Hijrah- Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

“Was bedeutet das nun wieder, Hijrah?”

Mag sich der ein oder andere denken (ausgesprochen wird es übrigens “Hidschra”- aber ich finde die Englische Schreibweise schöner 🙂 ). Es bedeutet im muslimischen Kontext: Verlassen, Auswandern. Und zwar von einem nicht-muslimischen Land in ein muslimisches Land, sofern man seine Religion nicht frei ausüben kann. Denn dann wird es für jeden zur Pflicht, der in der Lage dazu ist (Fatwa siehe hier). Auch in ein nicht-muslimisches Land auszuwandern, in dem man jedoch frei seinen Glauben leben kann, wird dazu gezählt.

karawane
Karawane (by 99traveltips.com)

Die erste Hijrah wurde von den Gefolgsleuten des Propheten Mohammed (Friede und Segen seien auf ihm) gemacht, und zwar von Mekkah ins christliche Abessinien (ganz nah an Somalia!) im Jahre 615. Mit der 2. Auswanderung im Jahre 622 nach Medina, welche der Prophet (s.a.s.) ebenfalls vollzog, fing die Islamische Zeitrechnung an.

Oha, das klingt jetzt aber nach schwerer Kost für den ein oder anderen!

Für einen Muslim, welcher seinen Glauben praktizieren will, ist das jedoch ein Traum: ein Ort, an dem er in Ruhe seine 5 Gebete in der Moschee oder am Arbeitsplatz beten kann, wo er sich islamisch korrekt anziehen kann und wo er sich mit anderen Geschwistern öffentlich treffen kann, ohne dabei direkt unter die Lupe des Verfassungsschutz zu geraten, von Leuten als Terrorist beschimpft zu werden, oder gar Handgreiflichkeiten ausgesetzt zu sein. Ja, so geht es uns nämlich in Deutschland- leider. Denn abgesehen davon lieben wir unser (Geburts-) Land, und es ist alles andere als einfach, sich irgendwo am anderen Ende der Welt zu integrieren.

Hinzu kommt, dass es in Arabischen, sogenannten Islamischen Ländern, längst nicht so islamisch zugeht, wie es sollte:

Der Glauben wird oftmals nur als Titel praktiziert, während es unter der Oberfläche fault.

Hart, aber wahr. Gerade eben wegen dieses Nicht-befolgens unserer Religion sind wir als Muslime in so einer miserablen Lage- wir haben uns quasi selbst hinein katapultiert!

Nun will und soll man also aus den Ländern raus, in denen man seinen Glauben unterdrücken muss, wenn man toleriert werden will,- doch wohin eigentlich???

Es ist weithin bekannt, dass in den muslimischen Ländern viel zu viele Rückstände herrschen, betreffend z.B.:

  • der Bildung
  • dem Gesundheitssystem
  • Korrupte Politik
  • Sauberkeit
  • Religiösität

Da ist es doch viiiiiel bequemer, zuhause zu bleiben!!!

Achja, ich vergaß beinahe, dass ich ja nicht mehr toleriert werde. Hmmm…

Gehen wir also die Länder einmal (oberflächlich) durch, dabei die Kriegsgebiete vehement auslassend:

  • Tunesien, Lybien, Jordanien– dort gibt es beinahe mehr Fitna (=Versuchungen), als in Deutschland! Denn sie wurden erfolgreich von der Kolonialzeit von ihrer Religion entwurzelt.
  • Saudi Arabien, Vereinigte Emirate, Oman, Qatar, Kuwait– Luxusleben möglich, aber nur für Einheimische! Für andere ist es viel zu schwierig, längerfristig dort zu bleiben, aufgrund der schwierigen Visa-Vergabe. Und selbst, wenn man dort Arbeit hat, wird auf einen herabgeschaut, sofern man nicht Einheimischer ist oder zumindest mit einem verheiratet.
  • Marokko, Ägypten, Algerien– dort gibt es wohl ein paar Ecken, in denen man Platz finden könnte, bloß mit der Arbeitsfindung könnte es schwierig werden. Und eventuell wird man dort auch verdächtigt, irgendeiner Bruderschaft anzugehören, bloß weil man Bart trägt (jetzt als Mann).
  • Indonesien, Malaysien– dort geht es sehr liberal zu, jeder wird in Ruhe gelassen, egal ob Muslim, Jude, Hindu, Christ oder gar Buddhist. Wobei man als Bartträger oder Frau mit langem Hijab wohl auch ziemlich alleine ist.
  • Was bleibt noch über? Sudan, Mauretanien und- Somalia!? Sudan hört man kaum, wie es als Auswanderland ist. Mauretanien und Somalia haben scheinbar einiges gemeinsam. Aber sind aufgrund der Armut weniger populär, d.h. man wandert dorthin wirklich für seine Religion aus, nicht um ein Luxusleben zu haben.
monde arabe
Einige der Muslimischen Länder (Foto by Falk Translation)

So, das wäre ein kleiner Überblick aus meiner bescheidenen Perspektive. Welches Land würdet ihr wählen? Habt ihr genug studiert, um in eins der reichen Länder den großen Durchbruch zu schaffen, um dann Strandbilder von 1000 und einer Nacht twittern zu können?

Oftmals ist das natürlich nicht der Fall. Denn allein der Bildungsweg wird einem als praktizierendem Muslim in Deutschland und Umgebung nicht unbedingt leicht gemacht.

Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Sagt man so schön.

Wenn man sich also auf die negativen Aspekte des jeweiligen Landes konzentriert, wird man nie fündig, sondern man wird noch in 30 Jahren in seinem Ohrensessel hocken und die Vor- und vor allem Nachteile dieser Länder studieren.

Man sollte sich also eines klar machen:

Es gibt kein perfektes Stück Land auf dieser Erde!!!

Selbst der Prophet (Friede und Segen seien auf ihm) sagte einst zu seinem Gefährten Ibn`Umar:

Sei in diesem Leben, als wärst du ein Fremder oder ein Durchreisender.'”
Ibn Umar pflegte zu sagen: “Wenn du den Abend erreichst, dann erwarte nicht, den Morgen zu erreichen, und wenn du den Morgen erreichst, dann erwarte nicht, den Abend zu erreichen. Nimm von deiner Gesundheit vor deiner Krankheit und von deinem Leben vor deinem Tod.
(Berichtet von Al-Bukhari.)

Also müssen wir Kompromisse eingehen. Jedes Land hat mehr oder weniger Vor- und Nachteile, welche man gut abwägen sollte, ohne sich davon entmutigen zu lassen. Denn egal, wo man in dieser Welt auch hingeht: als praktizierender Muslim bleibt man immer etwas fremd! Jedoch sollte man allein schon für seine Kinder einen Ort suchen, an dem sie in Ruhe als Muslime aufwachsen können, ohne gemobbt zu werden etc. Das ist man ihnen und sich schuldig. Und ich denke, in jedem der genannten Länder gibt es Orte, an denen dies mehr oder weniger möglich ist.

Aber wohin denn nur?

Natürlich ist es immer besser, in sein ursprüngliches Heimatland (oder das des Ehepartners) auszuwandern, ganz klar. Wenn dieses jedoch zur erst genannten Kategorie oder gar eines der Kriegsgebieten gehört, oder wenn beide ursprünglich europäisch sind und keine Wurzeln in eines dieser Länder haben, so muss man sich klar machen, dass die Welt größer ist als dieses eine Land! Siehe im Qur´an:

Diejenigen, die die Engel abberufen, während sie sich selbst Unrecht tun, (zu jenen) sagen sie: “Worin habt ihr euch befunden?” Sie sagen: “Wir waren Unterdrückte im Lande.” Sie (die Engel) sagen: “War Allahs Erde nicht weit, so daß ihr darauf hättet auswandern können?”(…).

(Sure An-Nisaa (4) :97)

Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wo Leute gar keine Möglichkeit haben, diesen Schritt zu tun (z.B. schwere Krankheit, hohes Alter). Jedoch sollte man ehrlich zu sich sein: habe ich wirklich keine Möglichkeit, in dieser weiten Welt einen besseren Platz zu finden, oder ist es nur meine Angst vor dem Unbekannten, Angst vor Verlust, was mich davon abhält?

Und in Anbetracht der riesigen Belohnung, sollte man in der Lage sein, ein paar (weltliche) Kompromisse einzugehen.

Und diejenigen, die um Allahs willen ausgewandert sind, nachdem ihnen Unrecht zugefügt wurde, denen werden Wir ganz gewiß im Diesseits Gutes zuweisen. Aber der Lohn des Jenseits ist wahrlich (noch) größer, wenn sie (es) nur wüßten!

(Sure An-Nahl (16):41)

Was ist schon das Diesseits gegen solch ein Versprechen unseres Schöpfers? Und wenn Ihm die Welt etwas bedeuten würde, meinst du wirklich, Seine Gesandten und Propheten hätten in so einer Armut und Bescheidenheit gelebt?

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So, was hat das nun alles mit diesem Blog zu tun?

Mögt ihr euch vielleicht fragen. Zu allererst hat die Gründerin dieses Blogs Hijrah nach Somalia gemacht (alhamduliLlah). Zudem ist es eins der Ziele dieses Blogs, andere zu dem gleichen Schritt zu motivieren (in shaa Allah). Von daher ist dieses Thema unabdingbar 🙂

Meine Geschichte, wieso ich mich ausgerechnet für Somalia entschieden habe, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Es gibt aber auch zahlreiche Schwestern und Brüder im Glauben, die sich für eins der anderen Länder entschieden haben. Ihre Beweggründe und mehr, das wollen wir in einer neuen Reihe in unserem Blog klären. Wie? Indem wir sie einfach fragen! Ganz bald schon werdet ihr  (in shaa Allah) in den Genuß einiger Interviews kommen, die ich mit Geschwistern von verschiedensten Ländern dieser Welt durchführe. Jedesmal werde ich auch einen kurzen Vergleich zu meinem Hijrah- Land Somalia ziehen, so dass auch immer der Bezug zu unserem Blog bestehen bleibt.

Ihr dürft also mindestens genau so gespannt sein, wie wir es sind 🙂

Möge Allah allen Muslimen, die es auch wirklich wollen, die Hijrah ermöglichen und möge Er allen, die diesen Schritt bereits getan haben, standhaft darauf machen!

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

PS: Falls du jemanden kennst, der Hijrah gemacht hat und mitmachen würde, oder falls du selber schon Hijrah gemacht hast, zögere bitte nicht, uns zu kontaktieren!

 

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