Meine erste Reise nach Somalia

…Oder der erste Schritt in eine andere Welt.

Hier werde ich euch den Beginn meines neuen Lebensabschnittes etwas erläutern.

Fragen über Fragen                                           koffer

Wie ihr euch vorstellen könnt, ist so eine Reise mit offener Länge extrem aufregend. Was nimmt man mit? Auf was kann man verzichten? Was gibt es dort überhaupt, in einem Land, in dem mehr als 20 Jahre Bürgerkrieg herrschte? Dies sind nur einige der unzähligen Fragen, die einem dann im Kopf herum schwirren,

Ich war jedoch voller Zuversicht, dass schon alles irgendwie klappen wird. Denn im Islam ist das Vertrauen auf Allah sehr wichtig. Man tut und plant was man kann, dann jedoch vertraut man auf Allah und schaut, ob Seine Pläne mit den eigenen übereinstimmen (oder ob alles anders kommt). Denn Er ist immer noch Der beste Planer und- das habe ich nach einigen Jahren in Afrika gelernt- es kommt immer anders als man denkt!

Diese Lebenseinstellung hilft einem sehr, sich nicht unnötig verrückt zu machen und immer recht gelassen zu bleiben (ok, ich arbeite noch dran :-D).

Sommer 2010- Anfang einer ungewöhnlichen Geschichte

Wir, das heiẞt, mein Mann, meine Co-Schwester mit ihren 2 Kleinkindern und ich, starteten die Reise Ende Mai 2010. Das ist die Zeit, in der die Schulkinder in Somalia ca.3 Monate Hitzefrei haben, auch Ferien genannt.

Wir flogen direkt von Dänemark nach Dubai. Dort wurden wir beim Ausstieg erstmal von einer unbeschreiblichen, schwülen Hitze beinahe erschlagen. In der Sommerzeit ist es in Dubai so an die 50 Grad heiß (subhanaLlah). Das Leben spielt sich dementsprechend ab Sonnenuntergang ab. Man braucht sich noch nicht einmal zu bewegen, der Schweiß tropft schon von ganz allein! Andererseits gibt es in jeden Geschäften, Autos, Hotels und wahrscheinlich auch Häusern übertrieben kühle Klimaanlagen, bei denen man fast schon zu frieren anfängt.

Erste Prüfung

Wenn man nach Somalia reisen möchte, ist es nicht so einfach, einen Komplett- Flug zu buchen (kann sein, dass es heutzutage anders ist, auf jedenfall ist es dann nicht die Günstigste Variante). Nein, man muss erst einmal einen “Break” machen (wie in unserem Fall in Dubai), und auf den nächstbesten Weiterflug nach Somalia warten. Wir durften etwa eine Woche in Dubai verbringen. Dieser Break wurde allerdings zum ersten Test für mich: ich wurde von fürchterlichem Diarrhoe geplagt. Also am besten kein Fast-Food von draussen essen, besser vom Hotel! Oder am besten vegetarisch essen bei der ersten Reise! In Dubai gibt es dort jedoch genügend Chemie, so dass es mir rechtzeitig vor dem Weiterflug wieder besser ging (alhamduliLlah).

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Auf jedenfall könnte es kaum einen gegensätzlicheren Ort zu Somalia geben: In Dubai ist quasi die ganze Welt versammelt, die ganzen weltlichen Güter über-schwemmen einen förmlich, man kann es nur mit Superlativen (am schönsten, höchsten, modernsten, etc.) beschreiben. Aber unser Ziel war das genaue Gegenteil: das Leben in Somalia ist relativ hart, die Armut herrscht immer noch vor oder ist auf jedenfall unübersehbar, ganz abzusehen von den “naturbelassenen” Straßen und noch nicht mal einstöckigen Häusern (größtenteils).  Aber gerade dieses eher einfache Leben holt einen wieder in die Wirklichkeit, in die Realität des Lebens zurück. Ja, es bringt einen viel näher an den Sinn des Lebens: dass wir Allah’s Diener sind und Ihm dienen sollen (durch alleinige Anbetung zu Ihm, durch gute Taten, etc.). Deswegen sagt mir das Leben in Somalia mehr zu, als das Leben im Überfluss (alhamduliLlah).

Auf ins Abenteuer!

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wo wir alles Zwischenhalt gemacht haben. Ich glaube, es war in Berbera (Somaliland). Ich erinnere mich jedoch noch sehr gut an den Weiterflug nach Bosasso (Puntland). Das war nämlich der Schlimmste Flug meines bisherigen Lebens! Dieses fliegende Teil war bestimmt ein aussortiertes Stück aus Russland. Jedenfalls war es innen drin ohne richtige Ausstattung: kein Belüftungssystem, kein Notausgang. Das führte dazu, dass wir vor dem Start beinahe schmolzen und später, mitten im blauen Himmel, beinahe erfroren.

Der Mittelgang wurde so sehr mit Reisetaschen vollgestopft (bis auf Bauchhöhe), dass sogar der Kapitän und sein Mitarbeiter Schwierigkeiten hatten, bis zum Cockpit zu gelangen.

Ich sagte zu meinem Mann: “Wie sollen wir denn hier zum  Exit kommen im Falle eines Notfalls?” Er, ganz entspannt: ” Schatz, es gibt hier KEINEN EXIT!”. Er war sichtlich amüsiert über meine Verwunderung, während er sich um seine kleinen Töchter kümmerte.

Erschöpft von der Aufregung lehnte ich meinen Kopf gegen die Metall-Wand vor mir und versuchte, mich im Schlaf woanders hin zu träumen.

Man sagte mir auch, dass die (russische) Flugmannschaft regelmässig nach Alkohol “duftet”. Aber das konnte ich nicht bestätigen und hätte wahrscheinlich auch nichts mehr verändert, da es ja fast Normalzustand ist für dortiges Volk.

AIRPLANE
Das Flugzeug sah in etwa so aus, nur noch um einiges schlimmer!

Gott sei Dank habe ich diesen Flieger nie wieder zu Gesicht bekommen und wir sind heile in Bosasso angekommen!

Welcome in Somalia!!!

Da ging ich also die ersten Schritte auf Somalischem Boden, alhamduliLlah. Bosasso ist eine Stadt am Meer (Rotes Meer und Indischer Ozean).

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Alles wirkt etwas surreal: auf der einen Seite ziemlich hohe, kahle Berge, die fast schon bedrohlich wirken, und auf der anderen Seite das wunderschöne, türkisfarbene Meer. Dazu weht der heftige Wind einem fast die Kleider vom Leib. Also die dortige Hitze (im Sommer um die 40 Grad) macht einem weniger aus als in Dubai.

Wir wurden direkt von meinem Schwager abgeholt und ins Hotel Jubba gebracht. Auf der Fahrt dorthin bekommt man schon mal einen Eindruck von der Armut in Somalia, ein bitterer Nachgeschmack des langen Bürgerkrieges. Denn zwischen Flughafen und Stadt sind die Ärmsten der Armen angesiedelt. Danach aber sieht man sogar mehrstöckige, weiße Häuser, die mit den typischen Rundbögen versehen sind. Das sind dann meistens Hotels und Geschäfte.

Man hat echt sehr viel zu bestaunen, wenn man zum erstenmal in Somalia ankommt!

Überall wimmelt es vor Menschen und Ziegen, die sich von den Autos überhaupt nicht aufhalten lassen und erst durch Hupen erinnert werden, dass sie Platz machen sollten. Vor oder zwischen den großen Geschäften, deren Wände immer sehr bunt angemalt sind mit den Inhalten (z.B. Zucker, Mehl, oder Handies, etc.), befinden sich oft kleine selbstgebaute Buden, sogenannte Kleine Emma Lädchen. Und leider gibt es auch immer wieder Stände, an denen Khat verkauft wird. Das sind eine Art Blätter, welche durch drauf herum kauen wie eine Droge wirken und einen sorglos machen. Es ist die Droge der Soldaten und LKW-Fahrer. Meißtens werden sie von Frauen verkauft, die ums Überleben kämpfen.

Khat

Das Eindrücklichste ist aber wohl die Farbenvielfalt überall: Frauen und Mädchen tragen dort jeglich erdenkliche Farbe als Hijab (im Gegensatz zu dem vorherrschenden Schwarz in Dubai), und die Geschäfte sind alle bunt angemalt damit man direkt versteht, was verkauft wird. Dazu kommt noch der Sand, der von den Autos und dem Wind herum gewirbelt wird.

 

1.Nacht in Somalia

Meine erste Nacht auf Somalischem Boden hatte auch etwas aufregendes, auch wenn ich viel zu erschöpft war, um noch darüber nachzudenken: ich hatte tatsächlich Angst, dass der Ventilator über meinem Bett herunterfällt! Denn der schwankte immer so sehr hin und her… aber Gott sei Dank passierte nichts weiter. Immerhin gab es sonst alles Notwendige, was man braucht, sogar ganz stabile Holzmöbel.

Die Strecke Bosasso- Qardho, ein Abenteuer für sich!

Da es in Bosasso in den Sommermonaten (Ende Mai bis Ende September) viel zu heiß ist, um es ohne Klimaanlage auszuhalten, gehen die meisten Familien für diese Schulfreie Zeit aufs Land, also zu den nächsten Dörfern oder Städten. Nur die Business-Männer und die Armen, welche es sich nicht leisten können umzuziehen, bleiben dort (und einzelne hart gesottenen Familien).

Bosasso

Eines dieser relativ nahe gelegenen kleinen Städte heisst Qardho. Dort hatten sich damals meine Schwiegermutter und ein Teil ihrer Kinder und Enkel für die Ferienzeit niedergelassen. Also wollten wir unsere Zeit nicht länger in der Hitze verschwenden und fuhren am nächsten Tag weiter gen Qardho. Es ist eine eindrückliche Autofahrt von ca. 4 Stunden. Die Straße ist noch von den Italienern aus den 80´ern übrig geblieben und noch erstaunlich gut erhalten. Bloß ein bisschen eng wird es bei Gegenverkehr. Es ist die Landstraße, welche einen einmal durch´s ganze Land führt. Manchmal muss man dort nämlich die Holperstraße verlassen, um einigermaßen durchzukommen, aber meißtens kommt man ganz gut durch.

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Jedenfalls  kommt man auf der Strecke von Bosasso nach Qardho an einer interessanten Landschaft vorbei: an vielen Bergen, die wirklich kein Kraut auf sich tragen und daher so unreal wirken; an trockenen Flussbetten, die plötzlich wunderschöne grosse (Dattel-) Bäume hervorbringen; bis hin zur Halb-Steppe, welche durch ihre trockenen, fast silberfarbenen Büsche Platz für viele Kamele und andere Weidetiere birgt.

 

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Nicht zu vergessen sind die häufigen Straßensperren, an denen Soldaten einen mit einem gespannten Seil oder einem anderen Gegenstand aufhalten, um sich ein paar Cent für die nächste Mahlzeit zu verdienen. Manchmal kommt man auch an einem Dorf vorbei, welches aus ein paar simplen Häusern oder selbstgebauten Hütten besteht, aber bei denen auf gar keinen Fall eine Moschee fehlen darf.

Ich liebe diese Strecke bis heute.

Damals jedoch pochte mein Herz ganz schön. Ich machte bei jeder Straßensperre ein Bittgebet und versuchte, die Blicke der Soldaten zu meiden. Mein Mann hatte zwar extra wegen mir eine Waffenlizenz bekommen (quasi als mein Bodyguard), jedoch sind diese spärlich bezahlten, oftmals Khat kauenden Soldaten manchmal unberechenbar. Aber Gott sei Dank ging alles gut und wir kamen sicher in Qardho an.

Erstes Treffen mit meiner neuen Familie!

Es war in der Mittagszeit, als wir endlich mit unserem Jeep vor unserem neuen Zuhause hupten und dann von zahlreichen Kindern stürmisch begrüsst wurden. Aufeinmal wurde mir bewusst, dass ich die Somalische Sprache garnicht kann. Aber ich hatte meine Co-Schwester bei mir (alhamduliLlah), die mir immer schön alles übersetzt hatte (möge Allah sie reichlich belohnen). Jedoch in der Anfangsfreude war dafür natürlich keine Zeit. Trotzdem wurden wir uns vorgestellt (ich als neue, weitere Mama). Wobei ich dachte, ich könne mir die vielen Namen und (für mich) gleich ausschauenden hübschen Gesichter nie merken! Aber natürlich kam das mit der Zeit.

Um es nicht zu lang werden zu lassen, schliesse ich hier erst einmal ab. In einem nächsten Artikel werde ich über meine ersten Einlebungs-Versuche in Qardho und Bosasso berichten (in shaa Allah). Wer sich auf eine Reise nach Somalia einlässt, sollte auf jedenfall eine gute Portion Gottvertrauen (Taqwah) und am besten Vitamin B (gute Beziehungen für den Fall der Fälle) mitbringen.

Bis zum nächsten mal (in shaa Allah)!

Eure Khalisa

 

 

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