1. Integrierungsversuche

Ein Leben wie die Sahaba

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Die erste Zeit in Somalia lebten wir sehr bescheiden. Wir fühlten uns fast so, wie die Sahaba damals gelebt haben – das sind die Gefolgsleute des Propheten Mohammed (Frieden und Segen auf ihm).

Da mein Mann vorher in Dänemark studierte und es unser erster, längerer Aufenthalt in Somalia sein sollte, war unser erstes Haus nur mit dem nötigsten ausgestattet. Ausserdem war es ja nur unser Ferienhaus. Wir hatten also Matratzen auf dem Boden, und große somalische Vorhänge an den Wänden. Das war es auch schon an Ausstattung. Als Schränke benutzten wir einfach unsere Koffer. Die Küche bestand aus einem Haufen Geschirr und einem oder zwei Feuerstellen. Dazu hatten wir aber einen ummauerten Hof, in dem unsere Kinder den ganzen Tag spielen konnten und ich meine ersten Sonnenstrahlen )und ersten Sonnenbrand) seit langer Zeit genießen konnte (aufgrund meiner Bedeckung hatte ich in Europa nicht die Möglichkeit, da man dort fast nirgendwo unbeobachtet ist). Selbst das Wasser für die alltäglichen Verrichtungen musste vom Brunnen geholt werden, und Wäsche wurde von Hand gewaschen.

Süßigkeiten

Aber mir machte diese Einfachheit gar nichts aus alhamduliLlah. Ich genoß es eher, mal weg von dem ganzen materialistischen Leben zu sein, von dieser Überfluß-Gesellschaft. Nur an das sehr natürliche Essen und die Art wie es zu sich genommen wurde (mit den Händen) musste ich mich noch gewöhnen. Vielleicht ist es aber auch der “Mangel” an dem ganzen Süßkram, welchen man “verkraften” muss. Man kann sagen, ich war in der Zeit auf unfreiwilliger Diät! Aber so geht es jedem Neuling erstmal. Die Geschmacksknospen müssen erstmal die ganzen Zusatzstoffe aus dem Fast Food in Deutschland vergessen und sich an pure, natürliche Zutaten gewöhnen. Außerdem gab es damals auf dem Land noch nicht so viele Alternativen an Süßigkeiten geschweige denn dem leckeren Basmati-Reis. Das hat sich inzwischen jedoch geändert (alhamduliLlah)- es gibt in Qardho inzwischen (fast) alles, was es auch in der Großstadt Bosasso gibt!

Einleben in Qardho

Fuchs und Hase.jpgEs dauerte schon eine Weile, bis ich mich etwas heimisch fühlte. Aber dank der großartigen Unterstützung meiner Familie und den offenherzigen Kindern, viel es mir leichter (alhamduliLlah). Ich begann, mich sicherer zu fühlen und weniger Angst zu haben. Denn so ganz sicher fühlt man sich anfangs schon nicht, wenn man so mit Vorurteilen beladen ist. Und ich war wohl die erste muslimische Europäerin, die Qardho jemals gesehen hat. Außer einzelne Vorfälle war jedoch alles sehr ruhig. Dort konnten sich Fuchs und Hase quasi Gute Nacht sagen.

 

Wohl aber hörte ich ein paar Gruselgeschichten über Diebe, die sich tagsüber heimlich in die Häuser schleichen und nachts plötzlich aktiv werden. Deswegen wurde ich eines Nachts hellhörig, als ich ein paar scheppernde Geräusche aus der Küche hörte. Was oder wer mochte das wohl sein? Und bummein zweites Mal! Ich weckte meinen Mann auf, er solle doch bitte nachschauen, welcher Dieb sich da bei uns verirrt hätte. Er packte sein Gewehr und seine Taschenlampe und ging mutig auf den potentiellen Gefahrenherd zu. Dort angelangt- sah er eine fette Ratte!!! Okay, das war dann wohl doch übertriebene Sorge meinerseits, aber besser zuviel als zuwenig 😀 !

 

Ein anderes mal hörte ich echte Schüsse und schreiende Stimmen. Da war also wirklich etwas passiert. Aber wir erfuhren nicht, was genau dort geschah. Man lernt dort, einfach die Fenster zuzumachen und weiter zuschlafen, solange es nichts länger anhaltendes ist. Denn ein Schuss kann verschiedene Gründe haben: entweder aus Freude bei einer Hochzeit, oder weil irgendwo Stau ist und ein Soldat sich Gehör verschaffen will, oder aber es ist wirklich etwas ernstzunehmendes. Das mag vielleicht wie im falschen Film klingen, jedoch damals war das noch Realität und für Somalis nichts erwähnenswertes. Inzwischen wurde allerdings der private Waffenbesitz erheblich eingeschränkt, denn ohne Lizenz geht offiziell gar nichts mehr (alhamduliLlah).

Neue Freiheit…

Hijab

Auch wenn die Anfangszeit ihre Schwierigkeiten beinhaltete, so genoß ich es jedoch sehr, meinen Glauben in Ruhe ausleben zu können, ohne mich an jeder nächstbesten Ecke vor einer wildfremden Person rechtfertigen zu müssen oder gar beschimpft und verachtet zu werden. Ganz im Gegenteil– hier wurde ich sogar respektiert und manchmal auch bewundert (alhamduliLlah)! Ich genoß es auch, an die 5 täglichen Gebete durch den Gebetsruf erinnert zu werden, den Adhan. Oder besser, durch die vielen durcheinander klingenden Gebetsrufe! Denn es gibt hier zahlreiche Moscheen (alhamduliLlah) und das mach eine ganz besondere Stimmung. Auch war es schön zu sehen, wie die Kinder mit der Rezitation des Qur‘ans aufwuchsen und für sie der tägliche Gang zur Moschee selbstverständlich war.

Die Menschen in Qardho sind sehr bestrebt, den Deen (Religion als way of life) zu praktizieren (maa shaa Allah). Die Frauen tragen die bedeckendsten Hijabs, man sieht keine Frau ohne Bedeckung. An Freitagen ist es besonders schön, die Kinder in ihren besten Kleidungsstücken und die Männer in ihren weißen Gewändern zu sehen. Es gibt viele Unterrichte, um den Islam zu lernen (natürlich auf Somalisch), die oft von den Moscheen per Lautsprecher nach außen übertragen werden.

Erster Ramadan in Somalia

Sambusa.jpgMein erster Ramadan in Somalia war sehr eindrücklich und wunderschön, obwohl es etwas von einem persönlichen Ereignis überschattet wurde (alhamduliLlah ala kulli haal). Man hatte zwar nicht den Überschuss an (Genuß-)Lebensmitteln, die man sonst gerne abends in sich reinfuttert, jedoch ist zuviel ja sowieso nicht gesund. Die wichtigsten Dinge für einen Somali im Ramadan hatten wir aber (alhamduliLlah): Das „Affuur“, welches die erste Mahlzeit nach dem Fastentag darstellt und aus Datteln, „Sambuus“ (dreieckige Teigtaschen mit Hackfleischfüllung) und „Buur“ (Gebäck) besteht. Ausserdem ein leckeres Basmati-Reis-/ oder Nudel-Gericht (natürlich mit „Moos“-Banane), und die Wassermelone als Nachtisch darf aufjedenfall auch nicht fehlen. Was will man mehr? 🙂 AlhamduliLlah.

Das zusätzliche Nachtgebet haben wir entweder zusammen zuhause gebetet, oder vorzugsweise in einer der Moscheen. Die Moscheen waren richtig überfüllt (maa shaa Allah), selbst der Frauenbereich.

… und doch fremd

Aber so ganz wohl fühlte ich mich aufgrund der vielen Blicke trotzdem nicht. Ich konnte mich ja auch nicht verständigen. Ausserdem war mein Umfeld damals überbesorgt, dass die Leute mir einen bösen Blick (‘Ain) machen könnten oder dass wir uns Diebe wie an Magnet anziehen könnten wenn sie mich Ausländerin sehen.

Das hat sich heute Gott sei Dank total gelegt, aber darauf werde ich in einem der nächsten Beiträge eingehen (in shaa Allah).

Auf in die Großstadt: Bosasso

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Nach den Sommerferien zogen wir nach Bosasso, wo die Kinder vorher auch bei ihren Verwandten gelebt hatten. Dort zogen wir in den alten Stadtteil Bosasso namens „Bio kulule“. Das bedeutet soviel wie “heißes Wasser” und ist eigentlich eine heiße Quelle unweit von der Stadt. Durch den Krieg vergangener Zeiten hat diese Stadt unheimlich an Umfang zugenommen. Inzwischen ist die Einwohnerzahl laut Google genauso wie die von Dortmund, allerdings haben sie die neuen Flüchtlinge aufgrund der Dürre bestimmt noch nicht hinzu gezählt.

Größere Stadt: größerer Gefahrenherd

Für mich war es dort etwas anonymer und deswegen auch angenehmer. Allerdings war meine Schwiegerfamilie, besonders meine Schwiegermutter, noch besorgter um mich als vorher. Das war auch nicht ganz unbegründet, denn zu der Zeit waren die Piraten nicht weit weg, sie entführten ein- zwei Jahre zuvor sogar den damaligen deutschen Mann meiner Freundin, um an Erpressungsgelder heran zu kommen. Zudem entwickelte sich auch eine extremistische Gruppe in eine mehr und mehr Volks- feindliche Richtung. Oftmals hörte man Nachts Schüsse, wenn auch etwas entfernter. Erstmal war ich jedesmal geschockt, jedoch nach einer Zeit gewöhnte ich mich etwas daran, solange es weit weg genug von uns war. Meißtens bekam ich den Grund sowieso nicht zu Gehör. Dort gibt es keine Zeitung, die über jedes neue Hagelkorn berichtet. Sie haben eher eine Mund- zu- Mund Verbreitung der News. Aber die Sprache verstand ich ja noch nicht damals.

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Umso verrückter musste es für meine Verwandten erscheinen, dass mein Mann uns einmal an einen einsamen Strand fuhr, wo wir sogar im Bikini schwimmen konnten! Einmal passierte uns ein entferntes Fischerboot (Piratenalarm?), jedoch wir tauchten einfach schnell unter. Gott sei Dank hatten sie uns nicht entdeckt.

Die Sicherheitslage in Puntland ist inzwischen um einiges besser geworden, alhamduliLlah. Den Gefahren und Geschehnissen diesbezüglich werde ich aber noch einen eigenen Beitrag widmen (in shaa Allah).

Ich konnte mir damals also noch nicht vorstellen, eines Tages alleine (nur in Begleitung eines unserer Kinder) auf dem riesengroßen Markt einkaufen zu gehen, alleine mit unserem Autobus frische Milch einzukaufen, oder Besuche abzustatten. Aber ca. ein Jahr später war ich so weit dafür, durch private Umstände dazu getrieben. Letztendlich lernt man am besten durch “learning by doing”, besonders die Somalische Sprache, über die es kaum Lehrbücher gibt!

Kurzer Break in Europa: Erholung?

Europa

Aus verschiedenen Gründen (u.a. Wohnungsauflösung) musste ich nach einer Weile meinen Mann nach England begleiten. Dort konnte ich wieder viele weltlichen (besonders kulinarische) Güter genießen, die ich vorher sehr vermißt hatte. Jedoch vermisßte ich plötzlich etwas ganz anderes: meine große Familie, besonders die Kinder meines Mannes, die mir sehr ans Herz gewachsen waren und mich am Telefon immer fragten, „Mama, wann kommst du endlich wieder?“. Ebenso hatte jedes seine eigene Wunschliste, die mich auf Trab hielt.

Eine schöne Erfahrung war der Besuch meiner Eltern in England. Sie konnten sicherstellen, dass es mir nach der großen Reise noch gut ging (alhamduliLlah), und auch etwas von der starken muslimischen Kultur in England erfahren. Dort fühlt man sich an manchen Orten wie in Somalia (gibt ganze Somalische Einkaufszentren und Moscheen dort) oder einem anderen islamischen Land. Es war für meine Eltern quasi schon mal ein Vorgeschmack, die damals noch nicht wußten, dass sie eines Tages in Somalia landen werden, und das sogar mehrfach!

Auch bei einer Stip-Visite in Deutschland und Dänemark musste ich natürlich allen Freunden und Bekannten viel von Somalia erzählen. Durch mein fröhliches Auftreten und meine Erzählungen konnten sich jedoch alle versichern, dass es mir dort gut ging (alhamduliLlah).

Bald sollte es dann auch schon wieder zurück gehen. Was sich bei meiner 2. Episode in Somalia alles veränderte und was ich sonst noch erlebte, werde ich euch im nächsten Beitrag erzählen (in shaa Allah).

 

Bis bald (in shaa Allah),

Eure Khalisa

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