Last but not least! (vorerst letzter Teil meiner Geschichte)

 

Heute geht es mit dem vorerst letzten Teil meiner chronologisch erzählten Geschichte in Somalia weiter. Sie wird erst beendet sein, wenn meine Zeit gekommen ist! Aber trotzdem wird dieser Teil nicht das Ende dieses Blogs sein (in shaa Allah), denn es gibt noch viel mehr über Somalia und das Leben dort zu berichten, als bloß meine Geschichte! Meine Geschichte ist nur ein Beispiel, dass man hier als Europäische Muslima (oder als GerMali) auch leben kann.

Weg vom Stress

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Me am stillen in Dubai

Machen wir also eine kleine Zeitreise zurück bis zum Sommer 2015. Meine neu-geborene Tochter war in-zwischen 7 Monate alt, und sollte nun ihre erste Weltreise antreten. Ich stillte sie immer noch sehr viel, also machte ich mir nur halb so viele Sorgen, dass sie krank werden könnte (Stillen ist der beste Immunschutz). Der Kinderarzt meinte auch, bloß unter 3 Monaten sollte man noch nicht mit Säuglingen große Strecken fliegend zurück legen. Ich war also guten Mutes, dass alles gut gehen würde (in shaa Allah). Zudem wird es in Deutschland immer stressiger, desto mehr Kinder man hat. Vor lauter Terminen – ob nun Bürokratischer- / Ärztlicher-/ sonstiger Natur- kommt man zu gar nichts mehr. Zudem muss man seine Kinder bei jedem (Regen-) Wetter raus bringen, da sie einem sonst die “Bude einrennen” und die deutschen Nachbarn den Lärm gar nicht gut vertragen können, einem womöglich noch das Jugendamt zur Tür einladen, da man die Kinder anscheinend nicht unter “Kontrolle” hat. Nichts gegen das Jugendamt und die Deutschen Bürger! Es ist gut, dass sie sich für das Wohlergehen vernachlässigter Kinder kümmern. Bloß nicht allzu selten werden deutsche Bürger verunsichert, wenn sie größere muslimische Familien sehen (die oftmals mehr als 2 Kinder haben), so dass sie es mit ihrer Achtung übertreiben. Islamophobie spielt da wohl keine unbedeutende Rolle. Viele Familien sind schon ausgewandert aus Angst, das Jugendamt könnte ihnen die Kinder wegnehmen (möge Allah sie bewahren).

Zuviel Freiheit ist auch nicht gut

In Somalia hingegen hat man viel mehr Freiheiten, ja, sogar fast zu viele. Denn Freiheiten werden manchmal auch missbraucht. Wenn es überhaupt kein Jugendamt gibt, ist es natürlich auch nicht optimal. Denn in manchen Familien herrscht wirklich zuviel Gewalt oder Vernachlässigung der Kinder (oft wegen Armut, wenn Mütter die Familie ernähren müssen). Alles hat also irgendwie 2 Seiten und der Mittelweg sollte das Ziel sein: keine Angst vor etwas Lärm (ist normal bei großen Familien), jedoch Achtung vor Vernachlässigung, Gewalt und dergleichen.

Abschiedsschmerz

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Mein Sohn mit seinem Opa kurz vor dem Abschied

Zurück zum Thema Somalia-Reise: ich mag es ja nicht sonderlich, mit Kindern im Flugzeug zu verreisen, denn die Mutter ist meißtens die Leidtragende, die 24 Stunden wach sein wird und sich um alles und jeden kümmern muss. Mein Mann ist da Gott sei Dank anders- er übernimmt das Schleppen, Organisieren, und ist immer da, wenn ich mal eine Pause brauche (alhamduliLlah). So brauchte ich ihm nur wie ein Schaf zu folgen und meine Lämmer im Auge behalten. Trotzdem ist es auch nicht einfach, in aller Öffentlichkeit zu stillen, wo man sich doch bedecken möchte. Aber meine Mutter hatte mein Kleid des Hijab´s (genannt Abaaya) so umgenäht, dass ich sie einigermaßen bequem und gut versteckt unterm Hijab stillen konnte. Ansonsten wurde uns die Reise wirklich erleichtert (alhamduliLlah). Bloß der Abschied von meinen Eltern fiel dieses mal schmerzhafter als je zuvor aus, besonders für meinen Sohn- er wollte garnicht mehr aufhören zu weinen. Er war nun 2- einhalb Jahre alt und hatte sie in sein Herz geschlossen. Sie standen ihm beinahe näher als sein eigener Vater, den er ja nicht viel gesehen hatte in der Zwischenzeit. Auch konnte er zwar Deutsch verstehen und etwas sprechen, jedoch noch kein Somalisch.

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Vater und Sohn in Dubai

Also hatte er keine richtige Sprache außer die der Hände und Füße, um sich mit seinem Vater zu verständigen (allerdings sind sie heutzutage beste Freunde, Alhamdulillah!). Bis heute ist mein Sohn etwas “deutscher” als meine Tochter, obwohl er sich inzwischen schon ganz gut angepasst hat und selbst mit mir hauptsächlich Somalisch spricht. Denjenigen, die überlegen, mit Kindern auszuwandern, würde ich raten, dies so früh wie möglich zu tun. Denn so müssen die Kinder nicht so sehr unter dem Kulturwandel leiden wie mein Sohn. Natürlich war er auch noch sehr jung, also hat er es inzwischen überwunden. Aber es braucht umso länger, je älter das Kind ist.

Besser spät als nie!img-20180103-wa0097-623938237.jpg

In Garowe angekommen, brauchte meine Tochter eigentlich nicht mehr sitzen , krabbeln, geschweige denn laufen zu lernen, da sie immer und zu fast jeder Zeit einen gemütlicheren Schoß fand. Da musste ich natürlich entgegenwirken und ihr etwas Freiraum “erkämpfen”. Letztendlich lernte sie dann etwas verspätet das alleinige Laufen, als sie ca. 2 Jahre alt war (scheint wohl auch in den Genen zu liegen, da mein Sohn und ich auch so spät dran waren!).

Sultan? Was ist das denn bitteschön?

Bald nach unserer Ankunft sollte die Krönung meines Mannes zum Sultan stattfinden. Auf Somalisch heißt das traditionell “Aleema saarka” und früher wurde der ernannte Führer dann mit Milch überschüttet. Ich war also gespannt, was da auf uns bzw. meinen Mann  zu kam. Nun, ich muss vielleicht einmal für die Deutschen oder Nicht-Somali´s unter uns erklären, was ein Sultan ist, was er macht und wie es zur Ernennung kam.

Zuerst müssen wir dafür klären, was genau ein Stamm ist, welcher einem Sultan unterliegt. Laut Wikipedia:

Volksstamm, kurz Stamm, bezeichnet umgangssprachlich eine wenig komplexe gesellschaftliche Organisationsform, deren Mitglieder durch das Verständnis von einer gemeinsamen Abstammung und durch gegenseitige Verwandtschafts-beziehungen zusammengehalten werden.

Selbst im edlen Qur´an wird davon gesprochen, dass Allah uns in verschiedene Stämme eingeteilt hat:

O ihr Menschen! Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennen lernt. Doch der vor Allah am meisten Geehrte von euch ist der Gottesfürchtigste unter euch. Allah ist fürwahr wissend, kundig. (Quran, 49:13)

Hier wird aber auch der Zweck erwähnt, warum wir in Stämme eingeteilt worden sind: nämlich dass wir einander erkennen. Das heißt aber nicht, dass der eine Stamm besser ist als der andere, wie es in Somalia und bestimmt auch anderen arabischen Ländern gehandhabt wird. Vor unserem Schöpfer sind wir alle gleich– bloß derjenige, der am Gottesfürchtigsten ist, ist besser gestellt als andere. Dies wiederum kann nur Derjenige beurteilen, von dem diese Worte kommen, also Allah!

Selbst in Deutschland war die Einteilung der Völker in Stämme noch etwas ganz normales (siehe  hier) . Jedoch nach dem 2.Weltkrieg wurde es zumindest politisch vermieden, diese Bezeichnung zu verwenden, da es ein sensitives Thema geworden war.

TribesIn Somalia ist die ganze Bevölkerung bis heute noch in Stämme aufgeteilt. Dabei werden die 2 Grundstämme in etwa 6 Hauptstämme geteilt, und diese wiederum in viele weitere Unterstämme. Die Stammeszugehörigkeit wird durch die Väter weitervererbt. Jeder Somali trägt also als Nachnamen den Vatersnamen und den Großvatersnamen. Weiterhin lernen sie die ganzen Namen ihrer Ur-großväter in der richtigen Reihenfolge auswendig, so dass sie wissen, woher sie kommen und zu welchem Stamm sie gehören. Aus diesen Unter-stämmen enstehen so große Familien, dass es für Leute wie mich manchmal kompliziert wird, die Zusammenhänge der jeweiligen (entfernten) Verwandten zu verstehen. Jeder wird auf einmal zum Onkel, zur Tante, oder Cousin/e! Aber solange sie den Über-blick behalten, ist ja alles gut!

Was weniger gut ist: manche übertreiben mit der Abstammung so sehr, dass sie einen gewissen Rassismus anderen gegenüber entwickeln. Konflikte zwischen zwei Männern aus verschiedenen Stämmen können so manchmal zu ganzen Stammeskriegen werden. Plötzlich wird eine private Angelegenheit dann zur Stammesangelegenheit.

An dieser Stelle kommen die Führer der jeweiligen Stämme ins Spiel. Sie werden Sultane genannt oder auch anders, aufjedenfall hat jeder Stamm seinen Leiter. Sie sind dafür da, alle Konflikte und andere Angelegenheiten innerhalb ihres Stammes zu regeln, Bedürftigen ihres Stammes zu helfen, und und und. Auch Politiker ziehen ihren Nutzen von ihnen, und dies gleich mehrfach: auf der einen Seite ist es (im Idealfall) bequem für sie, da die Sultane sich um die Angelegenheiten der Leute kümmern (also sind sie freier davon). Auf der anderen Seite sind sie auch auf die gute Gesinnung dieser Sultane angewiesen, damit sie nicht miteinander kollidieren und damit sie mehr Stimmen bei den Wahlen bekommen.

Wer etwas verändern will, muss bei sich anfangen!

Als mein Mann also zum Sultan ernannt wurde, wusste ich überhaupt nicht, ob ich jetzt begeistert sein soll oder nicht. Mir war dieses Gebiet zu fremd. Aber ich ließ mich mit den Worten meines Mannes beruhigen und positiv stimmen, dass er als Sultan (in shaa Allah) mehr in der Gesellschaft bewirken kann. Denn wer etwas zum positiven ändern möchte, muss erstmal bei sich und seiner Familie anfangen. Der Stamm gehört so gesehen auch zur Familie, nur dass der Stamm meines Mannes ca. 70.000 Leute umfasst, die weltweit verstreut sind (maa shaa Allah). Was es für uns als Familie bedeutet, wurde uns erst mit der Zeit bewusst. Es bedeutet auf jedenfall mehr Gäste, mehr Arbeit, weniger Privatsphäre. Aber das ist es (in shaa Allah) Wert!

Unsere Kinder können sich übrigens nur schwer vorstellen, dass es Menschen in Ländern gibt, die ohne ihre Stammeszugehörigkeit zu kennen, trotzdem leben- so wie ich zum Beispiel 🙂

Aus 2 mach 1 oder die Krönungsfeier

Für besagte Feier baute mein Mann, der auch Construction Engenieur ist, ein riesiges Festzelt mitten in der Natur von dem Dorf Harfo auf. Besser gesagt, er baute aus zwei Zelten eins.

Sie bauten ebenso Sanitäranlagen und ein Erste Hilfe Center. So etwas hatte das Dorf, in welchem hauptsächlich Leute seines Stammes wohnen, noch nie gesehen. Alle halfen mit, und die Frauen kochten für die ca. 10.000 Gäste aus aller Welt, während die Männer das Essen verteilten. Es wurde ein Tag voller Reden (auch lustigen), Qur´an- Rezitation und extra zu diesem Anlass verfasste Gedichte (“Gabbey”) wurden ebenfalls vorgetragen. Es kamen hochrangige Gäste und man durfte nur mit Eintrittskarte rein. Das Sicherheitskommando war dementsprechend groß. Aber Milch wurde Gott sei Dank nicht auf meinen Mann geschüttet!

Leider konnte ich von alledem nicht wirklich etwas genießen, denn meine beiden Kinder wollten einfach nur von der Menschenmenge weg. Beide schrien nur im Festzelt, so dass ich mit ihnen Reißaus nahm ins Erste Hilfe Zelt, in dem eine Nichte arbeitete. Verstehen konnte ich auch nicht viel, also war es nur halb so schlimm. Ich mag solche Menschenmengen auch nicht sonderlich (die Hadsch ist natürlich etwas anderes!), speziell nicht, wenn alle mich so anstarren. Aber es war alles in allem etwas sehr besonderes und sehr gut durchorganisiert.

Und nun..?

Man sollte meinen- und das meinen auch die meisten hier- dass ein Sultan viel Geld bekommt von seinen Angehörigen. Das ist auch oftmals der Fall, speziell wenn die Sultane eher ihre Macht zu ihren Zwecken nutzen. Aber sobald man von Leuten abhängig ist, kann man von ihnen leichter kontrolliert oder manipuliert werden. Das möchte mein Mann vermeiden. Deswegen muss er unseren Unterhalt mit seinem Beruf  (Häuser etc. konstruieren und bauen) erwirtschaften.

Immerhin kriegt er von seinen Leuten einige Bodyguards gestellt (für die wir allerdings kochen müssen etc.). Unser extra dafür gemietetes Nachbarhaus scheint eine Art Hotel- Funktion zu sein für  (weit- und nahe) Verwandschaft. Aber das gehört halt dazu!

Xalwo Nachmittags oder Abends sind unsere Türen auch immer für Gäste offen. Gott sei Dank wird für normale Besuche nicht mehr als Somalischer Tee erwartet, sonst würde das jedes Budget sprengen! Für spezielle Versammlungen und Gäste muss natürlich mehr herhalten. Da werden üblicherweise Somalische Kekse und Somalisches Halwa (eine klebrige, süße Paste, mit Kardamom und Zucker hergestellt) und salziges Popkorn serviert.

Immer wieder finden außerdem Meetings bei uns statt, in denen verschiedene Angelegenheiten besprochen und ausdiskutiert werden. Es gibt ein Somalisches Sprichwort, mit dem mein Sohn unsere Gäste immer erfreut:

„Rag waa shah, Dumarka waa sheeko“, was soviel bedeutet wie: „Männer trinken Tee, Frauen reden.“

Meeting Haus
Eines der Meetings in unserem Hof

Allerdings frage ich mich manchmal, ob es bei Somalischen Männern nicht umgekehrt ist! Denn solche Meetings können nicht eher beendet werden, bevor nicht jeder einmal das vorher besprochene wiederholt hat und am Ende vielleicht noch seine eigene Idee mit hineinbringt! Gott sei Dank muss ich da nicht dabei sein! Aber sie haben schon einiges bewirken können (maa shaa Allah). Unter anderem wurde im letzten Herbst eine Blutfede verhindert (alhamduliLlah): zwei Leute vom Stamm meines Mannes wurden von jemandem eines anderen Stammes ermordet. Am nächsten Tag passierte so etwas ähnliches, jedoch unabhängig voneinander. Mein Mann musste sofort zu „seinem Dorf“ und mit dem ganzen Militär, sowie unzählige male mit den Stammesältesten sprechen, um sie davon zu überzeugen, dass Rache keine Lösung ist. Ebenso musste er mit dem Stamm der Mörder um Schmerzensgeld verhandeln. Ich war mit ihm in dem Dorf, und habe die hitzige Stimmung mitgekriegt. Das ist eine der Situationen, wo einem klar wird, dass man auf Somalischem Boden ist, wo alles möglich ist. Aber alhamduliLlah konnte mein Mann diesen Konflikt lösen. Was besonders beeindruckend für mich persönlich war, dass die Frauen, die mich im Dorf besuchen kamen, zu mir meinten:

„Du bist jetzt die Mutter von uns allen, da dein Mann unser Sultan/Vater ist!“

Schon wieder unverhofftes Mutterglück? Nein, das war natürlich symbolisch gemeint, doch schmeichelnd zugleich 😀

Auch rief mein Mann eine Hilfsorganisation innerhalb seines Stammes ins Leben, mit deren Hilfe er schon vielen Menschen in Not helfen konnte (alhamduliLlah), speziell in der Dürre- Zeit.

Möge Allah ihm und allen, die sich ebenfalls darum bemühen, bei der verantwortungsvollen Aufgabe helfen, das Land ein Stück zu verbessern, amin!

Notwendige Hilfe

Geschirr1Einem großen Haushalt von durch-schnittlich 20 Leuten wird man hier ohne Hilfe nicht gerecht. Allein für das ganze Geschirr und das Reinigen der Küche braucht es eine Person, die ständig dort arbeitet. Da meine Co-Schwester bis vor kurzem noch studiert hat und ich auch in Teilzeit, haben wir dafür natürlich keine Zeit. Ich bin schon froh, wenn meine Kinder mich kochen lassen! Deswegen brauchen wir eigent-lich immer 2 Helferinnen– eine für das Reinigen des Hauses (was 2mal täglich gemacht werden muss mit fegen und wischen), und eine für die Küche und draußen. Ja, nicht zu vergessen die ganze Wäsche, die man hier nicht einfach rein tun kann, dann den Knopf anmachen, und fertig gewaschen wieder aufmachen kann! Nein, man muss erst Wasser vom Brunnen holen (da das Leitungswasser zu Kalk-haltig ist), in die Maschine rein schütten, Maschine 2×15 Minuten anmachen, damit sie mit Waschmittel („Oomo“) die immerhin 10 Kilo Wäsche wälzt. Dann muss man sie auswringen, und in einen großen Bottich mit anderem Brunnenwasser das Waschmittel auswaschen. Dann wieder auswringen, und ab auf die Wäscheleine. Das Trocknen ist immerhin der schnellste Teil des ganzen Prozesses!

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Es gibt aber genügend Frauen aus dem Armenviertel, die einem für 5-10 Dollar die Wäsche einmal in der Woche, oder so oft man möchte, waschen. Sie leben von der Hand in den Mund, das heißt sie geben das Geld dann sofort für ihr Mittagessen aus. Auch für die Müllabholung kann man diese Frauen rufen, damit sie ihn abholen und zur Müllhalde tragen. Merkwürdigerweise ist diese harte Arbeit Frauenarbeit hier. Die Frauen sind ganz schön taff (maa shaa Allah).

Die Sache mit den Helfern

Es ist aber keine einfache Sache, gute Helferinnen zu kriegen. Denn irgendwie ist selbst bei den Armen Leuten eine „I-Phone Epidemie“ ausgebrochen, und auch allge-mein hat sich meines Eindrucks nach die ganze Generation verändert. Die heutigen Mütter und Großmütter mussten in ihrer Kindheit meißtens schon früh mit anpacken, und sie hatten viel Respekt vor ihren Eltern und anderen älteren Menschen. Heutzutage jedoch werden die Mädchen schnell müde, sind gar nicht in der Lage und auch nicht motiviert richtig im Haushalt zu helfen, zudem haben sie weniger Respekt vor Eltern und Co. Das ist wie gesagt ein allgemeines Problem, welches auch bei den ärmeren Schichten hier, welche eigentlich von Hausarbeit etc. leben, nicht halt zu machen scheint. Deswegen grenzt es schon beinahe an ein Wunder, wenn man von dem Armenviertel in Garowe jemanden findet, der länger als drei Tage bei einem bleiben würde (3 Tage ist dann schon Rekord!). Vielleicht liegt es auch daran, dass diejenigen, die hier in den Flüchtlingslagern leben, einem anderen Stamm angehören als eine bestimmte Gruppe aus dem Süden. Auch wenn sie so gut wie keine Bildung gekriegt haben, sind sie hier sehr stolz und wollen eben nicht im Haushalt für andere arbeiten. Bloß so ein-Tage- Jobs sind mit ihnen möglich (und selbst bei ihnen sind die Mütter viel taffer). Wir kriegen unsere Helferinnen deswegen meißtens aus einem bestimmten Dorf im Süden Somalias´, wo die Mutter meiner Co-Schwester Farmen besitzt und wir die Leute etwas kennen. Sie schicken uns dann ihre Teenage- Töchter auf einer 3 Tages-reise, und von da an sind sie Teil unserer Familie. Es ist eine große Amanah bzw. Verantwortung, dass man sie auch gut und gerecht behandelt (in anderen Familien werden sie manchmal wie Sklaven behandelt). Das Problem bei ihnen ist bloß, dass sie keine Ahnung von irgendwas haben, wenn sie vorher nicht schon gearbeitet haben- und das ist kein Wunder. Denn sie wohnen meißtens in selbst gebauten 1-Zimmer-„Häusern“, in denen man natürlich kaum etwas reinigen muss. Von Sanitäranlagen ganz zu schweigen, denn die finden sie draußen in der Natur! Sie kommen also wie die i-Männchen bei uns an, denen von A-Z alles beigebracht werden muss. Auch was das Benehmen betrifft und ihre Religion (Grundlagen, Gebet) lernen sie bei uns, und im Idealfall können sie sogar halbtags zur Qur´an-Schule gehen, wo sie lernen, den Qur´an zu lesen, aber auch Grundlagen in der Mathematik und Somalisch lenern. Oftmals ist es für sie aufgrund ihres anderen aufwachsens ohne Schulbildung schwierig, dann auf einmal mit Bildung anzufangen. Doch einzelne können davon auch profitieren (in shaa Allah), wie eine von unseren derzeitigen Mädchen, welches so intelligent und anders erscheint, dass wir sie mit dem Besuch einer normalen Schule und auch Qur´an- Schule fördern wollen (in shaa Allah). Spätestens nach 2-3 Jahren (im Optimalfall, falls sie zu uns passen und andersherum) werden sie dann wieder zurück gerufen, um zu heiraten. Es ist für sie quasi wie eine Hauswirtschafts-Ausbildung hier, wobei sie mit dem verdienten Geld ihre Familie daheim unterstützen.

Persönliche Herausforderung

Ein anderes Phänomen, dass ich beobachten konnte ist, dass wenn du zu gut bist zu dieser ungebildeten Schicht von Leuten bist, nutzen sie das gnadenlos aus. Zu gut heißt hier: ein für uns „normales“, freundliches Verhältnis zu seinen Mitmenschen aufzubauen. Das musste ich mit der Zeit erst lernen. Denn sobald die Helferinnen mich smilen sehen bzw.in einem freundlichen Ton sprechen hören, hören sie auf mit ihrer Arbeit und respektieren meine Anweisungen nicht mehr! Es brauchte eine ganze Weile, bis ich damit umgehen konnte, und manchmal fällt es mir bis heute noch schwer, ein ernstes und bestimmtes Gesicht aufzusetzen, zumal sie ja hier ohne Eltern sind und ich eher Mitleid habe. Aber es ist wie mit Schullehrern auch: sie müssen bestimmt sein, wenn sie respektiert werden wollen! Das musste ich mir mit viel Anstrengung erst einmal trainieren. Denn oftmals war es so, dass die Helferinnen nur herum spielten, sobald meine Co-Schwester aus dem Haus war, und dann brauchte alles doppelt so lange, oder wurde gar nicht erst gemacht. Mein persönliches Problem war aber auch, das ich selber auch erstmal lernen musste, wie man einen 20-Personen-Haushalt organisiert! Ich komme nämlich aus einer ruhigen deutschen 4-Kopf-Familie, und musste kaum etwas mithelfen (ich bin von dem Phänomen der taffen Mütter ja nicht  ausgenommen 😉 ). Aber Gott sei Dank/alhamduliLlah klappt diese persönliche Herausforderung mit der Zeit immer besser und ich bin auch dankbar, dass wir diese Unterstützung haben.

Positive Begebenheiten

1. Social Media

whatsappDiese Zeit von 2015 bis heute unterschied sich wesentlich von den vorherigen Perioden: nämlich durch die Social Media, die mir nun zur Verfügung standen. Ja, natürlich haben sie ihre Nachteile, ganz ohne Zweifel. Jedoch hatten WhatsApp und Facebook den Vorteil, dass ich nun mit meiner Familie, Verwandten und Freunden in Kontakt bleiben konnte. Ich war nicht mehr von der Welt abgeschnitten! Und das bedeutete viel für mich. Auch konnte ich viele neue, wertvolle Freundschaften mit gleichen Interessen schließen (zum Beispiel meine Blog-Partnerin!) und natürlich auch viel über Somalia erzählen und aufklären (alhamduliLlah).

2. “Leidensgenossin”

Eine andere positive Begebenheit war die Ankunft einer Finnischen Konvertierten, die mit ihren 4 Kindern nach Garowe kam, nachdem wir vorher schon Kontakt auf Whatsapp hatten. Ihr Mann war auch Somali, jedoch musste er sie alleine hier lassen, um in Finnland zu arbeiten. Für sie war es um einiges schwieriger als für mich. Ihre Schwiegermutter war zwar bei ihr, jedoch konnten sich die beiden nur mit Händen und Füßen verständigen und die Schwester musste alles allein erledigen. Sie machte mit ihren Ältesten sogar Homeschooling, um sie nicht zur Schule hier schicken zu müssen. Um sich nicht zu abgekapselt von der Gesellschaft zu fühlen, kam sie fast jeden Tag zu uns. Das war für mich natürlich eine Gold-Zeit, alhamduliLlah! Leider ist sie nach einigen Umzügen an andere Orte doch wieder zurück nach Finnland gegangen. Es war einfach zu schwer für sie ohne die direkte Hilfe ihres Mannes. Nun studiert sie Lehramt in Finnland, vielleicht kann sie dies ja eines Tages hier einsetzen, um auch etwas zu verbessern!

3. Besuch meiner Eltern

Ein besonderer Höhepunkt ist im Sommer 2016 der erste Besuch meiner Eltern gewesen. Ja, richtig, meine Eltern haben sich tatsächlich in die „Höhle des Löwen“ getraut und sind in das gefährliche Somalia gereist!! Sie waren einen knappen Monat bei uns, und es war für uns eine sehr schöne und für sie interessante Zeit. Es war für sie zwar etwas ungewohnt, ständig von Soldaten (unseren Bodyguards) begleitet zu werden, aber das Zusammensein mit ihren Enkelkindern und dem Rest war wichtiger als diese „Nebenwirkung“. Ich werde an dieser Stelle jedoch nicht zuviel erzählen, denn in shaa Allah werden sie demnächst selber darüber berichten!

Überraschender- und erfreulicherweise kamen sie im Sommer 2017 auch schon wieder (alhamduliLlah). Ein halbes Jahr davor (deutsche Pünktlichkeit!) erreichte uns die erfreuliche Nachricht, dass sie die Tickets bereits gebucht hatten! Diesmal war meine Co-Schwester selber ihre Mutter besuchen (in Mogadischu) und ich war im Prüfungsstress. Deswegen war es auf der einen Seite schade, dass ich nicht soviel Zeit für sie hatte, aber auf der anderen Seite konnten sie viel schöne Zeit mit ihren Enkelkindern verbringen, was ja auch das Wichtigste ist. Die hängen nämlich sehr an ihnen (kein Wunder!)  und genießen die Zeit mit ihnen. Sie sind wirklich sehr besondere Menschen und ich bin Allah unendlich dankbar, dass er mir so verständnisvolle Eltern gegeben hat. Möge Allah uns noch zahlreiche weitere Begegnungen haben lassen und uns auch im Jenseits im besten vereinen!

4. Meine Südafrika- Reise

Im letzten Ramadan, also noch vor dem Besuch meiner Eltern, hatte ich auch mal wieder Gelegenheit, auf eine der (Welt-) Reisen meines Mannes mit zu gehen, besser gesagt: zu fliegen! Und zwar in das Traumland Südafrika! Es war eine wirkliche Traumreise (alhamduliLlah), abgesehen davon, dass es mit meinen 2 Kindern etwas anstrengend war, da ich ja auch am fasten war. Und Kinder sind nicht für Hotels gemacht! Deswegen verbrachten wir teilweise die Zeit auch bei einer Familie in Johannesburg, die wir sehr ins Herz geschlossen haben. Wir besuchten (oder beflogen?) jedoch auch andere Städte wie Kapstadt, East London und Port Elizabeth.

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Das Land ist sehr vielfältig was die wunderschöne Natur und auch die multi-kulturellen Menschen betrifft. Es kam mir oftmals vor, als ob ich in England/Europa wäre, bloß mit dem besseren Wetter! Kein Wunder, dass es so viele Deutsche und andere Europäer dort hin gezogen hat. Somalische Leute haben es eher schwieriger, dort Fuß zu fassen. Denn sie werden erstmal in Flüchtlingslager gestopft, wo die Kriminalität sehr hoch ist. Und da Somali´s gewohnt sind, aus jeder Situation das Beste zu machen anstatt in ihren Sorgen (und dann Drogen etc.) zu versinken, ziehen sie den Neid der anderen auf sich. Deswegen kam es nicht selten zu Übergriffen auf sie oder ihre Shops. Ja, es kam sogar schon vor, dass sie am lebendigen Leib verbrannt wurden! Aber oftmals schaffen sie es nach einigen Jahren, aus diesen Lagern heraus zu kommen und von ihrem eigenen Business zu leben. Dann leben sie Seite an Seite mit den Indern, die in Südafrika neben oder nach den Weißen Leuten zur reicheren Mittelschicht gehören (natürlich auch nicht alle).

Ich war wirklich erstaunt und fasziniert von diesem Land. Ein paarmal ertappte ich mich bei dem Gedanken, doch in diesem Luxusleben leben zu wollen. Es gibt sogar Deutsche Schulen dort! Und ich wurde nicht diskriminiert aufgrund meines Glaubens und meiner Bekleidung- selbst die Weißen dort lächelten mich an und sprachen sogar manchmal freundlich mit mir. Mit den Somali´s dort verstand ich mich auch prächtig alhamduliLlah, auch wenn sie keine Germali´s, sondern Somafrikans sind 😉 Sie machten mir auch eine überwältigende Abschiedsfeier (maa shaa Allah), bei der ich sie auch nochmal ermutigte, doch mitzuhelfen, dass ihr Heimatland sich weiterentwickeln kann.

Außerdem gab es viele Islamische Schulen und alles war so multi-kulturell (maa shaa Allah). Auf der anderen Seite gab es doch genügend Gründe, die dagegen sprachen. Abgesehen davon, dass das Leben dort recht teuer ist, besonders die guten Schulen, viel mir der Unterschied der Kinder auf. Denn sobald sie größer wurden, befanden sie sich in einem kulturellen Zwiespalt– waren sie nun Somali, obwohl sie ihre eigene Sprache kaum noch konnten, und ihr Land nie gesehen hatten? Gehörten sie einem Land an, über das immer nur negativ berichtet wird? Oder waren sie doch eher Südafrikaner, die ihre Religiosität eher als Hobby ausleben, um bei allen Schichten “gut anzukommen“?  Ihr merkt schon worauf ich hinaus möchte: es ist die Religiösität, die in einem muslimischen Land wie Somalia durch die Gesellschaft die Kindereinfach noch mehr prägt(alhamduliLlah). Zudem ist es in Südafrika gefährlicher als hier was die Kriminalitätsrate betrifft: Abends um 6, nach dem Sonnenuntergang, werden die Bürgersteige quasi hochgeklappt, da es zu gefährlich ist aufgrund der Gangs. Nur die riesen Shoppingmalls sind dann noch auf, und Restaurants werden üblicherweise um 22 Uhr auch geschlossen. Ich habe mich da generell unsicherer gefühlt als in Garowe!

Also bis sie ihre Wurzeln gut kennen und sich selbst gefunden haben, werde ich (in shaa Allah) mit meinen Kindern auch hier bleiben. Ob sie dann woanders studieren wollen, ist ihnen überlassen und das werde ich auch unterstützen.

Davor heißt es noch, eine geeignete Schule und Kindergarten für meine Kinder zu finden. Zu der Bildungssituation werde ich in einem anderen Beitrag etwas schreiben (in shaa Allah). Nur so viel dazu: es ist nicht leicht, in Puntland etwas Gutes zu finden (in Hargeisa ist das ganz anders), und eventuell müssen wir sogar unsere eigene Schule aufmachen, wenn Allah es uns ermöglicht!

Ich hoffe, ihr habt nun einen besseren Eindruck von meinem Leben in Somalia bekommen (in shaa Allah). In weiteren Berichten werde ich (in shaa Allah) noch auf spezifischere Themen eingehen, wie Schulbildung, Alltag, uvm. Auch Gastbeiträge sind geplant und sehr willkommen. Auf jedenfall ist das Leben hier mit einer Großfamilie nicht langweilig, und mit einer großen Portion an Spontanität, Geduld, und Improvisationstalent kommt man als europäische Muslima auch hier ganz gut zurecht, alhamduliLlah 🙂

Wuestenblume

Bis zum nächsten Mal (in shaa Allah),

Eure Khalisa

 

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