach einem Jahr der kam ich guten Mutes nach Somalia zurück, diesmal mit meinem Baby. Es war mir eine riesen Freude, alle wieder zu sehen! Diesmal fühlte ich mich auch der Aufgabe, eine Mutter für alle zu sein, mehr gewachsen (alhamduliLlah). Und ich wollte unbedingt etwas ändern: meinen Umgang mit allen meinen Kindern! Irgendwie verändert es das Einfühlungsvermögen, wenn man selber ein Kind zur Welt gebracht hat, jedenfalls war das bei mir so.

Spagat zwischen zwei Temperamenten

Da mein Sohn sehr sensibel war, seine Geschwister jedoch sehr temperamentvoll, war es auch nicht immer leicht, dies unter einen Hut zu bringen. Neiiin, bitte nicht aufwecken, nur um ihm einen Schmatzer zu geben! Er ist keine Puppe- sei vorsichtig! Nicht hinsetzen. er soll das von alleine lernen! -Konnte man wohl öfter von mir hören. Beim ersten Kind ist man auch nochmal doppelt vorsichtig mit allem 😉

Wichtigste Zutat: Gelassenheit!

Mit meinem 2.Kind war alles dann schon einfacher und entspannter. Wenn ich sie vor den “wilden” Geschwistern schützen wollte (da sie gerade müde wurde und schlafen wollte), nahm ich sie einfach in meine Tragetasche. So eine praktische Erfindung übrigens 😉

me n nuuneli
Meine Tochter in unserer Tragetasche

Meine innere Ruhe muss sich wohl auch auf meine Tochter überspielt haben (natürlich unbewußt), denn bis heute ist sie von ihren Geschwistern kaum zu unterscheiden, was ihr Temperament betrifft (maa shaa Allah). Oder lag es daran, dass ich sie schon mit 7 Monaten hierher brachte? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

Kinder- Segen und Prüfung zugleich

Aus islamischer Sicht sind Kinder sowohl ein Segen, als auch eine Prüfung. Wie ist das nun wieder zu verstehen? Ganz einfach: Allah gibt uns auf der einen Seite Kinder, damit sie unser Leben bereichern, auf der anderen Seite kann Er uns auch damit prüfen- z.B. wenn sie mit Behinderung auf die Welt kommen, oder sehr schwierig vom Charakter sind, oder nicht so werden, wie wir uns das wünschen, oder wenn wir überhaupt keine Kinder bekommen.

Eure Reichtümer und eure Kinder sind wahrlich eine Versuchung; doch bei Allah ist großer Lohn.”

(Quran 64:15)

Eingespieltes Team

Mit der Zeit genieße ich das Leben in meiner Großfamilie immer mehr (alhamduliLlah). Es sind allerdings auch 4 weniger geworden, jedoch mit meinen immer noch 9 (maa shaa Allah). Und sie werden natürlich immer verständiger, älter. Das wichtigste ist: ich kann inzwischen sehr gut mit ihnen kommunizieren und weiß, worauf es ankommt (alhamduliLlah)!

Deswegen lautet meine Antwort: Ja, ich genieße mein Leben in meiner Großfamilie (alhamduliLlah)!

Bloß manchmal muss ich zugeben, dass aus dem Ja ein “Jain” wird. Denn welche Mutter ist manchmal nicht genervt vom alltäglichen Wahnsinn in diesem 24-Stunden- Job, der völlig unterbewertet wird in der Gesellschaft? Eine Mutter muss sooo viel leisten, und das meißtens gleichzeitig:

muterrolle

 

Das kommt glaube ich auch bei 2 Kindern manchmal vor.

Ohren zu und durch!

Auch habe ich noch Probleme, mich an die Lautstärke der Kinder zu gewöhnen, wenn jeder versucht, den anderen zu übertönen. Das ist aber natürlich nicht durchgehend so. Und dies betrifft wohl auch nicht nur mich: schon öfters habe ich gehört, dass Deutsche sich über die Somali´s wundern würden, weil diese sich gegenseitig so sehr anschreien würden: dabei ist es für sie eine ganz normale Unterhaltung! Aber wir sind dabei…zu erziehen! Und dieser Weg ist zwar steinig, aber lohnenswert (in shaa Allah)!

Break mit großer Erkenntnis

Jetzt sind alle unserer Kinder gerade für 4 Tage weggefahren, und mir wird richtig bewußt, wieviel sie mir eigentlich bedeuten. Ich vermisse sie schrecklich- und dass ist doch ein gutes Zeichen!  Durch solche “breaks” wird mir wieder bewußt, dass ich wirklich dankbarer sein muss, dass ich so viele “Geschenke” an meiner Seite und in meiner Obhut habe- alhamduliLlah also für alles! Ich will sie nie mehr missen und bete zu Allah, dass Er uns Seinen Segen gibt und uns beschützt.

wp-1518968911865..jpg

Ich hoffe, ich konnte die Frage der Schwester genügend beantworten.

Im nächsten Teil werde ich etwas mehr unseren alltäglichen (Wahn-) Sinn beschreiben, den wir so erleben. Also in shaa Allah bis bald,

Eure Khalisa

 

Advertisements

One Comment Add yours

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s